Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 192 Dr. Blvch's Wochenschrift Nr. 12 überlasten jahraus jahrein den Christlich-Socialen das Terrain der öffentlichen Discuffion, sie vermeiden den Cvntact mit der Bevölkerung, sie lasten die christlich-sociale Parteiherrschaft nach Belieben schalten und walten. In den letzten Tagen vor den Wahlen traten sie mit Aufrufen und Versammlungen hervor, aber da ist es zu spät, um die irregeleitete Wählerschaft über ihre wahren Jntereffen aufzuklären. So sind und bleiben die Lueger'schen Barriörestöcke am Ruder, das ist jener Theil der Wiener Bürgerschaft, von welchem am Grabe der Märzgefallenen Abgeordneter Seitz mit Recht sagen durfte, sie sind nicht würdig, an dieser heiligen Stätte zu erscheinen, weil sie die erhabensten Ideale ihrer Väter verrathen haben, verrathen die Ideen, für die ihre Väter auf den Barrikaden ihr Blut verspritzt haben. Man stelle sich einen Strobach mit Idealen vor. Es ist zu komisch, daran zu denken. Die Wahlen im dritten Wahlkörper sind so ausgefallen, wie es nach der Zusammenstellung der Wählerlisten, nach den geübten Wahlpraktiken und bei dem herrschenden Terrorismus mit Sicherheit zu erwarten war. Geringe Intelligenz und Mangel an Gesittung werden nach wie vor die Signatur der Majorität des Wiener Gemeinderath es bilden. * * * Alle Mogeleien und alle Umtriebe, die von den Christlich- Socialen von langer Hand betrieben waren, um ihre Macht zu sichern, sind eine Kleinigkeit gegenüber der unerhörten Art, in welcher der Bürgermeister der Stadt Wien sich unterfängt, Candidaten der Gegenpartei nicht etwa mit politischen Argumenten zu bekämpfen, sondern sie in ihrer wirthschaftlichen Existenz zu bedrohen und zu schädigen. Seitdem es eine autonome Gemeinde gibt, hat wohl noch kein Bürgermeister die Schändlichkeit gewagt, die Dr. Carl Lueger diesmal begangen hat. Unter den Candidaten der fortschrittlichen Partei befand sich der Fischhändler Singhofer und mit Bezug auf diesen Bürger sagte Dr. Lueger, man möge die Gegner ignoriren und nichts bei ihnen kaufen. Besonders am Fischmarkt mögen die Leute beim Stand des Singhofer Vorbeigehen und wo anders kaufen. Zum wirthschaftlichen Boycott der Juden aufzufordern, das hält man in Wien bekanntlich längst für erlaubt, obgleich seinerzeit der Oberste Gerichtshof von einer derartigen Action sagte, sie sei unsittlich und verbrecherisch. Diese Kennzeichnung muß man sich vor Augen halten, wenn man die in der erwähnten Richtung betriebene Agitation der Antisemiten richtig beurtheilen will. Dr. Lueger schont aber auch seine christlichen Mitbürger nicht, wenn er als Gegenkandidat der Christlich-Socialen auftritt. Er denuncirt diesen freisinnigen Candidaten bei den Wählern nicht etwa als einen Mann, welchen sie nicht in den Gemeinderath entsenden, sondern bei welchem sie nichts kaufen sollen. An seinem Stande auf dem Fischmarkt sollen sie Vorbeigehen! Hat das berühmte „goldene Wiener Herz" keine Empfindung dafür, welche unerhörte Niedertracht eine solche Hetze gegen einen Steuerzahler, gegen einen Familienvater bedeutet? Welche Verworfenheit gehört dazu, das Auftreten eines Candidaten, der einer anderen politischen Richtung angehört, durch desten persönlichen geschäftlichen Ruin bestrafen zu wollen! Ja, ist denn diesem Dr. Karl Lueger in Wien schon Alles erlaubt? Darf das System der politischen Erpressung wirklich schon mit solcher Schamlosigkeit betrieben werden, daß Jeder, der sich den Christlich-Socialen nicht anschließt, fürchten muß, mit Weib und Kind brodlos zu werden? Man glaube ja nicht, daß solche Dinge etwa in der Leidenschaft der Agitation gesagt werden. Das ist wohlüberlegt und mit Vorbedacht; die Gegner sollen wiffen, was ihrer harrt, und wenn sie es wagen, von dem Rechte der freien Meinungsäußerung und von dem Rechte ihrer Wählbarkeit in die Gemeindeverwaltung Gebrauch zu machen, dann mögen sie nur auch gleich ihr Geschäft zusperren, denn der allmächtige Bürgermeister erläßt einen Steckbrief gegen sie, der sie dem Haffe ihrer Mitbürger ausliefert, er duldet nicht, daß man bei ihnen kaufe, und so wie Dr. Lueger, indem er die fortschrittlichen Lehrer terrorisirt, einen Mißbrauch feiner Amtsgewalt begeht, so begeht er im Widerspruch zu den beschworenen Pflichten seines Amtes eine verabscheuenswerthe That, indem er einen freisinnigen Wahlwerber geschäftlich zu ruiniren sucht. * * * Die Schönerianer und Socialdemokraten, erklärte Herr Dr. Lueger zum soundsovielten Male, werde er als Lehrer weder ernennen noch befördern. Socialdemokraten seien ihrer Gesinnung nach unfähig, den vorgeschriebenen Eid zu leisten, und wenn sie es dennoch thun, so schwören sie einen Meineid. Ueber die Anmaßung und Gesetz-sverletzung, die tu diesem Vorgehen des Bürgermeisters gelegen ist, haben wir wiederholt unsere Ansicht ausgesprochen und ausführlich begründet. Wenn aber irgend Jemand unfähig ist, den Eid auf die StaatsgruUdgefetze zu leisten, so ist es ein Antisemit, der die Verfolgung der Juden als sein Programm erklärt hat. Wie nennt man also den Eid, den Herr Dr. Lueger als Bürgermeister geschworen hat und den er tagtäglich bricht? Einen Meineid. Wahrlich, Herr Noske hat allen urtheilsfähigen Wienern aus der Seele gesprochen, als er dem Dr. Lueger auf dessen Tirade: „Ich fühle es mit Stolz, daß ich der Bürgermeister der Stadt Wien bin", entgegnete: „Sie können stolz darauf sein, aber für die Stadt ist es eine Schande." * * * Dem Verein der „Streber und Schulfeinde", wie der clericale, christlich-sociale „Verein der Lehrer und Schulfreunde", ist seitens des niederösterreichischen Landeslehcer-Vereines, welchem er beitreten wollte, eine Zurückweisung zutheil geworden, die wir als ein erfreuliches Zeichen der Unerschrockenheit der freisinnigen Lehrerschaft mit Genugthuung registriren. Aus der betreffenden Kundgebung des Landeslehrer-Vereines wollen wir die interessante Gründungsgeschichte des Strebervereines hier citiren: „Der „Verein der Lehrer und Schulfreunde" wurde gegründet, als die christlich-sociale Partei gegen die fortschrittliche Wiener Lehrerschaft, die um die Freiheit der Schule und die Ehre ihres Standes einen wahren Heldenkampf führt, am ärgsten wüthete. Die Gründung aber ging zum großen Theil von Männern aus, die kurze Zeit vorher noch selbst im Lager der freisinnigen Lehrer standen und an ihren eh emal igen Gesinnungsgenossen schmählichen Verrath verübten. Da es nun nicht mehr ungefährlich war, seiner Ueberzeugung treu zu sein, da verließ Alles, was schwach und furchtsam, feig und eigennützig war, die Reihen der Streiter und zog sich in den „Verein der Lehrer und Schulfreunde" zurück, um dort nicht nur vor der Verfolgungswuth der herrschenden Partei sicher zu sein, sondern um als Flüchtling aus dem Heere der Kämpfer vor dem Gegner Gnade und damit Anwartschaft auf Avancement und einträgliche Nebenb e s ch ä f ti g u n g e n zu finden. Der „Verein der Lehrer und Schulfreunde" — seit seiner Gründung von den gesinnungstreuen Lehrern Verein der „Streber und Schulfeinde" genannt — kämpft nicht für das Wohl der Schule, nicht für die Interessen des Standes, sondern versucht, für seine Mitglieder blos persönliche Vortheile zu erringen. . Schweigend haben die Mitglieder des genannten Vereines den in der Oeffentlichkeit wiederholt gegen sie erhobenen Vorwurf des Gesinnungsverrathes hingenommen." Llutaiis niutanckis trifft diese Charakteristik auf alle jene Streber zu, die in Wien aus der Beleimung zum Antisemitismus und aus dem Anschlüsse an Dr. Lueger ein Geschäft machen. * * * Die Segnungen des Antisemitismus und der React on machen sich übrigens immer empfindlicher fühlbar. Der ehemalige christlich-sociale Gemeinderath Kreisel hat in einer Flugschrift hierüber mehr erzählt, als den Machthabern im Rathhäuse lieb sein kann. Ungemein lehrreich ist auch eine Thatsache, die in der letzten Sitzung der vom österreichisch-russischen Handelsverein einberufenen Enquete constatirt wurde. Mit dem Ueberhandnehmen der antisemitischen Bewegung in Wien hat der Zufluß der Studirenden an die hiesige Universität abgenommen und ist Deutschland zugute gekommen. In der Umgebung der Universität stehen viele früher von Aerzten und Studenten gemiethete Wohnungen leer. Auf die Aenderung der §§ 59 und 60 der Gewerbeordnung verweisen die Antisemiten als auf einen wirthschaftlichen Erfolg. Die Wiener Firmen und zwar nicht etwa blos die jüdischen, sondern noch mehr die christlichen werden die Folgen zu spüren haben, und wenn das Gesetz in Geltung sein wird, dann wird sich in einem ganz anderen Sinne, als er jetzt gemeint ist, der Ausspruch des „Deutschen Bolksblattes" erfüllen, mit welchem es die Wähler haranguirte : „Die Gewerbetreibenden wissen, was sie ihren gegenwärtigen Vertretern zu danken haben." Den Dank, Dame, begehr' ich nicht. 18 e g r i in.