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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-21 · 12 (21.3.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
12 (21.3.1902)
Date
1902-03-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Dr. Bloch's Wochrnfchrifl. Seite 191 Für die rumänische« Juden. In Rumänien bereitet sich ein furchtbares Verhängniß für nahezu 300.000 'Menschen vor. Durch das „Landpolizeigesetz" werden nahezu 300.000 ehrliche arbeitende Menschen an die Luft gesetzt, der brutalsten Willkür preisgegeben, ihres Erwerbes beraubt, von Haus und Hof gesagt, dem Hungertode überliefert. Im Lande sollen sie nicht leben und ins Ausland können sie nicht ziehen. Zuerst hat man ihnen, die im Lande eingeboren sind, ihre Heimat gestohlen, und nachdem man sie als Einheimische entrechtet und zu „Fremden" erklärt hat, beraubt man sie, als „Fremde", des Erwerbrechtes. Zwar ist das Landpolizeigesetz, diese neueste Gewalt- und Schandthat der Rumänen, noch nicht vollreif. Es hat erst die Kammer passirt und muß noch durch den Senat wandern, ehe es die königliche Sanction erhält. Wer aber vom Senat hoffen wollte, daß er dieses Gesetz verwerfen oder wenigstens seiner Ungerechtigkeiten und Gewaltthätigkeiten entkleiden werde, den müssen wir für einen ebenso landesunkundizen wie gefährlichen Optimisten halten. Der rumänische Senat ist nicht ein römischer Senat, vor dem einst Consule zitterten, sondern er gleicht jenem römischen Senat der Verfallzeit, der eines Kaisers Lieblingspferd zum Consul machte. Er hat weder Knochen noch Mark, und wagt es nicht, dem Minister, dessen Creatur er ist, dem Abgeordnetenhaus, als deffen Anhängsel er erscheint, Opposition zu machen. Trotzdem er „gewählt" ist, wurzelt er nicht im Volke, hat keinen Einfluß auf das Volk, ist blos eine Abstimmungsmaschine, die Ordre pariren muß. Und sobald das Gesetz die zweite Kammer paffirt hoben wird, erhält es die königliche Sanction. Vielleicht wird dem Fürstensohn aus deutschem Stamme, dem Sproffen des edel denkenden, menschlich fühlenden, von hohem Gerechtigkeitssinn erfüllten Anton von Hohenzollern die Hand zittern, wenn er den Namen unter das Document schreibt, — aber er wird unterschreiben, denn Staatsraison und Dynastieraison sind mächtigere Factoren als Menschenliebe und Gerechtigkeit. Allerdings lehrt die Geschichte auch, daß Throne, die nicht auf Gerechtigkeit gebaut sind, keinen Bestand haben, daß Fürsten, die den Launen oder perversen Neigungen eines barbarisch veranlagten Volkes nachgeben, statt das Volk zu edleren Gefühlen zu erheben, von den Launen und perversen Neigungen dieses Volkes abhängig bleiben und daher niemals ihres Thrones sicher sind. — Aber das ist eben das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören, die Lehren der Geschichte nicht beherzigen wollen. Es wäre vergeblich, darauf zu warten, daß sich König Carol seines hohen Berufes. Civilisator im Osten Europas zu sein, die wilden Rumänen zu Europäern zu machen, erinnern und einem unmenschlichen Gesetze die Sanction verweigern werde. Wir müssen darauf vorbereitet sein, daß das Gesetz binnen Jahr und Tag in Kraft tritt, und was geschieht dann mit den 300.000 Juden, denen man das Leben und das Sterben im Lande unmöglich macht? Zwar spricht das Gesetz nicht von Juden, sondern von Fremden. Es begreift also Alle in sich, denen nicht das rumänische Staatsbürgerrecht verliehen worden ist. Es verbietet allen „Fremden" Erwerb. Allein diejenigen „Fremden", die eine Staatsangehörigkeit besitzen, können sich auf ihre Staaten stützen und, insoweit Handels- oder Gegenseitigkeitsverträge bestehen, deren Schutz anrufen. Es ist freilich damit noch nicht sichergestellt, daß sie auch Schutz finden, denn Europa ist feig geworden und läßt Recht und Verträge von Jedem mit Füßen treten, der nur die Frechheit besitzt, den europäischen Diplomaten eine Nase zu drehen. Mögen übrigens diese Fremden, die noch wenigstens der Möglichkeit eines Schutzes sich erfreuen,' denselben finden. Wer schützt aber die dreimalhunderttausend Juden — die man im Jahre 1878, 1879 ihres Heimatsrechtes beraubt, die man seither in jeglicher Art mißhandelt, die man an Gut und Blut gestraft, zu allen Lasten der Einheimischen in erhöhtem Maße herangezogen, denen man aber das erste Recht, das der Bodenständigkeit, in geradezu betrügerischer Weise entzogen hat? Der Berliner Vertrag sprach klar und deutlich, aber die Bukarester Diplomaten haben sich darüber hinweggesetzt, und nachdem sie mit dem Kaufpreis für die rumänischen Staatsbahnen ihren materiellen Verpflichtungen mehr schlecht als recht nachgekommen sind, haben sie mit diesem wahrhaften Blutgelde das „moralische" Gewissen desjenigen Staatsmannes beruhigt, der zuerst berufen gewesen wäre, über die Einhaltung des Berliner Vertrages — seine Schöpfung — zu wachen, und nun waren ihnen die rumänischen Juden ausgeliefert. Von den wenigen Juden abgesehen, die sich mit schweren Opfern das rumänische Staatsbürgerrecht erkauft haben — es dürften ihrer kaum 400 sein — sind alle anderen eingeborenen Juden heimatlos. Es gibt in der ganzen Welt keinen Staat, der so wie Rumänien gegen alles Menschenrecht und gegen alles Vertragsrecht handeln würde, es gibt nirgends einen Volksstamm, der nicht dort, wo er seit Jahrhunderten wohnt, auch als heimatsberechtigt anerkannt wäre, selbst wenn fremde Eroberer das Land unterjochten. Nur Rumänien behandelt die Juden als Heimatlose — nicht Rußland ist so barbarisch. Und nun werden diese „Heimatlosen" auch noch erwerblos gemacht. Rumänien überliefert sie dem Hungertode und anderen Staaten gegenüber sind sie „fremde Arme" — denen man die Aufnahme versagt, weil sie kein Geld haben, oder weil man befürchtet, diese Armen, die arbeiten können und wollen, würden den Arbeitspreis drücken, weil sie ja, nur um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, fich mit jedem Arbeitspreis zufrieden geben müßten. So hängen denn diese dreimalhunderttausend Menschen in der Luft? Fast ist es so — wenn sich nicht ihre Glaubensgenossen ihrer annehmen. Von anderer Seite ist keine Hilfe zu erwarten. In den Staaten und sin den nicht jüdischen Völkern ist das Gefühl für Recht erstorben oder zeitweise unterdrückt. Es bleibt also nichts übrig, als an die Glaubensgenossen zu appelliren, daß sie sich ihrer Brüder annehmen und sie aus dieser unsäglichen Noth erretten. Keine Schilderung wäre im Stande, das Elend auszumalen, das über Tausende von Familien ohne ihr Verschulden, nur durch die Bosheit ihrer „Mitmenschen" gekommen ist. Wer nur einigermaßen menschliches Empfinden hat, wird durch die Thatsache allein, daß 300.000 Menschen gewaltsam erwerblos gemacht — nicht blos zu Bettlern niedergedrückt, sondern zugleich von der Scholle, auf der sie gelebt, vertrieben werden, erschüttert werden, und das menschliche Mitgefühl wird alle seine Kräfte aufbieten müssen, um nicht blos momentane Hilfe zu bringen, sondern die Lage dieser 300.000 Menschen dauernd sicherzustellen. Angesichts des riesenhaften Umfanges dieses Elends müssen alle Parteiunterschiede hintangesetzt werden, es müssen die Juden der ganzen Welt Zusammenwirken, denn nur durch Ausbietung der gewaltigsten Mittel wird es möglich sein, Hilse zu bringen. Oder will man dreimalhunderttausend Menschen vor Hunger sterben lassen? A. Wiener. Vam Jahrmarkt des leben». Glossen zur Tagesgeschichle. (Hundspeitsche und Revolver. — Es bleibt Altes beim Alten. — Dr. Lueger's Wegweiser für den Fischmarkt. — Der vergessene Eid. — Eine Lection für das Streberthum. — D i e Segnungen des Antisemitismus.) Das österreichische Parlament hat wiederum einmal die Aufmerksamkeit und das Staunen aller europäischen Völker in unerfreulicher Weise auf fich gelenkt. Die Excesse Schönerer's, der mit brutaler Absichtlichkeit und Ostentation das österreichische Empfinden verletzen und verwunden möchte, zeigen, wie weit dieser Staat gekommen. Hundspeitsche und Revolver haben in das „Bolkshaus" den Einzug gehalten. Oesterreich ist zum Spotte Europas geworden. Daß die Brutalität, die Zügel- und Zuchtlosigkeit, die Mißachtung von Recht und Gesetz, die barbarische Verhöhnung der heiligsten Empfindungen der Gegner, die Verletzung jeder guten Sitte im österreichischen Parlament solche Dimensionen angenommen, ist ausschließlich das Verdienst der antisemitischen Parteien und ihres jahrelangen Treibens. Sie allein haben die Bevölkerung zur Freude an solchen Exeessen erzogen, haben die Brutalität im Parlament eingebürgert. Die heutigen bedauerlichen Geschehnisse sind lediglich unerbittliche Consequenzen. * * * Offene Thüren einzurennen und Gegner niederzuringen, die nicht da find, das ist freilich ein billiger und bequemer Sieg, und die Christlich-Socialen haben ihn bei den Gemeinderathswahlen errungen. Ob die Taktik der fortschrittlichen Parteien, Wahlenthaltung zu üben, eine richtige ist, darüber find die Ansichten getheilt. Diese Abstinenz wird leider nicht erst am Wahltage, sondern das ganze Jahr hindurch geübt. Die Liberalen

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