Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021452--11635-3036183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 302 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Nr. 12 »Amen!" entschlüpfte es Josef's Lippen. »Jetzt schauen Sie aber, daß Sie fortkommen \* herrschte sie mit sichtlich erkünstelter Indignation den Cantor an, und als er sich lachend aus dem Staube gemacht hatte, stammelte Josef: »Verzeihung, Fräulein — * »Frau/ ertönte es ernst, nahezu barsch, aus ihrem Munde. »O, gnädige Frau/ Hub er nach einer Weile an, »ich fühle mich tief beschämt über meine Unwissenheit und mein unschickliches Benehmen. Aber wollen Sie gütigst bedenken, daß ich heute meinen ersten Schritt in die Welt mache, — Sie werden mir dann nicht böse sein." »Ich bin Ihnen auch gar nicht böse/ erwiderte sie mit einem reizenden Lächeln! »Aus welcher Welt kommen Sie denn, daß Sie so unerfahren thun, und in welche Welt machen Sie heute Ihre Bebö-Schritte?* Diese scherzhafte Wendung gab ihm seine Sicherheit, und mit sprudelnder Beredtsamkeit gab er seine kurze Biographie zum Besten, die sie im hohen Grade zu interessiren schien. Zum Schlüsse sagte er: »Als ich Sie heute zum ersten Male erblickte, da war es mir, aK sei es mir vergönnt, ein höheres Wesen zu erblicken, und der erste Eindruck hat mich nicht getäuscht . . ." Sie schaute ihn verduzt an: »Was soll das?* »Nicht getäuscht/ wiederholte er. »Sie haben heute nicht uur eine Probe Ihres Genies abgelegt und eine gottbegnadete Künstlerin ist schon an und für sich kein Alltagswesen, aber Sie haben heute mehr als das gethan, — was Sie thaten, das war ein Kiddusch Haschern!" Seine Augen leuchteten, und sie schaute mit Wohlgefallen auf den enthufiasmirten Jüngling, der ihr in diesem Augenblicke wie einer jener dichterischen Jdealgestalten erschien, mit deren Wesen sie sich, ihrem Berufe gemäß, oft vertraut machen mußte, die aber in der Wirklichkeit so selten zu finden sind. — Sie wußte wohl kaum, was die hebräischen Worte bedeuteten, sie fühlte nur, daß ihre Handlungsweise ihn begeisterte, sie verlangte auch keine nähere Erörterung, — sie wollte diesen Eindruck mitnehmen, für ihr Leben. »Ich danke Ihnen/ sprach sie im Tone tiefer Rührung, »für die freundlichen Worte, die meinem Herzen wohlthaten. Es gereicht mir zur großen Freude, einen so edeldenkenden jungen Mann kennen gelernt zu haben, und ich vereine meine Wünsche mit denen Ihrer beneidenswerthen Eltern, daß Sie das Ziel Ihrer Wünsche mit Ruhm erreichen mögen. — Ich muß Sie nun verlassen, da ich an der nächsten Station aussteige. — Leben Sie wohl! Wenn Sie einst auf jene Stufe gelangt sind, um als berufener Fürsprecher Ihrer Nebenmenschen vor dem Throne Gottes zu wirken, schließen Sie auch mich ein in Ihr Gebet, oder bewahren Sie wenigstens ein freundliches Angedenken der fahrenden Sängerin —" und sie nannte einen Namen, der erst einige Jahre später zu großer Berühmtheit gelangte. Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßte, und als sie das Schiff verließ, murmelten seine Lippen den priesterlichen Segen: »Es segne Dich der Herr und behüte Dich! Es lasse der Herr sein Antlitz Dir leuchten und sei Dir gnädig I Es wende der Herr sein Antlitz Dir zu und gewähre Dir Frieden / Und wahrlich, dieser inbrünstige Segen eines frommen, unschuldsvollen Jünglings mußte vor dem Throne Gottes wirkungsvoller sein, als wenn er sie nach Jahren als Rabbiner gesegnet hätte. Wie wäre sie sonst die große Künstlerin geworden? * * * Es hätte mit dem Segnen dann später auch seine Schwierigkeiten gehabt, denn wie es im Leben oft vorzukommen Pflegt, daß die besten Absichten vereitelt werden, ohne daß die Folgen immer unliebsam sich gestalten, wurden auch die Pläne des alten Lindner betreffs seines Sohnes zunichte, — Josef wurde gar keinRabbiner. Aber der Alte hatte keinen Grund, sich darüber zu grämen, denn sein Sohn hatte eine nicht minder ruhmreiche Carriöre eingeschlagen, die ihm die Achtung seiner Mitmenschen uud auch einen ansehnlichen Wohlstand eintrug. Er wurde nämlich einer der hervorragendsten Bautechniker seines Vaterlandes, das ihm die Ausführung manch' monumentaler Kunstwerke zu verdanken hatte, zu denen sonst nur Ausländer berufen werden konnten. Wie das kam? Gleich auf seiner ersten und einzigen Jeschiwah in P. hatte er im Hause eines Ingenieurs Unterrichtsstunden zu ertheilen. Er wurde da wie ein eigenes Kind behandelt. Hier gewann er Einblick in die Elemente der Maschinen-Construction, der er so wildfremd gegenüberstand, und die ihn, seitdem er auf dem Donaudampfer die Schiffsräder so sehnsüchtig bewundert hatte, mächtig anzog. Der freundliche Hausherr ertheilte ihm gerne manche Auskunft und merkte bald, daß bei dem jungen Gelehrten das Interesse für das Wesen der Technik zu einer förmlichen Neigung herausgewachsen war. Er unterstützte ihn daher in jeder Weise, — Josef brauchte nicht viel! — nach zehn Jahren konnte der bescheidene Ingenieur in P. schon mit Stolz sich seines — Schwiegersohnes rühmen! Die Geschichte wäre nicht vollständig, wenn nicht hinzugesüqt würde, daß unser Josef auch als berühmter Techniker sich mit Leib und Seele als Jude fühlt, an allen Regungen der jüdischen Volksseele innigen Antheil nimmt und sein Judenthum nie und nimmer in den Schatten stellt oder stellen läßt. Das Reiseabenteuer auf der Donau betrachtet er heute mit kühlerem Blicke. Eine Schauspielerin könnte ihn wohl kaum mehr so bezaubern, aber, wenn eine jüdische Sängerin auch heute noch einem Kirchensürsten gegenüber ihr Judenthum hervorzukehren den Muth, — nein, die Anmuth hätte, er würde ihr auch heute die Anerkennung nicht versagen und es erklären für ein Kiddusch Haschem. ._ Literatur. Mensch und Liebe. Neue Gedichte von Adolph Donath, Berlin E. Hoffmann & Co. Der selige Prediger Dr. Adolph Jellinek beklagte es in einem seiner gottesdienstlichen Vorträge, daß unsere jungen Dichter ihre Leier nicht in den Dienst unseres Volkes stellen. Wir alle wissen, wie wahr dies Wort gewesen und leider noch heute ist. Wir kennen genug Dichter unseres Stammes, die in herzbewegenden Klagen fremdes Weh' zum Ausdrucke bringen und darob der uns so schwer drückenden Fesseln vergessen. Dichter unseres Stammes ragen auf dem Gebiete des Dramas, des Romans, der Lyrik hervor, aber dem Judenleid und feiner Schilderung gehen sie ängstlich aus dem Wege, als scheuten sic sich, an das Rasseln der Ketten, die uns noch immer beengen, gemahnt zu werde». Da schildert der Eine die große Proletariernoth, der Andere vertieft sich in die Renaissancezelt mit ihren Gewaltmenschen, der Dritte führt uns die Häßlichkeiten der Großstadt vor Augen, aber all' dem Jammer, den das Judenthum gerade unserer Tage in so mannigfaltiger Gestalt offenbart, verschließen sie sich. Da wird ihr Wort schüchtern, der Blick wendet sich weg, und mit abfälliger Gcberde sprechen sie von engem Gesichtskreis, und wie man heute sich von kleinlichen Verhältnissen ab- und den großen Fragen zuwenden müsse, welche die Menschheit bewegen. Zu jenen Dichtern unseres Volkes, die der „Judenfrage" nicht scheu ausweichen, sondern den Muth haben, mit starkem Tone zu bekennenwas uns Juden drückt, gehört der jugendliche Dichter Adolph Donath, dessen erste Gedichtsammlung „T a ge und Nächte" in diesen Blättern schon besprochen wurde. Damals wurde darauf hingewiesen, wie Donath in seinen „Judenliedern" eine Saite anschlug, die fortzittern muß in jedes Juden Herz. Was ein Gott ihn zu singen geheißen, das hat Donath in herrlich schönen Worten zum Ausdrucke gebracht. Als wandelten wir durch das alte, graue Ghetto, als blickten wir in die niedrigen Judenhäuschen, als sehen wir sie vorübergleiten die dunklen Schönen der „Gaffe", als-zögen wir dahin zwischen den stillen, schlichten Gräbern des „guten Ortes", und dann wieder, als betrachteten wir fteudigen Auges die liebe Jugend, wie sie draußen „auf der Wiese" sich am Sabbathnachmittage tummelt, dies alles hat Donath in ergreifender Weise wieder vor unserem Blicke emporgezaubert. „Mensch und Lieb e" nennt er seine neue Gedichtsammlung. Was liegt nicht alles im diesen Worten? Umfassen sie nicht eine ganze Welt? Ein schmächtiges Büchlein liegt vor uns, und doch, wie viel ist in diesen prächtigen Versen enthalten. Ob wir nun des Dichters „Gebete" vornehmen oder mit ihm philosophiren, ob wir mit ihm uns ins Dörfchen begeben oder wieder ins Ghetto, in die alte, traute Judengaffe. Und von der Judengaffe wieder auf den „guten Ort". Die Jugendzeit steigt vor unserem Auge auf. Wir glauben ihn gekannt zu haben den „alten Jakob", den Donath in seiner „I ü d i n" schildert. Ihn, „den die ganze Stadt verehrte, deffm weisen Rath und Ausspruch auch der Fremde stets begehrtes. Auch seine Tochter Rahel ist uns nicht ganz unbekannt. „Sie, die liebend einen Fremden sich zum Manne auserkoren. Und das Volk der Gaffe sagte, Daß den Glauben sie geschändet, Daß sie blos aus eitlen Lüsten Ihre Weiblichkeit verpfändet". Es ist eine Art lyrisches Epos, das Donath in seiner „I ü d i n" uns darbietet. Lyrisch, sagen wir, denn wahrlich aus diesen Vexsen klingt uns traute, bewegliche Musik entgegen. Weich und wehmüthig ist Donath's Weise. Wie wenn wir sie hörten die Melodien, die uralten, heiligen Klänge, die jedes Herz erschauern machten und einen Thränenstrom entfesselten.... Das Schluchzen hören wir wieder, das uns erschütterte, wenn der Baal-Tephillah des göttlichen Gerichtes mit dem-Worten des uralten