Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 176 Nr. 11 Dr Blvch's Wochsnsttzrifk. frische Morgenluft: hier betrachtet man die Gotteshäuser nicht länger als eine Art religiöser Gemeindeapotheken. Die Religionsschulen, Versammlungssäle, Brbliotheken rc. bilden natürliche Annexe derselben. Sie werden wieder, was sie im Mittelalter waren: das Haus der Gemeinde. Dies kam mir so recht zu klarer Anschauung, als ich jüngst dem 25jäbrigen Rabbinerjubiläum des Dr. F. de Sola Mendes beigewohnt hatte. Meine ursprüngliche Absicht war, unter dem Titel »Ein amerikanisches Rabbmerjubiläum" meinem Freunde und Encyklopädie-Collegen ein Blatt der Erinnerung zu widmen; aus der kurzen Einleitung wurde eine Serie von Artikeln. Die letzten drei Jahre habe ich als Herausgeber den blauen Stift geführt; mögen einmal meine europäischen Collegen und Freunde über meine Prosa zu Gerichte fitzen. __ Da« religiöse Gesetz «der de« Selbstmord. Zu den werthvollen Abhandlungen in dieser geschätzten Wochenschrift (in Nr. 7 von Rabbiner Dr. Stern und in Nr. 9 von Rabbiner Dr. Günzig), die jüdische Anschauung über den Selbstmord betreffend, ist es gewiß nicht überflüssig, auf eine Stelle im Midrasch Echa rabba zu Cap. 1, Vers 16 aufmerksam zu machen. Der Paffus lautet in getreuer Uebersetzung also: »Den Vers »darob weine ich". erklärt Rabbi Jehuda damit: ob des Verlustes der Einsicht und ob des BerschwiudensderGottesherrlichkeit (bei König Zidkija nämlich). Zidkija steht und sieht, wie vor ihm seine Kinder abgeschlachtet werden und sieht, daß Andere ihm die Augen ausstechen; hätte er nicht lieber seinen Kopf an die Wand schlagen sollen, um zu st erben? Für diese Stunde sagt er (der Prophet Jeremias): an diesem Tage geht verloren das Herz des Königs und das Herz der Fürsten/ So lautet die Midraschstelle, woraus klar und deutlich hervorgeht, daß Rabbi Jehuda, ohne Widerspruch zu erfahren, einen Selbstmord von Seiten des Königs ZidkijL unter den obwaltenden Umständen als gerechtfertigt gefunden hätte, indem er sogar die Unterlassung scharf tadelt. Ein ideales Motiv für den Selbstmord ist bei diesem Ereigniß nicht zu finden; denn dadurch würde ja weder ein Nutzen Anderer bewerkstelligt werden können, noch zur Verhütung von Nachtheil oder Schaden dienen. König Zidkijas Selbstmord hätte weder zur Rettung der Ehre des jüdischen Volkes (wie bei Saul), noch zur Förderung der königlichen Würde irgend etwas beigetragen, ja geradezu beitragen können und dürfte daher nur als ein Act der Verzweiflung betrachtet werden, um nämlich nicht beblendet und gefangen zu werden, was aber bereits geschehen ist und auch beim Vorgänger Zidkijas auf dem Königsthrone stattgefunden hat. Jedenfalls gibt die Ansicht Rabbi Jehuda's zum Denken Veranlassung; denn obgleich hier blos die Anschauung eines Einzelnen ist, so ist es auffallend, daß seine Partner a. a. Orte zwar andere Erklärungen des Schriftwerkes anbringen, aber auch kein Befremden über die Aeußerung Rabbi Jehuda's verlauten ließen. Die Frage, ob der Selbstmord aus unglücklicher Liebe, als aus idealen Motiven entstammend, angesehen werden könnte, muß nach dem jüdischen Sittengesetz mit einem entschiedenen Nein beantwortet werden. Die sogenannte unglückliche Liebe (mit deren traurigen Folgen) wird freilich oft als Stoff zu einer Tragödie benützt. Der Selbstmord dabei ist aber, richtig erfaßt, nichts Anderes, als die Verzweiflung über die Unmöglichkeit, die vermeintlich geliebte Person besitzen zu können, also, nur gemeine sinnliche Selbstsucht, wobei mit der idealen Phrase geflunkert wird. Das Judenthum kennt bei derlei Hindernissen nur ruhige Ergebung und volle Berzichtleistung als Heilmittel der krankhaften Leidenschaft. — Das Befremden des Herrn Dr. Günzig. daß der Verfasser in Nr. 7 (Dr. Stern) das landläufige Citat: »Wer einen Selbstmord begeht, hat keinen Antheil in der zukünftigen Welt" gebracht hat, muß jeder Leser theilen, da Herr Dr. Stern in seinem Aufsatz davon gar nichts erwähnt und bloß Tractaet Semachoth und Jore Dea, wie es Dr. Günzig gethan, gebracht. Gelegentlich sei hier die Bemerkung gestattet, daß unter dem Ausdruck „Olam habba“ (die kommende Welt) häufig, fast meistens, nicht das »Jenseits" gemeint ist, da dies Wort mit „gan Eden“ bezeichnet wird, sondern die messianische Zeit und das darauffolgende goldene Zeitalter, welches die Propheten oft verkündet und welches wir erhoffen und mit Zuversicht erwarten. Wer die talmudischen Ausdrücke darüber mit Berständniß erfaßt, wird damit gewiß einverstanden sein. Selbst der bekannte Ausspruch des R a b (Abba Areka) im babylonischen Talmud (Berachoth 17 a), daß in der zukünfttgen Welt weder Essen noch Trinken u. s. w. vorhanden sein wird, sondern daß die Gerechten mit gekrönten Häuptern sich am Glanze der göttlichen Herrlichkeiten erfreuen werden, ist ja nichts anderes, als das Symbol des vom Judenthum erhofften und erwarteten goldenen Zeitalters, wobei die S e l b st s u ch t mit ihrem schädlichen Gefolge (Sinneslust, Ehrsucht und Neid) und mithin der Kampf um das Dasein ausgetilgt sein wird. Es soll zum Schluffe nicht verschwiegen werden, daß beim Selbstmord, ebenso wie bei anderen Uebertretungen, die strafbare Gesetzesverletzung erst dann als solche anerkannt wird, wenn vor der, That die vorgeschriebene „Ä e r w a r m u n g" (Hathraa) stattgefunden hat; selbstverständlich, daß die verwarnenden Zeugen nicht im Stände waren, die That zu verhüten. _Rabbiner Dr. Kobak. Correspondenzen. Wien. Der Präsident der israel. Cultusgemeinde Herr kais. Rath Kling er, ist von seinem Erholungsurlaub zurückgekehrt und hat die Präsidialgeschäfte der Gemeinde übernommen. Wien. Der Polenclub führte in einer seiner letzten Sitzungen die Debatte über den Etat des Unterrichtsministeriums zu Ende. Abgeordneter Domherr Graf Komorowski trat für die Pflege des jüdischen Religionsunterrichtes ein und betonte die Pllicht des Club, das Bemühen auf eine beffere Ausbildung der jüdischen Religionslehrer zu richten und denselben eine entsprechende Stellung zu verschaffen. Wien. Der Verwaltungsgerichtshof hat am 19. v. M. eine Entscheidung gefällt, die sowohl für Cultusgemeinden in Bade- und Curorten als auch für Aerzte, Kaufleute und Gewerbetreibende, die sich nur für die Saison in solchen Orten niederlaffen, von weittragender Bedeutung sein dürfte. Einem Wiener Arzt, der während der Sommermonate in Karlsbad pratticirt, wurde von der dortigen israelitischen Cultusgemeinde eine Steuer vorgeschrieben. Der Arzt, der in Wien seinen ständigen Aufenthaltsort hat und daselbst seine Cultussteuer zahlt, weigerte sich, in Karlsbad ein zweites Mal zu zahlen und recurrtrte gegen diese Borschreibung. Alle Instanzen, zuletzt das Cultusministerium, wiesen ihn ab, weshalb er die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof erhob. Dieser erkannte jedoch auf Abweisung der Beschwerde mit der Begründung, daß ein Jude, der an mehreren Orten seinen ordentlichen Wohnsitz hat und Erwerb findet, auch an diesen Orten die Cultussteuer zu entrichten hat. Wien. (Verein zur Hebung der Gewerbe.) Architekten, Baumeister und Gewerbetreibende fanden sich am Samstag den 8. d. M. zu einem vom Vereine einberufenen Discussionsabend zusammen. Derselbe gestaltete sich hochinteressant und belehrend und wird auch zweifelsohne für den gesammten Gewerbestand von praktischem Erfolge begleitet sein. Herr Baurath Stiaßny sprach über die triste Lage der Künstler und Gewerbetreibenden, die Alle zu wenig beschäftigt sind; er anerkannte die Tüchtigkeit der Handwerker, die dem Gewerbevereine angehören, fand aber die vielseitig ausgesprochene Entrüstung gegen gewisse Volksführer und Vorsteher als zwecklos. Er empfahl, vielmehr in Zukunft nur solche Männer in die Volks-Gemeindevertretung zu entsenden, von denen man überzeugt ist, daß sie unser wirthschaftliches Programm praktisch befolgen und der dringenden Solidarität selbst große Opfer bringen werden. Nur Einigkeit, gegenseitige Werthschätzung und solidarisches Vorgehen können die traurige Lage erträglicher gestalten. (Allgemeiner Beifall.) Herr Architett Friedrich Schön lobt das solidarische Vorgehen in der ungarischen Hauptstadt, aus welcher er soeben von einer Geschäftsreise zurückgekehrt. Er besprach die schwierige Stellung, die der Architekt zwischen Bauherrn und Profeffionisten einnehmen müsse, in ausführlicher Weise. Herr Stadtbaumeister Melcher ist anfangs mit der Ansicht des Vorredners nicht ganz einverstanden, und schildert weiters die kritische Situatton, in der sich die Offerenten bei Arbeitsvergebungen befinden, wenn der Vorgang des Bergebers kein correcter, was leider in letzter Zeit sehr häufig an der Tagesordnung ist. Er kritisirt ferner die Gebäude-Jnspection der Cultusgemeinde, die kleinere Arbeiten, als: Maurer-, Schlosser-, Glaser-, und Tischlerarbeiten rc., ohne an Contrahenten, wie es die Wiener Commune und jede , andere Commune thut, und auch ohne Offertverhandlung eigenmächtig vergibt. Er ersucht den anwesenden Cultusvorstand, die Sache zu untersuchen und dem Vereine gefl. zu berichten, was auch her Letztere in seinen Aufklärungen zu veranlassen versprach. Herr Architekt Modern klärt auch von