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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-28 · 13 (28.3.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
13 (28.3.1902)
Date
1902-03-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 206 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 13 ewig wache Mißtrauen ihrer Umgebung dadurch zu beschwichtigen, über die Motive ihrer feigen Fahnenflucht dadurch hinweg zu täuschen suchen, daß sie ihre ehemaligen Glaubensgenossen verleumden, ihnen all' jene verächtlichen Eigenschaften nachsagen, durch welche sie selbst emporgekommen sind. Der Mahnruf, daß die jüdische Gesellschaft die Abtrünnigen mcht länger in ihrer Mitte dulde, nicht weil sie dem Judeuthum abgeschworen, sondern weil sie ihm falsch abgeschworen, ans sittlich verwerflichen Beweggründen abgefallev sind, hat tiefen Eindruck gemacht. Aber um ihm praktische Wirksamkeit zu geben, müßte man die ehrenwerthen Herren kennen, die nach einem solchen Schwure, wie er ihnen bei der Konversion auferlegt wird, noch schamlos genug sind, unsere Gesellschaft zu suchen. Denn auch das ist ein bezeichnendes Moment ihrer Gesinnungslumperei, daß viele von ihnen den Glaubenswechsel im Geheimen vollziehen und „sich nicht zu erkennen geben". Es kommt nicht selten vor, daß die Familie erst nach dem Tode eines Angehörigen, erst bei der. Bestellung seines Leichenbegängnisses den erfolgten Abfall erfährt. Sie wandeln unter uns, sie heucheln uns Zuneigung und Liebe, mit dem furchtbaren Schwure auf den Lippen, daß sie verabscheuen und verdammen, was wir heilig halten, wofür unsere Altvordern Jahrtausende gelitten und gestritten haben, wofür wir selbst noch immer leiden und streiten. Sie sind unsere Feinde und wir kennen sie nicht. Eine übelangebrachte Milde und Nachsicht bewahrt sie vor der Entlarvung. In keiner Confession als der jüdischen kommt es vor, daß Convertiten aus ihrem Uebertritte ein Geheimniß machen können. In einer Cultusgemeinde im äußersten Nordwesten Oesterreichs vermochte ein Gemeindemitglied jahrelang das Matrikelamt über seinen und seiner Kinder Glauben zu täuschen und mit dem Rabbiner geradezu Katze und Maus zu spielen. Alle Anstrengungen, von der politischen Behörde eine authentische Aufklärung über das wirkliche Bekenntuiß des Mannes zu erlangen, blieben erfolglos. Das sind Zustände, die nachgerade unerträglich werden! Sie sind nur möglich, weil einestheils in maßgebenden Mischen Kreisen noch immer ängstlich an dem unbegründeten Borurtheil festgehalten wird, daß eine Namhaftmachung der Couversiouen ein Chilull haschem oder ein Anreiz zur Nachahmung wäre, und weil anderseits die österreichische Judenschaft trotz des Gesetzes zur Regelung chrer äußeren Rechtsverhältnisse die ungeheuerlichsten Rechtsverletzungen geduldig erträgt. Seit Jahrzehnten hat sich die Ueberzeugung in immer weiteren Kreisen befestigt, daß, wenn schon eine jüdische Consistorialverfassung nicht ohneweiters durchzuführeu wäre, doch wenigstens das Referat über jüdische Cultusangelegenheiten in die Hände eines Glaubensgenossen gelegt werden müsse, um so die Gleichstellung der jüdischen Confession auch administrativ zu markiren. Aber die Uneinigkeit der entscheidenden Factoren hat bislang diese nothweudige Reform leider immer verhindert. Nach Innen und Außen fehlt uns j gliche Energie! Ginwa«der«ngsvert»ote in G«Alaub und Amerika. Die Antisemiten bemühen sich, den in England und Amerika getroffenen und in Vorbereitung befindlichen Actionen zrw Verhinderung der Einwanderung von Ausländern eine antisemitische Deutung zu geben und diese beiden Staaten als von der antisemitischen Pest angegriffen darzustellen. Triumphirend vermeinen sie die Welt glauben machen zu können, daß auch der Rest von Freisinn, dessen Hort bisher noch diese Mächte waren, verloren gegangen sei und die Verfolgung Andersgläubiger und die Racenhetze, die sie mit solcher Virtuosität betreiben, sich nun auf das angelsächsische Volk verpflanzt haben. Ihre Anhänger können sie mit dieser Lüge füttern, wer aber Wahrheit von Lüge zu unterscheiden vermag, der wird sich nicht irreführen lassen, und wer den wahren Beweggrund der im Zuge befindlichen Actionen in den Vereinigten Staaten und in England kennt, weiß, daß es ausschließlich politische und socialpolitische Verhältnisse sind, die sowohl in England wie in Amerika maßgebenden Einfluß üben, daß man sich gegen die Einwanderung aller armen und gewisser politischer Einwanderer und nicht gegen die Einwanderung speciell jüdischer Einwanderer schützen zu müssen glaubt. Was die polilischen Bedenken betrifft, so richten sich dieselben ausgesprochenermaßen gegen die Anarchisten. Amerika hat bereits seine Gesetzgebung in diesem Sinne ausgestaltet nnd England geht eben durch die Einsetzung der genannten Commission daran. Was aber die socialpolitischen Momente betrifft, muß man in Betracht ziehen, daß in beiden Staaten die Löhne der Arbeiter sehr hohe sind und nicht nur die Arbeiter, sondern auch der Staat ein lebhaftes Interesse daran haben, diesen hohen Lohnsatz zu erhalten, bei dem die einheimische Industrie gedeiht und von dem der Wohlstand der Staaten bedingt ist. Von einer Masseneinwanderung armer Arbeiter überhaupt — nicht blos jüdischer — befürchtet man aber eine Ueberfüllung des Arbeitsmarktes und ein Unterbieten des Arbeitspreises, mithin ein Sinken des Wohlstandes. Gegen diese Gefahr wehrt man sich in Amerika durch das Verbot der Chineseneinwanderung und die erschwerenden Bedingungen, die man an jeden Einwanderer stellt; in England will man sich vorerst gegen die Masseneinwanderung Armer ohne Unterschied schützen. Man erkennt hieraus wohl auf's Klarste, daß die Frage mit Philo- oder Antisemitismus überhaupt gar nichts zu thun hat, sondern einzig und allein socialen Ursprungs ist. Nur insoferne auch armen Juden dadurch die Einwanderung erschwert wird, kommt die Frage für diese — aber nicht als Confession oder Stammesangehörige — sondern als Arbeitsuchende im Allgemeinen in Betracht. Es hat sich bei früheren Erhebungen wiederholt gezeigt — wir erinnern an die Commission über das Schwitz- (Sweating) System, daß die Juden die fleißigsten, tüchtigsten, aufopferungsvollsten, aber leider auch anspruchlysesten Arbeiter sind, daß sie, um ihr Leben zu fristen, sich mit dem geringsten Lohn zufrieden geben und in fast unbeschränkter Zeit sich der Arbeit widmen. Um dieser eigentlich vorzüglichen Eigenschaften willen rufen sie gegen ihren Fleiß und ihre Genügsamkeit eine gewisse Opposition wach — nicht gegen ihre Raee oder ihren Glauben. Ueberdies haben sie in England wie in Amerika zumeist die großen Städte aufgesucht und dort natürlich die Zahl der Arbeitnehmer vermehrt. In England erscheint das erklärlich, weil es dort auf dem Flachlande überhaupt keine Erwerbsgelegenheit gibt. In Amerika aber müßten sie in entfernte, nicht dicht bewohnte Ländergebiete als Ansiedler ziehen und dazu. fehlen ihnen nicht nur die Mittel sondern auch die physische und technische Vorbereitung. Könnte man ein Uebergangsstadium schaffen, in welchem sie wenigstens die persönliche Eignung zur Colonisation zu verstärken und auszubilden vermöchten, so hätten die Vereinigten Staaten, Mexiko und Canada genug Territorien, in denen nur 6 Menschen auf dem Quadratkilometer leben, so daß noch je 40 auf den Quadratkilometer aufgetheilt werden könnten, ohne daß eine Ueberfüllung zu befürchten wäre. Was aber derartigen Colonisationsprojecten weiter hinderlich im Wege steht, das ist die volle Freizügigkeit, die Jeder genießt, der einmal das Aufenthaltsrecht erlangt hat. Man kann Niemand zwingen, daß er an dem Orte der Ansiedlung bleibe, es steht ihm frei, wieder die „große Stadt" aufzusuchen und dort dem Erwerbe nachzugehen, so daß immer wieder eine Ueberfüllung der Centren entsteht, die man aus socialpolitischen Rücksichten vermeiden will.

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