Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 13 (28.3.1902)
- Date
- 1902-03-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 315 Aufnahme und mehr als Kronen 250.000 wurden für den edlen Zweck verausgabt. Leider findet diese Humanitätsinstitution noch nicht allseits jene Würdigung, die ihrer eminenten Bedeutung entspricht. Zu unserem Bedauern ersehen wir aus der statistischen Darstellung über die zehnjährige Vereinsthätigkeit. daß infolge der verminderten Einnahmen im letzten Vereinsjahre ein ziemlich bedeutendes Gebahrungsdeficit für das Jahr 1901 resultirt. Die Ansprüche, die an den Verein gestellt werden, sind mit Rücksicht auf die immer größer werdende Noth unter unseren Glaubensgenossen alljährlich höhere. Biele hundert Kinder, dh des Landaufenthaltes dringend bedürftig wären, müfien zurückgewiesen werden, weil die Mittel des Vereines nicht nur eme Erhöhung der Zahl seiner Schützlinge unmöglich machen, sondern geradezu eine Verminderung derselben erfordern. Wir wollen der Erwartung Ausdruck geben, daß unsere Glaubensgenossen einen Verein mit solch edlen Tendenzen nicht in seinem Wirken zurückgehen werden lassen und daß die Besitzenden gerne ihr Scherflein für die armen kranken Schützlinge des „Ferienheim" beitragen werden. Der in jeder Beziehung interessante Bericht des „Ferienheim" schließt mit einem Appell, dem wir uns aus vollem Herzen anschließen. Er heißt: Fördern Sie unsere Feriencolonien, Sie werden das Bewußtsein haben, erfolgreich einem schönen und großen Ziele entgegenzuarbeiten, zum Wohle des Heranwachsenden Geschlechtes und unseres Vaterlandes. Wien. (Bortrag des Ophthalmologen Prof. Hermann Cohn.) Im Festsaale des Oesterreichischen Jngenieur- und Architekten-Vereines veranstaltete Montag die „Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums" einen Vortragsabend, an welchem der bekannte Ophthalmologe Professor Dr. Hermann Cohn aus Breslau über seine Reisen sprach, die er vor drei Jahren zur Osterzeit nach Tunis und Carthago unternommen hatte. Der verdienstvolle Präsident der Gesellschaft, Baurath Wilhelm Stiaßny, begrüßte den hervorragenden Gast und das distinguirte Publicum, das den Saal und die Galerien bis 'auf das letzte Plätzchen füllte. Unter den zahlreichen Notabilitäten, welche dem Vortrage beiwohnten, befanden sich: Die Gemalin des Unterrichtsministers, Frau v. H artel, Generalkonsul Ministerialrath Dr. Walcher v. Molthein, David Ritter v. Gutmann, kaiserlicher Rath Heinrich Klinger, kaiserlicher Rath Dr. Lieben, Hofrath Hahn, Militär-Superintendent Professor Seberiny, Landesgerichtsrath Spitzkopf, Reverend William Hechler. Dr. Alfred Stern, Regierungsraths-Witwe Gintl, Emil Horner, die Universitäts-Professoren Dr. Ehrmann und Königstein, Professor Ignaz Brüll, Gremialrath S. Heit, Dr. Oskar Hein, Maler Isidor Kaufmann, Regierungsrath Kulka, Universitätsdocent Dr. Grünfeld, Architekt Fleischer und Andere. Professor Cohn, der nicht nur ein berühmter Augenarzt, sondern auch ein ungemein interessanter und gewandter Sprecher ist, wußte durch seine von Geist und Humor sprühenden Ausführungen das Auditorium im höchsten Grade zu fesseln. Es ist Raummangels halber nicht möglich, auf die Details seines ausgezeichneten Vortrages, den er durch Vorführung von prächtigen Skioptikonbildern illustrirte, näher einzugehen. Man würde nur wünschen, daß Professor Cohn seinen Vortrag, für den er heute wiederholt stürmischen Beifall erntete, alsbald publicirte, um seine spannenden Schilderungen aus Tunis und Carthago auch den breiteren Schichten der Bevölkerung zugänglich zu machen. Wien. (Eingesendet.) Löbliche Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift", Wien! Sonntag den 23. d. M. hatte ich eine Taufe in der Barnabitenkirche in Mariahilf bei einer Clientin von mir. Als die Taufe vorüber war, kam der Meßner zu mir und frug mich in Gegenwart der Parteien, ob ich Katholikin sei. Ich fragte ihn, was ihn zu dieser Frage berechtige, worauf er erklärte, er stelle düse Frage im Namen des Herrn Pfarrers. Ich sagte, daß ich Jüdin sei. Darauf kam der Pfarrer zu mir und sagte, wenn er gewußt hätte, daß ich eine Jüdin sei, so hätte er mich aus der Kirche hinausschaffen lassen. Diese Behandlung ließ ich mir nicht gefallen und erwiderte ihm, daß dies ein ganz ordinäres Benehmen sei, daß er hiezu gar kein Recht habe, und er wird noch nie gehört haben, daß eine christliche Hebamme, welche von unseren jüdischen Frauen so bevorzugt werden, bei einer Beschneidung vom Rabbiner oder von einem anderen Funktionär beleidigt worden ist. Ich bitte deshalb ergebenst, dieser Notiz in Ihrem werthen Blatte gütigst Raum geben zu wollen, damit die jüdischen Frauen einsehen lernen, daß es nicht nothwendig ist, sich christliche Hebammen zu nehmen, wo wir doch genug jüdische tüchtige Hebammen in Wien haben, welche leider durch die traurigen Verhältnisse keinen genügenden Erwerb finden und oft mit den Ihrigen der größten Noth ausgesetzt sind, denn in den seltensten Fällen nimmt eine Christin eine jüdische Hebamme. Indem ich im Vorhinein für die Aufnahme dieser Zeilen bestens danke, zeichne in ergebenster Hochachtung Clara Groß-Kugel, Hebamme, Vi., Kasernengasse il. Teplitz. (Jüdischer Volksbildungsverein.) On revient tonjours ä ses premiers amours. Nicht umsonst heißt es von den Sprichwörtern, daß sie mit geringem Inhalt die Lebensregeln vieler Generationen aussprechen. Ja, man kehrt zurück! Wenn die Sinne stumpf geworden sind für reizlos gewordene Lustbarkeiten, wenn Philosophien entstehen und vergehen, hier Gleichheit und allumfassende Liebe, dort Herrenmoral und Nietzsche's Recht des Stärkeren gepriesen, wird, wenn die Kunst nicht mehr in Herz und Seele eindringt, weil sie mit überlauter Technik und raffinirter Klügelei zu Werke geht, dann sehnt sich das gequälte Menschengemüth hinaus in die herrliche Freiheit, wo es keine Götter Herrlichkeit gibt, sondern eine einzige Gottherrlichkeit. Man beugt sich wieder demüthig und sagt reuemüthig adonay hu hoelohim „der Ewige ist der wahre Gott". Die große Thatsache steht fest: Durch die Abkehr vom religiösen Element ist viel edler Geist im Judenthum zerstört worden, aber ein neuer Geist blüht auf ans den Ruinen. Dieses Blühen hat begonnen. In Deutschland ist dieser Frühling im religiösen Leben früher über die Berge gekommen als bei uns in Oesterreich. Dort hat sich manch' dürrer Boden wieder in frisches Grün gekleidet, und eine neue Saat verspricht eine neue Ernte. Jede kleine Gemeinde in Deutschland hat ihren Literaturverein. Mit Recht! Die Unwissenheit hat lange genug gehaust, und nur der Unwissenheit ist auch die Gleichgiltigkeit im religiösen Leben zuzuschreiben. Unsere deutschen Poeten kannten die Bibel sehr genau und Meister Hans Lachs übertrug die später von Moses Mendelssohn in Reime gebrachten Psalmen auch schon in Reime. Wiederholt haben Literarhistoriker bei Goethe, Herder, Aug. Bürger bibelgemäße Satz- und Wortbildungen nachgewiesen. Die unerreichte Kurst, im Buch der Bücher Lebensmoral zu veranschaulichen, ward also von den Meistern studirt, studirt in den Büchern der Juden. Die Juden aber? Wie beliebte es ihnen, von ihren geistigen Kostbarkeiten zu sprechen? Bei dem Einen oder Anderen sprach wohl Uebermuth oder Spott, bei den Meisten aber — die Unwissenheit. Wien. Prag gingen mit der Gründung von Literaturvereinen voran. Nun beginnt es sich auch in der Provinz zu regen und eine weitere Station in der Steppe jüdischen Geisteslebens ist nun auch in der circa 4000 jüdische Seelen starken Gemeinde Teplitz errichtet worden. Der Verein nennt sich „Volksbildungs- und Geselligkeitsverein" und besitzt bereits seine behördlicherseits genehmigten Statuten. So wie der Verein durch ein geistiges Band Arm und Reich verbinden und dadurch die Zwangsmauern niederlegen will, die nun veraltete Gesellschaftsordnungen zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen errichteten, so soll es auch Jedem freistehen, an Vortrags- und Discussions-Abenden der eigenen freien Meinung rückhaltslos Raum zu geben. Von Fachgelehrten oder Herren, die sich für Fragen des Judenthums interesstren, sollen Vorträge jüdischhistorischen, philosophischen, poetischen oder liturgischen Inhalts gehalten werden; es werden zwanglose Familienabende mit unterhaltendem Programm geboten werden, es soll Leben und Bewegung für All e, nicht blos für Einzelne geschaffen werden. Die Kleinstaaterei hat auch im politischen Leben ihre Daseinsberechtigung verloren, Alles strebt zum Ganzen. Dieser jüdische Volksbildungsverein hat viel zu viel Achtung vor der freien Meinung, daß er etwas Anderes versuchen wollte, als seinen Mitgliedern und Freunden die große Ethik jüdischen Denkens und Fuhlens an der Hand jener Literatur nahezubringen, welche die Welt erobert hat. Was man sonst als Jude zu thun und zu lassen hat, in welcher Abart von Frömmigkeit man sich wohl fühlt, das bleibt nach wie vor die Privatangelegenheit jedes Einzelnen. „Was Du ererbt hast von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitze n." Gut, wir wollen es uns e rwerben — dieses herrliche geistige Erbtheil unserer Väter. Bald die erste Verannaltung des Volksbildungsvereines zeigte klipp und klar, was beabsichtigt ist. Purim, das Fest der Unterhaltung, wurde als Fest der Unterhaltung zum ersten Male gefeiert. Nach fröhlich geschmetterten Einleitungsklängen bot Herr Dr. K u r r e i n der festlich gestimmten Menge den Willkommgruß. Er sprach nicht als Rabbiner der Gemeinde, sondern als Bereinsmitglied. Mit einer gelungenen humoristischen