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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-25 · 17 (25.4.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
17 (25.4.1902)
Date
1902-04-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 274 ^r. Vlvch's Wochrnschrifl. Nr. 17 zu erzählen. „Muß sie denn heiraten?" „Zu was wieder ein Kind?" „Soll sie keine Mazzoth essen!" — das sind die Bescheide, welche statt der Beiträge ertheilt werden. Und mit solch' platonischer Gegnerschaft begnügen sich die Frauen nicht; sie sind es, von denen in den meisten Fällen die Anregung zur Tause aus geht. Sie wollen dem Gatten Titel und Avancement verschaffen, den Liebling in der Schule entlasten, die jungfräuliche Tochter dem arischen Gatten antrauen. An sie wendet sich der Scelenfänger, sie macht den Seelenfänger auf die leichte Beute aufmerksam. Der Contrast istschmerzlich; kein Punktim Programm unserer Wiedergeburt wird so schwierig zu lösen sein. Eher könnte man Lueger zum Judenfreund machen, als eine moderne jüdische Frau zum traditionellen Standpunkt zurückzuführen. Und -nicht etwa nur die Frauen der oberen Zehntausend — die armseligste Hausierersfrau kehrt unserem Rltus den Rücken; die Frau des Ladenbesitzers weiß so wenig von Kaschres und Chouutz, als die Frau des Banquiers. Und dennoch muß der spröde Stoff bezwungen, die Frau für das Judcnthum zurückgewonnen werden. Nur wenn dies gelingt, kann die Kindererziehung erwünschte Früchte zeitigen. Wissen denn die Frauen nicht, welches Paradies sie ihren Kindern mit der Bibellegende entziehen, und daß sie ihnen den festen Stab aus der Hand winden, an dem sie in Leid und Freud sich festhalten könnten? Wie süß war der Kuß, den auf das einschlafende Kind die mitbetende Mutter drückte? Wie süß die Freude, wenn der Barmizwah den Segen empfing, wenn die Familie andachtsvoll den Sedertisch umgab, wenn das Lockenhaupt der Tochter vom Brautschleier bedeckt ward. Allerdings muß auch die Schule für ihre Mission gerüstet werden. Für die Religionsschule ist seit einigen Jahren Manches geschehen, doch weit mehr ist noch zu leisten. Wir brauchen Lehrer, welche die Religion nicht als Substrat der „Note" betrachten, sondern den Beruf in sich fühlen, den Samen für die Ewigkeit zu streuen. Dazu bedarf es mehr als bloßer Fachkenntniß, dazu gehört das Bewußtsein der hohen Sendung, dazu Enthufiasmus, natürliche Eignung und gründliches Wiffen. Wo der Lehrer seiner Aufgabe gewachsen ist, dort wird sich keine üeberlastung fühlen laffen. Das frivole Spiel gegen den jüdischen Religionslehrer wird an seiner wahren Tüchtigkeit abprallen. Ein wichtiges Mittel, die Schuljugend für den neuen Cours zu gewinnen, läge in der Pflege jüdischer Geschichte. Kein Volk der Welt hat eine so interessante Geschichte wie die Juden, keine Geschichte läßt Gottes Finger in den Ereignissen so klar erkennen, kann so viel Wundersames, Merkwürdiges actenmäßig erhärten. Aber auch kein Volk ist in feiner eigenen Geschichte so wenig bewandert, tme das unsere. Aus diesem reinen Quell läßt sich Begeisteruug und Lebensmuth schöpfen. Die Märtyrer des Glaubens und des Wiffens, die Pfadfinder echter Bildung, die Sänger und Weisen d-s jüdischen Volkes brauchten nur gekannt zu werden, um jedes unverdorbene Herz zu entflammen. Nur müßte dieser Unterricht anders angegriffen werden; das „Wie" läßt sich an den arischen Schulen ersehen. In den Schulen Frankreichs und des Deutschen Reiches ist jedes Blatt des Lehrbuches, jedes Wort des Lehrers darauf berechnet, Liebe zum Baterlande, Hingebung für dessen Größe und Macht anzuregen, den Schüler zu interessiren, zu begeistern. Wenn es möglich ist, die Jugend für die Blutthaten der Staatengeschichte zu erwärmen, für die Romantik des Faustrechtes, für die Tyrannei des Mittelalters, für den Länderschacher der Gamaschenzeit, zu interessiren. so muß sich auch die Methode finden, unsere Jugend für die Aufopferungsfähigkeit unserer Ahnen, für ihre socialen und literarischen Großthaten zu begeistern. Glänzende Beispiele hat uns der Convertit Heinrich Heine mit seinem Rabbi Bachrach, mit seiner Prinzeffin Sabbath geliefert; der Erzpriester Döllinger, welcher die Vertreibung von Juden und die Inquisition als Finanzmaßregeln gekennzeichnet, der Protestant Stobbe, der die Judenbrände als Schuldtilgung, der Bolkswirth Roscher, der die Judenverfolgung als commerciellen Wettbewerb nachgewiesen hat — aber auch Seligmann Heller, der Interpret Juda ha Levi's und Gabirol's, und Prof. Kaufmann der Wiederentdecker jüdischer Miniaturmaler, der hinreißende Schilderer altjüdischer Häuslichkeit. Aus der verständnißvollen und begeisternden Belehrung über jüdische Geschichte soll der Jugend jenes Interesse für die confeffionelle Zusammengehörigkeit erwachsen, das in alten Zeiten aus dem Talmudstudium und aus der rituellen Ausgestaltung des ganzen Lebens geschöpft worden war. Am Leitfaden der Geschichte, durch den Hinweis auf unsere Ahnen, auf deren wunderbare Widerstandskraft und Lebensfähigkeit, auf deren Ausdauer und eisenfestes Zusammenhalten, auf deren bürgerliche und literarische Tüchtigkeit müffen neuerdings jüdische Charaktere gebildet, muß das Zusammenhalten, die Selbstachtung der Heranwachsenden Generation wiedergewonnen werden. Die gleiche Richtung soll auf der Kanzel zum Ausdruck kommen. Auch auf diesem Gebiete geht es nach der bisherigen Schablone nicht länger. Der moralische Inhalt der Predigt reicht nicht mehr aus, um die Hörer zu fesseln und sie auf höhere Ziele zu leiten. Dazu bedarf es actueller Beziehungen und geschichtlicher Belehrung. Keine Frage hat mehr Actualität, als die der Judentaufen; nie sollte ein Prediger das Wort erheben, ohne den Abfall zu brandmarken; er soll den Finger in die Wunde legen, Ursache und Wirkung beleuchten, an das Ergefühl appelliren, auf die siegende Macht des Zusammenschließens verweisen. Ein Prediger, der dieses Thema nicht unermüdlich in den verschiedensten Tonarten variirt, ist seiner heiligen Aufgabe nicht gewachsen. Aber auch die Gemeinde, jeder Einzelne muß den Abfall wie eine ansteckende Seuche ansehen, den Renegaten verachten, von seiner Gemeinschaft ausschließen. Mit Renegaten umzugehen, vermeidet jede Körperschaft, die sich lebensfähig fühlt. Ueberall gilt Fahnenflucht und Verrath für das schwerste und gemeinste aller Verbrechen. Mit Abscheu wendet sich ein Christ von einem zum Judenthum übergetretenen Christen; der Deserteur wird erschossen; der politische Renegat aus jedem Verbände ausgeschlossen. Nur der Jude thut sich selbst die Schmach an, mit Demjenigen unverändert zu verkehren, der sein Bekenntniß mit Füßen getreten, es öffentlich verdammt und in der Kirche geschworen hat, sein ehemaliges Bekenntniß bis zum letzten Athemzuge zu bekämpfen. Er wechselt Händedrücke mir dem Henker seiner Ehre. Das Gefühl für diese Schmach ist unseren Glaubensgenoffen so sehr abhanden gekommen, daß sie sich nicht entblöden, sich jener Getauften zu berühmen, welche hohe Stellungen, Dichterruhm oder äußerliche Ehren erworben haben. Jüdische Zeitungen preisen die Gelehrsamkeit der Unger und Glaser. Doczy bleibt der jüdischen Gesellschaft ein werther Gast, auf Director Mahler sind die musikalischen Juden stolz — welche Sinnesverwirrung! Unvernünftige Thiere, die Ameisen, tödten abtrünnige Genoffen, der Islam verhängt die Todesstrafe auf den Abfall, der Katholizismus die ewige Berdammniß — nur der Jude schlingt seinen Arm in den des Renegaten; er beläßt dem sich taufenden Lieferanten seine Kundschaft, er ladet den Getauften zu seinen Festen, er gibt ihm seine Tochter zur Frau! Ehe diese Schmach nicht abgethan wird, ehe wir Juden nicht jeden Renegaten boycottiren, ehe die Selbstachtung nicht so befestigt ist, daß wir die Fahnenflüchtigen unseres Umganges unwerth erachten, ehe werden die inneren Verhältnisse des Judenthums nicht bessere werden. Ab hoste doceri — vom Feinde soll man lernen. Die Antisemiten verachten den Getauften, verhöhnen den „Judenstämmling", seine Seele kaufen sie, aber von seiner Person wollen sie auch nach der Taufe nichts wiffen. Lernen wir von ihnen, tbuen wir desgleichen, fort mit dem Aussatz, mit der Ansteckung, mit der Gemeinheit — verachten wir Jeden, der unsere Fahne im Stiche läßt. Der vielen Worte kurzer Sinn ist folgender: Die Zahl der Taufen nimmt in Wien erschreckend zu. Die meisten der Getauften sind ohne jüdische Erziehung ausgewachsen, kennen das Judenthum nicht, nicht dessen Ritus, nicht dessen Geschichte. In der Schule haben sie keinen confessionellen Unterricht erhalten; die Gebetsprache ist ihnen fremd. Im elterlichen Hause haben sie vom Judenthum nur mit Mißachtung sprechen gehört. Der Vater trug Gleichgiltigkeit gegen das Judenthum, die Mutter Abneigung zur Schau. Der Stäwmling solcher Häuser, der Sckmler solcher Schulen besitzt in der That keinen Grund, der Versuchung, die in allen Gassen lockt, zu widerstehen. Als Gegenmittel empfiehlt sich nur Eins: Rückkehr zum Judenthum — nicht zur Orthodoxie, nicht zur Neologie, nicht zu den Piutim und nicht zum deutschen Choral, sondern zur jüdischen Gesinnung, zur Treue gegen Gott und gegen unsere Geschichte. Den Kindern muß klar gemacht werden, daß das wahre Judenthum der Inbegriff alles Schönen und Edlen sei, daß die Geschichte des Judenthums sich im Glanze geistiger Vollendung auf den Höhen edler Menschlichkeit vollzogen hat. Die Schule muß die Zugehörigkeit zum Judenthum, der Prediger muß das Zusammenhalten lehren. Die Selbstachtung muß

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