Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021456--11695-3036247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 258 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 16 zu verschaffen wissen. Während die Juden noch im Jahre 1864 nur kaum 27 Percent aller Tabakplantagen besaßen, stieg ihre Zahl im Jahre 1886 bereits auf 62 Percent, um jetzt nahezu 99 Percent zu betragen. Die Zahl der jüdischen Tabakpflanzer beträgt gegenwärtig allein im Gouvernement Beffarabien 900 und unter den von ihnen beschäftigten 3720 Taglöhnern befinden sich 3431 -----92 3 Percent Juden und nur 289 Christen. Die Arbeit in den Tabakplantagen ist eine überaus anstrengende und erfordert große Umsicht und Sorgfalt und gibt dem Besitzer fast das ganze Jahr hindurch vollauf zu thun. Im Gegensatz zu mancher jüdischen Bauernfamilie in Argentinien und Palästina, wo nur das Familienoberhaupt auf dem Felde arbeitet, werden auf den jüdischen Tabakpflanzungen in Südrußland sämmtliche Familienmitglieder einschließlich der achtjährigen Knaben zur Mitarbeiterschaft herangezogen. Aus diesem Grunde läßt sich die vortheilhafte äußere Erscheinung des jüdischen Tabakpflanzers erklären, welcher durch seine starke, breitschulterige Gestalt und seine gesunde braune Gesichtsfarbe sich von seinen übrigen Glaubensgenossen unterscheidet. Die Erträgnisse aus dem Tabakbau sind relativ sehr günstig, wenn schon die Preise gegen früher erheblich zurüflgegangen sind. Dieselben betragen acht Centner Tabak pro Hektar bei einem Durchschnittspreise von 44 Rubel pro Centner. Davon gehen ab 35 Rubel Pacht und 150 Rubel Arbeitslöhne, so daß der Unternehmer 167 Rubel pro Hektar reinen Ueberschuß zurückbehält. In den meisten Fällen kommt zu diesem Reingewinn »och der Arbeitslohn hinzu, den der Besitzer mit Hilfe der Familie sich selbst erwirbt. Leider sind aber die den Juden zur Verfügung stehenden, in der unmittelbaren Nähe der Städte gelegenen Ländereien ganz geringfügig, und da ihnen der Erwerb und selbst die Pachtung von Grund und Boden außerhalb der Städte verboten ist, so übersteigt der Umfang einer jüdischen Tabakplantage selten 1*/2 Hektar. Daher sind die jüdischen Tabakbauern bestrebt, das undankbare Rußland, das ihnen jede Bewegungsfreiheit nimmt und sie hindert, sich im Schweiße ihres Angesichts durch nützliche und productive Landarbeit zu ernähren, zu verlassen und in Argentinien, Kleinasien und in jüngster Zeit auch in Palästina ein neues Feld für ihre Thätigkeit zu suchen. Das ist die Wirkung der Maigesetze, durch welche Rußland eine große Anzahl arbeitswilliger Juden zur Auswanderung in die Fremde treibt. Die semitischen Sprachen. (Eine Rectoratsrede.) Als der Universitäts-Professor Dr. Rudolf V i m e r zum Rector Magnificus in Agram erwählt worden, hielt er seine Rectoratsrede über die semitischen Sprachen, eine Rede, welche werth ist, auch in jüdischen Kreisen gekannt und gewürdigt zu werden. Hier ein Auszug des Vortrages: „Die semitischen Sprachen bilden einen wichtigen Theil der theologischen Studien. Wenn man sich mit ihnen befaßt, findet man gar manches Körnlein darin, das der Anstrengung werth war. Der Redner beschäftigte sich sodann mit den sprachlichen Unterschieden zwischen den semitischen und arischen Sprachen, was wegen seines rein philologischen Charakters hier übergangen werden mag. Dann wird ausgeführt, wie das Studium gerade dieser Sprachen sich schon aus dem Grunde empfehle, weil in ihnen am reinsten die Art und Weise erhalten blieb, wie die Menschen in den ersten Anfängen der Cultur gesprochen haben. Und dies drückt sich denn auch in diesen Sprachen aus, da wir hieraus sehen, wie es sich den Leuten, die sie sprachen, nicht so sehr darum gehandelt hat, ihren Gedanken in einer schönen Form auszudrücken, als möglichst präcise dem Ausdruck zu verleihen-, was ihr Innerstes bewegt. So finden wir denn gerade in den semitischen Sprachen eine große Zahl von Synonymen für einzelne Begriffe, und da sich jene Völker viel mit Theologie beschäftigten, ist es nur natürlich, wenn eben die hebräische Sprache gerade auf diesem Gebiete überaus reich ist. Als ackerbautreibende Völker mußte natürlich auch ein Reichthum an Ausdrücken aus der Landwirthschaft platzgreifen, während für Gegenstände, die bei anderen Völkern oder heute allgemein im Schwange sind, aber außer dem Bereich der Beschäftigung der semitischen Völker fallen, Ausdrücke fehlen. So sehr verschieden auch im Großen die semitischen Sprachen von den arischen sind, lassen vereinzelte ähnliche Grundzüge und Wortwurzeln doch den gemeinsamen Ursprung beider Sprachen erkennen. Es kann daher als bewiesen angenommen werden, daß die Unterschiede nur allmälig entstanden sind; die große Kluft, die nun zwischen den arischen und semitischen Sprachen gähnt, ist wohl nur entstanden, weil die Völker, die sie sprachen, so lange Zeit fern von einander gelebt haben. Nun kommt Redner auf die hebräische Literatur zu sprechen, deren Schönheit ihn begeistere. Vor Allem nehme ihn die glühende Liebe zu Gott gefangen, die in fast allen lyrischen Producten der Hebräer nach Ausdruck ringt. Und so ist es denn vor Allem die Bibel, die eines der herrlichsten und interessantesten Werke des Alterthums bildet. Wenn auch etwa die all-egyptischen Inschriften älter und voll hoher Weisheit sein mögen, überragt sie doch die Bibel um Vieles, weil in ihr die höchste Moral jener Zeiten zum Ausdruck gelangt. Kein Volk kann auf ein ähnliches Werk verweisen, in so frühen Zeiten schon von einem so hehren Geist erfüllt. Die Bibel hebt sich ab von ähnlichen Werken anderer Völker des Alterthums, weil hier das Sagenhafte in den Hintergrund getreten ist und das Leben des Volkes zu verkörpern versucht wird. Die Abschnitte von den einzelnen Propheten sind lebendige Charakteristiken, die mit seltener novellistischer Kraft gestaltet sind und begeistert das Wirken dieser glaubensstarken Männer schildern. — In Details der Bibel eingehend, hebt der Redner einzelne Episoden als Meisterwerke glänzender Erzählungskunst hervor und kommt dann auf die außerhalb der Bibel stehende hebräische Literatur zu sprechen. Mit der eigentlich schweren und ungelenken Sprache haben die jüdischen Dichter Kunstwerke von einer solch unvergänglichen Schönheit geschaffen, daß die Werke der alten Griechen und der anderen Völker des Allerthums weit dahinter Zurückbleiben. Eine heiße Liebe zu Gott spricht aus all' diesen Lyrikern, ein solch sittlicher Ernst und hochstrebende Ideale, die wir in den parallelen Erzeugnissen der heidnischen Völker vergebens suchen. So ist vor Allem Salomos „Lied der Lieder" eine der zartesten Blüthen der hebräischen Literatur, die ihres Gleichen in keiner alten Literatur hat. Nun kommt der Redner auf die a r a b i s ch e S p r a ch e und Literatur zu sprechen. In ihr findet er den Gipfel der Vervollkommnung der semitischen Sprachen. Sie hat die Vorzüge aller semitischen Sprachen in sich vereint und in ihrer Literatur fi «den wir vor Allem der großen Sieb» dieses Volkes zur Natur Ausdruck gegeben. Hat sich auch diese Literatur allmälig zu einer höfischen ausgebildet, in der die Vorzüge der verschiedenen Herrscher und die Pracht ihrer Paläste in großen, gewundenen und überaus bilderreichen Tiraden besungen werden, so klingen doch wieder in den Schlachtgesängen starke Heldentöne an, die den Eindruck des Selbsterlebten und großer, persönlicher Tapferkeit machen. Der Schwerpunkt der arabischen Literatur liegt aber in den farbenprächtigen Märchen dieses Volkes. So ist ja die Sammlung der herrlichen Märchen der „Tausend und einen Nacht" auch im Abendland bekannt geworden und hat sich nicht nur unter unseren Kleinen, sondern unter allen Literaturliebhabern viele Freunde erworben. Als das Hauptwerk der arabischen Literatur aber muß der Koran betrachtet werden, der Zeugniß ablegt, wie sehr Muhammed es verstanden, seine Ideen in poesievolles Gewand zu kleiden. Unter dem Einfluß des Korans steht dann die fernere arabische Literatur. Da zum Beispiel der Koran das Theater perhorrescirt, finden wir in der ganzen arabischen Literatur kein einziges Drama. Einigermaßen beeinflußt wurde die spätere arabische Literatur der Mauren von den Spaniern, in deren Nachbarschaft diese durch einige Jahrhunderte lebten. Hier hat denn auch deren Lyrik den freiesten Schwung und die höchste sittliche Stufe erreicht." Was finden wir in der Bibel? Aus einem Vortrage von Professor M e z g e r in Basel. In der Bibel finden wir den Menschen. Die Fülle des Menschendaseins in allen Lagen des Lebens, auf den Höhen und in den Tiefen, in Freud' und Leid, wird in ihr vor uns ausgebreitet. Könige und Sclaven, Priester und Propheten, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Gerechte und Ungerechte treten uns entgegen. Wir sehen die Menschen in ungeschminkter Wahrheit. Wir blicken hinein in die innersten Triebräder ihres Handelns und Empfindens: vom Sehnen des Herzens nach Gott bis zur Verzweiflung des Gottlosen und dem stillen Frieden des versöhnten Gotteskindes. Wir finden in ihnen uns selbst. Auch unter der Königskrone eines David erkenne ich mein Herz. Was in seinem Herzen schlägt, ist auch mein Herzschlag, ja, der Herzschlag von uns allen. Was in jenem Herzen jubelt, trauert und trotzt, das jubelt, trauert und trotz auch in unfern Herzen. Wie kommt das? Weil die Bibel alle Menschen an ihrer tiefsten Wurzel erfaßt. Wir finden in ihr alle Menschen in ihrem Ber-