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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-11 · 15 (11.4.1902) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
15 (11.4.1902)
Date
1902-04-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr- 1« Dr. Bloch's Wochenfrhvift. Seite 949 er, seinen eigenen, innigsten Wunsch als Gebot Gottes auffassend. „Und was wird sein, Jsajka", scherzte einer der Unterofficiere oder ä-teren Matrosen, .wenn Ser Offirrer Die zur Wache in den Mastkorb zn steigen beichten wird?" „Das thut er nicht. Warum denn auch?" „Als Strafe." „I! Warum sollte er mich strafen wollen? Ich flicke die Segel in der Kajüte und Niemand sieht mich. Und an meiner Arbeit ist nichts auszusetzen .... Der Herr Officier ist ein kluger Mann . . ." „Freilich, klug ist er, aber wenn man in Zorn gc-rätb, ist's aus mit der Klugheit . . . Für die kleinste Kleinigkeit ',etzt es was . . Manchmal weist man gar nicht wofür. Er sieht Dich auf dem Verdeck und sofort heißt es: „Jsajka soll in den Mastkorb! Man muß ihn durchlüften!" Jsajka wußte, was Alles auf einem Kriegsschiffe stattfinden kann. In seiner ungewöhnlich lebhaften Phantasie glaubte er das soeben Geschilderte in Wahrheit vor sich zu sehen. Erschrocken rief er : „Ach! Das kann nicht sein!" Unmittelbar darauf jedoch war er sich bewußt, daß dies nur ein Spaß eines Kameraden gewesen und gutmülhig lächelnd fügte er hinzu : „Und Du, Mathias, mach' mir keine Angst. Fürchte ich mich doch ohnedies genug." ■ ‘ „Bei stürmischem Wetter war Jsajka ängstlich und gedrückt. Wenn das große Holzschiff in allen seinen Gliedern stöhnend und ächzend gegen den Anprall der Wogen ankämpfte, murmelte er mit erbleichten Lippen und weitgeöffneten Augen ein Gebet nach dem anderen und lauschte, in einem Winkel verborgen, dem Tosen des Meeres, das an die Flanken des Schiffes schlug. Auf's Verdeck ging er nie bei solchem Wetter, da die bleifarbenen Wellen, die das drei Stock hohe Schiff einem kleinen Holzscheit gleich in die Luft schleuderten, ihm einen tödtlichen Schrecken verursachten. Und er zog es vor, solche Stunden allein, in der halbdunklen, mit Segeln und znsammengerollten Stricken und Seilen gefüllten Kajüte zuzubringen. Dort wenigstens schämte er sich seines Zitterns nicht und konnte bei jeder heftigeren Bewegung des Schiffes ungehört seufzen und ächzen. Ertönte aber der Pfiff: „Alle Mann auf Deck! Alle Segel raffen!" so stürzte Jsajka, Verzweiflung im Herzen und sein unglückliches Schicksal verwünschend, zugleich mit den Anderen auf's Verdeck, zog die Schnüre mit all' seiner Kraft, flog, rasch wie ein Pfeil, von einem Ort zum anderen, wobei er es jedoch vermied, die Augen auf das tobende Meer zu erheben. Wozu denn auch? Immer aber stieg in solchen Augenblicken vor seinem inneren Auge ein kleines, stilles Zimmer auf dem festen Lande auf und in diesem Zimmer, in einer behaglichen Atmosphäre, sieht er sich selber, auf einem niederen Schemel sitzend, Schuhe und Stiefel nach der neuesten Mode verfertigen, während allerlei Gedanken über menschliche und göttliche Angelegenheiten seinen regen Geist beschäftigen. „Lieber wär' ich schon Soldat geworden!" denkt er seufzend. Selber zaghaft und furchtsam, blickte indessen Jsajka mit besonderer Ehrfurcht und hochklopfenden Herzens auf seine Kameraden, die während des Sturmes die Strickleitern rasch emporkletterten, dann, riesengroßen Ameisen gleich aus den Mastbäumen sich zerstreuten und die weißen, sich blähenden Segel ergreifend, dieselben mit unsichtbarer Kraft zusammenrafften. „Uff! . . ." Der in solchen Augenblicken Jsajka's Brust sich entringende Ausruf drückte seine Bewunderung und auch die Furcht aus, daß einer dieser Braven in's Meer fallen und ertrinken, oder auch blutüberströmt und mit gebrochenen Gliedern auf's Verdeck stürzen könne. Solche Ereignisse kamen während jeder Reise vor, aber Jsajka's Angst wurde nicht geringer. Immer senkte er dabei die Augen, blickte unverwandt vor sich hin und flüsterte unwillkürlich, wie um seinem bewundernden Staunen Ausdruck zu verleihen, zu den ihm zunächst stehenden Kameraden: „Ach, wie muthig sie sind, wie bar jeder Furcht!" „Wen bewunderst Du so, Jsajka?" „Nun, die dort, unsere Matrosen", erwiderte Jsajka, seine Genossen, die so verschieden von ihm waren, nicht ohne Stolz betrachtend. IV. Ungleich größere Furcht jedoch als die Stürme und schwankenden Mastbäume flößten Jsajka die Stricke, Ruthen und Schlägereien ein. Die körperliche Züchtigung weckte in ihm lticht nur den panischen Schrecken vor physischen Schmerzen, sondern die inftinctive Angst vor dem Mit-Füßen-Treteu der menschlichen Würde. Und das Gefühl dieser Würde war bei Jsajka in hohem Grade entwickelt, wie bei den meisten Juden, da dieselben nicht, wie die ländliche Bevölkerung Rußlands jener Zeit, mit der erniedrigenden körperlichen Züchtigung von Kindheit an vertraut waren. Diese fast krankhafte Furcht, die Jsajka schon zur Gewohnheit geworden war, hielt seine Nerven in fortwährender Spannung und gab er sich alle erdenkliche Mühe, seine Vorgesetzten zufrieden zu stellen. Obgleich er ihren Zorn bis nun nicht ein einziges Mal sich zugezogen hatte, gab er, gleich einem die Nähe der Hunde witternden Hasen, keinen Augenblick die größte Vorsicht auf. In jener entfernten Zeit nämlich, da die Matrosen für die kleinste Nachlässigkeit mit grausamen Peitschenhieben gezüchtigt wurden und die rücksichtsloseste Strenge an der Tagesordnung war, konnte man ganz unvermuthet und häufig auch unverdient eine gehörige Tracht Prügel einheimsen. Für jene grausame Zeit war Jsajka ungewöhnlich gefühlvoll. Der Anblick der entblößten Schultern seiner Kameraden — auf welche unter der strengen Aufsicht des an derartige Schauspiele gewöhnten Osficiers die von zornigen Unterosficreren oder Bootsmännern geschwungenen Stricke leise klatschend niedersausten — der mit blauen Striemen und scharlachrothen Blutstropfen sich bedeckenden Körper, das anfänglich unterdrückte Stöhnen, das stufenweise in das wilde Schreien eines machtlosen Thieres überging und das manchmal, wenn der Berurtheilte die Besinnung verlor, vollkommen verstummte, füllten Jsajka's Seele mit Furcht und unendlicher Trauer. Manchmal wurde die ganze Mannschaft beordert, bei solchen Executionen anwesend zu sein. Dann zitterte Jsajka — bleich wie der Tod — an allen Gliedern; er konnte sich kaum auf den Füßen erhalten und trocknete verstohlen die seinen Augen entströmenden Thränen. Selbstverständlich würde er sich niemals freiwillig entschlossen haben, solchen Strafen beizuwohnen. Wenn plötzlich der Befehl erscholl, daß einer der Matrosen bestraft werden sollte und der Betreffende bleichen Antlitzes, entweder demüthig oder scheinbar ohne die geringste Furcht dem Rufe Folge leistete, flüchtete Jsajka in die Kajüte, versteckte sich in einem Winkel, stopfte sich die Ohren und murmelte ein Gebet nach dem anderen, wobei in seinen großen, sanften, erschrockenen Augen unsagbare Trauer sich wiederspiezelte. „Jsajka ist mitleidig!" sagten die Kameraden. Aber nicht nur Mitleid, auch unwillkürliche Bewunderung empfand Jsajka angesichts der Ausdauer und des Muthes, mit denen die Matrosen Strafen ertrugen, deren bloßer Anblick ihn in Todesangst versetzte. Ganz besonders imponirte ihm einer seiner besten Freunde, Iwan Jwanitsch, ein breitschultiger, kräftiger, gedrungen gebauter Matrose, dem die schwerste und gefährlichste Arbeit auf dem Schiffe übertragen würde. Aeußerst tüchtig, war er andererseits ein Taugenichts und Trunkenbold, der, wenn er einen Rausch hatte, gern raufte und die Zunge nicht hinter den Zähnen hielt. Ec wurde sehr oft geschlagen und hatte sich derart daran gewöhnt, daß er manchmal eine Wette um ein Glas Schnaps einging, er würde die ersten fünfzig Streiche ertragen, ohne einen Laut der Klage von sich zu geben. Und er hielt Wort. Todtenbleich, das schmerzlich verzerrte Gesicht mit großen Schweißtropfen bedeckt, biß er stumm die Zähne zusammen. Nachdem die Wette gewonnen, begann er leise zu stöhnen. Er behauptete, daß ihm dieses Aufstöhnen das Athmen erleichtere. Häufig, wenn er seine hundert Streiche erhalten hatte, zog er sein Hemd auf die Schultern und ging, als wäre nichts geschehen, eine Pfeife Machorka zu rauchen. Später pflegte er Jsajka, der in der Kajüte seine Segel flickte, aufzusuchen, und sich neben chn setzend, sagte er leise: „Jsajka, hundert Stück haben mir die Hallunken aufgezählt." „Hundert? ach, ach, ach!" rief Jsajka voll Mitgefühl, obgleich er der Rechnung seines Freundes nicht ganz traute. Das muntere Aussehen und der Klang der Stimme des Matrosen ließen das Erhalten einer so großen Anzahl Hiebe ziemlich unglaublich erscheinen. „Und gehauen haben sie, sag' ich Dir... Besonders dieser Teufel Tschekuschkin hat mit einer Wucht auf mich losgeschlagen.

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