Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Bloches Wochrnschrifl. Sette 197 Institution würden dann in verhältnißmäßig kurzer Zeit den" Gemeinden und Cultusbeamten in gleicher und gerechter Weise zutheil werden. Es wäre wünschenswerth, daß die hier angeregten Gedanken, betreffend die Heranbildung der Religionslehrer sowohl, als auch den Pensionsfond, an maßgebender Stelle freundliche Beachtung, Beurtheilung und demgemäße Würdigung fänden. Pilsen, 16. März. Zu dem Nachrufe in Nr. 10 der „Oesterreichischen Wochenschrift" erhalte ich gewissermaßen als Bekräftigung des Mitgetheilten noch folgende Reminiscenz aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Es dürfte wenig, bekannt sein, daß in der Familie des verewigten Herrn Simon Hosmann der Stammbaum eines adeligen jüdischen Geschlechtes wurzelt, welches in Wien unter dem Namen Edle von Hofmannsthal eine hervorragende Stelle einnimmt. In den Jahrgängen 1838—1840 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" von Dr. Ludwig Philippsohn wird berichtet, daß der erste Edle von Hofmannsthal anläßlich eines Familienfestes seinen Gästen ein Gemälde vorzeigte, welches ein sehr einfaches ländliches Häuschen mit einem Strohdach darstellte. Indem er dies der Tischgesellschaft zur Ansicht präsentirte, machte er dazu die erklärende Bemerkung, daß dies die Behausung darstellt, in welcher er das Licht der Welt erblickte. Das Bild ging von Hand zu Hand und erweckte die größte Neugierde bei allen Anwesenden, welche nicht satt wurden, dasselbe immer aufs Neue anzuschauen und in allen seinen Theilen zu beobachten. Herr von Hofmannsthal sagte nun: „In dem Dorfe Prostibor bei Kladrau, meinem Geburtsorte, traf auf meine Bestellung an einem heißen Sommertage ein Landschaftsmaler ein, welcher nach vorhergegangener Anmeldung bei der Behörde und beim dortigen Ortsrichter mitten im Dorfe sein improvisirtes Atelier aufrichtete, um von da aus das ihm bezeichnete Haus genau nach der Natur zu fixiren. Im Dorfe bildete dies ein Ereigniß der seltensten Art und Alles strömte herbei, den Künstler in seinem eigenthümlichen Unternehmen zu beobachten und anzustaunen. Niemand außer den behördlichen Personen wußte, woher er kam und was der Zweck seines eifrigen Vorhabens sei, ja er selbst kannte die eigentliche Bestimmung, den tieferen Sinn seiner Arbeit nicht; er führte seinen Auftrag aus, ohne sich weiter um den ethischen Gedanken desselben zu kümmern. Meine Intention war aber nicht etwa ein Prunken mit Bescheidenheit, das liegt mir ferne. Dieses Gemälde soll in meinem Hause stets als Erinnerung aufbewahrt bleiben, damit Diejenigen, welche in späteren Jahren hier wohnen werden, deffen eingedenk bleiben, wo der Stammbaum dieses Hauses seine Wurzel hat. Das Strohdach aus dem Hause, in welchem ich geboren bin, soll Alle, die es betrachten, vor Stolz, Hochmuth, Dünkel, Eitelkeit und Anmaßung bewahren und sie zu wahrer Leutseligkeit, Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit hinleiten." So sprach der Mann in seiner erhabenen Selbsterkenntniß, und so weit wir von den Mitgliedern dieser Familie Kenntniß besitzen, hat diese Lebensanschauung bei desselben allgemeine Geltung. Möge daher der Schmerz um den Verlust des Dahingeschiedenen sich ausgestalten zu einem liebevollen Gedenken, zu einem trostreichen Hinblick und Rückblick auf all' die Werke humanen, segensreichen Schaffens, durch welche sein Name noch in späten Zeiten unter den besten und edelsten seiner Mitbürger und Zeitgenossen gezählt werden wird. Zur Vervollständigung der Charakteristik des allzu früh Vollendeten und Heimgegangenen sei noch erwähnt, daß derselbe vor seinem Hinscheiden jeden wie immer gearteten Schmuck seiner Leichenbestattung untersagte; einfach und schlicht, wie er gelebt, wollte er seine irdische Hülle bestattet wisien und dieser seiner Anordnung gemäß durfte kein Kranz, kein Blumengewinde seinen einfachen Brettersarg bedecken. Am neuen Friedhof, wo sein entseelter Körper der Erde wiedergegeben wurde, schilderten zunächst Herr Dr. Posnanski, sodann mehrere andere Herren den Dahingeschiedenen als einen Mann von lauterem, biederen Charakter, dessen Andenken ein gesegnetes für alle Zeiten bleiben wird. An Stelle der Kranzspenden ging ein Betrag von mehr als zweitansend Kronen zu wohlthätigen Zwecken ein. wovon der weitaus größte Theil dem Freitisch-Verein für arme Studirende zufiel. So möge denn das Beispiel dieses vortrefflichen Mannes mustergiltig bleiben und fortwirken bei den spätesten Geschlechtern. PH, L. Jenny Hirsch. In der Nacht vom 9. zum 10. März entschlief in Berlin Jenny Hirsch, in der wir eine der ersten Frauen zu ehren haben, welche seit dem Beginn der Frauenbewegung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts durch Wort und Schrift für die erweiterte Erwerbsthätigkeit und wissenschaftliche Bildung des weiblichen Geschlechtes eintrat. In einer Zeit, wo es noch galt, die größten Borurtheile und Schwierigkeiten zu überwinden, bahnte sie fich als alleinstehende Frau aus eigener Kraft einen Lebensweg, der sie unabhängig und selbstständig machte und ihr die Achtung Aller erwarb, die sie kannten. Jenny Hirsch war am 25. November 1829 in Zerbst im Herzogthum Anhalt geboren, als das älteste Kind ihrer Eltern, die noch einer Tochter und einem Sohne das Leben gaben, doch bei der Geburt des Letzteren starb die Mutter. Eine hochbetagte Großmutter übernahm an deren Stelle die Pflege und Erziehung ihrer Enkel, den Vater zwangen seine Geschäfte, dem Hause viel fern zu bleiben. Jenny besuchte vom 7. bis zum 15. Jahre eine für damalige Verhältnisse gute Töchterschule. Als sie jedoch nach Abgang von derselben sich durch Bücher fortbilden wollte, wurden ihr die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt, denn die Verwandten meinten, sie habe als Mädchen bereits genug gelernt! Sie mußte in ihres Vaters Schnittgeschäft Mitarbeiten und ebenso sich in der Wirtschaft bethätigen. Nach der Großmutter Tod nahmen die Berhältniffe der Familie eine trübe Wendung. Der Vater verlor sein kleines Vermögen und mußte das Geschäft auflösen. Eine Magd konnte nicht mehr gehalten werden und Jenny besorgte nicht allein die Arbeiten in der Häuslichkeit, sondern auch die Pflege und Erziehung ihrer Geschwister. Auch suchte sie durch Handarbeiten dem Haushalt kleine Einnahmen zuzuführen. Als bald darauf auch der Vater starb, erbat und erhielt sie die Erlaubniß von der Behörde, eine kleine Privatschule zu errichten. Dabei suchte sie sich immer selbst fortzubilden, indem sie für sich Englisch und Französisch lernte. Es war ein schönes Zeugniß für den Liberalismus der anhaltischen Behörde, daß man ihr, der Jüdin, damals, nachdem sie ihre Befähigung durch Probelectionen in der herzoglichen höheren Töchterschule dargethan hatte, das Recht gab, die Privatschule zu führen. Drei Jahre lang währte ihre Lehrthätigkeit, als ihr Leben plötzlich eine überraschende Wendung bekam. Sie hatte nämlich durch eine Freundin, welche den Begründer und den Besitzer der Frauenzeitung „Der Bazar" in Berlin kannte, demselben einige literarische Arbeiten eingesandt. Dieselben wurden angenommen und einige Monate später erging an sie die Anfrage des Verlegers, ob sie sich entschließen könne, nach Berlin zu übersiedeln und eine Stelle bei der Redaction des »Bazar" mit einem ihr damals für ihre Berhältniffe recht hoch erscheinenden Jahresgehalt anzunehmen. Berlin war ihr kein fremder Ort. Dort lebten noch die Eltern und zahlreiche Verwandte ihrer verstorbenen Mutter, denen sie wiederholt Besuche gemacht hatte. So nahm sie mit Freuden das Anerbieten an, trat im Februar 1860 in die Redaction ein und verblieb dabei bis zum April 1864, von welcher Zeit an sie sich ohne ein bindendes Berhältniß literarisch beschäftigte, viel aus dem Französischen, Englischen und später auch aus dem Schwedischen übersetzte. Der Lebensweg, den Jenny Hirsch genommen, brachte es naturgemäß mit sich, daß sie lebhaftes Jntereffe für alle Bestrebungen zur Erweiterung und Bildung der Erwerbsgebiete der Frauen hatte. So begrüßte sie mit Begeisterung die beginnende Frauenbewegung und besuchte den ersten Frauentag in Leipzig, auf dem der allgemeine deutsche Frauenverein gegründet wurde. Auch schloß sie fich sofort bei Begründung dem Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechtes an, der später nach seinem Begründer Lette-Verein genannt wurde. 17 Jahre widmete sie als Schriftführerin demselben ihre Kraft und war dem ersten Vorsitzenden Präsidenten Lette, sowie deffen Nachfolger Professor von Halzendorf und der späteren Vorsitzenden Frau Schepeler-Lette eine große Stütze. Sie widmete dem Verein ihre volle Zeit und Kraft, und was sie in dieser Zeit schrieb, bezieht sich zum großen Theil auf die Frauenfrage, und sie veröffentlichte es im „Frauen-Anwalt", dem Organ des Verbandes deutscher Frauenbildungs- und Erwerbsvereine, welches sie während der 11 Jahre seines Bestehens von 1870—1881 redigirte. In ihrer Eigenschaft als Schriftführerin des Lette-Vereines wohnte sie auch allen Verbands- und Frauentagen in den verschiedenen Städten bei und hatte öfters die Ehre, von der Protectorin des Vereines, der damaligen Kronprinzessin, der späteren Kaiserin Friedrich, empfangen zu werden. 1883 sah sie fich veranlaßt, ihr Amt als Schriftführerin niederzulegen. Bittere Erfahrungen waren diesem Schritt vorangegangen, welche sie zu dem Entschlüsse brachten, jeder weiteren