Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Blvch's Wochenschrift. Teile 2V3 synagogalen Dichters aus den Tiefen des bedrückten Herzens hervor uns vor die Seele führte.-Rahel, die ihrem Stamme Entfremdete, besucht das Grab des Vaters. Und alljährlich, wenn der Frühling In die Gasse war gekommen. Und der letzte Gruß des Tages In den Wolken war verglommen, Pflückte Rahel auf dem Grabe Einen Grashalm nach dem andern. Legte Steinchen drauf und ließ die Thronen zu dem Todten wandern". — Der dies geschrieben, zeigt, daß die Welt in ihm den Juden nicht ertödten konnte; und er beweist, wie viel Gemüthstiefe in dem uralten Judenthum schlummert; er läßt uns ahilen und hoffen, wie viel Schönes auf dem Felde der Dichtkunst wir von ihm noch zu erwarten haben. Donath wird wohl noch manches Lied zu Ehren des vielverlästerten Judenthums erklingen lassen. Wie wenn er sich einer größeren Aufgabe unterzöge? Wenn er uns in einem großen Romane, was wir erschaut und erlebt und erduldet, vorführte. Das Ringen etwa einer großen Seele mit all' den finsteren Geistern, die sie zu vernichten trachten. Wir erwarten noch das große Inden-Epos, den Juden-Roman. Donath, dessen Leier uns schon so oft erschütterte und erhob, scheint berufen zu sein, die alten Kraftgestalten des Ghettos wieder vor unserem Auge erstehen zu lassen. Der alte „weise Jakob" und die schöne „Jüdin Rahel", das alte Judenthum und seine modernen Ausläufer in ihrem Widerstreite, das ist em Thema, das noch immer des Griffels des Poeten harrt. Möge uns Donath bald niit einem größeren Werke ans dem Ghetto erfreuen. Wir wissen es, an dichterischer Kraft dazu fehlt es ihm nicht. Brünn. Dr. Max G r ü n f e l d. Zur Sclbstruord-Diseussion. In Nr. 7 der „Oesterr. Wochenschrift" vom 14. Februar d. I. erschien ein Artikel des Herrn Tr. Simon Stern, Rabbiner in Saaz, in welchem der Verfasser die Tendenz verfolgte, die Toleranz des Rabbiners über das religiöse Gesetz beim Selbstmorde zu bestimmen, berief sich auf einen der größten Koryphäen des Judenthums im vorigen Jahrhunderte und zwar auf das Responsum des hochgelehrten und wahrhaft frommen Oberrabbiners Moses Sofer s. A. (II. Theil, Jore Dea Nr. ö‘J6), welcher Milde und Nachsicht des zn handhabenden Gesetzes bei Leichenbestattungen für Selbstmörder sehr warm empfiehlt, und nun kommt Herr Rabbiner Dr. I. Günzig in Loschitz, veröffentlicht einen „Pilpul" in Nr. 9 vom 28. Februar d. I., in welchem zerstört wird, was Herr Rabbiner Dr. Stern anfgebaut hat. Jeder Rabbiner, oder sagen wir Gebildete, welcher nnt den rabbinischen Schriften vertraut ist und den Aufsatz des Dr. Stern in Nr. 7 gelesen hatte, müßte die Reinheit der Absicht des Verfassers erkennen und auch würdigen, und jetzt will Herr Dr. Günzig diesen auf Humanität ruhenden Gedankengang und meisterhaft geschriebenen, wie auch streng wissenschaftlich gehaltenen Artikel des Dr. Stern mit feinen „zu behebenden Widersprüchen"? zunichte machen. Der ganze Artikel in der Nummer 9, geschrieben von Herrn Dr. I. Günzig, ist überdies mit wenigen Veränderungen, entnommen aus Dr. I. Hamburger's Real-Encyklopädie, zweite. verbesserte Auflage, II. Abtheilung, Artikel „Selbstmörder", Seite 1110 — 1113, ja wortgetreu sammt den angegebenen Quellen, Beistrichen, Punkten, Doppelpunkten, Ausrufungszeichen 2c. re. Hievon einige wortgetreue Beispiele: 1. So wird in der Bibel der Selbstmord Sauls und seines Waffenträgers, ebenw des Simri und des Achitofel ohne Tadel genannt, weil derselbe aus Furcht, vom Feinde getödtet zu werden, geschah. (S. ino.) 2 Und daher wird auch in Bezug auf Saul ausdrücklich bemerkt, daß die Israeliten von Gott bestraft wurden, weil sie es unterließen, ihn, der wegen des Feindes den Selbstmord an sich begangen, gehörig zu betrauern. (S. Hl3.) 3. In Lydda entfloh der Sohn eines Georgias aus der Schule. Der Vater traf ihn und drohte mit Strafen. Der Knabe ängstigte sich vor den Strafen und tödtete sich mittelst eines Kleidungsstückes. (S. 1110.) Als die Sache von R. Tarphon zur Entscheidung kam, da erklärte er, den Knaben nicht zu den Selbstmördern zu zählen. Ein anderer Fall ereignete sich in Bne-Brak. Ein Knabe zerbrach einen Krug am Sabbath Der Vater drohte mit harten Strafen. Darauf ergriff der Knabe die Flucht, stürzte sich in eine Cisterne und brachte sich so selbst um. Und als R. Akiba über diesen Selbstmord befragt wurde, antwortete er ebenfalls, derselbe gehöre nicht in die Kategorie des Selbstmordes, und befahl, ihm nichts von der üblichen Leichenbestattungsweise zu entziehen. (S. INI). 4. Als Selbstmörder gilt nur der, welcher sagt, er wolle sich auf diese oder jene Weise tobten, und den wir gesehen im Zorne, diese gegen sich ausgesprochene That ausüben. (S. 1110). 5. Das Verbot des Selbstmordes ist in dem Verbote des „Du sollst nicht morden" mitangegeben. Man versteht darunter jede Art des Selbstmordes, die unmittelbare, sowie die mittelbare. Es riefen die Jünger ihrem zum Feuertode verurtheilten Lehrer R. Chananja b. Teradjon zu: „Oeffne Deinen Mund, damit die Flammen in Dich eindringen und dich früher tobten!" Da entgegnete dieser, sie belehrend: ..Gott allein kann mir das Leben nehmen, ich selbst darf nicht töülen!" (S. U11> Daß bei der Bestattung nichts unterlassen werde, was die Hinterbliebenen Lebenden beleidigen könnte. — Tie wörtliche Bestimmung lautet hierüber: Alles, was zur Ehre der Lebenden ist, verweigere man nicht, aber was nicht zur Ehre der Lebenden gehört, entziehe man. (S. 11 i 3). Sogar der Schlußsatz aus Hamburger's Real-Encyklopädie und Giinzig's Artikel ist wortgetreu: „Später bürgerte sich'die Sitte ein, den Selbstmörder nicht in die Reihe der Gräber, sondern au der Seite zu beerdigen." Bei Hamburger's Real- Encyklopädie ist der Schluß: „wovon mni jedoch in Berlin schon lange abgekommen ist." (S. 1113). Bei Günzig der Schluß: „was in viele! Gemeinden noch heute beachtet wcrd." Aus diesen Proben der Arbeit des Günzig und Hamburger ist ersichtlich daß der ganze Aufsatz mit einigen Veränderungen und Satzverstellungen aus der Real-Encyklopädie entnommen wurde und selbst die Quellen mit inbegriffen. Wo kommt im last haeliazaka das lo nrzuch, vor, das den Selbstmord einschließt? llilelwlü-Rozsaeb 2. 5 ist nicht richtig, bei Hamburger auch nicht — sondern II, 2 und 3. Die anderen Quellen will ich nicht anfnhreu, da ich mich kurz fassen muß; eines jedoch concedire ich Herrn Dr. Günzig. daß weder im Talmud noch im Maimnni der Lehrsatz enthalten ist: „Hameabad azmo lodaath ea lo chelek leolom habo.“ Jedoch empfehle ich ihm die Teschuba von R. Elicazar Fleckeles s. A. (Teschuboh Meahava III. Theil, Jore Dea, Nr 409) zu lesen. Zur Beherzigung lege ich Herrn Dr. I. Günzig felgendes Schriftwort vor: „So Tu kommst in den Weinberg Deines Nächsten, esse Trauben nach Herzenslust, aber in Deinem Gesäße sollst Dn nicht legen " Fiume. 10. März 1902. Gerloczy, Rabbiner. Pisek, 7. Februar. Im „Anhang" meiner soeben erschienenen Schrift „Das Leben und Wirken der hervorragendsten rabbinischen A.itoritäten Prags" heißt es wörtlich: „Zn wiederholtenmalen bin ich von Redactenren verschiedener Zeitschriften aufgefordert werden, ihnen Materialien zu meiner Biographie zu liefern. Ich habe es aber bis nun unterlassen, weil ich dem Salomonischen Ausspruche: Jehalelcho sor welan yicho, Lasse Andere deine Thaten und Handlungen beuriheilen, huldige. Der freundliche Leser wird es hoffentlich mißdeuten, wenn ich mir gestatte, hier blos einige auf meine vierzigjährige Thätigkeit als Schriftsteller und Rabbiner bezughabende Schriftstücke zu reproduciren." Der sehr geehrte Recensent hat in Nr. 9 der „Oesterreichischen Wochenschrift" nicht nur von der in Rede stehenden Schrift, sondern auch von dem „Anhänge" Nokiz genommen und von einem vierzigjährigen „Jubiläum" gesprochen, obwohl es mir n i e in den Sinn kam, ein „Jubiläum" zu feiern. In Folge der beregten Recension erhielt ick im Laufe dieser Woche zahlreiche Zuschriften und Gratulationen von gelehrten Freunde» und Bekannten. Biele erkundigten sich nach dem Datum des zu feiernden „Jubiläums". Um die Neugierde vieler Freunde zu befriedigen, bemerke ich, daß ich mein erües-Opus, als junger Student im Jahre l->58 edirt habe und daß ich seit dem Jahre 1862 aks Rabbiner thätig bin. jedoch den Tag meines Amtsantrittes unterließ ich aus dem oben angeführten Grunde anzugeben. Kleine Leute haben nicht das Recht, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zn lenken und sich „feiern" zu lasfeu. Fried länder. Kriefkaften. L. Von der Bevölkerung Preußens sind etwa 64 2 v. H. evangelisch, 34*2 v. H. katholisch und 124 v. H. jüdisch; von den >36.803 Schülern, die im Winterhalbjahr 1892/93 die höheren Lehranstalten besuchten, waren rund 70 v. H. evangelisch, 21 v. H. katholisch. 8'6 v. H. jüdisch und von den 162.057 Schülern des Winterhalbjahres 1900/01 69 v. H. evangelisch, 23-5 v. H. katholisch, 7 3 v. H. jüdisch. — Die Abnahme ist bedauerlich. K. Der neuernannte italienische General-Consul L. Allatini in London ist Vorstandsmitglied der A. I. U. R. in Wien. Tage hindurch wurde im „Deutschen Volksblatt" und den ihm gesinnungsverwandten Blättern mit großem „Tam-Tam" angekündigt, daß Professor und Canonicus Rohling am 11. d. M. einen Vortrag über die „Jndenfrage" halten werde. Nun, da Rohling seinen Vortrag in Wien gehalten hat, wird der Inhalt von der gelammten antisemitischen Presse vollständig verschwiegen und die Leser dürfen nichts von den kostbaren Dingen erfahren, die Herr Rohling seinen Freunden und Verehrern zum Genuß gcboten hat. K. „Das Vaterland" ist entsetzt über die Rede des Professors W a h r m u n d in Innsbruck. Als dessen Vater die heilige Schrift beschimpfte, nahm sogar „Das Vaterland" wohlgtfällig davon Notiz. Nun aber, da der Sohn mit der Autorität der Bibel auch die des Papstes nicht mehr anerkennen will, sind die fromme» Leute plötzlich entsetzt. Es gibt aber eine Nemesis in der Geschichte. M Der lächerliche Prahlhans als Bürgermeister w.rd einst das Object eines guten Lustspieles abgeben. Ensens. Leitmeritz. Die Mittheilung über die Veranstaltung des famosen Purimballes in Leitmeritz gehört mit einer entsprechenden Caricaturzeichnnng in ein Witzblatt.