Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 14 (4.4.1902)
- Date
- 1902-04-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 233 Dr. Vloch's WochenzÄrrifl. Nr. 14 träge viel Beifall fanden, der ausgezeichnete Humorist Herr A. Schütz und Herr Med. Univ. Dr. N. Reifer, der außer vier Ueberbrettlnummern, die er in gewohnt guter Weise zum Bortrag brachte, auch die gesammte Regie des Abends übernommen hatte und sich dieser schweren Aufgabe zu allgemeinem Danke entledigte. Fraueuberg. (T e m p c l b a u.) Die israelitische Cultusgememde in Frauenberg beabsichtigt zum Baue eines Gotteshauses zu schreiten. Schon seit undenklichen Zeiten besitzt die Gemeinde von Sr. Durchlaucht dem Fürsten Schwarzenberg ein gemiethetes Betlocal, welches aber den Anforderungen nicht entspricht. Da die Gemeinde jedoch klein, die Mittel derselben zu geringe sind, um die Erfordernisse allein aufzubringen, wendet sich der gefertigte Vorstand an den bekannten Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen und bittet die löblichen Cultus gemeinden und P. T. Gönner, ihr mit einer Gabe zum Baue des Gotteshauses gütigst behilflich zu sein. Sie werden sich hiedurch um ein edles Werk verdienstlich machen und uns mithelfen, einen Bau zur Ehre Gottes, zur Erbauung Andächtiger zu errichten. Etwaige Spenden übernimmt und bestätigt dankend: Philipp Stein, Vorsteher. Memrnge», 23. März. Herr Dr. M. Köhler ist als der erste Jude, welcher an einer staatlichen Unterrichts anstatt unseres Landes Anstellung findet, zum Oberlehrer an der Realschule in Sonneberg ernannt worden. Feuilleton. Isafka, der Segeiflicker. Novelle von K. Staniukowitsch. Uebersetzt aus dem Russischen von Malwina Blumberg. II. Ein zweiter, ernsterer Angriff auf Jsajka's Seele war seitens einer älteren Admiralin vorgenommen worden. Nach einem heiteren Leben, das mit ihren späteren Ansichten über weibliche Sitte und eheliche Pflichten in gar keinem Einklang stand, hatte dieselbe den ihr übriggebliebenen Borrath an Gefühl wenn nicht auf die irdischen, so auf die seelischen Bedürfniffe ihrer Umgebung erstreckt. Jsajka verfertigte für die Admiralin Stiefelchen (er war vorzüglicher Schuster und kannte verschiedene »Fotons") und erhielt den Lohn für seine Arbeit »nach Belieben". Gestützt darauf, daß Jsajka eigentlich im Dienste des Staates und einem Capitäne, der von ihrem Manne abhängig, beigegeben worden war, »beliebte" die Admiralin so wenig als möglich zu zahlen, war aber dafür nicht abgeneigt, Jsajka's Seele zu retten, indem sie dem Juden den Weg des Heiles und der Wahrheit wies. Eines Tages, nachdem sie Jsajka für die Arbeit zierlicher Stiefelchen mit französischen Absätzen ein kleines Geldstück eingehändigt und das darauf erfolgte »Besten Dank, Excellenz" mit gnädigem Kopfnicken entgegengenommen hatte, ging sie einige Schritte, um sich zu überzeugen, daß die Stiefelchen nicht nur elegant ausfehen, sondern auch bequem sitzen und da die Prüfung zu ihrer Zufriedenheit ausfiel, ließ sie sich auf einen Sessel nieder und fragte: »Du bist ein Jude, Jsajka?" »Zu dienen, Excellenz", erwiderte Jsajka, den Weg zur Thür nehmend. Die Admiralin seufzte und begann von verirrten Seelen zu sprechen. Nicht ohne Lebendigkeit sprach sie von Wahrheit und geistiger Wiedergeburt, von Licht und Finsterniß und freute sich ihrer eigenen Beredtfamkeit. Zum Schluß ertheilte sie Jsajka den Rath, sich taufen zu laffen und versprach ihm dafür außer dem ewigen Seelenheil auch gewiffe irdische Güter. Sie wisse, sagte sie, Jsajka sei ein guter, rechtschaffener Mensch, und so würde sie den» ihren Mann bitten, er solle ihn zum Unterosficier befördern und am Ufer laffen. Der Vorschlag war verlockend und insbesondere die Aussicht, auf dem festen Lande bleiben zu dürfen, da Jsajka Letzteres von jeher dem feuchten Elemente vorzog. In strammer, militärischer Haltung an der Thür des Speisezimmers, wo diese Unterredung stattfand, stehend, hatte Jsajka, ohne mit den Wimpern zu zucken, so aufmerksam und anscheinend vollkommen überzeugt den Worten der Admiralin gelauscht, daß Letztere an seiner Bekehrung kaum mehr zweifelte. Mit wohlwollendem Ausdruck ruhten ihre einst schönen Augen auf der kleinen Gestalt des Segelflickers und mit einer leisen Bewegung ihres Hauptes schüttelte sie die grauen Locken, die ihre bleichen Wangen umrahmten. »Du willst also Christ werden, Jsajka?" fragte sie und mit huldvollem Lächeln fügte sie hinzu: »Dann werde ich Deine Taufpathin sein." Selber eine zartbesaitete Natur, verstand Jsajka ein freundliches Entgegenkommen gebührend zu würdigen. Er nahm seinen ganzen Verstand und seine Geistesgegenwart zusammen, um die Admiralin nicht zu verletzen und durch eine zu schroffe Absage ihres wohlwollenden Vorschlages nicht ihre Unzufriedenheit zu erregen. Auch zitterte er vor Angst, daß ihm nicht eine ernste Unannehmlichkeit daraus entspringen solle. Was werden die Vorgesetzten denken? Die Furcht schnürte ihm die Kehle zu, sein Herz klopfte fast hörbar. Er begann also, indem er sich mehrmals tief verneigte, vorerst dafür zu danken, daß solch' eine vornehme Dame ihr gütiges Augenmerk auf den unwürdigen Jsajka zu richten geruht. Hätte er je zu hoffen gewagt, daß ihm solche Ehre zutheil werden würde. Und er fuhr fort, sich zu verneigen und in den ausgesuchtesten ihm zu Gebote stehenden Worten seinen Dank zum Ausdruck zu bringen, ohne indessen auf die Frage der Admiralin eine Antwort zu ertheilen. Nicht ohne Geschicklichkeit ging er dann zu dem Anerbieten über, er wolle Ihrer Excelleuz ein Paar Stiefelchen nach der letzten ausländischen Mode arbeiten, solche, wie die Admiralin Gwozdewa sich aus Paris mitgebracht hatte. »Ich habe diese Stiefelchen gesehen .... Ach, Excellenz, ist das eine Fatzon und eine Arbeit!" sagte Jsaijka voll Entzücken. »Und kosten werden sie — wenn ich den Stoff dazu gebe — nicht mehr als zwei Rubel", fügte er hinzu, entschlossen, anderthalb Rubel aus seiner Tasche zuzulegen, um nur die geizige Admiralin zu beschwichtigen und ihre Aufmerksamkeit von seiner sündhaften Seele ab- und einem anderen Gegenstand zuzuwenden. Mit Herablassung genehmigte die Admiralin Jsajka's Anerbieten und erkundigte sich nach allen, die ausländischen Stiefeletten der Admiralin Gwozdewa betreffenden Einzelheiten. Schon dachte Jsajka daran, einen letzten Bückling zu machen und mit dem Versprechen, die Arbeit in fünf Tagen abzuliefern, seinen Rückzug anzutreten, als die Admiralin von Neuem begann: »Aber meine Frage, Jsajka, hast Du nicht beantwortet? Willst Du Dich taufen?" Jsajka's Züge nahmen sofort einen ernsten, geheimnißvollen Ausdruck an. Er dämpfte die Stimme und sagte in vertraulichem Tone. »Niemals würde ich es wagen, Excellenz." »Warum nicht?" »Meiner Ettern halber, Excellenz. Es ist mir leid um sie." »Warum bedauerst Du sie?" fragte die erstaunte Admiralin. »Ja, sehen Excellenz, meine Eltern sind alte, einfältige Leute, die in einem verfallenen Winkel wohnen und in ihrer Beschränktheit werden sie sagen: »Kann man seinen Glauben wechseln, wie mit Ihrer Erlaubniß — ein Kleid?" Und sie werden denken, ihr lieber Sohn Jsajka habe sein Gewissen verkauft und sei ein nichtswürdiger Mensch geworden. Meine Eltern, Excellenz, haben keine höheren Begriffe, sie wissen nicht, welcher Glaube der beste, und sie werden mich fragen: »Warum, Jsajka, wechseln die Christen nicht ihren Glauben, sondern sterben in demselben, in dem sie geboren, und Du, unser Sohn, hast dem Deinen entsagt?" Und hinzufügen werden sie: »Sei verflucht, Jsajka!" Und dann werden sie über ihren ungerathenen Sohn weinen und weinen und am Ende sterben vor Kränkung! Und für mich, Excellenz. wird es eine große Schande sein, wenn meine Eltern durch meine Schuld sterben sollten! Ach, eine schreckliche Schande! Aber für die gütige Aufmerksamkeit, die Excellenz meiner sündhaften Seele zugewendet, möge Gott Ihnen Glück und Gesundheit gewähren . . Und auch dem Herrn Gemal und den lieben Kinderchen . . . Befehlen Excellenz vielleicht Stiesel für die jungen Herren?" fragte er plötzlich mit einer abermaligen tiefen Verneigung. Jsajka's Sichberufen auf seine Eltern — obgleich dieselben längst im stillen Grabe ruhten — die Gründe, die er den »einfältigen" Leuten in den Mund legte und schließlich, die fabelhaste Billigkeit der versprochenen Stiefelchen — all' dies machte