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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
16 (18.4.1902)
Date
1902-04-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 Vr. Bloch's Wochenschrift. Seite 255 Wie zwischen Scylla und Charybdis schwankt die Religionsschule zwischen zwei Klippen steuerlos herum. Die schlechten Schüler suchen im Austritte aus dem Judenthum ein probates Mittel gegen schlechte Noten. Die gelehrigen Schüler prallen auf den Widerspruch zwischen der Belehrung in der Schule und der entgegengesetzten Führung des elterlichen Hauses. Der Religionslehrer betont die Heiligung des Sabbaths, die Bedeutung der Festtage; erwärmt durch die Worte des Lehrers, trifft der Schüler zu Hause die Mutter am Samstag bei der Schneiderarbeit, am Peffach beim Butterbrot, am Schewuoth beim Einpacken für die Sommerfrische! Wie soll der Schüler diese Widersprüche zusammenreimen? Dieselben bringen das kindliche Gemüth in Collisionen, welche zur Mißachtung der Lehrer und zur Verachtung der Religion leiten. In der Mittelschule wirkt dieser Widerstreit zwischen Theorie und Praxis besonders schlimm; der Lehrer wird als Feind angesehen, der Jugcndgottesdienst wird zum Abscheu. Der Maturant erkennt im Sidur und Pentateuch nur Folterwerkzeuge. Keine Sympathie für den Ritus, kein Verständniß für die Tradition, keine religiöse Erbauung, kein literarisches Wohlgefallen — nur Widerspruch, Mißklang, Mißachtung. In solcher Gemüthsverfassung kommt der Jüngling auf die Hochschule oder ins Geschäft. Die Folgen bleiben nicht aus. Der jüdische Mediciner wird nicht nur Skeptiker, sondern Judenfeind. Die jüdischen Aerzte sind es, welche unnachsichtlich den „Verein für kranke Israeliten" verfolgen, der die orthodoxen Spitalkranken mit Koscherkost versorgt, während selbst die antisemitischen Primarärzte sich vor der stillen Resignation der Patienten beugen, die eher auf kräftige Nahrung verzichten, als daß sie gegen das Speisegesetz verstoßen. Die jüdischen Kinderärzte sind es, welche gegen die Beschneidung Front machen. Der jüdische Jurist, der jüdische Philologe vertieft sich in die Jrrgänge des römischen Rechtes, in die Literatur des germanischen Mittelalters, während die Casuistik der Rabbiner, die Meisterwerke hebräischer Poesie ihnen fremd bleiben. Die jüdische Geschichte wird meist durch christliche Forscher cultivirt. Und daß es nur eingestanden werde: Der jüdische Theologe, der oft nur halbgebildete Prediger und Rabbiner hat die Schrullen des Pfaffenthums abgelauscht, Kutte und Bäffchen und seichte Homiletik, während das wahre Judenthum: Wohlthätigkeit, Demuth und Gottvertrauen sich in den Rabbinaten so selten vorfinden, als in den Pfarrhöfen. Den Jünglingen, die „ins Geschäft" kommen, geht in der Hetzjagd des Erwerbes jede religiöse Spur verloren. Geschäfte, die den Sabbath respectiren, gibt es überaus wenige. Wohl aber fehlt es nicht an Firmen, welche ihre jüdischen Bediensteten entlassen, wenn sie ^omkipur nicht am Posten sind. Das Generalcommando beurlaubt jüdische Soldaten für die Feiertage, dagegen zwingt der jüdische Kaufmann seine Angestellten, das Ritualgebot zu übertreten. Und wenn der Junge zum Manne wird und ein eigenes Geschäft errichtet, was blüht ihm da? Auf die Kundschaft der Glaubensgenossen kann er nicht rechnen. Die jüdischen Kunden halten fest an den christlichen Lieferanten, der Eine aus Gewohnheit, der Andere, weil er den christlichen Lieferanten für leistungsfähiger hält, der Dritte unter dem Borwand, daß es böses Blut mache, wenn er dem bisherigen Lieferanten weiter ginge. Besonders gegen den jüdischen Handwerker wendet sich das jüdische Borurtheil. Mag dieser noch so tüchtig sein, mag er Preise, Medaillen, Patente erwerben — die jüdische Kundschaft bleibt ihm ferne. Es bedurfte der Liechtenstein'schen Mahnung: „Kauft nur bei Christen!" es bedurfte offener Brutalitäten christlicher Verkäufer, damit Einzelne sich entschlossen, es bei jüdischen Verkäufern zu versuchen. Sogar die Cultusgemeinde vergibt erst seit Kurzem ihre Arbeiten und Lieferungen an jüdische Geschäftsleute und noch immer fehlt es nicht an jüdischen Vereinen, die sich arischer Kräfte bedienen. Und der jüdische Geschäftsmann zieht dennoch das christliche Personal dem jüdischen vor; der jüdische Hausbesitzer hält nur christliche Hausbesorger, die jüdische Familie zumeist christliche Dienstleute, obschon sich manche jüdische Hausfrau von dem stellesuchenden Dienstmädchen muß sagen lassen: sie gehe nicht in ein jüdisches Haus! Und der jüdische Handwerker, der es selbst erprobt hat, wie schwer der jüdische Gehilfe eine Arbeitsstelle findet — er sucht dennoch christliche Gehilfen. Schlimmer aber als dies Alles: Das jüdische Haus vertraut seine Kinder dem christlichen Erzieher, der christlichen Gouvernante an, ein Verfahren, dem selbst die zäheste Race auf die Dauer nicht widerstehen kann. Was soll Diejenigen, welche aus solchem Milieu stammen, vom Abfall abhalten? Wer es versucht hat, Tauscandidaten an die Pietät gegen ihre Eltern, an die eigene religiöse Vergangenheit zu mahnen, der überzeugte sich fast ausnahmslos, daß solche Gefühle überhaupt nicht vorhanden sind. „Nie habe ich meinen Vater anders von jüdischen Dingen sprechen gehört" — sagte der neugetaufte Sohn einer ersten hiesigen Familie — „als in wegwerfendem Tone; religiöse Uebungen kannte ich nie, dergleichen kommt in besseren Häusern nicht vor." „Warum soll ich mich nicht laufen lassen" — sagte der Bruder eines getauften Ministers — „die jüdische Religion ist ein abgetragener Rock, ich brauche einen neuen." „Schon in meiner Kindheit sagte mir mein Vater, daß der jüdische Firlefanz bei meiner Laufbahn mir nicht im Wege stehen dürfe", erwiderte ein junger Mediciner. „Ich lasse mein Kind nicht mit dem Hebräischen quälen; nur deshalb trete ich aus dem Judenthum", versicherte ein Hof- und Gerichts-Advocat. „Immer und überall stand mir das Judenthum im Wege", sagte ein Millionär, der nicht ins Herrenhaus berufen wurde, „ich dulde nicht, daß mein Sohn über die gleichen Hindernisse stolpere." „Meine Tochter hat einen k. k. Beamten geheiratet", sagte ein mehr als 70iährig«-r Greis, „ich kann ihr doch nicht zumuthen, dereinst meiner Leiche auf den Judensriedhof zu folgen!" Fast noch schmerzlicher erscheint die Selbsttäuschung jenes jüdischen Familienvaters, der seine Tochter und deren bedeutende Mitgift einem Getauften antraute, unter der Bedingung daß er zum Judenthum zurücktrete — von jenem anderen Vater zu geschweigen, der seinem Sohne ein Pönale von einer Million Gulden auferlegte, falls er sich taufen ließe. Und die Zwischenfälle, gegen die sich jedes bessere Gefühl empört — wenn z. B. eine Braut dem getauften Bräutigam ihren Taufschein überbringt, nicht wissend, daß dieser so galant gewesen, Tags vorher zum Judenthum zurückzutreteu — oder wenn ein bekannter Dichter und Staatsbeamter seinen Sohn von demselben Kirchenfürsten taufen läßt, welcher, tolerant wie Wenige, dessen Beschneidungsfest einst mitgefeiert hatte. Tief betrübend ist der mehrfach vorgekommene Fall, daß die Familie ein sterbendes Familienglied in extremis taufen läßt. Ganz besonders tragisch war es, daß ein sterbendes Mädchen aus einer „ersten" Familie sich, so lange sie bei Bewußtsein war, gegen die ihr zugemuthete Taufe sträubte, und als endlich das Bewußtsein schwand, dennoch getauft wurde. Eine beklagenswerthe Verirrung liegt auch darin, daß Eltern Juden bleiben, aber aus überspannter Fürsorge für ihre Kinder diese taufen laffen. Ausgeburten der Kindesliebe, die sogar in „frommen" Häusern Vorkommen, jüngst selbst bei einem Zionisten! Welche Begriffsverwirrung spricht aus solchen Vorgängen? (Ein Schlußartikel folgt.) Prlsach, unser Äefrriungsfest. „Wenn Dein Sohn an Dich die Frage richten wird: Was für Bewandtniß hat es denn mit den Satzungen, Vorschriften und Rechten, die zu beobachten der Ewige, unser Gott, euch geboten hat?, so antworte Deinem Sohne: Wir waren einst in Mizrajim Sclaven dem Pharao, wurden dort hart bedrückt und verfolgt, geächtet und geknechtet, der Ewige aber hat uns durch ungewöhnliche Ereignisse und wunderbare Begebenheiten aus der Gewalt jener Tyrannen befreit und erlöst." (5 M. 6). Diese Antwort wird seit undenklichen Zeiten am Sederabende in jedem religiösen Hause dem Kinde auf dessen verschiedenartige Fragen, die es an den Vater richtet, ertheilt. Wir waren einst Sclaven, Gegenstand des Haffes und der Verachtung, von der Gesellschaft ausgeschlossen, überall zurückgesetzt und zurückgedrängt, mußten ein erbärmliches menschenunwürdiges Dasein fristen, Gott der Herr aber erhörte unser Flehen und befreite uns aus der Gewalt der Barbaren. Ist aber diese Antwort geeignet, unsere Jugend zu befriedigen? Hören wir sie nicht vielmehr verwunderungsvoll ausrufen: „Wie, wir waren einst Sclaven, und sind wir es denn

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