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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 256 dr. Vloch's WochenlchrM Nr. 16 jetzt nicht mehr! Sind wir jetzt wirklich freie Menschen? Werden wir von unseren nichtjüdischen Mitbrüdern als gleichwerthige Bürger betrachtet, behandelt? Bilden wir denn nicht jetzt auch noch den Gegenstand des Hasses, des Spottes und der Verachtung? Ihr ruset uns zu: »Hätte Gott, der Herr, unsere Väter nicht aus Egypten befreit, so wären wir noch heute Sclaven des Pharao.- Nun wäre dann das Unglück größrr gewesen? Was liegt dem Verfolgten und Bedrückten daran, ob er im Osten oder im Westen, im Süden oder Norden bedrückt und seiner persönlichen Freiheit beraubt wird? Wozu also dieses Fest feiern, das uns an jene Verfolgungen erinnern soll, denen unsere Väter vor Jahrtausenden preisgegeben waren, wenn wir uns heute noch in einer ähnlichen, vielleicht noch schlimmeren Lage befinden? Nicht Freiheits-, sondern Klagelieder sollten wir anstimmen und nicht (»Awodim hojinu, wir waren einst Sclaven, sondern Awodim anachnu, wir werden noch immer geknechtet" ausrufen! Und wahrlich diese Entgegnung der modernen Jugend scheint nicht ganz ungerechtfertigt zu fein; sie findet vielmehr in einem talmudischen Gleichnisse ihre Begründung. Ein Kaufmann unternahm eine weite Reise, um in verschiedenen Gegenden seine Geschäfte abzuwickeln. Bald nach seiner Abreise überfiel ihn im Walde ein Wolf, der ihn zu vernichten drohte. Schon glaubte er seine Rechnung mit dem Himmel abschließen zu müssen, als plötzlich das raubgierige Thier von ihm abließ und er sich durch ein göttlich Wunder gerettet sah. Ueberall, wohin er kam, erzählte er unter Thränen der Dankbarkeit von seiner wunderbaren Rettung. Einige Zeit hernach wurde er wieder unterwegs in ähnlicher Weise bedroht; diesmal war es ein raubgieriger Löwe. Nun dachte er, jetzt sei er gewiß verloren, aber auch der Löwe wich plötzlich von ihm, und er war gerettet. Wohin er kam, erzählte er, wie er auf wunderbare Weise aus dem Rachen eines blutgierigen Löwen gerettet worden sei, ohne jedoch des früheren Wunders eingedenk zu sein. Es dauerte aber nicht lange und diese Scene wiederholte sich abermals, aber diesmal war es eine giftige Schlange, die ihn umklammert hatte: »Woher kann mir Hilfe kommen", rief er verzweiflungsvoll aus, »Ach, ich bin rettungslos verloren". Die Schlange aber ließ plötzlich von ihm ab und er war gerettet. Nun erzählte er jetzt überall von seiner wunderbaren Errettung aus der Umklammerung der Schlange, nur für diese hat er ein Gedächtniß und Thränen der Dankbarkeit, während er der früheren Wunder nicht mehr gedachte. So ergeht es auch Israel, voraus achraunaus meschakchas horischaunaus, die späteren Leiden, Verfolgungen und Bedrückungen haben die früheren Leiden in das Reich der Vergessenheit gedrängt. Es ist allerdings eine unleugbare, historisch begründete Thatsache, daß es nicht nur e i n Mlzraim für Israel gegeben, sondern, wie der Rabbi in der Hagada bemerkt, heehol daur wodaur aumdim olenu, in jedem Zeitalter hat es finstere Mächte gegeben, die sichs gleichsam zur Lebensaufgabe gemacht, die geistige, moralische, wie materielle Existenz des israelitischen Volkes in Frage zu stellen. Allein der Schwerpunkt dieser in Rede stehenden Antwort liegt nicht in dem Worte Awodim hojinu, wir waren einst Sclaven, sondern in dem Nachsatze: wajauzienu, Gott hat uns durch wunderbare Begebenheiten befrrit und erlöst; die Söhne Israels harrten auf diese Erlösung und blieben dem Glauben ihrer Väter, dem Glauben der Patriarchen treu; Sehelau sehinu es sehemom. Sie haben ihren Namen, den Namen Israel, d. h. Kämpfer für die Gottesidee, Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit, für Fortschritt und Humanität, nicht verleugnet, nicht entweiht und nicht befleckt. Der Name »Israel" war ihnen heilig und daher zeichneten sie sich durch Wahrheitsliebe, Charakterfestigkeit und Selbstbewußtsein aus; Schelau sehinu es leschaunom. Sie haben ihre Sprache, die Sprache der Stammväter Abraham, Jsak und Jakob, nicht verleugnet. Wie gerne redeten auch sie i ’ der heiligen Sprache, suchten sie nicht zu beseitigen, sondern zu bewahren, ebenso wie die altehrwürdigen hebräischen Namen. Lehelau sehinu es dosom. Sie blieben ihrem Glauben, den religiösen Grundsätzen der Patriarchen treu. Wie Abraham waren auch sie friedliebend und riefen sich gegenseitig zu: Li anosehim achim anachnu. Wir sind ja doch Brüder, warum sollen wir uns bekämpfen und befehden. Mit einem Worte, s i e hielten fest und brüderlich zusammen. Außer den berüchtigten Strebern Datan und Abiram, hat es, wie der Talmud bemerkt, keine Delatoren, keine Verräther unter ihnen gegeben. Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit waren die schönsten Blumen.in dem Kranze der Tugenden, der sie zierte und schmückte. Wenn Dich also einst, so ruft die Thora dem Israeliten zu, Dein Sohn fragen wird: Was bedeuten diese auf das Pessachfest bezughabendeu Satzungen, Vorschriften und Rechte, wozu überhaupt ein Freiheitsfest feiern in einer Zeit der Bedrückung und Verfolgung? So antworte Deinem Sohne: Wir werden ja jetzt nicht zum ersten Male verfolgt, awodim hojinu, schon vor Jahrtausenden wurden unsere Väter in Egypten von den dortigen Antisemiten, welche ousriefen: howo uis’chakmo lo, wir müssen diesem Volke durch List, Schlauheit und Jntriguen beizukommen trachten, auf die grausamste Weise verfolgt; allein je mehr man sie quälte und bedrückte, desto glaubensstärker wurden sie und in Folge dieser an ungewöhnlichen Heldenmuth grenzenden Glaubenstreue gelang es ihnen, mit der göttlichen Hilfe aus dem egyptischen Drucke befreit zu werden und alle ihre Peiniger zu überdauern. Wir feiern daher zu allen Zeilen das Pessachfest, damit wir uns der Mittel erinnern, die unsere Väter in Egypten angewandt, um aus der Gewalt der Barbaren erlöst zu werden. Gleich ihnen sollen auch wir uns durch Glaubensstärke und Glaubenstreue, durch Charakterfestigkeit und Selbstbewußtsein auszeichnen, wir sollen als Träger der erhabenen Gottesidee den Namen »Israel" in Ehren halten und Alles sorgfältig vermeiden, was geeignet wäre, ihn zu beflecken und zu entweihen. Wir dürfen unsere Namen, unsere heilige Sprache, unsere Religionsgesetze weder beseitigen noch fälschen, sondern wir sollen sie rein und heilig halten. Den Chacham, den weisen Sohn, der über das Pessachfest belehrt zu werden wünscht, sagt der Rabbi in der Hagada, soll man mit der hohen Bedeutung desselben vertraut machen und ihm sagen en maftirin acher hapesach Afikomou*), daß die Festfreude der Israeliten nicht in der Genußsucht gipfelt. Der echte Jude feiert nicht seine Feste in den der Lust und Freude gewidmeten Localen, sondern im Kreise seiner Familie und sorgt gleichzeitig dafür, daß die Armen und Dürftigen in die angenehme Lage versetzt werden, die Festfreude mitgenießen zu können. Kol dichfin jese wejechol ruft er am Sederabende aus, denn die Nächstenliebe bildet ja das Grund princip der Religion. Wer sich von der Gesammtheit ausschließt, wer für Andere kein Herz und keinen Sinn hat, der ist ein Koker hoikor, der leugnet die Grundlehre der Religion, welche lautet: weohafto lereacho Komaucho. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Dr. M. H. F r i e d l ä n d e r. Vom Jahrmarkt de» Leben». Gloffen zur Tagesgeschichte. (Die Macht des Judenthums. — Die „Deutsche Zeitung" für die jüdischen Gauner. — Beschimpfung der jüdischen; Soldaten. — Antisemitismus und Christenthum.) Die Gesetze, welche die Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen einzelne Clasien der Bevölkerung und die Beleidigung anerkannter Confessionen verbieten, haben in Oesterreich hinsichtlich der gegen die Juden, gegen ihren Glauben und gegen ihre bürgerliche Existenz gerichteten Hetze jede Geltung verloren. Die antisemitische Preßmeute wird täglich frecher und unverschämter, der Ton, den sie anschlägt, immer aggressiver, und als wäre eine solche Action wirklich erlaubt, gibt sie ganz ungenirt Anleitungen, wie die Juden in ihrem Erwerbe und in ihren politischen Rechten am raschesten und gründlichsten vernichtet werden könnten. Das Tröstliche dabei ist nur, daß diese von Haß und Lüge strotzenden Auslassungen allen gesitteten und rechtlichen Christen noch tieferen Ekel einflößen, als selbst den Juden, und daß die Vorspiegelungen, durch welche die Bevölkerung für die wirthschaftliche und politische Boycottirung ihrer jüdischen Mitbürger gewonnen werden soll, so bodenlos dumm und gemein sind, daß sie auf intelligente Menschen unmöglich wirken können. Als ein Muster dieser bodenlosen Dummheit und Gemeinheit leuchtet in dem Rudel die »Deutsche Zeitung" hervor. Sie erzählt in einem Leitartikel »die Macht des Judenthums und ihre Bekämpfung", daß ein einziger Jude, wie der Rothschild, einen größeren Einfluß ausübt als die Delegationen, das Herren- Das Wort Aükomou bedeutet ein mit Musik und Tanz verbundenes Festgelage.

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