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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-28 · 13 (28.3.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
13 (28.3.1902)
Date
1902-03-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Dr. Bloch's Wochrnschrisk. Seite 207 Da wir uns aber heute »icht mit dem Colonisationsthema, sondern mit der Frage des Einwanderungsverbotes nach England und Amerika befassen, so wollen wir auf die Bedingungen, von denen eine Colonisation ausgehen, und die Ziele, die sie anstreben müßte, nicht näher eingehen. Den wahren Charakter der Einwanderungsverbote in den beiden Staaten haben wir in Obigem genügend dargelegt und darnach auch die Richtung angegeben, welche Diejenigen befolgen müßten, die nach wie vor dahin streben, die Juden aus den Ländern der Knechtschaft in die Länder der Freiheit zu überführen. Gegen die Juden als solche wird weder England noch Amerika einen Schritt thun. Diese Völker und Staaten stehen auf einer höheren Culturstufe als die Antisemitenländer und es ist bei ihnen die Cultur so tief eingewurzelt, daß entehrende Rückfälle, wie wir sie bei uns beobachten, dort nicht zu besorgen sind. Wir glauben den Wiener Antisemiten wohl, daß sie es gerne sehen würden, wenn England und Amerika in den Pfuhl ihrer Gemeinheit herabsänken. Allein dieser Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen. Die „Schmach des Jahrhunderts" bleibt auf die Völker beschränkt, deren ethische Cultur eben nur eine oberflächliche war und die sich erst vom Schlamm und Schmutz, der ihnen noch anhaftet, befreien müssen. Die Wiener haben diesen Läuterungsproceß noch nicht überwunden, sie stehen noch mit den Rumänen auf einer Stufe. A. Wiener. Vom Jahrmarkt de« Leben» Glossen zur Tagesgeschichte. (Dr. v. Körber wird um Antwort gebeten. — Herr Dr. Lueger hat „die Juden d'rankriegt." — Antisemitischer Krach in Berlin. — Das Stammpublikum der Zuchthäuser. — Zweifelhafte Nothwendigkeit.) Die Aufforderung des Dr. Lueger, bei einem Candidaten der fortschrittlichen Partei nichts zu kaufen, sondern an dem Verkaufsstande desselben vorüberzugehen, haben wir in unserer vorigen Nummer nach Gebühr gekennzeichnet. Die öffentliche Entrüstung, welche diese empörende Handlungsweise des Bürgermeisters bei allen anständigen Menschen hervorgerufen hat, fand ihr Echo in einer Interpellation, die Abgeordneter Dr. Vogler im Parlamente einbrachte und in welcher er sagte, daß das Vorgehen des Bürgermeisters nicht nur vom moralischen Standpunkte höchst verwerflich fei, sondern auch den bürgerlichen Frieden gefährde. Auch der politische Gegner des Bürgermeisters habe Anspruch auf Schutz seiner Person und seines in der Gemeinde befindlichen Eigenthums. Herr Dr. v. Körber hat die Interpellation bisher nicht beantwortet, die Abgeordneten haben die Ferien angetreten, und bis sie wiederkommen, wird der Herr Ministerpräsident an die Anfrage des Herrn Dr. Vogler vielleicht schon vergessen haben oder vergessen wollen. Wir werden uns erlauben, Se. Excellenz an den Gegenstand zu erinnern. Die Regierung eines Rechtsstaates kann und darf es nicht dulden, daß der Mann, der an der Spitze der hauptstädtischen Verwaltung steht, ungestraft oder mindestens ungetadelt Acte begeht, die von den höchsten Gerichtsstellen als unsittlich und verbrecherisch erklärt wurden. Der Terrorismus des christlich-socialen Parteiregimes ist freilich stark genug, um auch die Regierung einzuschüchtern, und wir verstehen es. daß die Nothwendigkeit, über eine schimpfliche Action des Herrn Dr. Lueger irgend eine Aeußerung abgeben zu müssen, die ja nothgedrungen einen, wenn auch noch so sanft gesäuselten Tadel gegen den Parteihäuptling der Clericalen enthalten mußte, dem Herrn Ministerpräsidenten unbehaglich erscheint, allein Se. Excellenz wird sich dieser schmerzlichen Nothwendigkeit nicht entziehen können. Auch Herr Dr. Lueger hat sich letzthin in einer unangenehmen Zwangslage befunden. Er mußte zugestehen, daß in die bei den Gemeinderathswahlen fungirenden Wahlcommissionen ausschließlich antisemitische Parteigänger gewählt wurden, und daß er dies habe thun müssen, weil die Partei es so wollte. Der Zuruf des Gemeinderathes Helbig: „Dann sind Sie ja ein Parteibürgermeister!" war daher sehr berechtigt, klang aber bei der Notorität dieser Thatsachen beinahe komisch, als ob Dr. Karl Lueger nicht seit Jahren schon die gesammte Verwaltung der Parteilichkeit occupirt, aus Parteirücksichten brutale Acte der Willkür und Ungerechtigkeit begangen und geduldet, Gesetz uud Recht, Sitte und Anstand mit Füßen getreten hätte. 4- * * Wie veredelnd muß es auch auf den Rechtssinn der Bevölkerung wirken, wenn Dr. Lueger in der Wählerversammlung sagt: „Die Anschuldigung, daß es den Juden unter Dr. Lueger gut geht, ist lächerlich. Das kann nur Einer sagen, der sich die Augen verschließt. Es gibt vielleicht keinen Menschen in Wien, der die Wiener Juden schon so d'r a n k r i e g t hat. wie meine Wenigkeit. Die Geschichte der Tramway beweist, daß ich vielleicht doch mit etwas Klugheit vorgegangen bin. Alles, was wir geschaffen, beweist, daß wir die gefährlichsten Gegner der Juden sind." Zunächst ist es charakteristisch, daß Herr Dr. Lueger die Angabe, es gehe unter seiner Verwaltung den Juden gut. als eine Anschuldigung betrachtete. Unseres Wiffcns ist es Pflicht eines Bürgermeisters und gehört in den B-reich seiner beschworenen Amtspflicht, nach seinen Kräften Alles aufzubieten, damit es allen feinen Gemeindeangehörigen möglichst gut geht, also auch den Juden. Das Gegentheil bewirk-'n zu wollen und den jüdischen Gemeindeangehörigen nicht als gerechtem Oberhaupt der Gemeinde, sondern als „gefährlicher Gegner" gegenüberzustehen, widerspricht seinem Amte und seinem Eide. Wenn aber Dr. Lueger in Hinblick auf das communale Tramway- Geschäft sich rühmt, er habe die Juden „d'rankriegt", so ist eine solche Denkungsart und eine solche Redeweise viel würdiger eines gefinkelten Roßtäuschers oder, wenn wir uns bei den Antisemiten damit einschmeicheln, eines galizischen Kratzers, als des Bürgermeisters einer Metropole. * * * Die Antisemitenpresse jubelt über den Ausfall der Gemeinderathswahlen in Wien und beklagt schmerzlich den Ausfall der Handelskammerwahlen in Berlin, an welchen der Berliner Correspondent des Verganiblattes die Bemerkung knüpft: „Und die Berliner Antisemiten? wird vi.lleicht der Lffer einwerfeu. Was thun die, um die drohende Gefahr abzuwenden? Entflammen sie dos Volk, zeigen sie ihm die Allmacht des jüdischen Volkes? Es ist b e s ch ä m e n d, aber es muß einmal öffentlich herausgesagt werden, daß nirgends der Antisemitismus so darniederliegt und abgewirthschaftet hat, wie heute in der Reichshaupt st ad t." Das ist ein sehr erheiterndes und aufrichtiges Geständniß, lehrreich d shalb. weil dieses gänzliche Abwirthschaften des Antisemitismus in Berlin sich in einer großen Epoche des politischen und wirthschaftlichen Aufschwunges vollzogen hat. In einem gesunden, politisch und wirthschaftlich emporstrebenden Organismus wird eben das antisemitische Gift ausgeschieden. Der Bacillus dieser Bolkskranheit ist nur dort wirksam, wo die Reaction, die geistige und wirthschaftliche Rückständigkeit zuhause sind, wie in Spanien, in Rumänien und in — Oesterreich. 4° * * Eine kleine statistische Mittheilung, intereffant für die Scheerenarbeiter der „Ostdeutschen Rundschau" und des Vercaniblattes, deren Thätigkeit darin besteht, die Notizen über die Vergehungen jüdischer Verbrecher aus den verschiedensten Zeitungen herauszuschneiden, finden wir in einem Artikel der „Berliner Nationalzeitung" über dasStammpublicum derZuchrhäuser. Wir denken da zunächst an Ernst Berg an i. Ihn möchten wir nämlich vor Allem auf diesen Artikel aufmerksam machen. Laut der Uebersicht über die Zuchthausgefangenen in Preußen für das Jahr 1900—1901 sind der Religion nach 60 Percent Evangelische, 39 Percent Katholiken und 1 Peicent Juden, während die entsprechenden Verhältnißzahlen der Gesammtbevölkerung in Preußen sind: 64 Percent Evangelische, 34 Percent Katholiken und 1*2 Percent Juden. Die CriminaU ät der Juden bleibt also auch in Preußen hinter dem Verhältmß ihrer Anzahl zur Bevölkerung zurück. Die Zuchthäuser sind im Allgemeinen also noch lange nicht so verjudet, wie Bergani so häufig zu befürchten sich den Anschein gibt. 4° 4- 4- Die „Reichspost" tadelt es, daß der Handelsminister Baron Call ein Hausirverbot für Wien derzeit nicht erscheinen lassen will, weil hiedurch 1400 Menschen brotlos werden würden, und sie fragt: „Müssen denn diese gerade in Wien ihren Erwerb suchen? Wer zwingt denn diese Leute, in Wien zu bleiben und nicht anderswo ihr Brot zu verdienen?" Die volkswirthschast-

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