Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Bloch's Wochsnfchrifl. Seite 195 Wien. Es ist eine althergebrachte, schöne Sitte, den Todestag Moses durch Abhaltung von Gedenkfeiern zu begehen, seit circa 10 Jahren hält der Vorstandder Chewra-Kadischa am Sterbetage Moses eine Gedenkfeier ab, die in diesem Jahre am letzten Samstag Abend in der zu solch weihevollen Momenten sich besonders eignenden Stadt-Synagoge stattfand. Das Gotteshaus war in allen Räumen dicht gefüllt von Andächtigen, unter denen sich viele Mitglieder der Chewra-Kadischa besanven, und auf Alle wirkte die Feier in außerordentlicher Weise. Den.liturgischen Part hatte Obercantor Singer mit dem Chorpersonale inne und die Gedächtnißrede des Ober-Rabbiners Dr. Güdemann machte tiefen, nachhaltigen Eindruck. Wir können bei diesem Anlasse nicht umhin, zu erwähnen, daß der mehr als ein halbes Säculum wirkende „Verein für Krankenpflege und Unterstützung Handlungsangehöriger Israeliten^, der alljährlich am 7. Adar seinen Heimgegangenen Mitgliedern den Tribut der Pietät zollt, am 13. v. M. seine Festfeier abgehalten hat. Diese war gleichfalls im Stadttempel und wurde von denselben Functionären durchgeführt. Grundsteinlegung zu einer Synagoge in Wiener- Neustadl. Unter lebhafter Theilnahme der Bevölkerung und von prächtigstem Wetter begleitet, erfolgte Sonntag den 16. d. M., Nachmittags 3 Uhr, die Grundsteinlegung einer neuen Synagoge in Wiener-Neustadt. In der alten, demnächst aufzulaffenden Synagoge hatten sich um 3 Uhr Nachmittags nebst einer großen Anzahl Vvir Gemeindemitgliedern eingefunden: Der Bürgermeister K a m a n n, Oberstlieutenant v. Uzebac in Vertretung des Commandanten Generals v. Drahtschmiedt nebst zahlreichen Officieren, Baron Kutschers in Vertretung der niederösterreichischen Statt- Halterei, Landtagsabgeordneter F a b e r. 'Gemeinderath Pater Otter, der protestantische Pfarrverweser Wahlbaum, die Mitgliederdes rvangelischenPrrsbyteriumsDirektor Wacho v s ky Dr. Busse! ud Dr. Wurm, Schulinspector Ru pp. der Commandant des städtisch««!! Bücaercorps Major Rudolf Kar!, die Gemeinderäth« Altmann und Seemann, Ban«.atb S t i a ß n y aus Wien. Baumeister Schmidt aus Ba"> n. Sta'thalterei-Jngenieur T h a ußi g. Cultusvorsteher Schneider aus Baden, Vertreter der Israelitischen Union Dr. Zins, endlich der gesammte Cultnsvorstand von Wiener-Neustadt mit dem Präses Herrn Ignaz S ch i s ch a und dessen Stellvertreter Herrn Dr. Keßler ail der Spitz-. Nach Abhaltung des Gottesdienstes durch den Cantor Herrn Landau und der Festpredigt durch den Rabbiner Herrn Weiß begaben sich die sämmtlichen Festtheilnehmer auf den unmittelbar anstoßenden Bauplatz am Baumkirchnerring, der mit Fahnen in städtischen, Landes- und Reichsfarben geschmackvoll geziert war. Auf einer Tribüne war eine große Anzahl von Damen postirt, »vährend der ganze Bauplatz von den dicht gedrängt stehenden Festtheilnehmer» erfüllt war. Nach Unterfertigung der Grundsteinurkunde, und nachdem die Honoratioren sich in ein Zelt begeben hatten, executirte der Cantor Herr Landau, am Grundstein den Psalm 127. Nunmehr bestieg Cultuspräses S ch i s ch a die Tribüne und hielt folgende Ansprache an die Versammlung: Hochverehrter Herr Bürgern! ei st er! Hochansehnliche Fe st Versammlung! Ein selbstgeschaffenes Fest, ganz eigener.Art. wie's nie mehr wiederkehrt, feiert heute unsere Gemeinde und nach alter, frommer Sitte hat sie sich im Gotteshause zusamme«'gefunden, um zunächst den Segen, die Hilfe des Allmächtigen zu erflehen, für das fromme und heilige Werk, das sie nunmehr ernst bereitet. Dazu geziemt sich wohl auch ein ernstes Wort. Hochverehrte Versammlung! Kaum mehr als drei Jahrzehnte sind verflossen, seitdem ein kleines Häuflein wackerer Männer voll Gottvertrauen daran ging, unsere 700 Jahre alte Cultusgemeinde wieder aufzurichten aus dem Schutte, aus den Trümmern, in denen sie eineinhalb Jahrhunderte lang gelegen war. Welche Hilfsmittel für die Wiederaufrichtung sich unter Schutt und Trümmern fanden, ist gar bald erzählt. Das Gotteshaus und die zahlreichen Cultus- und Humanitätsanstalten, an denen die einst blühende Gemeinde, eine der bedeutendsten und hervorragendsten des ganzen deutschen Reiches, so reich gewesen, waren widerrechtlich in fremden Besitz übergegangen, der Gottesacker war nicht mehr vorhanden, keine Behelfe, keine Geräthe, keine Ritualien, keine Paramente. Eine einzige, von der Schwestergemeinde Wien in hochherziger Weise hergeschenkte Thorarolle, sowie ein Jahreseinkommen von fünfundachtzig Gulden aus dem Titel Cultussteuer, das war Alles, was die neue alte Gemeinde ihr Eigen nennen durfte. Eines aber besaß sie noch und das war das Wichtigste einen rr'ü2i7,i2, einen Priester und Führer, einen Priester — nicht dem Kleide, wohl ' aber dem Herzen und der Gesinnung nach, einen Führer, mehr strebend nach heiligem Zweck, als eig'ner Ehr', einen wahrhaft braven, frommen, gerechten, uneigennützigen und gottesfürchtigen Menschen, der durch die hohe Achtung und das unbestrittene Ansehen, das er bei Allen genoß, durch sein mildes Wort und seine biedere That, durch sein frommes Beispiel und edles Wirken, die ja leider immer a u seinanderstrebenden Theile zusammenhielt und damit den Bau, der auf so schwacher Grundlage ruhte, vor dem frühzeitigen Zerfalle bewahrte. In uns lebt noch frisch die Erinnerung, was mein edler Vor" ganger im Amte, der unvergeßliche Dr. Friedenthal unserer Gemeind^ gewesen ist, und darum sei seiner an diesem hohen Festtage unserer Gemeinde zu allererst und rühmendst gedacht. Er war es, der die Führung und Leitung der Gemeinde vom Beginne ab übernahm und trotz unendlicher Mühsal, trotz unsäglicher Schwierigkeiten bis an sein ach viel zu frühes Ende auch behielt; er war es, der den Wankelmüthigen Festigkeit, den Zweiflern Vertrauen, den Unmuthigen Hoffnung, den Theilnahmslosen Interesse eiuzuflößen wußte, so daß Alle einträchtig in rüstiger Arbeit wieder vorwärts strebten und schafften, durch mannigfache Enttäuschung unbeirrt, bis die Sonne kam. Des treuen Führers müde Augen schloß wohl vorher der unbarmherzige Tod, allein die Sonne kam, der Gemeinde leuchtete endlich das freundliche Gestirn, sie hob sich zusehends au Zahl und damit, wie selbstverständlich, auch an Leistungsfähigkeit. Ich will Sie, meine Verehrten, nicht ermüden mit der Aufzählung all der Einrichtungen und Anstalten, die nun in rascher Aufeinanderfolge in unserer Gemeinde geschaffen wurden, sie können uns aber mit umso gerechtfertigterem Stolze, mit umso größerer Genugthnnng erfüllen, als wir dieselben zum weitaus größten Theile uns selbst, unserer Thatkraft, unserer Opferwilligkeit verdanken. Ein einziger, so frommer, wie inniger Wunsch, ein würdiges Gotteshaus zu besitzen, würdig seiner hehren Bestimmung, würdig der Bedeutung unserer Gemeinde und würdig der großen und vornehmen Stadt, in der wir leben, mußte Mangels der hiezu erforderlichen, sehr bedeutenden Mittel lange, lange znrückgestellt werden, trotzdem ja eine Cultusgemeinde ohne ein würdiges Gotteshaus nicht leicht denkbar ist. Da führte uns ein gütiges Geschick mit einem Manne zusammen, der, voll glühenden Eifers für d«e Ehre und das Ansehen des Judenthnuis, voll edler Menschen- und Nächstenliebe, unsere Angelegenheit zu der seinen machte und mit geradezu bewunderswerther Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit, mit nicht genug anzuerkennender Hintansetzung eigener Interessen seine kostbare Zeit und seine geniale Thätigkeit in unseren Dienst (zum Grundstein) stellte und uns führte bis hieher, bis hieher an die Schwelle der Erfüllung unseres letzten Wunsches. Es ist dies unser hochverehrter Festgast, der Herr Architekt und k. k. Baurath S t i a ß n y, dem wir hiefür an dieser — nun bald geweihten Stelle und in diesem für unsere Gemeinde historischen Augenblicke aus übervollem Herzen den wärmsten, den innigsten Dank sagen. Möge er in dem vollkommenen Gelingen des von ihm auserdachten Baues seinen Lohn als Künstler, in unserer unbegrenzten und immerwährenden Dankbarkeit seinen Lohn als Mensch, im reichsten Segen des Himmels für alle Zukunft seinen Lohn als glaubenstreuer Jude finden. Wertste Mitglieder unserer Gemeinde! Indem wir uns nun anschicken, den Grundstein zu legen zu dem Hause, das Gott zur Ehre, unserer Stadt zur Zierde, unserer Gemeinde zur Erbauung hier erstehen soll, sei es mir nur kurz noch gestattet, anzuknüpfen an die herrlichen Worte des Psalmisten, mit denen die Feier hier begann: 12 1212 ibcj? NIL' n-2 .122' *6 1 2N Wenn wir nicht Gott das Haus, wenn wir es nicht als Gotteshaus, sondern lediglich zu Repräsentatiouszwecken bauen, wenn dasselbe künftig einsam und verödet dastehen und nur an hohen Fest- und Feiertagen besucht sein soll, dann ist es wahrlich schade um die Mühe, die die Bauleute damit haben. Lasset mich in dieser weihevollen Stunde die Hoffnung aussprechen, das Haus werde nur nach Außen hin ein Tempel — für uns aber ein noan rra ein Versammlungshaus im schönsten erhabensten Sinne des Wortes werden, ein Haus, in welchem, wie es in einem unserer glühend innigen und rührenden Gebete heißt, der Glückliche Demuth und Mäßigung, der Unglückliche Geduld und Fassung, der Bedrängte Standhaftigkeit, der Leidende Ergebnnq, der Zweifler Glaube, der Kranke Heilung, der Verzweifelnde Hoffnung und Zuversicht, der Sündige Reue und Versöhnung, der Kummervolle Tröstung, der Schwache Muth und Stärke, der Starke Liebe und Erbarmen suchen und finden werde, ein Haus, weit geöffnet für Alle ohne Unter, #' $