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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-11 · 15 (11.4.1902) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
15 (11.4.1902)
Date
1902-04-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 246 Dr. Bloch's Wochenschrifl. Nr. 15 die Juden sich rückhaltlos und sehr schnell jeder Cultur anschließen, daß sie es an Treue und Dankbarkeit an das Vaterland, in dessen Mitte sie leben, mit Jedem aufnehmen können, wenngleich beides von den Gegnern lebhaft bestritten würde, ging er zum eigentlichen Thema über und gab in interesianter und geistvoller Weise die Biographien der hervorragendsten Staatsmänner aus der spanischen Blütheperiode, aus Portugal, der Türkei und anderen Ländern; besonders verweilte er bei den Staatsmännern und Parlamentariern der neuesten Zeit aus Italien, Frankreich und Deutschland, wie Luzzatti, Cremieux, dem Begründer der Alliance israölite universelle, Finanzminister Ellstädter. Lasker, Loewe, Bamberger u. A. Wir deutsche Juden, so etwa schloß der Redner, schöpfen aus diesem Rückblick das Anrecht auf volle Gleichberechtigung. Wir sind keine Eingewanderten, sondern Eingeborene in Deutschland. Heute haben wir vor Allem, um das Judenthum zu erhalten, um seine politische Gleichberechtigung zu kämpfen; die wiffenschaftlichen Bestrebungen allein vermögen das Judenthum nicht zu retten. Daß unsere Gebildeten und unsere Reichen vom Judenthum abfallen, hat einzig und allein darin seine Begründung, daß das Judenthum, wenn auch seine Gleichberechtigung in der Verfasiung ausgesprochen ist, in Wirklichkeit auf den verschiedensten Gebieten verkürzt wird. Aber wie in alter Zeit die Juden aus dem ihnen zugefügten Unrecht hieraus eine begeisterte Anhänglichkeit für ihren Glauben geschöpft haben, und je mehr man sie verdrängte und verkürzte, sich umso mehr ausdehnten und umso größere Liebe für die Ueberlieferung ihrer Väter hatten, so werden auch wir uns in der Liebe zum deutschen Vaterlande nicht beirren und einengen lassen. Wir werden begeisterte Anhänger und Bürger sein, zugleich aber auch treue Juden, die das Wort in Esras zur Wahrheit machen. „Weil wir fürchten nur den Einen, fürchten wir vor allem Keinen." Lebhafter wiederholter Beifall ward dem Redner für feinen interessanten Vortrag zutheil. In üblicher Weise gab darnach der Vorsitzende des Vereins, Rechtsanwalt Dr. Horwitz, eine Blüthenlese der neuesten antisemitischen Leistungen. Mit scharfen und treffenden Worten zog er gegen den wiffenschaftlichen Antisemitismus zu Felde und wies die in Paulsen's Ethik, im Harnack'schen Werke und der Broschüre des Herrn Chamberlain erhobenen Vorwürfe gegen Juden und Judenthum gebührend zurück. Camberg, 31. März. Der Reichstagsabgeordnete Doctor Lieber (Centrum) ist heute gestorben. Dr. Ernst Lieber, geboren am 16. November 1838 zu Camberg, Bezirk Wiesbaden, studirte Rechts- und Staatswiffenschaften, wurde 1877 in das preußische Abgeordnetenhaus und 1871 in den deutschen Reichstag gewählt. Der Verstorbene gehörte nicht blos zu den Mitbegründern des Centrums, sondern stand auch seit dem Tode Windthorst's im Jahre 1891 an der Spitze desselben. Dr. Lieber war ein Mann, der auch dem Judenthum Gerechtigkeit widerfahren ließ. Insbesondere trat er dafür ein, daß den Juden die Religionsfreiheit nicht im Mindesten beeinträchtigt werde. Man wird sich seiner geradezu glänzenden Rede erinnern, welche er für die Aufrechthaltung des rituellen Schächtens hielt. Auch wir Juden beklagen seinen Verlust. Ehre seinem Andenken! Aus dem Elsaß, 25. März. Der Landesausschuß für Elsaß-Lothringen hatte sich vorgestern mit einem Gesuch des Oberlehrers Dr. Heinrich Lewy vom Mülhauser Gymnasium zu beschäftigen. Der rastlos um die Hebung und Förderung unserer Glaubensgenossen bemühte Gesuchsteller, von dem vor Kurzem ja auch die Anregung ausging zur Gründung eines Israelitischen Mädchenschutzvereins für Deutschland, bat den Landesausschuß, die Schaffung eines seit 1870 fehlenden israelitischen Oberconsistoriums mit einem landesherrlich ernannten Präsidenten herbeizuführen. Für die Rothwendigkeit einer solchen Centralstell für die Angelegenheiten des israelitischen Cultus beruft er sich insbesondere auf die hievon zu erwartende Abstellung vielfacher Mißstände, die seit lange fortbeständen, und ungeachtet wiederholter Beschwerden ungestört fortbeständen. Aus den Verhandlungen ging hervor, daß bereits Besprechungen nach dieser Seite hin stattgefunden haben, die Bezirksconsistorien aber niemals rechte Neigung zu einer solchen Oberaufsicht zeigten, wie auch in der That der einzige jüdische Abgeordnete, Herr Manheimer, ein Mitglied des Consistoriums des Oberelsaß, gegen die Petition sprach. Das übrige Haus dagegen, wie auch die Regierung nahmen dem Gesuch gegenüber eine durchaus wohlwollende Stellung ei». Unterstaatssecretär Dr. Petri gab zu, daß sich aus dem Mangel einer Centralbehörde bereits Unzuträglichkeiten ergeben haben, die Regierung könne aber nicht auf die Anregung eines einzigen Mannes eingehen. Sei die Bevölkerung zufrieden, wie der Abgeordnete Manheimer erklärt habe, so liege für die Regierung um so weniger Anlaß zu einer Aenderung vor. Sie werde nur dann Vorgehen, wenn aus den breiten Schichten der Bevölkerung ein Antrag kommen sollte, sei es nun von den Consistorien oder von den Bürgern. Der Schwerpunkt liege nicht in den Consistorien, sondern darin, daß die Mehrheit der Bevölkerung den Wunsch ausspricht. Die Petition wurde sodann, dem Commissionsantrag entsprechend, der Regierung als Material überwiesen. — Hoffentlich versteht unsere jüdische Bevölkerung den von der Regierung gegebenen Wink und wird sie durch ein Maffengesuch die keineswegs neue Forderung von Neuem erheben. Paris. 13. März. Herr Isidor C a h e n, Director der Archives isra61ites, ist im Alter von 76 Jahren nach langem und schwerem Leiden gestorben. In dem Dahingeschiedenen verliert die jüdische Journalistik ihren Veteran, einen ihrer eifrigsten und würdigsten Vertreter. Nach einer kurzen Lehrzeit als Professor der Philosophie an einem College in der Vendäe, wo pfäffische Unduldsamkeit ihn aus dem Amte verdrängte, trat Isidor Cahen, der sich bereits als Mitarbeiter großer Tagesblätter, wie „Journal des Debats", „Temps" u. a., seine journalistischen Sporen erworben hatte, in die Redaction der im Jahre 184-0 von seinem Vater begründeten Archives, welche er 4-0 Jahre lang im Geiste aufrichtiger und inniger Liebe zum Judenthum leitete. Der Tod eines so ausgezeichneten Mannes, der sich auch in nichtjüdischen Kreisen allgemeiner Achtung erfreute, wird von seinen Berufsgenossen in der ganzen Welt als ein schmerzlicher Verlust empfunden werden. Bei dem Leichenbegängniß hielten Herr Oberrabbiner Dreyfus und der gegenwärtige Chefredacteur der Archives, Herr H. Prague, Grabreden, in denen sie den persönlichen Charakter und die geistige Bedeutung des Dahingeschiedenen in warmen Worten schilderten. Paris. Ein Regimentsbefehl des Obersten Dubail, Commandanten des ersten Zuavenregiments in Algier, lautet: „Der Zuave Geslin von der 6. Compagnie ist mit 14 Tagen Arrest, davon 8 Tagen schweren Arrest, bestraft worden, weil er einen seiner Kameraden schmutziger Jude geschimpft, ihn geschlagen und mit dem Bajonett bedroht hat. Der Oberst benutzt die Gelegenheit, um Allen wieder ins Gedächtniß zu rufen, daß es im Regiment weder Juden, Katholiken noch Protestanten gibt, sondern nur Kameraden, welche die Waffenbrüderschaft vereinigt. Uebrigens hätte der Zuave Geslin, ehe er andere mit dem Schimpfwort schmutzig belegte, besser gethan, selbst ein reinlicher und tüchtiger Soldat zu werden, denn eine Prüfung des Strafregisters zeigt ihn leider nicht in solchem Lichte. Der Oberstcommandant der Zuaven Dubail." Odessa. Das lebhafte Verlangen der russischen Juden nach landwirthschaftlicher Beschäftigung hat in den letzten Jahren zur Errichtung von vier Ackerbauschulen, und zwar in Odessa, Orgjejew (bei Kischinew), Mohilew am Dnjeper und Minsk, geführt. Alle diese Anstalten, deren Errichtung mit großen Opfern verbunden war, wurden in der Hoffnung ins Leben gerufen, daß die Regierung den Zöglingen derselben nach Absolvirung ihrer Lehrzeit gestatten werde, auf dem Platten Lande zu wohnen und da ihrem erlernten Beruf, dem Ackerbau, obzuliegen. Leider - scheint diese Hoffnung sich nicht zu erfüllen. Wenigstens ist der Vorstand der hiesigen Ackerbauschule, welche als die älteste jüdische Anstalt dieser Art bereits eine größere Anzahl von Schülern vollständig ausgebildet hat. auf eine diesbezügliche Eingabe von der Regierung gar keiner Antwort gewürdigt worden. Ist dieses Schweigen als Ablehnung zu deuten, so haben die Ackerbauschulen als solche ihren Zweck vollständig verfehlt und werden fortan sich darauf beschränken müssen, statt Ackerbauer Gärtner zu erziehen. Wenn also die Juden, denen man zum Vorwurf macht, daß sie wenig die Scholle bearbeiten, Bauern werden wollen, so können sie nicht! St. Petersburg. In einer der letzten Nummern der „Niwa" (der russischen Gartenlaube) finden wir die treffliche Abbildung des berühmten jüdischen Bildhauers Leopold B e r nstein-Sinajeff und seines letzten Werkes „der trauernde Esra", das einen mächtigen Eindruck auf den Zuschauer hervorbringt. Ueber den Künstler und die treffliche Arbeit sagt das Blatt Folgendes: In Paris lebt und arbeitet ein junger russischer Bildhauer L. Bernstein-Sinajeff, dessen Talent bekannt und in würdiger Weise gekrönt wurde: seine Statue „der trauernde Esra" hat auf der Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 eine Auszeichnung erhalten. Unter den erhabenen biblischen Gestalten nimmt einen der ersten Plätze „der Priester aus dem

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