Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 254 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 16 Nachdenken. Sie erleichterte das Schulpensum der Kinder, sie befreite den Haushalt vom rituellen Zwange, den Geschäftsmann von lästigen Schranken, die Frauenwelt von denjenigen Qualitäten, welche den unsterblichen Typus der „Esches Chajil“ gekennzeichnet hatten. So kam es, daß für die Affimilirung leicht Propaganda zu machen war. Die Geschäftswelt hatte nicht Zeit, die Frauen hatten nicht Lust, religiös zu leben. Die Lehrer und Schüler hatten sich nicht mehr mit dem Hebräischen zu plagen — sie Alle schwärmten daher für die Assimilirung. Dazu gab die Politik ihren Segen: Der jüdische Wähler, der jüdische Journalist, der jüdische Kannegießer konnte nunmehr rückhaltlos gegen die Clericalen eifern, da er auch im eigenen Kreise alles Confeffionelle abgeschworen hatte. Noch mehr hielt es der jüdische Abgeordnete für engherzig, sich um die eigene Confefsion zu kümmern. Diese jüdischen Abgeordneten, treue Anhänger der liberalen Partei, wollten nicht sehen, daß diese Partei dem Judenthume gefährlicher wurde, als die Antisemiten. Sie ließen sich Jahrzehnte lang an der Nase herumsühren und hatten neben dem Schaden noch den Spott der College» zu tragen. Demungcachtet haben sich diese jüdischen Gesetzgeber in jener Blüthezeit des Constitutionalismus (1860—1889) „nicht zu erkennen gegeben". Nur mit wenigen Worten sei auf das Gegenbild in Ungarn verwiesen. Dort waren unsere Glaubensgenossen Mitkämpfer im Revolmionskriege gewesen, Mitarbeiter bei der Wiedergeburt der Verfassung, einflußreiche Beamte und Parlamentarier. Dabei fanden sie Zeit, das confessionelle Leben zu kräftigen und zu einer staatlichen Institution zu erheben. Assimilirt haben sich die ungarischen Juden am Schlachtfelde, bei der Steuercasse. im Parlamente — allein ihr Haus, ihre Schule, ihre Synagoge erhielten sie jüdisch, jüdischer als seit 100 Jahren. Und gerade hierdurch gelang es ihnen, die Achtung ihrer christlichen Mitbürger zu erringen. Die ungarische Antisemitenliga ist längst verduftet. Die Proceßacten von Tisza-Eszlar hatten keine Rohling und Dcckert, keine Lueger und Schneider gezeitigt. Sind auch neuestens manche Ansteckungskeime von Cis nach Trans getragen worden, so ist die Stellung der Juden in Ungarn dennoch unangreifbar geblieben. Anders bei uns. Unter dem Zeichen der Assimilation ist die Generation ausgewachsen, welche sich derzeit zur Taufe drängt. In ihrer Lehrzeit war das confeffionelle Element in der Religionsschule aus ein Minimum, im Hause auf Null beschränkt. Kein Judenfeind hätte alles Jüdische so mit Putz und Stiel zu tilgen verstanden, wie die jüdischen Eltern und Erzieher der „liberalen" Periode. Der jüdische Name ward germanisirt, alles Traditionelle und Rituelle beseitigt; die historischen Feste, der Seder, der Purim wurden der Vergessenheit überantwortet. Man hätte gerne auch den jüdischen Typus abgeschafft — allein die jüdische Nase und der jüdische Accent waren nicht auszurotten. Schnell verbreitete sich diese Tendenz, am schnellsten unter den Frauen, am verheerendsten in der Kinoerstube. Beraubt der herzerfrcuenden Legende, ohne zu beten, wuchs das Kind heran, — nie hat es das Schma Jisroel der Mutter nachgelallt, deren süße Laute uns Aelteren noch in den Ohren tönen, wenn schon unser Haar sich bleicht. Nie haben diese Kinder den Jubel eines Purim gekannt, nie die Schauer der Jomim nauroim erprobt, den Vater nie bei einer religiösen Uebung erblickt. Nur verächtlich hörten sie vom Judenthume reden, selbstmörderische Witze reißen: „Ich Hab' mich nicht zu erkennen gegeben." — „Was ist er? Nix. a Hebräer." — „Das Judenthum ist keine Religion, sondern ein Unglück" — selbstverhöhnende Glossen, die das eigene Nest beschmutzen — ein schmählicher Ersatz für die Wahrworte der vergessenen Tradition. Daraus mußte sich eine Generation entwickeln, welche das Gemüthsleben nicht kennt, welche die Eltern und Lehrer nicht ehrt, welche mit dem Heiligsten ihr Spiel treibt. Auch bei den Nichtjuden jener Periode hat der Jndifferentismus gewuchert, allein in den Häusern und Schulen wußte sich das religiöse Leben zu behaupten. Am Bollwerk der Sacramente brach sich auch die vorgeschrittenste Tendenz; das Concordat wurde aufgehoben, jedoch der Ritus mehr als je respectirt. Nie hat der Clerus so willige Parteigänger gefunden, als Diejenigen, welche aus der Neuschule hervorgegangen sind. Kaiser und Minister ziehen im Frohnleichnamszuge durch die Stadt, Fastenpredigt und Beichtstuhl sind in der Mode. Die „aufgeklärtesten" Politiker beugen sich tief vor dem Clerus. Den jüdischen Kindern hingegen hat man das religiöse Element im Hause genommen und nichts an dessen Stelle gesetzt. Nichts, denn die damalige Religionsschule vermochte nicht im Entferntesten die Lücke auszufüllen. Des hebräischen Bibelunterrichtes beraubt, auf eine dogmatische Glaubens- und Pflichtenlehre beschränkt, konnte die Schule nicht begeistern, ward vielmehr nur als Last und Chicane empfunden. Was sollte aus Kindern werden, welche das Elternhaus ohne Pietät, die Religionsschule ohne Herzens- und Geistesstärkung fanden — ein Kindesleben ohne den Hauch religiösen Sinnes, ohne die Poesie des Glaubens und Höffens — leer, prosaisch, ein sonnenloser Werkeltag! So verstrichen 20 Jahre, so wuchsen die Abtrünnigen von heute heran. „Die Juden waren im besten Zuge, sich zu entjuden, als der Antisemitismus sie wieder zu Juden machte." Mit diesen Worten bezeichnte der berühmteste Philosoph unserer Tage die Wendung, welche in den Achtziger-Jahren sich'vorbereitete. Schon im Alterthume hatten ähnliche Zustände das scheinbar erlöschende Judenthum zu neuem Leben geführt; aus der Epimixia, der Affimilirungswuth, welche zur Zeit des Antiochus Epiphanes in Schwung war, hatte sich eine religiöse Wiedergeburt entwickelt. Die Liebeswerbung wurde von den Griechen zurückgewiesen, gleichwie von den Ariern unserer Tage. Unsere Stammesbrüder waren auch damals bereit, sich zu assimiliren, allein die Partner fehlten auch damals. Nach dem, was sich unter dem „Volke derDichterund Denker", insbesonders in unserer Kaiserstadt zugetragen hat, müssen selbst die fanatischesten Assimilanten zugestehen, daß die Verschmelzung pur et simple nicht angehe und daß die Kluft zwischen Arier und Semiten nicht schlechtweg ignorirt werden könne. Der Anprall war so heftig, daß Manche sich wieder aus ihr Judenthum besannen und den Werth der so gering geschätzten Zusammengehörigkeit zu erkennen anfingen. Die rauhe Hand der Gegner machte das Bedürfniß rege, sich wieder zusammenzuschließen. Wer die ererbte Fahne nicht offen verlassen wollte, erkannte es für richtig, sich der Stammesgenoffenschaft zu erinnern. Man begann schüchtern sich für Gemeinsachen zu interessiren, das rituelle Leben wenigstens pro forma gelten zu lassen. Die Meisten hatten allerdings die Befähigung verloren, die eigentlichen Grundfragen zu prüfen; absolute Unkenntniß des jüdischen Lebens und der jüdischen Lehre verhinderten die Mehrzahl, sich darüber klar zu werden, wie die jüdische „Gemeinbürgschaft" praktisch ausgestaltet werden könnte. Es ist bezeichnend, daß der Zionismus — dieser eigenartige Weckruf in der Wüste — sich trotz alles Polterns als impotent herausstellt, weil ihm der rituelle Factor fehlt. Wie dem auch sei, zu Ende der Achtziger-Jahre fing man an, sich wieder zur Gemeinschaft zu bekennen, weil man derselben bedurfte, um sich seiner Haut zu erwehren. Schon diese beginnende Evolution war von günstigen Folgen begleitet. Man konnte das erste Aufdämmern der Selbstachtung und der Achtung vor der Tradition bemerken. Man erkannte, daß nur durch engeres Zusammenschließen Abwehr geübt werden könne. Die Einkehr bei sich selbst führte zu bemerkenswerthen Consequenzen, zu einer kräftigen Reaction gegen antisemitische Gewerbsleute, zu einer rühmlichen Abwehr seitens der jüdischen Studentenvereine, zu lebhafterer Betheiligung am jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben. Die Zahl der Bethausbesucher, der Beschneidungen, der Confirmationen wuchs. Das Selbstvertrauen, die Neigung zur Selbsthilfe nahm zu. Ermuthigt durch das Wiedererwachen der jüdischen Gesinnung suchte man in der Religionsschule das Hebräische wieder hervor. Das Ausmaß des Unterrichtes ward so vorsichtig angesetzt, daß hiedurch selbst die bescheidene Stufe der Fünfziger-Jahre noch nicht erreicht wurde. Nur so viel Hebräisch sollte gelehrt werden, daß die Schüler allmählich wieder die wichtigsten Gebete lesen könnten. Leider hat sogar dieser schüchterne Versuch manche schlimme Folgen nach sich gezogen. Denn auch in diesem Minimum wurde eine Ueberlastung der Schuljugend gewittert, da man selbst in der kritischen Zeit des Antisemitismus die Bequemlichkeit dem wahren Interesse vorzog. Um die angeblich überlasteten Kinder vom Hebräischen zu befreien, griffen Einzelne zum Religionswechsel oder drohten mindestens mit demselben. Was können Kinder von einer Confefsion halten, welche man abzuschütteln wagt, um ihnen ein lästiges Pensum zu ersparen? Die bloße Drohung einzelner Väter reicht hin, um neben der Moral der eigenen Kinder auch den religiösen Sinn ihrer Mitschüler zu untergraben. So wurde das Gift im Innern der Schule gefährlicher, als die Bedrängnisse von Außen.