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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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SSI Nr. 16 Das israelitische Asyl in Meran. Es ist ziemlich lange her, da begegnete ich eines Tages auf der Meraner Promenade dem berühmten „Wiener Spaziergänger" Daniel Spitzer, der damals hier seinem schweren Ende entgegensiechte. Körperlich eine Ruine, war der liebenswürdige Humorist, der das Feuilleton der „Neue Freie Presse" zu beleben pflegte, in Momenten, wo der Schmerz gewichen, voll Geist und Laune. „Ich will Ihnen eine Meraner Rarität zeigen", sagte er und führte mich die Promenade tief hinauf, wo ganz am Ende, hinter einem Buxbaum, drei polnische Juden halb versteckt saßen, fast gleichmäßig gekleidet in braunen Kaftans, mit niedrigen breitkrämpigen Hüten, wie die Jesuiten. „Die müssen sehr krank sein, wenn sie so weit aus dem Nordosten Herkommen", sagte Daniel Spitzer, „die Meraner müssen Augen machen und der liebe „Berggräfler" seine Freude an ihnen haben." Damals waren polnische Juden, Juden überhaupt, in unserem Curorte eine Seltenheit, es gab selbstverständlich auch kein jüdisches Spital, kein Gotteshaus, keinen Friedhof und wenn ein Jude die Ungeschicklichkeit beging, hier zu sterben, mußte er dann noch eine kostspielige Reise antreten. Heute wie ganz anders! Wenn heute die Juden einen Exodus vollführen würden, könnten die meisten Häuser, in erster Linie das „Grand-Hotel Meraner Hof", der „Kaiserhof", Haßfurter", „Wolf", zusperren und das Theater auswandern. Ein großer Theil der jüdischen Gäste kommt aus Rußland und Polen und nicht immer die reichsten; zumeist paarweis wie in die Arche Noah's, ohne etwas Anderes mitzubringen als ein ärztliches Certificat und ein Armuthszeugniß. Mit diesen Geleitbriefen etabliren sie sich in Meran; ihre Aussichten waren früher theilweise auf die fromme Wohlthätigkeit des nun verstorbenen CH. Mosel gerichtet und theilweise auf die ohne jede Dotation bestehende, auf milde Spenden angewiesene, sogenannte Königswarter Stiftung. Nun nach dem Tode Mosel's geht der Strom und der Sturm der mittellosen Juden, die nach Meran ihr Leiden und ihre Noth bringen, auf dieses Asyl los, das selbst hilfsbedürftig ist und keineswegs solcher Inanspruchnahme genügen kann. Ueberdies verstehen die leitenden Persönlichkeiten ihr Metier, das Betteln, schlecht; sie setzen die Leute nicht in Contribution, sondern warten auf freiwillige Spenden — und diese sickern so karg! Der Obmann des Curatoriums, Herr Stransky, namentlich könnte vermöge seines Ansehens und seines Verkehres die wohlhabenden Fremden, die doch zum großen Theil sich in seinem Bankgeschäft einstellen, ein wenig presse-eolier zu Gunsten eines so eminent humanitären Institutes setzen, da von auswärts so wenig Hilfe fließt. Während viele mittellose Juden ans Galizien und Rußland Unterstützungen beanspruchen, vermißt man unter den Beitragenden die jüdischen Gemeinden von Krakau, Lemberg, Warschau, Petersburg, Odessa, Kiew, deren Pflicht es wäre, das hiesige Asyl in den Stand zu setzen, eine größere Anzahl von Pfleglingen aufzunehmen. Die Israelitische Allianz in Wien uud die große Cultusgemeinde in Prag' glänzen mit Jahresbeiträgen von je fünfzig Kronen, somit dem vierten Theil jener Beiträge die Pest und Berlin geben und beide zusammen so viel als eine christliche Dame — Gräfin Alberti Thornton — spendet, während einzelne Private in Anerkennung der Leistungen dieses Institutes und seiner trefflichen Leitung ganz namhafte Beträge demselben zuwenden. So finden wir Herrn Leopold Löwy in Wien mit tausend, Herrn Spiegelberg in Berlin mit fünfhundert, Wassermann mit 420, Wodianer, Dr. Hausmann, Gerstl, Altmann, Dr. Wolff in Harlem mit je 200 Kronen. Mit elf- oder zwölftausend Kronen, die da jährlich zusammenfließen, erhält man aber kein Institut, an das sich so viele arme Kranke drängen und das an Löhnen, Beheizung und Beleuchtung allein nahe fünftausend Kronen erfordert. Da muß ich aus meinen schon einmal gestellten Vorschlag zurückgreifen, daß Sammelbüchsen zu Gunsten des Mischen Asyls in Meran aufgestellt und für sie gewirkt werden möge. Dies könnte die Erweiterung der Anstalt ermöglichen. Warum Alles für A l l a n d und nichts für Meran? Für diese Büchsen würde ich den mahnenden Vers von Paul Heyse als Aufschrift empfehlen: „Sei zum Geben stets bereit. Miß nicht kärglich Deine Gaben — Bedenk', daß Dein letztes Kleid Keine Taschen wird haben!" Meran, Mitte April. Leo Herzberg-Fränkel. Seite 265 Berlin. (Herr Stöcker hat verklagt.) In dem in Königsberg erscheinenden Landarbeiterblatt „Ostpreußischer Landbote" waren an einen Bericht über die Duellrede, welche Stöcker im December vorigen Jahres im Reichstagehielt, Bemerkungen geknüpft, in denen auf die bekannte Stöcker'sche Eidgeschichte hingewiesen wurde. Infolge deffen hat Herr Stöcker nicht nur gegen den Redacteur Noske, sondern auch gegen den Verleger und den Drucker Strafantrag gestellt. Eine Vernehmung der drei Socialdemokraten hat schon stattgesunden. Der Reichstagsabgeordnete Rechtsanwalt Haase, der die Vertheidigung führen wird, beabsichtigt, einen großen Zeugenapparat auszubieten, um feststellen zu lassen, mit welcher Berechtigung gegen den früheren Hofprediger der Vorwurf des Beeidigens einer unrichtigen Thatsache erhoben werden kann. Erinnerung an Dr. Lieber. Im Sommer des Jahres 1896, schreibt die „Germania", hatten nebenSigl's „Vaterland" auch andere BlätterdieBehauptung gebracht, Dr. Lieber, der den Juden übrigens volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, wie das auch Windthorst stets, zum Beispiel bei den Verhandlungen des Reichstags über das Schächtverbot, geihan hat, habe eine jüdische Frau geheiratet. Darauf aufmerksam gemacht, antwortete Dr. Lieber, nachdem die „Germania" bereits festgestellt hatte, daß Lieber's Frau einer katholischen und einer deutschen Familie entstamme, unter Anderem Folgendes: „So lauge übrigens die liebe heilige Mutter Gottes eine „Jüdin" bleibt, kann ich den „Katholizismus" nicht begreifen, der einem einen Borwurf daraus machen möchte, daß er seine Kinder auch durch eine (natürlich getaufte) Mutter aus dem auserwählten Volk in den Stand setzte, mit dem Priester in der feierlichsten Stille des Meßkanons fich patriarchae nostri Abrahae vor Gott zu rühmen . . . Man kann über derlei nur lachen, und hätte es nicht meine Frau betroffen, icy würde, wenn überhaupt etwas, erklärt haben, daß ich die Stammverwandtschaft mit Christus und den Aposteln derjenigen mit Sigl, Senftl, Zeitler, ick gemi3 omne unter jeglichen Betracht vorzöge." Hamburg. Im Verein für Hamburgische Geschichte sprach am 24. Februar Herr Rabbiner Dr. Gr unwald über die portugiesischen Jude »gemein den in Ha m bürg, Altona, G l ü ck st a d t und Emden. Er führte etwa Folgendes aus: Die Portugiesen kamen nach Hamburg aus Flandern, aus Italien, aus Holland und dessen Colonien, später aus der Türkei und Marokko, vor Allem aber auch aus der alten Heimat, von der pyrenäischen Halbinsel. Zeugnisse hierfür von 1648—1757 enthält sowohl das Hamburger Staatsarchiv wie dus Protokollbuch der portugiesischen Gemeinde. Zu wiederholten Malen wurden vom Senat ihre hohen Verdienste um die Hebung des hamburgischen Handels, namentlich mit Spanien und Portugal, öffentlich anerkannt. Frühzeitig wenden fie fich dem Handwerk und Gewerbe zu. Als Kaufleute bethätigen sie fich auch am Binnenhandel, als Rheder und Schiffbauer werden sie 1628 in Glückstadt, später in Altona genannt. Die Familie Dafonseca weist mehrere Aerztegeschlechter aus, die der Lurias eine lange Folge von Maklern, die Tabaksfirma Jessurun reicht bis in das Jahr 1741 zurück. Ungünstige äußere Verhältnisse verzögern die Festigung des Gemeindklebens. Entsprechend den localen Rücksichten werden Anfangs zwei Betstätten und zwei Schulen errichtet, später vereinigt die Gläubigen eine Synagoge und der Unterricht wird in einer Gemeindeschule ertheilt, neben welcher (so 1732) von einer Witwe Luria noch eine Mädchenschule geleitet wird. Die Unterhaltung dieser und anderer Gemeindeinstitute, die zunehmende Armenlast, der Wegzug wohlhabender Familien erschwerte die Führung eines geordneten Haushaltes. Der anfangs entfaltete Luxus schwindet mehr und mehr. Das wichtigste Denkmal aus der Vergangenheit der Gemeinde ist der Friedhof an der Königsstraße in Altona. Er ist älter und in mancher Hinsicht bedeutsamer als der berühmte Friedhof der Amsterdamer Portugiesen zu Oudekerk. 1611 von dem Grafen Ernst von Schauenburg erworben, wird er 1654 erweitert und, neben anderen Begräbnißstätten, bis 1877 benutzt. Die Bilder auf den Grabsteinen sind von kunstgeschichtlicher Bedeutung. Sie sind dem biblischen Bilderkreis, zum Theil auch dem rabbinischen Schriftthum entlehnt. Daneben finden fich antike und Renaiffancetypen, einmal sogar eine Schlußscene aus dem Todtentanz. Einzelnes ist mit den Darstellungen im Oudekerk identisch. Nirgends findet fich das sonst auf jüdischen Grab Dr. Bloch's Wochenschrift.

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