Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 14 (4.4.1902)
- Date
- 1902-04-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021454--11668-3036218- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14 Dr. Bloch's Wochen schriR. Seite 233 auf die Admiralin einen äußerst vortheilhaften Eindruck. Angesichts der schwierigen Lage Jsajka's gab sie nicht nur den Gedanken, seine Seele zu retten, vollkommen auf, sondern sie lobte ihn obendrein für die Liebe und Ehrerbietung, die er seinen Eltern zollte. „Die Knaben brauchen nichts. Ihre Stiefelchen sind noch gut/ Bedeutend ruhiger und fast heiter geworden, bemerkte Jsajka würdevoll, »jeder Mensch müsse seine Eltern ehren" und fügte hinzu: »So befehlen Excellenz, Schnallen auf die Schuhe zu geben?" „Wären Schleifen nicht besser?" „Wie Excellenz befehlen; nur erlaube ich mir die Bemerkung, daß Schnallen praktischer sind . . . Natürlich kann man auch Schleifen geben, aber bei der neuesten Fatzon werden Schnallen verwendet. Auf den Stiefeletten der Admiralin Gwozdewa habe ich ebenfalls Schnallen gesehen." „So gib mir auch welche." „Zu Befehl, Excellenz." . Jsajka hatte jetzt keine Eile fortzugehen, da er überzeugt war, daß der heikle Gegenstand nicht mehr berührt werden würde. Angesichts der herablassenden Stimmung der Admiralin kam ihm der kühne Gedanke, dieselbe auch einmal zu seinen Gunsten auszubeuten. Vielleicht könnte es ihm in Folge ihrer Fürsprache gelingen, von den Seefahrten befreit und zum Dienst am Ufer bestimmt zu werden, wo er nicht immer in Lebensgefahr schweben würde. Vorsichtig von einem Fuß auf den anderen tretend, sagte er: „Und ich, Excellenz, werde mir schon Mühe geben, daß die Stiefeletten den ausländischen nicht nachstehen sollen. Und was Sie nur zu befehlen geruhen, alles wird ersten Ranges Arbeit sein, sowohl für Excellenz wie. für die jungen Herren. Nur im Sommer kann ich nichts leisten, weil ich aufs Meer hinaus muß . . . Und gerade im Sommer, wenn die jungen Herren die meisten Stiefel verbrauchen, ist Jsajka nicht da . . . Bleibe ich aber am Ufer, dann gleichviel ob Flickarbeit, oder neue Stiefel . . . Excellenz brauchen nur zu befehlen". »Nun, ich werde es meinem Manne vorstellen", geruhte die Admiralin schließlich zu antworten. „Unendlich dankbar werde ich Ew. Excellenz sein! Empfehle mich zu Gnaden, Excellenz!" erwiderte der hocherfreute Jsajka, und nachdem er der Vorschrift gemäß: „Kehrt um, links" gemacht, entfernte er sich. Indessen war es ihm nicht bestimmt, am Ufer zu bleiben, sondern im Laufe desselben Jahres noch mußte er eine größere Seereise antreten. Die Admiralin hatte ihr Versprechen vergessen, und kurze Zeit nach obenerwähnter Unterredung war sie mit ihrem Manne nach Petersburg gefahren. Nun kannte Jsajka Niemand mehr, an den er mit seiner Bitte sich hätte wenden können. Auch würde man ihn, da er als Segelflicker äußerst geschickt, aus dem Schiffe nicht gern vermißt haben. Andererseits jedoch hörten mit der Abreise der Admiralin die Versuche, Jsajka's Seele dem ewigen Heile zuzuführen, vollkommen auf, und der kleine, an seinem Glauben unerschütterlich festhaltende Segelflicker konnte die Vorschriften desselben ungehindert befolgen. Jeden Freitag Abends, gleichviel ob auf der See oder auf dem festen Lande, suchte Jsajka emen stillen Winkel auf, und in seinen Gebetmantel gehüllt, betete er lange und andächtig und sang mit leiser, gedehnter Stimme seine eintönigen, aber melodischen Lieder. In solchen Augenblicken strahlte sein bleiches, mageres Gesicht mit den großen schwarzen Augen in stiller Sehnsucht und unsagbarem Entzücken, und seine Stimme bebte in tiefem, religiösem Gefühl. Welches war der Gegenstand dieser heißen, flehentlichen Bitte? Und keiner der Matrosen gestattete sich jemals, Jsajka's Gebet ins Lächerliche zu ziehen, oder auch nur eine Bemerkung darüber zu machen. Im Gegentheil. Achtungsvoll hielten sich die Kameraden in angemessener Entfernung, und gar Manche, angesichts dieses inbrünstigen Betens in ungewöhnliches Nachdenken versinkend, sagten mit leiser Stimme: „Ein Jude, dieser Jsajka, und solche Mühe gibt er sich für seinen Gott!" (Fortsetzung folgt.) Literatur. Literarische Notizen. 1) Im babylonischen Tractat „Rosch Ha8cbana", 25 a, lesen wir folgende Stelle: Es sprach Rabbi (der Red. der Mischna) zu Rabbi Chija: „Gehe nach Ln Tab und segne den Neumond ein und sende mir als Zeichen (den Spruch) ,D a v i d, der König Israels lebt ewig'". Dieser Passus ist auch in unsere Liturgie eingefügt worden, und zwar beim Segensspruch über den Mond nach der im babylonischen Tractat Synhedrin, 42 a, und Mass. Sofrim, 20, 1—2, vorgeschriebenen Formel. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, wann dieser Satz, der sich in den angeführten Stellen nicht vorfindet, in die Liturgie hineingekommen ist. Es ist nur befremdend, in welchem Zusammenhang die genannte Parole, welche Rabbi von R. Chija beim Einsegnen des Neumondes als Zeichen verlangte, mit der erwähnten Function steht. Wenn etwa damit in der traurigen Zeit der Römerherrschaft in Judäa auf die messianische Hoffnung gedeutet sein sollte, so wurde ja nur ein „6 e n Dawid", ein Abkömmling aus dem Stamme der Davidischen Familie, erwartet, aber nicht David selbst. Auch paßt ja der Ausdruck „Chaj wekajom" (der ewig lebende) keineswegs auf Kön?g Tawid. Es darf hier nicht mit Stillschweigen übergangen werden, daß bereits vor einigen Jahren in den jüdischen Zeitschriften über dieses Thema gar viel geschrieben worden ist und dabei viele Hypothesen und Conjecturen zu Tage gefördert wurden, die aber insgesammt nicht befriedigen konnten. Und es geschah dadurch, daß sie eine Kleinigkeit übersehen haben; nämlich, daß sie das er st e Wort unrichtig punktirt gelesen haben. Es soll nicht „Dawid", sondern „Dod" gelesen werden und bezieht sich auf Gott, den ewig Lebenden, der als König Israels seine schirmende Hand über das jüdische Volk hält und es auch in den Zeiten schwerer Drangsale zu beschützet, die Macht hat. Das kleine Häuflein der jüdischen Nation soll in der Leidensperiode nicht verzweifeln, die Bekenner des Einigeinzigen sollen es wohl merken, daß der große, allmächtige und ehrfurchtgebietende Freund und König Israels ewig lebt und seine Auserwählten trotz des schweren Joches der Gewalthaber nicht verlassen wird. Eine ähnliche Anschauung finden wir im Ausspruche der „Männer der großen Synode" (vgl. babylonischen Tractat Joma, 69 b). Daß Gott in der heiligen Schrift „König Israels" genannt wird, sehen wir in Jesajas, 44, 6, und 41, 21; daß er auch „Freund" heißt, finden wir in Jesajas, Cap. 5, auf. Und im Talmud wird ja der Ausdruck „Freund", der im „Hohenlied" so häufig vorkommt, stets auf Gott angewendet. So war diese Parole, welche das felsenfeste Vertrauen auf die göttliche Hilfe betonte, als Zeichen, daß die römischen Legionen den Act der Neumondsverkündigung nicht gestört haben. 2) Im Midrasch „Echa rabba“ finden wir folgende merkwürdige Stelle: Zum Vers 42, Cap. 3, der also lautet: Wir haben treulos und widerspenstig gehandelt. Du hast nicht verziehen, sagen die dortigen Rabbinen (als Erklärung): „Dort, wo die Thaten schlecht sind, haben es die Thäter schlecht", und die Rabbinen von hier sagen: „Dort, wo das Kraut vergiftet ist, ist auch die Tunke verdorben". Die erste Erklärung ist klar und deutlich; sie will sagen, daß der Nachsatz die Folge des Vordersatzes angibt; Derjenige, welcher gesündigt hat, hat sich selbst Schaden zugefügt und muß für sein Vergehen büßen. Die zweite Erklärung aber ist ganz unverständlich und der unermüdliche Midrascheditor, der Gelehrte Sal. Buber, sagt selbst in einer Anmerkung (135), daß dieses Gleichniß schwer zu verstehen ist. — Allein eine Stelle im Jalkut Schimoni zu Jeremia Nr. 325 (ander Mechilta) wird uns vas Gleichniß verständlich machen. Daselbst heißt es: „Und ferner wurden hinzugefügt zu ihnen (zu den Weissagungen) viele Worte wie diese (Jeremias 35, 32), da findest Du drei Söhne; der Eine forderte die Ehre des Vaters und nicht die des Sohnes, der Zweite forderte die Ehre de- Sohnes und nicht die des Vaters, und der Dritte forderte die Ehre des Vaters und die des Sohnes. Der Prophet Elias forderte (1. B., Kön. 19, 14) die Ehre Gottes und tadelte mit übertriebenem Eifer die Kinder Israels; darum sprach Gott zu ihm (das. 16): „und den Elischa. Sohn Schafat's, wirst Du salben zum Propheten an Deiner Stelle", womit er ihm bedeutete, daß er keine Reden von ihm wünscht. Der Prophet Jona forderte die Ehre der Menschen und nicht die der Gottheit, deswegen heißt es (Jona 3, 1) und es war das Wort des