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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 16 Dr. BLoch's Wochenschrift. Seile 269 Was wird aus uns in dieser Zeit der Schmerzen, Inmitten all' der kämpfenden Partei'»? Ach, jede Waffe zückt nach unf'rem Herzen, Und jeder Glaube wirft nach uns den Stein! Ward auf dem Markt der Laib des Brodes theuer — Gleich nutzt die freche Gier des Volkes Wahn; J,t schlecht die Ernte, karg die Frucht der Scheuer — Gleich tönt der Ruf: der Jud ist schuld daran! Vom Christenkind, zum Passahfest geschlachtet. Ein neues Märchen weiß der Frevelmuth, Die Kirche, die nach Gold und Seelen schmachtet, Sie achtet nicht ein wenig Judenblut! O traurig Los! In Schmach und Schande leben, Von Jugend an verachtet und gehetzt, Dem Lamme gleich vor'm Zahn des Wolfes beben, Der uns umkreiset und verschlingt zuletzt! O hartes Loos l Kein freies Glück erhaschen, In Lumpen heucheln die erlog'ne Noth, Und an des Lebens Strom in Sorgen waschen Das Körnlein rothen Golds aus Sund' und Koth, Bis wilde Raublust im empörten Haufen. Uns auszuplündern kommt — und uns ■ zu taufen I Der Ahn ist taub! Er hört die Worte nicht, Die hinter ihm der Sohn verzweifelnd spricht. Jndeß die Jugend grollet und verdorrt, Labt Glaubensthau das Alter fort und fort. Doch blut'ger Schimmer leuchtet durch die Scheiben, Besorglich durch die Thüre stürzt der Sohn, Da kommt's heran, wie Meeresfluthen treiben, Mit Wehgeheule und mit Schlachtenton! Am schwarzen Thurme loht die Pechkranzflamme, — Zu Prag des Unheils Zeichen für und für — Und rothe Kreuze, nicht mrt Blut vom Lamme, Steh'n srischgemalt an jedes Juden Thür! Es ist zu spät, um Haus und Hof zu wahren; Es wächst der Schein und näher zieh'n die Schaaren. O Wahn der Zeiten, unheilvolle Nacht, Erneust du wieder eine Judenschlacht? Vom wilden Volk getroffen ohne Gnade Hinstürzt der Jüngling vor des Hauses Thor, Jndeß der letzte Vers aus der Agade „Im nächsten Jahr!" noch tönet an sein Ohr. B.-W. Jsajka, der Segelflicker. Novelle von K. Staniukowitsch. Uebersetzt aus dem Russischen von Malwina Blumberg. (Fortsetzung.) Sieben Jahre waren verflossen, seitdem sie sich ganz unverhofft und ut Folge eines besonderen Ereignisses aneinander an geschlossen hatten. Beide hatten sie am Ufer in einem Regiment gedient und einige Seereisen zusammen auf demselben Kriegsschiff mitgemacht. nichtsdestoweniger jedoch war ihr gegenseitiges Berhältniß em kühles und nicht sonderlich freundschaftliches geblieben. Der stille friedliebende Jsajka empfand zwar angesichts des Muthes und der Unerschrockenheit des Matrosen, der als der tüchtigste der ganzen Schiffsmannschaft galt, eine an Ehrfurcht grenzende Bewunderung, aber die ordinären Zerstreuungen, an denen ^wanltsch auf dem Festlande Gefallen fand, sein Mangel an bs galt, Geld für sein Vergnügen zu erhalten, und schließlich die leise gemunkelte, wenngleich der Bestätigung entbehrende Nachricht, er habe in einer dunklen Herbstnacht die Kaserne verlassen und in einer abgelegenen Straße einen Raul an einem Officier verübt — all' dies war wenig geeignet, eine Annäherung seitens Jsajka's herbeizuführen. Aber auch der Matrose blickte mit einer gewissen Verachtung auf den „heidnischen Juden", der obendrein so unendlick feige war. Nichtsdestoweniger jedoch griff er ihn niemals an da er dies als seiner nicht würdig betrachtete.. In der That verlohnte es sich der Mühe, sich mit solch eineni „Niemand' eknzulassen? Eines Sonntags, da Iwan Jwanitsch U'la.l b erhalten hatte, wurde er in später Nachtstunde bewußtlos und fast nackt in die Kaserne zurückgebracht. Stiefel und Uniform waren „vertrunken". Selbst er, der sonst Unerschrockene, erschrack, als er beim Erwachen des Geschehenen sich bewußt wurde. Die Nachricht, daß Iwan Jwanitsch seine Uniform vertrunken hatte, verbreitete sich unter den Kameraden und alle wußten, daß eine schwere Strafe seiner harre. Fünfhundert Hiebe — an weniger war gar nicht zu denken, um so mehr, als die Uniform fast neu war. Der Feldwebel versetzte ihm ein paar gewaltige Ohrfeigen, doch geschah dies mehr im Hinblick auf seine eigene Würde, als in der Absicht, solch' argen Taugenichts bessern zu wollen — versprach aber mit dem Rapport bis zum Abend zu warten. Bis dahin solle Jwanitsch sich Mühe geben, die Uniform herauszubekommen. Aber der Sünder wußte gar nicht, für welche Summe er oieselbe in der Schänke versetzt hatte. Und wie sollte er fie herausbekommen? Wo das Geld dazu hernehmen? „Nun, wie es scheint, wird meine Haut schon herhalten müffen", sagte er, seine Seelenangst unter einem dreisten Tone zu verbergen suchend. „Daran brauchst Du nicht zu zweifeln, Du Trunkenbold! Nach allen Regeln der Kunst werden sie Dich auspoliren . . . Fürchte nicht, selbst durch Deine Büffelhaut wird es dringen. Und wer wech. wenn die Sache dem Gericht übergeben wird, kannst Du in die Strafcompagnie*) kommen .... Das hängt nur davon ab, wie der Officier darüber denkt. Nicht zum erstenmale bestiehlst Du den Staat . . Der alte Feldwebel (er war ebenfalls Bootsmann der ersten Warte), sprach scheinbar ernsten, gleichgiltigen Tones, und mischte seiner Rede eine Unzahl Flüche bei. Er that dies jedoch ohne Heftigkeit, und seine Augen blickten mitleidig. War doch dieser Hallunke und Trunkenbolo ein so unerschrockener muthiger Matrose! „Jedenfalls mußt Du versuchen, Du unverbesserlicher Teufel, Dich auf irgend eine Weise auszudrehen. Bis zum Abend werde ich schon mit dem Rapport warten. Länger kann ich aber nicht. Du kennst doch den Dienst", fügte, gleichsam sich entschuldigend, der Alte wärmeren Tones hinzu. „Danke auch dafür, Awdiej Trifonitfch, aber da es schon einerlei ist, wäre es nicht besser, den Rapport gleich des Morgens abzustatten? Was nützt mir das Warten?" „Und Du mach' mir nichts vor; ich kenne die Pfuicourage . . . Ohne Sorge, die Portion wird anständig sein ... Und Du kannst dabei draufgehen . . . Bersuch's nur, sag ich. Oder hast Du noch nicht ausgeschlafen, Du Lumpenkerl? Hörst Du? Bis zum Abend warte ich mit dem Rapport". Als der lange schon in einem Winkel bei seiner Arbeit sitzende Jsajka von der Strafe hörte, die dem armen Iwan Jwanitsch bevorstand, malte sich auf seinem Gesicht inniges Mitleid und gleichzeitig der Ausdruck eines inneren Kampfes. So . verharrte er, seine große Pfrieme handhabend, etwa fünf Minuten in lautlosem Stillschweigen; plötzlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben. Er ließ seine Arbeit liegen und suchte Iwan Jwanitsch auf, der, dumpf vor sich hinbrütend, in einer dunklen Ecke saß. Weißt Du, Brüderchen, was ich Dir sagen werde?" fragte er mit seinem dünnen, gedehnten Sümmchen, indeß er mit geheimnißvoller Miene näher trat. Der Matrose hob seinen düsteren Blick empor und ließ ihn sofort wieder sinken. „Weißt Du, was ich Dir sagen werde?" „Nun, was für Sinn hat das: ich werde sagen! ich werde sagen!" wiederholte Jwanitsch. „So rede doch!" „Für wieviel hast Du Deine Uniform vertrunken?" „Was geht das Dich an? Wozu mischst Du Dich in Angelegenheiten fremder Leute?" „So rede doch nur, das Uebrige ist meine Sache", fuhr Jsajka fort, gutmüthig und schlau zugleich lächelnd. „Der Teufel mag wissen, für wieviel ich es vertrunken habe?" „Hm . . . Und Geld hast Du nicht genommen?... Nur getrunken hast Du? Und viel getrunken? . . . Etwa zwei Flaschen?" *) Die Strafcompagnie besteht aus Soldaten, die schwerer Schuld halber in eine Festung internirt und zu Arbeiten, die ihnen sonst nicht obliegen, verwendet werden.

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