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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-11 · 15 (11.4.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
15 (11.4.1902)
Date
1902-04-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 342 Dr. Bloch's WochVNfchrifk. Nr. 15 Ein christlich-socialer Jugendbildner. Bor dem Erkcnntnißgerichte unter Vorsitz des Wiener Landesgerichtsrathes Dr. Gemperle hatte sich letztens in geheimer Verhandlung der 46jährige Lehrer an der Mädchenschule in der Hainburgerstraße, Julius Neumann, der als Mitglied des christlichsociÄen Vereines der Lehrer und Schulfreunde auch den Jüngsten Wahlaufruf der Christlich-Socialen mitunterzeichnete, wegen Schändung mehrerer ihm anvertrauter Schulmädchen zu verantworten. Die traurige Affaire wurde dadurch aufgedeckt, daß ein Freund des Angeklagten einen anonymen Brief erhielt, in welchem ihm angezeigt wurde, daß auch seine Tochter ein Opfer des Wüstlings fei. Die Erhebungen ergaben die vollständige Richtigkeit der Anzeige. Der Ehrenmann, der verheiratet ist, wurde zu sechs Monaten schweren Kerkers verurtheilt. * * * Lemberg. 8. April. Der „Gazeta Narodowa" zufolge hat sich der armenischkatholische Erzbischof T h e o d o r o w i c z, der gestern in Wien in Audienz vom Kaiser empfangen wurde, dafür verwendet, daß dem Domherrn Mardyrosiewicz, der als Director der geistlichen Pfandleihanstalt „Pius mons“ wegen Veruntreuung des Anstaltsfonds im vorigen Jahre zu anderthalb Jahren Kerkers verurtheilt worden ist, der Rest der Strafe erlassen werde. Die Lebensenergie des jüdischen Stammes. Von Dr. Josef Hoff« Rabbiner in Bisenz. Von Generation zu Generation erneuert sich das Geschlecht der Judenfeinde, es stirbt ebensowenig aus, wie der jüdische Stamm. Dies lehrt uns die Geschichte der Juden, die seit ihrer letzten großen Erhebung gegen den römischen Despotismus nur eine Geschichte ihrer Leiden ist. Vorerst hefteten verworfene Griechlinge in giftigen Schmähschriften dem Judenthum erlogene Makel an, sodann verfolgten die grausamen und brutalen Söhne der Wölfin, die zuerst die Selbstständigkeit des jüdischen Staates vernichtet hatten, mit Demüthigungen die Besiegten auf ihrer ruhelosen Wanderung durch die Wüste der Völker. Die germanischen Eroberer des römischen Reiches, vor allen andern ab?r die Westgothen, gingen förmlich auf die Vertilgung der Juden aus, übten die schreiendsten Ungerechtigkeiten gegen ihre Personen und ihr Besitzthum und fachten die Gluth des Volkshaffes und des Janhagels gegen sie an. Von dieser Zeit ab datiren die so oft wiederholten märchenhaften Beschuldigungen des Ritualmvrdes und der Lästerungen christlich-religiöser Gegenstände. Von Jahrhundert zu Jahrhundert ward nun Israels Existenz infolge der unsinnigen Anklage der Hostienschändung. Brunnenvergiftung, des Gebrauches von Christenblut zu Heilzwecken u. s. w. bedroht. Die Inquisition in Spanien und Portugal hat ganze Hekatomben von Juden nach vorher angewandten Folterqualen dem Auto-da-fe geweiht. N'cht geringer war die Anzahl Derjenigen, die aus ihrem Schmerzenswege von Stadt zu Stadt, von Land zu Land auf den staubigen, sonnendurchglühten Landstraßen elend verschmachteten. Die Geschichte der deutschen Juden im Mittelalter ist mit Märtyrerdlut roth und unvergeßlich geschrieben, sie bedeutet zugleich eine ununterbrochene, endlose Kette von Leiden und Verfolgungen. Räuberisch ausgeplündert, wurden sie aus ihrem Vaterland verjagt, und dos Geheul eines bestialischen und beutegierigen Pöbels erfüllte die eiust so friedlichen Ghetto-Gassen. Mehr als 3000 Jahre sind nun über das Haupt des jüdischen Geschlechtes vorübergezogen, haben mit riesenhafter Cyklopenwucht auf dasselbe gehämmert, aber zertrümmern konnten sie es nicht. Der auflösende Proceß der Jahrhunderte, der nagende Zahn der Zeit, verbunden mit menschlicher Bosheit, die nur ein teuflisches Hirn ausdenken konnte, hatten es nicht vermocht, .daß der Name Israels nicht mehr im Andenken bleibe". Das Wort des königlichen Psalmsängers hatte sich da bewahrheitet: „Seit meiner Jugend haben sie mich bedrängt, aber überwältigt haben sie mich nicht." (Ps. 129, 1-3.) Wie hatte sich nun der jüdische Stamm in der langen Geschichtsreihe erhalten können? Woher stammte die Titanenkraft unserer Väter, vor der das feindlich gezückte Schwert erlahmen und die Flammen des fanatischen Haffes zurückweichen mußten? Woher die Unverttlgbarkeit, woher diese unverwüstliche Lebensenergie des Judenthums? Tiefe Denker haben diese unbegreifliche Thatsache mit seiner Zähigkeit, mit seiner Abgeschloflenheit zu erklären versucht. Doch damit ist das Räthsel noch nicht gelöst; denn auch die Egypter, Perser, Griechen und Römer, die eine Zeitlang die ganze damals bekannte Welt beherrschten, waren zähe und widerstandsfähig, und dennoch sind sie untergegangen in der Zeiten Brandung. H artle y, Pristley, Pascal und andere Denker scheuten sich daher nicht, diese Unzerstörbarkeit, diese Ewigkeit des jüdischen Stammes als ein lebendes Wunder anzusehen. Ihnen war er der „Dornbusch, der immer brannte und doch nicht verzehrt wurde". Richtig und treffend hat Heinrich Ewald, dieser bedeutende Kenner des alten Israel, die Fortexistenz des Judenthums erfaßt. „Israel bleibt", so läßt er sich vernehmen, „im Ganzen unzerstörbar und unbesiegbar; denn eS ist kein mit Händen greifbares Ding, keine sterbliche Person und Nation. Es ist so gut wie eine Idee, ein unsterbliches Wesen, welches Menschen aufs Tiefste verachten und mit Wuth verfolgen können, das aber durch nichts zu vertilgen ist." Nach Ewald schließt also der Gedanke von der Unverttlgbarkeit des jüdischen Stammes das philosophische Correlat ein, daß „die Materie über den Geist nichts vermöge". Und dieser Satz ist auch begründet in der wechselreichen Geschichte der Juden. Denn als die Israeliten aus grausamer Feindeshand den Becher ihrer Leiden empfingen, um ihn bis auf die Hefe zu leeren, da hatten sie ihr kostbares Kleinod wiedergefunden, nämlich die Treue und Anhänglichkeit für die ewige Idee. Fortan hörte die Neigung zum Aberglauben und zur Abgötterei auf, bildete doch die Religion den Mittelpunkt ihres Lebens und Strebens. Die Schule und der religiöse Verband folgten ihnen in die Verbannung nach, denn wohin sie kamen, erstand mit dem Bethaus die Schule, lebten die uralten Ceremonien des fernen Ostens wieder auf. Die Religion war also allein die Quelle ihrer Kraft, den Unbilden des Lebens die Stirne zu bieten, bildete zugleich ihre Stütze, wenn sie unter der Last ihres schweren Daseins zusammenzustürzen drohten. Sitten und Gesetz der Vorfahren bewahrten sie aber auch vor der Rohheit und Sittenlosigkeit ihrer andersgläubigen Zeitgenossen, machten sie widerstandsfähig und wetterfest gegen die Stürme der Jahrhunderte und ließ sie die schwersten Krisen überstehen. Die Lebensenergie des jüdischen Stammes oder die Erhaltung Israels als eines besonderen Volkes ist ein Ereigniß, das nicht seinesgleichen in den Jahrbüchern der Weltgeschichte hat. Zum Schluffe wollen wir uns noch der Worte eines beredten, jüdischen Schriftstellers bedienen, der vor 100 Jahren so treffend von der Fortexistenz des Judenthums sprach: „Wir Juden", so sagt Michael Berr*), haben allen Arten von Martern, den Aengsten des Todes und den noch schrecklicheren Aengsten des Lebens getrotzt, und dem ungestümen Strome der Zeit widerstanden, der auf seinem Laufe Alles ohne Unterschied, Nationen, Religionen und Länder, mit fortreißt. Was ist aus den berühmten Reichen geworden, deren Namen sogar noch unsere Bewunderung durch den Gedanken an die damit verbundene glänzende Größe erregt und deren Macht den ganzen bekannten Erdkreis umfaßte? Man erinnert sich ihrer noch blos als Denkmäler der Eitelkeit menschlicher Größe. Rom und Griechenland sind nicht mehr; ihre Nachkommen sind mit anderen Nationen vermischt und haben sogar die Spuren ihrer Abkunft verloren, während eine Bevölkerung von wenigen Millionen, die so oft unterjocht worden ist, als Zeuge von 30 Jahrhunderten dasteht und ein Gottesurtheil von 15 Jahrhunderten von Verfolgung ist. Noch immer haben wir die Gesetze, die uns in den ersten Tagen der Welt, in der Kindheit der Natur, gegeben worden sind. Die letzten Anhänger einer Religion, welche die Welt umfaßte, sind während dieser 15 Jahrhunderte verschwunden und unsere Tempel stehen noch immer. Wir allein find von der Hand der Zeit, die Niemanden verschont, verschont worden, gleich einer Säule, die unter Trümmern von Welten, und den Ruinen der Natur noch aufrecht steht. Die Geschichte dieses Volkes verknüpft die Gegenwart mit den ersten Zeitaltern der Welt durch das Zeugniß, welches sie von dem Dasein jener früheren Zeiten gibt. Sie beginnt in der Wiege des Menschengeschlechtes und ihre Ueberbleibsel werden wahrscheinlich bis an den Tag der allgemeinen Vernichtung aufbewahrt werden". *) Michael Berr: „Aufruf an die Gerechtigkeit der Könige und Völker" Straßburg 1801.

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