Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Scite 198 Dr. Bloch's Wochrnfchrifl. Nr. 12 Vercinsthätigkeit zu entsagen. Ihr verbleibt das unbestrittene Verdienst, sehr viel mitgeholfen zu haben, daß der sitzt so blühende Lette-Verein vorzüglich organisiii wurde. Biel trug es auch zur Förderung der Frauenbewegung bei, daß Jenny Hirsch Stuart Mill's Werk „Die Hörigkeit der Frau" übersetzte und das Buch herausgab, und der von ihr redigirte „Fcauen-Anwalt" kann als eine Art Chronik aus dem Frauenleden von 1870—1881 betrachtet werden. Seit der Zeit lebte Jenny Hirsch zurückgezogen in Berlin ganz der schriftstellerischen Thätigkeit, indem sie unter verschiedenen Pseudonymen und auch unter ihrem eigenen Namen an einer Reihe von Zeitschriften mitarbeitete. Unter ihrem eigenen Namen erschien in Buchform: „Fürstin, Frau, Mutter", ..Befreit", „Der Väter Schuld", „Schwere Ketten", „Die Erben" u. A. m. — Auch der „Deutschen Hausfrauen-Zeitung" trat Jenny Hirsch nahe, indem sie von 1887—1892 als Mitredacteurin derselben thätig war. Jenny Husch hatte es verstanden, sich eine behagliche Häuslichkeit mit ihren Verwandten zu schaffen. In dieser gestaltete sich ihr 70. Geburtstag im Jahre 1899 ^u einer erhebenden Feier, welche ihr die Freundschaft und Achtung ihrer College» und zahlreicher Freunde bewies. Es hatte sich ein Comitß de.selben gebildit, um für die Schriftstellerin und Mitkämpferin in der Frauenbewegung eine Ehrengabe zu einer Erholungsreise nach dem Süden zusammen zu bringen, doch zog sie es vor, da sie die w-ite Reise in ihrem Alter nicht mehr machen mochte, die Sommermonate der letzten 2 Jahre im Harz zu verleben. Zu ,hr m 70jährigen Jubiläum erfreute sich Jenny Hirsch körperlicher und geistiger Frische, tief bewegt über Depeschen, Briefe, Adressen und Deputat oncn, die aus den verschiedensten Städten a»kamen. Im letzten Jahre kränkelte sie viel, besonders stimmte sie rs immer trüber, daß ihr Augenlicht zu versagen drohte, so daß sisich oft den Tod wünschte, der ihr nun die ersehnte Erlösung brachte.*) Lina Morgenstern. „Der Judeneid". Berlin, 15. März. 1902.' Der Ekd der Juden ist seit einiger Zeit wieder ein Lieblingsthema der Antisemiten, insbesondere ihres Führers Liebermann o Sonnenberg (vergleiche die Reichstagssitzung v.m 13. März). Es dürste deshalb von Interesse sein,was der vo einigen Jahren verstorbene Landgerichtspräsident Leopold v. Kunowski, der Bruder des Präsident n des Oberlandcsgerichis zu Breslau, ein Hochconse vativer und Anhänger Stöcker's, schreibt, der 50 Jahre r « verschiedenen richterlichen Stellungen in Obeischlesien, Sachsen, Ol'tpreuß n, Westfaieu und Westpreußen gewirkt hat, also die Bevölkerung vieler P.ovinzen als Richter, insbesondere ihr Verhalten zum Eide, gei.au wie kaum Jemand kennen gelernt hat. Seite 98 seines bekannten Buches „Wird die Socialdemokr-tie si.gen?" (erschienen in 6. Auflage bei Belhagen und Kissing im Jahre 1891) heißt cs: „ . . . Auch muß bei offenem Auge zugegeben werden, daß ein großer Theil dieser Bevölkerung (nämlich: der jüdischen) neben einem meistentheils frommen Festhalten an ihrer Religion und manchen achtbaren Tugenden, zu denen wir namentlich eine musterhafte Hochachtung der Kinder vor ihren Eltern und eine tiefe Scheu vor dem Meineide zählen,... In der That lehrt die Criminalstalistck, daß an dem Verbrechen des Meineldes die Juden nur mit einem verhältnißmäßig geringen Prvcenlsatz bei heiligt sind. I. B. Brocincr, Präsident des rumänisch-jüdischen Gemeindebundes. Brociner wurde zu Jassy im Jahre 1846 geboren. In seiner Geburtsstadt hörte er auch vom Jahre 1864 bis zum Jahre 1866 Vorlesungen über Recht und in Verbindung mit den Herren Dr. Landesberg, Dr. Silberzweig, Samuel Goldenthal u. A. in. gründete er eine „jüdische Union" mit dem Z'vccke, durch wannigfache Publicationen die Rechte der Juden zu vertheidigen. Im Jahre 1867 machte er sich als Kaufmann in Galatz ansäffig. wo er. nicht aufhörte, für seine unter der Regierung Bratiaun verfolgten Glaubcnsgenoffen zu arbeiten. Im Jahre 1868 trat er in den Freimaurerorden ein als Mitglied der Loge zu Galatz, welche unter L rtung der großen Orientloge zu Paris stand. 1873 wurde er zum Präsidenten des Local- *) Das Dienstmädchen, das sie am Morgen wecken wollte, fand sie bereits todt und erkaltet im Bette vor. comitss der „Alliance Jsraßlite" gewählt und gründete zugleich in Verbindung mit dem seligen Generalconsul Peixoto und Dr. Adolf Stern die Zionsloge Nr. 9 von Galatz, in welcher er alsdann alle Arbeiten der Zionsgesellschaft und später des B'nei Brith- Ordens verrichtete. Im Jahre 1876 waren er und der selige Dr. Leopold Stern aus Bukarest die Repräsentanten Rumäniens bei der jüdischen Conferenz zu Paris, welcher Adolphe Cremieux präsidirte. Während des russisch-rumänischen Krieges gegen die Türkei im Jahre 1877 war er Secretär des Comites zur Erhaltung einer Ambulanz auf d e m S ch l a ch tf eld e unter dem Präsidium des würdigen Herrn Jsac O. Rotenberg zu Galatz. In den Monaten April und Mai 1878 arbeitete er in Verbindung mit Dr. Stern in Budapest, Wien und Berlin, um die Hilfe der ausländischen Glaubensgenossen beim Berliner Congreß den rumänischen Juden zu sichern. Im Juni 1878 war er und die Herren Dr. Stern, Dr. Taussig, Dr. Hirsch und sein Bruder, der bekannte Schriftsteller Dr. Marco Brociner, der Commission, bestehend aus den Herren Gerson v. Bleich: öder, Eduard Lasker, Dr. I. Kristeller, Berthold Auerbach, Charles Netter u. A. m., beigesellt, um dem Congresse in der rumänischen Judenfrage Informationen zu liefern. Im August 1878 nahm er mit dem amerikanischen Generalconsul Peixoto an der zweiten Conferenz der „Alliance Jsraelite Universelle", zu Paris theil. Im Jahre 1879 ging er mit seinem Bruder Dr. Marco Brociner nach Wien, Berlin und Paris, um den rumänischen Juden zu diene», und in derselben Zeit erhielt er vom Proftssor Bluntscheli aus Heidelberg die eminente Broschüre in der rumänischen Judenfrage, welche die Judenfrage juridisch behandelt. Brociner beschränkte sich nicht auf diese große Thätigkeit, sondern wirkte auch im Kleinen. Er war in den Jahren 1874, 1878 und 1884 der Präsident der jüdischen Gemeinde in Galatz. Im Jahre 1884 wurde er Vicepräsident des Galatzer Comitös, das unter Leitung des Herrn S. Saul Loebel für die Gründung von Colonien in Palästina wirkte, welche Colonien nachher Baron Eomond von Rothschild unter seine Protection genommen hat. Als Freimaurer erreichte er den 33. Grad, in dem er viel bei der Modification des Rituals wirkte. Er gehört somit als einziger Jude zu den 84 Mitgliedern, die in der. ganzen Welt diesen Grad erreicht haben. Als Vic-präsident der Großloge „Zion" Nr. 9 und als Secretär der B'ne Brith-Loge war er der Verfasser der Ocdensgesetze, welche im B'ne Brüh große Erfolge hatten. Brociner veröffentlichte auch mehrere Schriften im Dienste des B'ne Brith- Ordens und in der Judenfrage. Zu diesen biographischen Notizen der „Menorah" in New-Iork vom October 1893 gestatten wir uns noch Einiges hinzuzufügen: Im Jahre 1893 reorganisirte Brociner die jüdische Gemeinde zu Galatz und als Präsident derselben berief und leitete er den Gemeindecongreß im Jabre 1866, auf welchem seine Vorschläge angenommen wurden. Brociner, dessen Bruder Secretär am königlichen Hof ist, arbeitete ununterbrochen für seine Stammesgenoffen, so für die Hebung und Subventionirung der jüdischen Schulen in Rumänien seitens der „Jewish Colonisation Association". In Verbindung mit Freunden berief er auch den zweiten Communitätencongreß nach Jassy, ans welchem sein Lieblingswunsch in Erfüllung ging und dcr jüdische Gemein debund gegründet wurde. Fast einstimmig wurde er zum Präsidenten dieses Gemeindebundes gewählt, in der Hoffnung, daß seine Erfahrung, Klugheit und Arbeitslust den rumänischen Juden Heil bringen kann und wird. Jsac Kohen, Jassy. Sonntagsruhe in Netv-Aork. Magistrat Olmsted gab im Essix Market Polizeigericht eine Entscheidung ab, welche für Israeliten von großem Interesse ist. Im vorliegenden Falle handelt es sich um eine Anklage gegen Wolf. Goldberg, einen Schlächter, welcher das Sonntagsgesetz durch Verkauf von Fleisch verletzt hatte. Das betreffende Gesetz trat bekanntlich am 1. September vorigen Jahres in Kraft. Goldberg betreibt sein Geschäft in jenem Stadttheil der unteren Ostseite, welcher fast ausschließlich von seinen größtentheils orthodoxen Glaubensgenossen bewohnt wird. Diese Leute betrachten den christlichen Sonntag nicht als einen Feiertag, sondern lassen am Samstag, ihrem Sabbath, Arbeit und Geschäfte ruhen. Zu Goldberg's Bertheidigung wurde geltend gemacht, daß es ungerecht wäre, von ihm am Sonntag Schließung seines Ge-