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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-28 · 13 (28.3.1902) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
13 (28.3.1902)
Date
1902-03-28
Page
– (sequence 15)
Language
German
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-tr. 13 Dr. Vloch's Wochenschrift. Sette 219 wurde er mit seiner Abtheilung nach Kronstadt geschickt. Auf dem Schiffe nannte man ihn vom ersten Tage an „Jsajka" und ward es ihm bestimmt, diesen Namen bis an sein Lebensende zu behalten. Doch war ihm dies vollkommen gleichgiltig. „Im Dienst", dachte er, „ist nicht der Name die Hauptsache, sondern das Wichtigste ist, daß man keine Hiebe bekommt und weder mit Ruthen noch Stricken geschlagen wird." Umso weniger dachte er darüber nach, daß er nicht wie seine Kameraden beim Familiennamen genannt wurde, als das Benehmen der Matrosen ihm gegenüber ein tadelloses war und sogar einer gewissen Achtung nicht entbehrte. Thalsächlich betrachteten alle, die Bootsmänner und Unterofficiere nicht ausgeschlossen, Jsajka für einen im wahren Sinne des Wortes anständigen Menschen, der ehrlich, still und angestrengt arbeitete, und außerdem nicht unwissend und nicht dumm war. so daß er bei etwa sich darbietender Gelegenheit Manches erklären konnte, was allen Anderen auf dem Schiffe unverständlich war. So behaupteten denn auch die Matrosen, Jsajka könne Alles. Auch sprach er so schön und überzeugend, daß man ihm — trotz seines jüdischen Accents — sehr gern zuhörte. Jsajka hatte während seiner Dienstzeit selber schreiben gelernt und las nicht nur hebräische, sondern auch russische Bücher. Dies war damals eine große Seltenheit, da die Matrosen fast sämmtlich Analphabeten waren. Jsajka jedoch brachte seine freie Zeit mit Vorliebe über einem Buche zu und sprach dann gern über das Gelesene. In Folge dessen hatte er die Autorität eines „Gelehrten" erlangt, von der er anch Nutzen zu ziehen verstand. Auf dem Schiffe, auf dem Jsajka diente, war sein guter Ruf längst begründet und während der ganzen sechzehn Jahre war derselbe nicht durch das kleinste Fleckchen getrübt worden. Zwar behaupteten einige der Matrosen, Jsajka sei, wenn auch ein guter Mensch, immerhin jedoch ein Jude und als solcher unbedingt mit schuld daran, daß Judas um dreißig Silberlinge den Heiland verkauft und daß seine Vorfahren — obgleich vor so langer Zeit schon — den Heiland gekreuzigt hatten. Indessen milderten die zahlreichen guten Eigenschaften Jsajka's, der eine Fliege zu tödten, geschweige denn einen Menschen zu kreuzigen nicht vermocht hätte, seine Schuld selbst in den Augen der ausgesprochenen Judenfresser, unter welchen der von Cantonisten abstammende, rothhaarige, dicke Schreiber Awdiejew, der immer ganz unerhörte Dinge von Juden zu berichten wußte, sich besonders auszeichnete. Zuletzt jedoch war selbst er gezwungen, zuzugeben, daß Jsajka gar nicht einem „heidnischen Juden" gleiche und niemals eine „gemeine, jüdische Handlung" begehen würde. Insbesondere der Umstand, daß Jsajka nicht geldgierig, stimmte den Schreiber zu dessen Gunsten. Und diese Eigenschaft des jüdischen Matrosen war Awdiejew recht gut bekannt, da er von demselben vor drei Jahren drei Rubel entlehnt und diese Summe, auf Jsajka's Zartgefühl rechnend, bis nun nicht zurückerstattet hatte. Manchmal äußerte der Schreiber sein Bedauern darüber, daß Jsajka sich nicht taufen lasse. „Dann erst", fügte er hinzu, „wäre er ein wirklich ordentlicher Mensch." Ueber diesen Gegenstand hatten auch andere Personen bereits zu Jsajka gesprochen. Vater Spirydion, ein mit einer wunderbaren Baßstimme begabter Geistlicher aus dem Walaam'schen Kloster,*) der bereits einige Fahrten als Schiffscaplan mitgemacht und dessen langes Gewand Jsajka mehr als einmal gereinigt und gründlich ausgebeffert hatte, begann eines Tages diesen heiklen Punkt in einer Unterredung mit dem Segelsticker zu behandeln. „Du bist ein herzensguter und ganz uneigennütziger Mensch", sagte er mit seiner tiefen, etwas heiseren Baßstimme, indem er sein Gewand aus Jsajka's Händen entgegennahm, „so zum Beispiel arbeitest Du für den Diener Gottes und eines Dir ganz fremden Glaubens und verlangst dafür gar keine Entlohnung. . Ist das nicht ein Beweis, daß Du, Jsajka, im Besitze wahrhaft christlicher Tugend bist? Ein Anderer und wär' er selbst ein Christ, wird die Arbeit ohne Bezahlung nicht abliefern und Du, ein Jude, des Lichtes der göttlichen Gnade beraubt, nimmst *) Zn jener Zeit, Anfang der Dreißiger-Jahre, wurden die weniger gebildeten Geistlichen, d. h. Diejenigen, welche keine Gurte beendet hatten, zur Flotte bestimmt, um die religiösen Bedürfnisse der Schiffsmannschaft zu befriedigen. Gegenwärtig wird bei der Wahl sorgfältiger vorgegangen. nichts", fuhr der Geistliche fort, äußerst zufrieden, daß Jsajka bis nun nie eine Geldforderung hatte laut werden lassen. „Und ich bin überzeugt, daß Du mir auch fernerhin, falls ich Deine Dienste brauchen sollte, dieselben nicht versagen wirst. Nicht wahr, Jsajka?" Der kleine Segelflicker erwiderte, daß er alles Ausbeffern mit dem größten Vergnügen übernehmen und Vater Ipirydion's Gewand immer wieder wie neu Herrichten würde. „Ja, ja, das ist es eben . . . Sage ich doch immer, daß Du eine christliche Seele hast, obgleich Dein Glaube — die Wahrheit gestanden — ein heidnischer. Du brauchst mir darob nicht zu zürnen, denn Alle behaupten dasselbe!" suchte Vater Spirydion ihn zu überzeugen, indeß sein rundes, leicht geschwollenes Gesicht in einem freundlichen, heiteren Lächeln erglänzte. Jsajka widersprach nicht. Augenscheinlich jedoch wollte er das Gespräch über diesen Gegenstand nicht fortsetzen und so fragte er denn vorsichtig und achtung-voll: „So braucht Ihr jetzt nichts mehr, Väterchen?" „Nein, Jsajka. Aber warte ein wenig. Ich habe Dir noch etwas zu sagen." „Bitte, Väterchen; ich bin stets bereit, Euren Worten zuzuhören", erwiderte Jsajka, seinen schwarzen Kraus köpf zur Seite neigend. „Weißt Du was, Jsajka, entsage Du Deinem jüdischen Glauben . . . daß ihn! Lerne. Brüderchen, den Namen Gottes loben und wir werden Dich in den Schoß unserer Kirche aufnehmen. Es ist mir leid um Dich, Jsajka ... Du bist ein sehr rechtschaffener Mensch und doch wird Deine Seele verdammt sein. Glaube meinen Worten: sie wird der Verdammung anheimsallen. Welches meinst Du, ist in jener Welt der den Juden angewiesene Platz? In den Flammen der Gehenna! d. h. im Fegefeuer! Und wozu sind sie verurtheilt? Nun. was meinst Du?" „Das wissen Ehrwürden bester als ich", lautete Jsajka's diplomatische Antwort. „Glühende Kohlen müssen sie schlucken!" erklärte Vater Spirydion mit großer Entschiedenheit und fügte hinzu: „Besser schon, man tauft sich . . ." „Was kann man thun? Wenn Gott, der Barmherzige, den Juden so zürnt, wie Ihr sagt, daß er sie mit glühenden Kohlen bewirft und sie zum Schlucken derselben verdammt, nun, so werde ich glühende Kohlen schlucken, aber meinen Glauben ändere ich nicht. In dem Glauben, in dem ich geboren, in dem will ich sterben, Väterchen", erwiderte Jsajka. Und die Mütze zwischen den Fingern hin und her wendend, fragte er: „So gestatten Ehrwürden, daß ich mich entferne, wenn keine Arbeit mehr für mich vorhanden ist." „Du bist dumm, Jsajka, wenn Du Deine Seele nicht reiten willst." „Wahrscheinlich bin ich dumm", pflichtete der kleine Segelflicker bei, indeß ein feines, kaum merkliches Lächeln über seine Züge flog, „aber vielleicht gibt's doch noch irgend etwas an den Kleidern zu nähen oder zu flicken?" „Ich danke, Jsajka. Vorläufig ist Alles in Ordnung. Wie ich sehe, dringt die Stimme der Wahrheit nicht zu Deinem Herzen. Aber denk' an meine Worte." „Warum soll ich nicht daran denken? Jedes Wort, das man sagt, ist des Nachdenkens werth. Dazu hat Gott den Menschen den Verstand gegeben. Und auch an den Juden hat er nicht vergessen", schloß Jsajka mit kaum hörbarer Ironie und schlüpfte aus der Kajüte. „Ec wird es nicht thun!" seufzte nach seinem Fortgehen Vater Spirydion. Als er dann, zufrieden lächelnd, das vorzüglich geflickte Gewand betrachtete, mußte er wiederum bedauern, daß es einem so guten Juden wie Jsajka, so schlecht im Jenseits würde ergehen müssen. (Fortsetzung folgt.) Zur Steuer der Wahrheit. In der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" hat Herr Rabbiner Gerloczy mit einiger Leidenschaftlichkeit gegen meinen in Nr 9 derselben Wochenschrift veröffentlichten Aufsatz über den Selbstmord eine Reihe von Angriffen ins Treffen geführt und mir ein Plagiat zur Last gelegt. Zur Steuer der Wahrheit und zur Abwälzung des Lerdachtes bitte ich Sie, sehr geehrter Herr Redactenr, mir die Spalten Ihres Blattes zu einer leidenschaftslosen Rechtfertigung zu öffnen. Der Herr Rabbiner Gerloczy macht mir zum Vorwurf, daß ich den ganzen Artikel aus der Hamburger'schen Real-Encyklopädie ent-

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