Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 13 (28.3.1902)
- Date
- 1902-03-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 208 Dr. Blockes Wochenschrift. Nr. 13 liche und sociale Weisheit dieses Standpunktes zu beleuchten, ist wohl kaum der Mühe werth. Aber das obscure Blatt gestattet uns die Frage: Muß denn die „Reichspost" gerade in Wien erscheinen? Isegrim. Unsere Aufgabe. Herr Dr. Mayer-Cohn aus Berlin hat nach dem Berichte der „Oesterreichischen Wochenschrift" in einer Versammlung der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union einen Bortrag gehalten, in welchem er sich gegen die Assimilirung aussprach. Ich habe, nun sind es zwei Jahre, dies Thema behandelt und diese Anschauung propagirt; ich habe nachgewiesen, welche Schädigung dem Judenrhume durch die Affimilirung erwachsen würde, denn sie würde die Entäußerung der eigenen Individualität bedeuten. Die jüdischen Abgeordneten im galizischen Landtag und im reichsräthlichen Polenclub sind asiimilirt, sie haben ihre Selbstständigkeit aufgegeben, sie ließen sich aufsaugen. Das Ueberlaufen zu den herrschenden Parteien in den verschiedenen Ländern, würde das Judenthum, welches sich in den sie umgebenden Gefahren nur durch eine stramme Solidarität erhalten kann, zerklüften und es in gegnerische Gruppen theilen. Sie würden im Osten Galiziens Ruthenen, im Westen Polen, in einem Theile Böhmens Czechen, in einem andern Deutsche, in Triest Italiener, in Laibach Slovenen sein — nirgends aber Juden, nirgends mehr selbstständig und verbrüdert. Die Affimilirung ist eine Decentralisation, während im Gegentheile eine festeCentralisirung noth thäte. Nach dem Verluste der Lombardei und Venedigs blieben blos 800.000 Italiener in Oesterreich zurück und Niemand muthet ihnen zu, sich in die 12 Millionen Deutschen aufgehen zu lassen; die Juden hingegen, welche in den beiden Reichshälften 2,200.000 stark sind, in Galizien den dritten Theil der polnischen Bevölkerung bilden, sollen sich ä merci ergeben! Man sage nicht, daß blos eine politische Affimilirung empfohlen werde. Diese ist ohnehin durchgesührt, die Juden folgen den Directiven der Landeswahlcomitßs in blindem Gehorsam und haben keine eigenen Ziele mehr. Affimiliren heißt Anäffen, die eigenen Gewohnheiten, Gepflogenheiten und Lebensweise ausmerzen und fremde annehmen — man streift den Menschen ab und wird wieder Affe. Die umgekehrte Darwinsche Theorie! Wenn die Juden in Nordböhmen sich bedingungslos den Deutschen angliedern, so werden Jene im slavischen Theile des Landes von den Czechen verfolgt werden, mögen sie dort noch so sehr unter nationaler Flagge segeln. Dasselbe gilt in Galizien bezüglich der Polen und Ruthenen: gilt in Mähren und anderwärts und muß Jedem, der die Verhältnisse kennt und ein offenes Auge für sie hat, als ein Verhängniß erscheinen, welches die schlimmsten Folgen haben würde. Nicht Assimilirung, Organisirung wäre zu empfehlen. Organisirung ist für uns Mobilisirung — leben wir denn nicht im Kriegszustände? Sind wir nicht von Feinden umgeben und fliegt nicht gegen uns von allen Seiten grobes Wurfgeschoß? Der feige Antisemitismus hat nur Muth, auf uns loszuschlagen, weil wir blos Gruppen bilden; die Regierungen rechnen nicht mit'uns, weil wir in uns selbst Bruchtheile sind und uns bescheiden in den Winkel drücken. Stünden wir auf eigenen Füßen, hätten wir Abgeordnete wie sie die Alldeutschen und Jungczechen haben, unabhängig, unerschrocken und unermüdlich in ihren Forderungen, oppositionell in ihren Abstimmungen, wir wären nicht rechtlos und man würde nicht ungestraft unsere Kinder rauben, um sie den Katholicismus zum Fraß hinzuwerfen. Die Ruthenen bilden in Galizien gegenüber den Polen die Majorität — 3,500.000 gegen 3,080.000 — was bedeuten sie aber in ihrer, besonders in Ostgalizien so compacten Mehrheit angesichts der wohl organisirten und disciplinirten Minderheit der Polen, welche vermöge ihrer Strammheit im politischen Aufmärsche die Regierung beherrschen und die Geschicke Oesterreichs leiten? Wer hätte je gedacht, daß die früher unterdrückten Polen dahin gelangen werben, in dem Oesterreich Maria Theresia's die Deutschen in zweite Linie zu drängen und sich an ihre Stelle zu setzen? Sie liefern uns ein eclatantes Beispiel, was concentrirte Kräfte gegenüber jenen'vermögen, die sich zersplittern. Nur geistige Blindheit kann die großen Bortheile einer guten Organisation der Juden in Oesterreich verkennen. Diese Organisation kann nur von Wien ausgehen, wo doch eher die Männer von Capacität vorhanden sind, aus denen man den führenden Generalstab bilden könnte. Aus diesem Centtalpunkte müßte sich die Organisation verbreitern, zuerst auf die Provinzialhauptstädte und von diesen auf die ehemaligen Kreis¬ oder die jetzigen Bezirksorte, dann noch weiter nach unten. So, daß die Gliederung nach oben sich so gestalten würde: Eine Anzahl jüdischer Cultusgemeinden bilden eine Region, die sämmtlichen Regionen eines Landes unterstehen dem Provinzialcomits in der Hauptstadt und diese Hauptcomitss der Centtalleitung in Wien, welche in der Residenz die Interessen der Juden vertritt, über ihre Rechte wacht, ihre Beschwerden anbringt, die öffentliche Meinung aufklärt, den Verleumdungen und Angriffen energisch begegnet und bei Wahlen die Parole hinausgibt, wie es die Centralwahlcomites in Lemberg und Krakau thun. Es ist doch nothwendig, aus dieser kraftlosen Passivität herauszutreten, endlich aufzuhören, in Schafsgeduld all' diese Lumpereien hinzunehmen, die der erstbeste Schurke sich gegen uns herausnehmen zu dürfen glaubt, und schweigend zuzusehen, wie uns nach und nach unsere staatsbürgerlichen Rechte wegescamotirt werden. Die sociale Emancipation können wir allerdings nicht erzwingen, wir können einen Bielohlawek — oder wie sonst dieser unaussprechliche Mensch heißt — bis herab zu Wähner und Lueger, nicht nöthigen, uns zu Tische zu laden und mit unseren Töchtern zu tanzen, aber die politische Gleichstellung, die unverkümmerte Theilnahme an den constitutionellen Grundrechten dürfen wir uns nicht verkürzen laffen, müssen sie vielmehr mit Argusaugen hüten. Das ganze Volk kann nicht Wache stehen, deshalb thut eine tüchtige, temperamentvolle Vertretung noth. Für locale Interessen sind die Communalvertretungen berufen, für jene des Landes sorgt der Landtag, mit den Angelegenheiten der Gesammtbevölkerung befaßt sich der Reichsrath — eine gleiche Organisation sollten wir für unsere eigenen Volksinteressen ins Leben rufen: eine locale, eine provinziale und eine centrale Vertretung unserer politischen Rechte und zur Abwehr der gegnerischen Unrechte — eine vom ganzen jüdischen Volke getragene und anerkannte Repräsentanz am Sitze der Regierung und der antisemitischen Wegelagerer. Wer dazu die Initiative ergreifen soll? Nun, ich denke, in erster Linie wäre, ihremNamen und^ ihrem Berufe -nach, die „Israelitische Allianz" und in zweiter Reihe die rührige, vielverdiente „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" berufen. Oder auchbeide! . . . Meran. Leo Herzberg-Fränkel. Pros. Dr. L. Wahrmund in Innsbruck und das Juden- Ihum. Herr Rabbiner Dr. Tänzer in Hohenems veröffentlicht in der „Meraner Zeitung" vom 19. März einen' offenen Brief an Herrn Univ.-Profeffor Dr. L. Wahrmund in Innsbruck, welcher in seiner berühmt gewordenen Rede von der „furchtbaren Intoleranz" gesprochen, „welche die katholische Kirche als unseliges Erbstück des mittelalterlichen Judenthums den arischen Völkern des Abendlandes überliefert hat." Wir entnehmen dem offenen Schreiben folgende Stellen: „Ich setze von Ihnen als Mann der Wiffenschaft voraus, daß Sie Ihre Belege aus der Rüstkammer der Wahrheit, der jüdischen Geschichte und Literatur holen werden, nicht aber bei Literaturen und Menschen vom Schlage eines Eisenmenger, Rohling, oder unserer, wenn man beide Augen fest zudrückt, ehrenhaft zu nennenden christlich-socialen Partei. Denn in diesen lichtscheuen Kreisen ist nicht nur derzeit Ihr eigener Name, sondern auch, und das laut einem ungeschriebenen, aber beschworenen Punkte des Programmes, der Begriff Wahrheit arg verpönt. Sie sprechen, geehrter Herr Professor, von der Intoleranz des Judenthums, worunter selbstverständlich nicht eine einzelne Partei oder gar vereinzelte Personen, sondern die religiöse Lehre des Judenthums zu verstehen ist. Indem icy nun geduldig auf Ihre Beweise jüdischer Intoleranz warte, erlaube ich mir, Ihnen vorläufig mit wenigen Belegen über die einzig dastehende Toleranz des Judenthums gegen Andersgläubige zu dienen. Da Sie vom „mütterlichen Erbstück" sprachen, so kann ich es unterlassen, jene Perioden der jüdischen Geschichte und Literatur, die in die Zeit nach dem Entstehen des Christenthums fallen, zu beleuchten, trotzdem es nicht unintereffant wäre, zu zeigen, wie z. B. selbst die Geisteserzeugniffe jener Zeit, in der die christliche Nächstenliebe ihre blutigsten Orgien in Strömen