Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Date
- 1902-04-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 1b Dl*■ BlOCh 8 Jahrgang XIX Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. — — — - -- Wie«. 18. April 1902. -*-> Lrfch eint jeden Freitag. -I-H«I- Brief-Adreffe: Wien, IX/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Vloch's Wochenschrift, Wien. U =m K. k. Postsparraffrn-Arnt Clearing - Verkehr Nr. 610.976. Redartion und Administrativ» Viru IX/1, Berggasse Nr. 39. ^»lopkoi, Nr. 14.847. M..- — « Serngsxrei» flir Sesterretch Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 gellet. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Krone«. Ganzjährig 20 . Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. x --■ -=* Inhalt: Leitartikel: Abfall vom Judenthume. — Pessach, die Zeit unserer Freiheit. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Traurige Folgen der Blutlüge. Die Juden in der Landwirthschaft. Die semitischen Sprachen. Was finden wir in der Bibel? — „Der Bluthund". — Correspondenzen: Plenarsitzung des Vorstandes der israelirischen Cnltusgemeinde in Wien. Bericht über die Wirksamkeit des israelitischen Blinden-Jnstitutes in Wien in den Jahren 1896—1901. Generalversammlung des Leopoldstädter Frauen-Wohlthatigkeitsvereins und Kaiserin Elisabeth-Lehrknädchenhort. Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Böhmen. Kolin, Das israelitische Asyl in Meran, Berlin, Erinnerung an Dr. Lieber, Hamburg, Bukarest, New-Iork, Der Gouverneur der Provinz Santa-Fee. — Vermischtes: Kranzablösnngsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Floridsdorf, Baden, Teltsch, Csakathurn, Galgöcz, Lipto-Ujvar, Virovitica.^j— Feuilleton: Ein Passahfest. Jsajka, der Segelflicker. Eine auffallende religiöse Entscheidung des Maharil. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. Inserate. Abfall vom Audenthnme. Von Dr. M. S. 618 Austritte aus dem Judenthum sind im Jahre 1901 erfolgt. Wohl keiner dieser Austritte geschah aus religiöser Ueberzeugung, alle aus materiellen Gründen: Heirat, Avancement, Protection, auch Befreiung von der Cultussteuer oder von der Religionsschule. Scrupelloser als irgend ein Andersgläubiger wirft der Jude seinen Glauben von sich und beschwört ohne Scheu ein neues, ungeglaubtes Bekenntniß. Die christliche Kirche verdammt den Abtrünnigen zu ewigen Strafen, der Islam verurtheilt ihn zu Tode — jede Körperschaft straft den, der ihr untreu wird, mit Verachtung und Ausschluß. Nur der Jude zuckt über den Glaubenswechsel die Achseln und kümmert sich nicht weiter darum. Wenn es der getaufte Jude nicht ist, der die bisherigen Genossen meidet — der Jude bleibt ihm Genosse, Freund, Verwandter; er empfängt den Getauften nach wie vor in seinem Hause, nach wie vor spielen die Kinder mit einander, die Jünglinge und Mädchen flirten und heiraten sich — beide Theile thun, als wenn nichts vorgefallen wäre. Den Austretenden soll keine Thräne nachgeweint werden; sie hätten dem Judenthum auch ohne Taufe keine Ehre gemacht. Allein die Zunahme des Abfalls, die ansteckende Wirkung desselben und die Gleichgiltigkeit der Nächststehenden drängen zu ernstem Nachdenken. Woher kommen diese Mißstände? Warum sind sie in Wien schlimmer als anderwärts? Die Statistik gibt uns wenig Aufschluß über den Anlaß zur Taufe; weder im Familienstand der Austretenden, noch im Berufe derselben läßt sich ein Anhaltspunkt finden. Das männliche Geschlecht waltet vor: 338 Männer gegen 280 Frauen; unter den Berufs arten stellen Beamte und Private das größte Contingent: 69 Beamte, 140 Private. Diese Ziffern sind nicht so charakteristisch, um daraus Schlüsse zu ziehen. Der Hinweis auf den Antisemitismus reicht zur Erklärung nicht hin. Wohl hat uns derselbe viel Böses angethan; man verschließt uns die Communalämter und die Zuständigkeit; bei Lieferungsgeschäften werden wir übergangen; die kleinen jüdischen Geschäftsleute werden boycottirt, die großen werden in den Jockeyclub nicht ausgenommen. Trotzdem ist der Zusammenhang mit der Taufe nur ausnahmsweise nachzuweisen; weit eher ließe sich behaupten, daß der Antisemitismus die Synagogen füllt, als daß er die Uebertritte veranlaßt. Auch die Fürsorge für die Kinder ist es nur selten, welche den Borwand zur Taufe bietet. Im Jahre 1901 sind im Ganzen nur 9 Kinder unter 7 Jahren und 37 zwischen 14 und 18 Jahren aus dem Judenthum geschieden — zwischen 7 bis 14 Jahren darf gemäß der confeffionellen Gesetze nicht getauft werden. Sohin spielt auch die Fürsorge für die Laufbahn der Kinder keine Hauptrolle. Ein Blick auf die Altersstufen der Convertiten läßt allerdings an andere Gründe denken. Von 618 aus dem Judenthnm Ausgetretenen befanden sich 488 im Alter von 18—40 Jahren. Die Schuljahre dieser Abtrünnigen fielen sohin in die Periode von 1859—1888, welche, unter dem Zeichen der „Assimilirung" verhängnißvoll für das religöse Leben der Juden in Oesterreich geworden war. Diese Periode hatte in der „Confeffionslosigkeit" eine öffentlich-rechtliche Institution geschaffen, wie sie in keinem anderen Culturlande besteht. Bei Christen und Juden war damit ein neuer Factor in die moralische Jugenderziehung eingetreten. Bei den Christen hatte sie zur religiösen und politischen Reaction geführt und den Antisemitismus gezeugt — bei den Juden die schon früher bestandene Gleichgiltigkeit gegen alles religiöse Leben zum Affimilirungswahn gesteigert. Weite Kreise in unserer Gemeinde begnügten sich nicht mehr damit, das religiöse Leben links liegen zu lasten; sie glaubten es der neugewonnenen Gleichberechtigung schuldig zu sein, ans Demoliren zu gehen, den „Schutt des Judenthums" wegzuröumen. Abschaffung des Hebräischen in Schule und Bethaus, Lossagung von rituellen Formen, Assimilirung mit der christlichen Gesellschaft. Diese Schlagworte beherrschten die Gemüther und fanden Wiederhall in den Debatten des Cultusvorstandes, in der Publicistik, im häuslichen Gespräche. Einen Heißsporn im Cultusvorstande, der aus der sofortigen Beseitigung der hebräischen Liturgie eine Cabinetsfrage machte, konnten die weniger radicalen College» nur damit beschwichtigen, daß sie ihn auf das natürliche Absterben dieser Liturgie verwiesen, welche die jüngere Generation überhaupt nicht mehr werde lesen können. Zu Protokoll wurde erklärt, daß die Religionsschule nicht dazu berufen sei, die Kinder zu Juden, sondern zu guten Menschen zu erziehen. Die hiemit untrennbar verbundene Frage, ob Kinder ohne religiösen Halt zu guten Menschen erzogen werden können und namentlich ob es Aufgabe einer jüdischen Religionsschule sei, das confeffionelle Element über Bord zu werfen, ließ man unerörtert. Diese Richtung war sehr geeignet, viele Gemeindegenoffen für sich zu gewinnen; sie war bequem, sie erforderte kein tiefes