Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 17 (25.4.1902)
- Date
- 1902-04-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Bloch’s Jahrgang XIX Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. --^- Wien, 35. April 1903. -- Lrfch eint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. ~ -M K. k. PostsparrLgLN-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. »rdartton und ALminlstrattov» S> irn IX/1, Verggaffe Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. - . U- ÄejuflHprrta für Srstrrrrich Halbjährig 8 Jf rotte«. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Anstand: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Abfall vom Jndenthume. — Eine diplomatische Intervention in Rumänien. — Das Wesen des Judenthums. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Eorrefpondenzen: Oesterreichisch-Jsraelitische Union. Urtheil des k. k. Verwaltungsgerichtshofes in der Angelegenheit des Dr. Joachim Freund gegen die Enltusgemeinde Karlsbad wegen Eultussteuer. Wien. Antisemitische Hetzereien in Baden. Prag, Lemberg, Serajewo, Memel. Verhaftungen in Warschau. Alexandrien. Ein Manifest israelitischer Handwerker. — Vermischtes: Kranzablösnngsspenden zu Gunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien, Brünn, Prag, Tabor, Stanislau, Virovitica, Karlsbad, Klattau, Soborten, London. —Feuilleton: Jsajka, der Segelflicker. — Briefkasten. — Notiz. Inserate. Abfall vom Iudenthilme. Von Dr. M. S.. .^ (Schlußartikel.) Die Geschichte der christlichen Aera beweist, daß die Lebenskraft des jüdischen Stammes ihn alle andern Bolksstämme hat überdauern lassen. Kein Weltereigniß, kein Völkersturm vermochte ihn zu entwurzeln. Die Waffe, die gegen ihn geschmiedet wurde, hat stets die Gegner getroffen. Aus dieser geschichtlichen Thatsache können wir die Zuversicht gewinnen, daß auch die Gebresten der heutigen Judenschaft nicht unheilbar seien und daß auch für unser Zeitalter der Tag der Heilung erwartet werden darf. Die Zunahme der Taufen ist übrigens keineswegs die Krankheit selbst, sondern nur ein Folgeübel. Die Krankheit als solche heißt: Jndifferentismus. Diese Krankheit ist ein altes Uebel, sie ist ebenso gefährlich wie ansteckend. Die Erfahrung lehrt, daß die Taufe ansteckend wirkt, zunächst auf Familienglieder, dann auf Nachbarn und Freunde. Die Getauften legen gleich den Bacillenforschern förmliche Reinculturen an. Dem Seelsorger einer bekannten Kirche sind durch diese Methode ganz merkwürdige Trümpfe gelungen; noch merkwürdiger aber ist es, daß jüdische, sogenannte gute Familien sich nicht entblöden, diesen Seelsorger in ihr Haus zu laden, um mit seiner Anwesenheit Staat zu machen — eine Selbstlosigkeit, die sich psychologisch aus der affimilirenden Erziehungsweise entwickelt hat. In dem Vorstehenden sollten die wichtigsten Krankheitsursachen eonstatirt werden. Was nützt aber die Diagnose, wenn man kein Heilverfahren zu finden vermag? Um den Jndifferentismus zu bekämpfen, genügt die Defensive nicht. Mit aller Macht muß das Haus und die Schule für das Judenthum zurückerobert werden — ein Programm, das leider die Mehrheit unserer Judenschaft noch nicht genehmigt hat. Diejenigen, welche dafür eintreten, machen gar sonderbare Erfahrungen. Sie thuen den Orthodoxen zu wenig, den Aufgeklärten zu viel. Die Praktiker verlachen sie, die Theoretiker befehden sie. Die Reichen haben keinen Geschmack für Erziehungsfragen, die Armen keine Zeit dazu. Die Alten verweisen auf ihre entmuthigenden Erfahrungen, die Jungen auf die Ueberlastung in der Schule. Das Haus weist die ihm zugemuthete Aufgabe der Schule zu, die Schule vermag nichts ohne die Mitwirkung des Hauses. Dennoch muß ein Anfang gemacht werden — ja Dank dem Antisemitismus ist der Anfang schon gemacht, aber jetzt heißt es weiterstreben, die keimende Frucht mit Sorgfalt behüten, das wiedergeborene Kind hegen und pflegen. Dabei sollen alle Halbheiten ausgeschlossen werden, es bedarf einer Radicalcur, einer Reform an Haupt und Gliedern. Heute genügt nicht mehr eine bloße Schulreform, eine Aenderung des Lehrplanes, denn nicht um die Schuljugend allein handelt es sich. Bei uns Erwachsenen ist der Anfang zu machen; die Greise und Jünglinge, die Männer und Frauen sind zu resormiren, die Entjudeten sollen wieder zu Juden werden. Zu Juden — nicht zu Orthodoxen und nicht zu Freigeistern — zu Juden, welche die Erinnerung an ihre Eltern Hochhalten, denen die Geschichte und die Tradition ihres Volkes theuer ist. Wer Jude sein will, wem am Judenthume gelegen ist, der halte Einkehr bei sich, der beginne das Heilverfahren bei sich selbst und seinem Hause. Er fasse die Bezeichnung Jude als Ehrennamen auf, als einen Patriciertitel, der das blaueste Blut unter den Volksstämmen Europas documentirt. Selbstachtung, keine Verhüllung, keine Namensänderung, auch nickt unter dem Borwand der Nationalisirung. Der jüdische Name muß hoffähig werden. Genug jüdische Namen, Eskeles, Jeiteles, Kohn, haben die arische Eensur passirt und sind christlichen Ohren geläufig worden. Da muffen sie endlich doch auch den jüdischen Ohren wohlklingend erscheinen. Das jüdische Haus ist nach traditioneller Auffassung in der Hausfrau repräsentirt; daß die Frau wieder Jüdin werde, jüdische Frau, Mutter inJsrael, Esches chajil, darin muß die Reform gipfeln; dort liegt der richtige Angriffspunkt und leider auch die größte Schwierigkeit. Noch vor 50 Jahren war die Frau die Säule des Judenthums, von ihren Lippen lernte das Kind jüdisch beten; wenn sie die Fceitaglichter entzündete, senkte sich der Hauch des Friedens auf das Haus; als Königin saß sie beim Seder; die Nackten zu kleiden, Bräute auszustatten, Wohlthaten zu üben, die jüdische Küche zur besten zu machen, war ihr Stolz. Wer bestritt ihr die Palme der Gatten- und Kindesliebe, wer den Schönheitsapfel, wenn sie im Schabbeskleide ins Bethaus ging oder den aus dem Belhaus heimkehrenden Gatten mit hoheitsvollem Lächeln empfing? Die jüdische Frau von heute weiß nichts von diesen Herrlichkeiten; sie entbehrt dieser Kleinodien, sie kennt nicht die reiche Schatzkammer, die ihren Vorfahren offen stand. Sie befindet sich in offener Gegnerschaft mit dem religiösen Leben. Sie meidet das Bethaus, sie befehdet die Religionsschule, sie mißachtet die jüdische Gesellschaft und drängt sich in christliche Kreise, ihre Wohlthätigkeit gipfelt in aristokratischen Bazars; aus der Esches chajil ist eine Lady Patroneß geworden. Die Eincaffierer unserer Woylthätigkeitsvereine wissen gar seltsame Aeußerungen der jüdischen Frauen, bei denen sie die Vereinsbeiträge einheben sollen,