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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-21 · 12 (21.3.1902) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
12 (21.3.1902)
Date
1902-03-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 12 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 201 „Das ist mir auch ganz egal", meinte der Herr. „Ich verstehe nicht hebräisch, aber gut hat er gesungen. üßk» wird er denn gesungen haben?" „Es wäre Ihnen wohl nicht ganz egal, wenn Sie wüßten, daß sich der Kerl über Sie nur lustig gemacht hat." „Ueber mich lustig gemacht?" Der Fünfer war noch in seiner Hand. „Ja wieso denn?" „Die Melodie war nämlich die eines hebräischen Gebetes", applicirte das Jüngel, „aber die Worte, die er anwendete, entsprachen ungefähr dem Texte des bekannten Fluchliedes „Jaj de hunczut“, in's Hebräische übersetzt, auf Sie angrwendet . . ." Das war nun eine JmP.rtinenz sondergleichen, und die Wirkung eine von dem Gigerl wohl kaum vorhergedachte. Der Cantor gerieth ganz außer sich über eine solche Zumulhung, auch einige Glaubensgenossen wiesen die Insinuation mit Entrüstung zurück, Andere sagten: „Geschieht ihm schon recht!" Josef war ganz sprachlos vor Entsetzen, die schöne Dame hatte es bemerkt und sie warf einen ir.dignirten Blick dem Unheilstifter zu. Von den christlichen Zuhörern lachten Einige, Andere fluchten, am originellsten benahm sich der gutmüchige „Viertelmagnat." „Der „Hunzutkosch"!" rief er mit geheuchelter Entrüstung und zugleich stolz auf das gelungene Wortspiel, da Hunzutkosch ein mit Stirnlocken Versehener (polnischer Jude) und rn anderem Sinne ein Hundsföttchen, Spitzbuberl, bedeutet. „Der Hunzutkosch! Mich will er frozzeln? Mich?! Daß der Satan aus der tiefsten Tiefe der Hölle in die erbärmliche Seele Deines in Schmutz geborenen, mit Zwiebeln aufgefütterten Urgroßvaters fahre! Mich?! Du großbärtiger Schatten einer nichtssagenden Null, Du Jammergestalt aus den Niederungen der irdischen Creaturen, Du . . . ." Es war eine Phantast.voll componirte Schimpfsymphonie, die der Gute hören ließ, o.)u; sich dabei sonderlich aufzuregen. Ec schmunzelte vielmehr v^g ügt dabei, wie Einer, der sicher ist, in diesem Metier unerreicht dazustehen. Vergeblich bemühte sich der Cantor, seine Unschuld zu betheuern, er ließ ihn gar nicht zu Worte kommen. Inzwischen hatte sich die Dame an Josef gewendet und ihn gefragt, ob an der Beschuldigung des Gigerls doch etwas Wahres sei. Warum hatte sie sich gerade an ihn gewendet? Woher wußte sie, das er hebräisch verstünde? „Ach, Gott, nein!" erwiderte er mit freudiger Ueberraschung. „Das Gesangsstück ist ein liefinniges, warm empfundenes Abendgebet, das in seiner harmlosen Ausdrucksfornr allen Menschen heilig sein darf. Es sind ja alle unsere Gebete so rührend in ihrer Einfachheit, ein kindliches Ar.schmiegen an den Vater Gott. Es war gewiß nicht sehr tactvoll von dem Cantor, sich mit einem solchen Stücke hier zu produciren, aber die Beschuldigung jenes Herrn ist eine Niederträchtigkeit oder zumindest eine Unbedachtsamkeit, deren Tragweite er wohl kaum zu begreifen vermag." „Ich danke Ihnen, mein Herr," sprach sie, „für Ihre liebenswürdige und verständnißvolle Aufklärung. Es gereicht mir zur angenehmen Genugthuung, daß nicht alle unsere Jünglinge so sind, wie Jener. Ich will nun den Versuch machen, die Angelegenheit zu applaniren, vielleicht gelingt es mir." „Verzeihen Sie, mein Herr", unterbrach sie nun den fortflnchenden Junker, „verzeihen Sie, wenn ich mich in eine Sache menge, die mich vielleicht nichts augehen sollte. Aber dieser junge Herr," sie zeigte auf Josef, „ein angehender Gelehrter, betheuert auf Ehr' und Glauben, daß an der Beschuldigung kein wahres Wort sei. und ich, die etwas davon v e r st e h t, kann Ihnen die Versicherung geben, daß es nicht so leicht ist, auf eine eingeübte Melodie einen fremden Text zu improvisiren und correct vorzutragen. Wollen Sie daher dem armen Maune — der er doch wirklich ist, — nicht länger zürnen —" „Aber meine Gnädige!" stammelte der Junker ganz verlegen, der auf eine solche Intervention gewiß nicht gerechnet hatte. „Ich bin selbst Sängerin", fuhr sie leise erröthend fort, als sie die Spannung bemerkte, die ihre Worte hervorgerufen hatten. „Ich bin selbst Sängerin und kann es nicht sehen, wenn einem meiner Berufsgenossen Unrecht geschieht .... Ich will daher, wenn Sie es erlauben, Ihnen s e l b st e t w a s fingen. Nicht hebräisch, sondern deutsch, damit es etwaigen Herrchen nicht einfalle, auch meinen Gesang zu verdächtigen. Ich will für ihn singen, und Sie sollen zufrieden sein. Werden Sie dann dem armen Mann? . . „Aber meine Gnädige!" wiederholte der Landjunker. „Aber bitte, das war ja Alles nur Spaß", und schon streckte er die bereits eingestkckte Banknote wieder dem Cantor hin. — „Aber wenn Sie die Gnade haben wollen, uns einen Kunstgenuß zu bieten, werden wir Ihnen Alle hier höchst dankbar sein." Die Sängerin winkte ihrer Freundin, heranzutreten und Hub an: Mein Assad kehrt zurück! Ach, nur dies eine Wort hallt durch die Seele wieder. Gespielen, hört mein Glück! Singt mit mir Jubellieder — Mein Assad kehrt zurück! Die Begleiterin fick ein: Der Freund ist Dein, Der Freund ist Dein, Der unter Rosen weilet! Die Sängerin: Mein Freund, er ist ein Myrthenstrauß, Der sich an meinen Busen schmiegt, Ich halte ihn, ich segne ihn. Mich labt sein Wonneduft! Die Begleiterin: Der Freund ist Dein, Der Freund ist Dein, Der unter Rosen weilet! Die Sängerin: Mein Freund, er ist ein Labekelch, Der lieblich mir die Lippe kühlt, Ich halte ihn, ich segne ihn, Mich labt sein Honigkuß! Die Begleiterin: Der Freund ist Dein, Der Freund ist Dein, Der unter Rosen weilet! Das war Gesang, wie ihn die Wenigsten, die hier auf dem Schiffe weilten, je gehört hatten. . . Ein Beifallssturm erbrauste und seliges Entzücken war in den Augen Aller. Der Biertelmagnat that das Beste, was er konnte, — er fluchte über die deutsche Sprache, die ihm so in der Seele zuwider sei und die nun doch so wunderschön gesungen werden konnte! Unter den Zuhörern, die der Dame in höflicher Form Dank und Bewunderung ausdrückten, war auch der kirchliche Würdenträger, der auch folgende Bemerkung machte: „Wenn ich mich nicht täusche, hat das Lied eine alttestamentarische Grundlage. Es ist wie eine Anlehnung an das Lied der Lieder von König Salomo . . ." „Hochwürden werden sich gewiß nicht täuschen," erwiderte sie, „das Lied hat allerdings eine jüdische Grundlage. Es ist das Liebeslied der Jüdin Sulamith aus der neuen jüdischen Oper „Königin von Saba", Text vom Juden Mosenthal, Musik vom Juden Goldmark, der nebstbei bemerkt, Ihr Landsmann ist, und soeben gesungen von einer jüdischen Sängerin —" Sie verneigte sich dgbei und der edle Priester bemerkte: „Der Componist muß wohl ein Neuling sein, denn ich habe seinen Namen noch kaum gehört. Wenn er aber solche Interpreten findet, dürfte er bald berühmt werden. — Es ist mir nicht unbekannt, daß Juden in den schönen Künsten Großes geleistet hadert und nur in den Zeiten des ärgsten Zerfalles die Harfe an die Weide hängten. Und unerreicht waren sie immer, wenn sie aus dem eigenen Borne schöpften . . . ." Er reichte ihr zum Abschiede die Hand. Kaum war er fort, als sich der Cantor heranschlich und in weinerlichem Tone sprach: „Was soll ich sagen? Was soll ich reden? Wie soll ich Ihnen danken? —" „M i r brauchen Sie gar nicht zu danken," lächelte sie, „sondern diesem jungen Herrn, deffen Entrüstung über das Vorgehen jenes Gecken mich zum Einschreiten veranlaßte." O, ihm bin ich ohnehin zu Dank verpflichtet," meinte der Cantor. „Er hat ein goldenes Herz, und ich wünsche ihm von Herzensgrund, daß, wenn er einmal heiratet, soll er eine so kluge, schöne und edle Frau bekommen, wie Sie es sind."

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