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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-11 · 15 (11.4.1902) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
15 (11.4.1902)
Date
1902-04-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 250 Dr. Blvch's Wochrnschrifl. Nr. 15 Für das gestrige Trinken. Sie sagten, ich hätte den ersten Steuermann beleidigt. . . Wenn ich mich nur darauf besinnen könnte! Jedenfalls, Brüderchen, gib mir von Deiner Salbe. Ich werde mir den Rücken damit einreiben lasten." Jsajka verstand es, eine Salbe zu bereiten, die nach Aussage der Matrosen die Schmerzen in den zerschlagenen Gliedern linderte und häufig wurde er um seine Arznei angegangen. „Im Nu werde ich sie zurechtmachen", erwiderte Jsajka, und ängstlich fragte er: „Schmerzt es sehr?" Seine Züge hatten bei diesen Worten einen so gequälten Ausdruck, daß man hätte glauben können, er habe die Strafe erlitten, nicht jedoch Jwanitsch, in dessen gebräuntem, wetterhartem Gesicht mit den furchtlos, schlau und gutmüthig dreinblickenden, kleinen, grauen Augen keine Spur der soeben ausgestandenen Qual zu lesen war. „Dazu schlagen sie ja, daß es schmerzen soll! Was hast Du Dir denn gedacht?" erwiderte lächelnd Jwanitsch. „Aber dem Hallunken Tschekuschkin werde ich die Fresse zusammenhauen! Kannst ganz ruhig sein! Wenn er auch Unterosficier ist. Windelweich soll er werden!" rief der Matrose plötzlich und in seinen sonst gutmüthigen Augen blitzte ein böses Feuer aus. „Ach, ach, Jwanitsch, warum?" „Warum? Damit der Schurke eine Grenze einhalten soll! Schlage, wenn es Deine Hundepflicht ist! Dem Befehl leiste Folge, aber Deine Wuth laß' an Deinem Bruder nicht aus!" „Du wirst die Sache verschlimmern, Jwanitsch. Er könnte es Dir heimzahlen, wenn Du wieder . . Aus Zartgefühl hielt Jsajka inne und seufzend fügte er hinzu: „Und all' dies, weil Du vom Schnaps nicht lassen kannst." „Natürlich darum. Du bist ein so vernünftiger Mensch, Jsajka, und verstehst nicht, daß ein Matrose sich zerstreuen muß. . . Ohne Schnaps wäre der Dienst vollkommen unerträglich . . . Merk' Dir das, Jsajka." „Du bist unverbefferlich, Jwanitsch ... Es gibt nichts, wovor Du Dich fürchten möchtest. Hundert Streiche? . . . Ach, ach! wie kannst Du das nur aushalten?" „Meine Haut ist gegerbt. Ich kann — Gott sei es gedankt — mehr als das aushalten!" sagte Jwanitsch nicht obne Prahlerei. „Fürchte nichts; ich werde mich vor diesen Hallunken nicht demüthigen, wenn sie für eine in trunkenem Zustande vollbrachte That die Haut von einem Christenmenschen schinden. Wenn ich bewußt gefehlt habe, kannst Du strafen, kannst mich sogar todtschlagen, das ist Dein Recht. Aber einen Betrunkenen für seine Handlungen verantwortlich machen? ... Ist das gewistenhast?" „Mein lieber Jwanitsch", erwiderte Jsajka sinnend, „was Gewissen ist, das haben die Menschen längst vergessen." „Das ist es eben. Die Menschen haben es vergessen und ich bin ein Trunkenbold ... So schlage denn, aber mit Erbarmen . . . Schlage, aber mit Verstand, nicht ohne Maß!. . . Und ich werde dreihundert Hiebe ausholten, ohne in's Lazareth zu gehen!" „Ach, Du!" flüsterte Jsajka, den Freund mit ehrfurchtsvoller Bewunderung anblickend. „Und Du, Jsajka, könntest keine fünfzig Stück aushalten, nicht wahr? Solcher Kleinigkeit halber würdest Du Deine Seele aushauchen! Du bist aber auch schrecklich mager, Jsajka!" lachte Jwanitsch, indem er die schwächliche Gestalt des kleinen Segelflickers mit dem herablassenden Mitleid eines gesunden, kräftigen Menschen betrachtete. Bei den Worten des Freundes erbebte Jsajka an allen Gliedern; erregt, mit ungewönlichem Ernst in der Stimme, sagte er : „Und die Schande! Vor Schande allein kann man sterben. . . Ach, Gott! Ach, Gott:" Ein tiefer Seufzer hob seine Brust. „Welche Schande?" fragte Iwan Jwanitsch erstaunt. „Ich glaube, daß Du vor Angst phantasirst! . . . Wenn Jemand Ursache hat, sich zu schämen, so ist es Derjenige, der kein Mitleid mit einem Menschen hat und ihm für jede Kleinigkeit die Haut schindet. . . Der soll sich schämen . . . Für einen Matrosen ist es keine Schande ... Dem wird unser Herrgott im Jenseits alle Sünden vergeben . . . eben weil er soviel gelitten hat. Ans diesem Punkte waren die beiden Freunde niemals einig und konnten einander gar nicht verstehen. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Literarische Notizen. Unter „Literarische Notizen" macht Herr Rabbiner Dr. Kob a k u. A. auch auf die in der That sehr schwierige Stelle im Tractat Rosch haschona 25 a aufmerksam, wo erzählt wird, daß Rabbi, welcher Rabbi Chija nach En-tob zur Einsegnung des Neumondes sandte, von diesem als Zeichen der vollzogenen Function -den Spruch verlangte: „David, der König Israels, lebt ewig". Herr Dr. Kobak fragt mit Recht, „in welchem Zusammenhänge die genannte Parole mit der Einsegnung des Neumondes steht" und schlägt daher eine neue Lesart vor, wonach Rabbi von Rabbi Ehija als Zeichen verlangte „Daud (der Freund Israels-Gott) lebt immer und ewig"^ Ob mit dieser Emendation etwas gedient ist, ist allerdings sehr fraglich. Denn erstens kommt das Wort Daud in diesem Sinne ohne Possessivsuffix niemals vor (vergl. daudi. daudau u. a.; wenn der verwandtschaftliche Grad näher bezeichnet wird, dann kommt allerdings daud vor, z. B. daud mordeehaj-Onkel Mordechaj’s, daud ahron u. s. w.) Aber auch abgesehen davon, ist die Frage, in welchem Zusammenhänge diese (neue) Parole mit'der Function der Einsegnung des Neumondes steht, noch immer nicht gelöst. Herr Dr. Kobak meint allerdings, es soll in diesem Satze eine Trostverheißung für die unterdrückte jüdische Nation bestehen, „daß der Freund und König Israels das jüdische Volk trotz des schweren Joches der Gewalthaber nicht verlassen wird, was aber umso unwahrscheinlicher ist, als gerade Rabbi Jehuda hauassi es war, der diese Parole verlangte, inl dessen Zeitalter (Rabbi war bekanntlich der Freund eines römischen Feldherrn, vergl. Aboda sara 10 b, Nida 45 a und Rasebi zu Baba Mezia 33 b; wer dieser Antoninus war, darüber sind wohl die Ansichten verschieden, vergl. Sendschreiben Scherira's 6d. Goldberg, Jost Allgemeine Geschichte der israelitischen Völker, Berlin 1832, II. Band, S. 130, Frankel, Jntroduction in Mischnam s. v. Rabbi Jehuda hauassi, Grätz, IV. Bd., S. 223 und Note 23—24, ferner Bodek, Marc Aurel Antoninus, Leipzig 1868 u. v. a., jedenfalls steht es fest, daß Rabbi sich der Gunst eines römischen Potentaten erfreute, vergl. darüber I. H. Weiß, II., S. 179 und Frankel's Monatsschrift 1862 und >665) besondere Gewaltthätigkeiten gegen das jüdische Volk nicht vorgekommen sind. Ueberdies wurde die Einsegnung des Neumondes in En-tob nicht auf Veranlassung der römischen Machthaber, sondern aus ganz anderen Gründen vorgenommen. (Vergl. Jerus. Talmud Synhed. I. Absch., und Grätz' Monatsschrift, 33. Jahrg.) Endlich ist aus der angeführten Stelle im Jerusalemischen Talmud ersichtlich, daß dieses Zeichen (Parole) sich thatsächlich auf den König David bezieht. Denn, als man dieses Zeichen abschaffen wollte, fragte R. Simon: Wie? Sollten wir für Jehuda gar kein Andenken mehr zurücklassen? Aus diesen Gründen scheint die Erklärung von E. Atlas im Haarif, Jahrgang 1865 sehr einleuchtend zu fein, wonach Rabbi mit dem Zeichen „David, der König Israels" u. s. w. etwas ganz anderes bezweckte. Bekanntlich fand die Einsegnung des Neumondes stets in Judäa statt. (Vergl. Synhed. 11b.) Nun sah sich Rabbi genöthigt, zum e r st e n m a l e diese Function außerhalb Judäas (also in En-tob) vornehmen zu lassen. Dieser Schritt hätte leicht falsch verstanden werden können, man hätte darin gleichsam eine Lostrennung von Palästina und Jerusalem, der Residenz des Davidischen Königshauses, erblicken können, wie zur Zeit Rechabeams. Diesem Gerede vorzubeugen, befahl Rabbi d. R. Ehija, er soll die Neumonds-Einsegnung außerhalbJudäas zwar vornehmen und als Zeichen, daß in dieser Handlungsweise keine Geringschätzung gegen Palästina zu erblicken ist, soll er (R. Ehija) die Parole herausgeben: „David, der König Israels, lebt ewig", d. h. wir haben immer dieselbe Ehrfurcht vor Jerusalem, als ob der König David noch am Leben wäre. Zwittau (Mähren). Dr. Felix Kanter. Druckfehler-Berichtigung. In der von uns publicirten Vorrede zu der neuen Schrift des Herrn Oberrabbiner Dr. Güdem a n n in der letzten Nummer S. 227 findet sich ein Druckfehler, den wir nachstehend richtigstellen. In dem Absatz „Von der Polemik" muß es in der zweiten Zeile heißen: „Ansichten vom Judenthum", nicht „im Judenthum."' Neue Bücher. Dr. Hermann Bogelstein, Rabbiner der Synagogengemeinde Königsberg i. Pr. „Die Anfänge des Talmuds" und die „Entstehung des Christenthums". Bortrag, gehalten im Vereine der jüdischen Geschichte und Literatur zu Königsberg am 19. Februar 1902. Ostdeutsche Buchhandlung, Königsberg i. Pr., 1902. Rosalie PerleS. „Ein moderner Erlöser des Judenthums". Vortrag, gehalten im Vereine für jüdische Geschichte und Literatur zu Königsberg in Pr., Ostdeutsche Buchhandlung, 1901. Johannes Müller. „Der Beruf und die Stellung der Frau". Verlag der Grünen Blätter, Leipzig, 1902.

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