Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 270 Dr Blvltz's Vochrnfüirif^ Str. 16 »Warum nicht einen halben Eimer? Ich bin kein Jude, ich bin getauft'/ »Ai, ai, einen halben Eimer!" seufzte Jsajka. »Aber warum erkundigst Du Dich eigentlich danach?" fragte, das Auge emporhebend, Iwan Jwanitsch, der den ungewöhnlich mitleidigen Ausdruck in Jsajka's Zügen bemerkt hatte, mit sanfter klingender Stimme. »Ich will Deine Uniform herausbekommen!" erwiderte freundlich der kleine Segelflicker. »Sag mir nur, in welcher Schänke sie geblieben ist. Ich schaff sie Dir schon her". »Du!?" rief der Matrose. Und kein Wort mehr konnte er hinzufügen, so tief, bis ins innerste Herz ergriff ihn dieser großmüthige Vorschlag. »Bis an mein Lebensende werde ich Dir das gedenken, Jsajka! ... Du rettest mich!" brachte er endlich mühsam, mit zitternder Stimme hervor, und als wolle er sein Gefühl zu vollem Ausdruck bringen, fügte er hinzu: »Ein Jude, und so gut!" Ein leises Lächeln flog über Jsajka's Züge, und er begann sich zu erkundigen, in welcher Schänke Iwan Jwanitsch gestern getrunken. Der Matrose erklärte mit aller Genauigkeit, und mit sorgenvoller Miene schloß er: »Aber der Schankwirth wird viel Geld verlangen . . . Unter fünf Rubeln gibt er die Uniform nicht heraus!" Jsajka's Züge drückten bei diesen Worten das Selbstbewußtsein eines Menschen aus, der im Begriffe steht, ein wichtiges Geschäft zu unternehmen. Schlau zwinkerte er mit den Augen und sagte: »Fürchte nichts. Jsajka zahlt keinen zu hohen Preis. Nicht eine einzige überMffige Kopeke wird er hergeben". Und sofort bat er den Feldwebel, ihm Urlaub zu ertheilen, und schlug den Weg zu der von Iwan Jwanitsch beschriebenen Schänke ein. Als der junge Schankwirth den herannahenden Jsajka erblickte, richtete er das Auge mit einem fragenden Ausdruck auf deffen Gesicht. Mit aller Vorsicht erklärte Jsajka, er sei gekommen, um Iwan Jwanitsch's Uniform zu holen. »Und Geld hast Du mitgebracht?" »Wie viel verlangt Ihr denn?" »Sieben Rubel", erwiderte der Schankwirth, ohne mit einer Wimper zu zucken. »Ist das nicht zu viel?" fragte, mit den Augen zwinkernd der Segelflicker. »Wenn es Dir zu viel ist, kannst Du machen, daß Du wieder fortkommst." »Das thät' ich auch, wenn es mir nicht leid wäre um den Kameraden ... Ihr wißt ja, Staatseigenthum ... Eine schwere Strafe wartet des Armen. . . Staatseigenthum, — Kaisers Eigenthum . . . Wenn der Officier erfährt, daß Ihr kaiserliches Eigeuthum von einem Matrosen in Versatz genommen habt, kann es große Unannehmlichkeiten geben ... Ai, ai, ai! Und was für Unannehmlichkeiten! . . . Polizei und dergleichen mehr. Kaiser's Eigenthum darf nicht verloren gehen ..." Ernst schüttelte er das Haupt. »Iwan Jwanitsch hat mir anbefohlen, Euch anderthalb Rubel zu zahlen und ihm Uniform und Stiesel wiederzubringen. . . Uebrigens, wie es Euch beliebt..." fügte er scheinbar gleichgiltigen Tones hinzu, und machte eine Geberde, als schicke er sich zum Fortgehen an. »So warte doch ..." »Entschuldigt ... Ich habe keine Zeit ... Ich bin ein Diener des Staates. Ich kam im Aufträge von Awdiej Trifonitsch, unserem Feldwebel, — Ihr kennt ihn doch? Er kauft immer seinen Schnaps bei Euch. »Geh' Jsajka", hat er gesagt, »und bring' die Uniform wieder her, damit nicht noch größere Unannehmlichkeiten daraus entstehen". Sie begannen hin und her zu reden, mehrmals verließ Jsajka die Schänke und kehrte wieder zurück, da er von seinen Ersparnissen, die er wie seinen Augapfel hütete, so wenig als möglich hergeben wollte. Sein Vermögen betrug im Ganzen etwa zwanzig Rubel, und hatte er dieselben von den kleinen Geschenken gesammelt, die ihm — während seiner sechzehnjährigen Dienstzeit — hin und wieder für seine Arbeit verabreicht worden waren. Endlich gelang es ihm, Uniform und Stiefel für zwei Rubel zwauzig Kopeken zurückzuerhalten. Er wickelte die Sachen i.l ein Bündel und verließ die Schänke hocherfteut, ohne deffen zu achten, daß der Wirth durch Nachrufen der ordinärsten Schimpstvorte Rache an ihm zu nehmen suchte. Bon diesem Tage an wurden Iwan Jwanitsch und Jsajka unzertrennliche Freunde, obgleich sie, wie bereits erwähnt, einander nicht immer ganz verstanden. (Fortsetzung folgt.) Eine auffallende religiöse Entscheidung des Maharil. Dieser Tage las ich de» lll. Band der „Geschichte des Erziehungswcsens und der Eultnr der abendländrschen Inden während des 14. und 15. Jahrhunderts" von Dr. M. Güdemann, Oberrabbiner in Wien, und fand darin auf Seite 154 folgende Stelle: „Ein Erzbischof von Salzburg, der zur Zeit Maharil? lebte, wollte durchaus eine Thürpfostenschrift (Llesnsa) haben, um sie an seinem Palaste zu befestigen. Er versprach dem Juden, an den er diese Bitte richtete, ihm für die Erfüllung derselben Gutes zu erweisen mib ihn all seine Lebtage in Gnaden zu halten. Der so Angegangene, ein Verwandter des Schülers von Maharil, sandte von Salzburg aus einen Boten an den Letzteren mit der Anfrage, wie er sich zu verhalten habe, da er bei Ablehnung der Bitte des Erzbischofes dessen Groll zu fürchten hätte. Allein Maharil untersagte aus uns unbekannten Gründen die Auslieferung der Thürpfostenschrift." In der Fußnote ist Minhagim 106 a als Quelle angegeben. Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann war so freundlich, mir auf meine Anfrage hin mitzutheilen, daß er die Seitenzahl in der Fußnote nach eäitio Oremona 1569 angegeben habe. Diese Entscheidung des Maharil ist auffallend, da im jerusalemischen Talmud in einem ähnlichen Falle erzählt wird, daß ein berühmter Talmudlehrer keinen Anstand nahm, die Thürpfostenschrift einem heidnischen König zum Geschenke zu machen. Diese Stelle findet sich in Jeruschalmi Pea Cap. 1, wie auch in Genesis rabb. Cap. 54 und lautet wie folgt: Artaban schenkte dem Raw*) eine kostbare Perle unter der Bedingung, daß er ihm ein Gegengeschenk von ähnlichem Werthe mache. Da schickte ihm Raw eine Thürpfostenschrift (Mesusa). „Wie, ließ der König der Parther dem Oberhaupte der suranischen Akademie sagen, wie, ich habe Dir einen Gegenstand von unschätzbarem Werthe geschickt und Du sendest mir einen Gegenstand im Werthe eines Polars?" „Dein Vermögen und mein Vermögen, ließ Raw dem Aitaban erwidern, wiegen den Werth meines Geschenkes nicht auf und außerdem — Du schenktest mir einen Gegenstand, der mir, vor Sorge, daß er mir entwendet werden könnte, die Nachtruhe raubt, während ich Dir ein Geschenk machte, welches Dich während des Schlafes schützend umgibt." Raw also trug kein Bedenken, die Llesnsa einem heidnischen Könige auszuliefern; es ist daher schwer verständlich, warum der Maharil die Schenkung der Llesnsa an den Erzbischof von Salzburg untersagt hat. Die Untersagung des Maharil kann nicht mit der Befürchtung des Mißbrauches der Llesnsa von Seiten des Erzbischofes gerechtfertigt werden, weil der Bericht der Forderung des Erzbischofes keine böswillige Tendenz zuschreibt, vielmehr ausdrücklich bemerkt wird, daß der Erzbischof die Llesnsa an seinem Palaste befestigen wollte. Im Gegentheil, die Befürchtung des Anfragestellers, welche er den Maharil auch deutlich durchblicken läßt,, daß dieser nämlich im Falle der Ablehnung der Bitte des Erzbischofs den Groll desselben zu erwarten hätte, läßt uns die Entscheidung des Maharil noch auffallender erscheinen. Der Groll eines Erzbischofes im Mittelalter war gleichbedeutend mit Lebensgefahr — und wo Lebensgefahr drohte, da ließ man Milde statt Strenge walten. Im Schulchan Aruch Orach Ehajim Cap, 39, seif. 7, steht, daß man Phhlakterien, Mesusos und Thorarollen Nichtjuden nicht abkaufen solle, wenn sie dafür mehr fordern, als sie werth sind, damit sie sich nicht daran gewöhnen, solche Gegenstände zu stehlen oder zu rauben. Vergl. Mögen Awrohom und Ture sohow zur Stelle und Gittin 45 b. Wenn man also, selbst in solchen Fällen, wo es sich nur um eine Mehrforderung handelt, nicht verpflichtet ist, dem Nichtjuden die Llesnsa abzukaufen, obwohl letzterer, aus Wuth darüber, die geforderte Summe nicht erlangt zu haben, sicherlich nicht sehr ehrfurchtsvoll mit der Llesnsa umgehen wird, so ist es doch gewiß unzweifelhaft, daß man die Schenkung einer Llesnsa demjenigen nicht versagen darf, der v e r m u t hlich nicht die Absicht hat, verächtlich mit ihr umzugehen und der überdies über Leben und Tod des Verweigernden zu gebieten hat. Demnach müssen ganz andere, triftigere Gründe den Maharil *) So muß das hier stehende wie das in Genesis rabb. stehende vi-,pn emendirt werden, weil Artaban oder Adrachan der letzte Partherkönig, nicht mit dem Patriarchen R. Juda Hanaffi, der im Talmud „unser heiliger Lehrer", oder nur'„unser Lehrer" genannt wird, sondern mit dessen Schüler Raw freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Mit R. Juda Hanaffi stand in freundschaftlichem Verkehre einer der römischen Kaiser, die den Namen Antoninus führten Vergl. Aboda Sara 10 b, wo ein Bericht über den Verkehr dieser beiden Talmudlehrer mit den Regenten von Rom und Babylon sich findet, nach welchem unser Text eine Emendirung erheischt. Dort wird berichtet: Antoninus war mit Rabbi (R. Juda Hanaffi) und Adrachan mit Raw befreundet. Als Antoninus starb, sprach Rabbi und als Aörachan starb sprach Raw: „Nun ist unser Freundschastsbund gelöst." Vergl. Aruch s. v. Artaban.