Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 264 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sk. 16 Den Vorstand der Ortsgruppe „Wien V" bilden die Herren: Julius Granichstad 1 en, Obmann; Gottlieb Bettelheim, Obmannstellvertreter; Rabb. Dr. Gelbhaus, Schriftführer; Alfred Waizner, Schriftführerstellvertreter; Wilhelm Hill er, Gastier; David R o t t e r, Caffierstellvertreter und Ignaz Simon, Revisor. Mitglieder dieser Ortsgruppen können auch Frauen und Kinder sein. Beitrittserklärungen können an einen der genannten Herren oder an das Bureau des Hilfsvereines: Wien, I., Tuchlauben 17 gerichtet werden. Generalversammlung des Rabbrnerverbandes in Böhmen. Täglich wird der Mangel einer Organisation der Juden in Oesterreich fühlbarer und es gibt heute wohl keinen Einsichtigen mehr, der für die schrankenlose Autonomie der Gemeinden schwärmt. Die harte Noth der Zeit lehrte uns, daß wir Juden nicht die werthvolle Freiheit, welche Ordnung bedeutet, besitzen, sondern nur die Freiheit des Bettlers, der nicht an Norm und Regel gebunden ist, wofür ihm aber auch die Fähigkeit, etwas Großes zu schaffen, versagt bleibt. In den letzten Jahrzehnten hat darum das Judenthum in Oesterreich keinen Fortschritt, keine große That zu verzeichnen, durch die es sich ein Denkmal für alle Zeiten gesetzt hätte. Stagnation, Verkümmerung und Abbröckelung ist die Signatur der Zeit. Der Schaden liegt so offen zutage, daß die Versuche nicht fehlen, ihm abzuhelfen. Aber statt mit Vereinigung versucht man es mit Vereinen, statt des großen Heilmittels mit Heilmittelchen, die ja manches Gute leisten, woran nicht gemäkelt werden soll, das Heil erwächst aber nicht daraus. Gutes leisten alle diese Vereine wie die „Union" in Wien, die Bne-Brith-Vereinigung, aber das ersehnte Heil kann dieser Zersplitterung der Kräfte nicht erblühen, das Heil liegt im Zusammenwirken aller Kräfte. Einen größeren, leider mißglückten Versuch bildet der Gemeindebund, mißglückt darum, weil man von vornherein einen falschen Standpunkt einnahm. Man wollte statt einer Vereinigung der Juden eine Vereinigung der Cultusvorstände und war sich über Ziel und Zweck dieser Vereinigung nicht klar. Die Idee zur Gründung eines Gemeindebundes ging von Rabbinern aus, von Dr. Kurreiu in Teplitz und Dr. Stern in Saaz, die diese Idee in der damals bestehenden „Jüdischen Chronik" verfochten und eine Concentrirung aller geistigen und materiellen Kräfte des österreichischen Judenthums dem Bunde zum Ziele setzten. Das Judenthum in Oesterreich sollte eine geschloffene Einheit werden und eine feste Organisation erlangen, da wir doch den andern so fest organisirten Confessionen gegenüber ein Bild des Jammers bilden. Von diesem Plane wurde aber bei Gründung des Gemeindebundes das Rabbinat gestrichen, die Lehre des Judenthums war nicht vertreten, und was übrig blieb, war ein Rumpf, kein lebendes Gebilde mehr. Eine Vereinigung der Juden mit Ausschluß der Rabbiner ist ein ohnmächtiges Schemen, denn das Judenthum ist ein rabbinisches, seine besten Kräfte erhielt es vom Rabbinat und ein Judenthum ohne Vertreter der religiösen Lehre ist kein Judenthum, sondern eine Bereinigung von jüdischen Advvcaten, Aerzten, Kaufleuten, Handwerkern und Vertretern anderer Berufe. Eine solche Vereinigung muß ohnmächtig bleiben, denn sie flößt keinen Reipect ein, sie vertritt nicht eine achtunggebietende religiöse Gemeinschaft, sondern nur einige Tausend geringgeschätzte Juden. In weiser Erkenntniß dieser Thatsache hat der Gemeindebund wohl nicht den von ihm bei der Gründung gemachten Fehler verbessert, sondern einfach seine Thätigkeit gänzlich eingestellt. Requiescat in pace! Wir wollen seine Auferstehung in zweiter verbesserter Auflage erwarten. Die Vorarbeiten für diese Auferstehung will der Rabbinerverband leisten und hoffen wir, daß er sie leisten werde. Die Generalversammlung des Rabbinerverbandes, die am 26. und 27. März d. I. in Prag ihre Berathungen abhielt, bedeutet auch einen Schritt vorwärts zu diesem Ziele. Es wurde die Einsetzung einer ständigen Commission beschlossen, die den Gemeinden die Möglichkeit bietet, bei Wahl ihrer Functionäre nicht im Dunklen zu tappen. Der Rabbinerverband übernimmt es, alle jene, die sich um ein religiöses Amt bewerben, auf Wunsch der Gemeinden zu prüfen und über die Befähigung der Candidaten ein Zeugniß auszustellen. Die Gemeinde hat dann die Gewähr, daß kein Unfähiger und kein Unwürdiger in ihre Dienste tritt. Ein anderer Beschluß betrifft die Bildung einer Schulsection, die sich mit der Frage des einheitlichen Lehrplanes für die Religionslehre zu beschäftigen hat. Es kann doch nicht so weiter gehen, daß an jeder Schule nach einem besonderen Lehrplane unterrichtet wird, der sich in den wesentlichsten Punkten von den Lehrplänen an allen anderen Schulen unterscheidet. Ist der eine Lehrplan richtigen pädagogischen Grundsätzen gemäß angelegt, können es doch auch nicht alle andern sein. Da wir Juden doch nur eine Lehre haben, müßten doch alle unsere Kinder nach einem Lehrplane unterrichtet werden, aber nicht so, daß in einer Schule die Bibel, in der andern Geschichte, in der dritten Liturgik, in der vierten Dogmatik, in der fünften das Gebetbuch den Mittelpunkt des Religionsunterrichtes bildet. An Gymnasien sind durch acht Jahre zwei Stunden wöchentlich Religionsunterricht, was könnte geleistet werden, wenn nicht jeder Lehrer erst eine Methode suchen und einen Lehrplan schaffen müßte! Auch über die der Würde des Religionsunterrichtes nicht entsprechende Stellung des Religionslehrers und über die Mittel zur Verbesserung dieser Stellung wurde berathen. Es wurde auch der Beschluß gefaßt, an die Gründung einer Pensions- und Relictencassa zu schreiten und den Vorgang einzuhalten, den die Rabbiner in Deutschland mit solch großem Erfolge anwandten. Die Aufgaben, die sich der Rabbinerverband in seiner zweitägigen ernsten Berathung stellte, wären eigentlich Aufgaben eines Gemeindebundes. Er hätte noch andere, an deren Lösung ein Rabbinerverband gar nicht denken kann, weil zur Lösung nur die Kraft der Gesammtheit hinanreicht. Möge der Rabbinerverband nur wacker arbeiten, er arbeitet für Alle, er trägt Stücke herbei, die der so heiß erwünschten Organisation des österreichischen Judenthums einmal dienen werden. Er beweist aber auch, daß das geistige Capital des Rabbinerthums einer jeden wahrhaft jüdischen Gemeinschaft unentbehrlich ist. Den letzten Punkt der Tagesordnung bildete die Wahl des Ausschusses. Der bisherige Präsident des Verbandes, Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld in Prag, wurde zum Ehrenpräsidenten ernannt. Gewählt wurden: Als Präsident Dr. Kurrein in Teplitz; als erster Vicepräsident Dr. Stern in Saaz; als zweiter Vicepräsident Dr. Fischer in Prag; als Cassier Dr. Schornstein in Leitmeritz; als Schriftführer Dr. Ziegler in Karlsbad; als Beiräthe: Professor Dr. Kisch in Prag und Dr. Neumark in Rakonitz. In die Scctionen wurden noch gewählt: Dr. Hirsch in Karolinenthal, Dr. Posnanski in Pilsen, Dr. Thieberger in Komotau, Stark in Weinberge, Privatdocent Dr. Herzog in Smichow und Dr. Reach in Raudnitz. Kolm. (C o m m u n a l w a h l e n.) Nicht die Osterglocken, sondern der Sederabend ist es diesmal, der Ruhe und Frieden in unsere Stadt zu bringen verspricht. Pessach vor der Thür und kein Ritualmärchen, keine Judenhetze in Kolm. Soll wirklich mit dem Wiedererwachen der Natur das Erwachen aus bösen Träumen bei unseren Mitbürgern gekommen sein? Sei dem nun wie dem wolle — Thatsache ist und bleibt es, daß das schier Unglaubliche eingetreten ist, daß die in den letzten Tagen stattgefundenen Communalwahlen den Juden 5 Mandate gebracht haben. Ich sage absichtlich „gebracht", weil kein Kampf den Wahlen vorausging, sich im Gegentheil Alles im Zeichen eines vorhergegangenen Kompromisses abspielte. Einig fand man Jungczechen, Radicale und Juden; blos die zuckersüßen Altczechen kamen schlecht weg. Vollständig isolirt, mußten sie den letzten Wall, auf welchen sie in der Provinz — und der war Kolin — noch standen, räumen. Wir Koliner Juden haben wahrlich keine Veranlassung, ihnen eine Thräne nachzuweinen, denn die waren es, welche in der bösen Zeit, die wir in den letzten Jahren durchzumachen hatten, wie jene brave Nachbarn dastanden, die ruhig mit den Händen in der Tasche zuschauen, wenn dem Nachbar das Dach über dem Kopfe angezündet wird, und nicht mit der Wimper dabei zucken. Mit den Leuten lebten wir Jahrzehntelang in opferwilliger Freundschaft. Man hätte es wohl noch vor Kurzem nicht für möglich gehalten, daß gerade in Kolin eine solch friedliche Einigung platzgreifen könnte und dennoch ist dieses merkwürdige Ereigniß eingetreten und durch nichts Anderes herbeigeführt, als durch das Ruhebedürfniß, welches beim weitaus größten Theile unserer Mitbürger sich kundgab. „Einigung und wirthschaftliche Arbeit zum Wohle unserer Stadt und ihrem Gedeihen", war die ausgegebene Parole, und in diesem Sinne lautete auch die Entscheidung der Wahlen. Zum Schluffe noch Eines: Wenn auch bei den Wahlen nicht alle Candidaten, welche vom Vertrauensmännercomite der Cultusgemeinde nominirt wurden, durchgekommen sind, vielmehr das Centralcomite einen oder den andern jüdischen Candidaten selbst aufstellte, wollen wir dennoch hoffen, daß die gewählten jüdischen Stadtverordneten im gegebenen Falle sich stets ihrer Pflicht als Juden bewußt sein werden. H. P o l a c e k.