Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Rr. 11 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 175 wissenschaftlichen Aschenbrödels behandelt, die Rabbinerseminarien und jüdischen „Lehranstalten" sind noch immer nana1? prt& »außer des Lagers" und Männern wie Znnz, Geiger, Jellinek rc. blieben die Thore der Akademien verschlossen. Doch seien wir gerecht. Weder Conrad von Eybesfeld, noch Freiherr von Gautsch, noch mein alter, verehrter Lehrer, Wilhelm Ritter von Härtel**), hatten, resp. haben eine richtige Vorstellung von der Bedeutung und dem Umfange der Wissenschaft des Judenthums. Diese Männer kennen kein Hebräisch, noch weniger haben sie eine Ahnung von der Ausdehnung der talmudischen, rabbinischen und neuhebräischen Literatur. Die „Monatsschrift", die „Revue des Etudes Juives“ und die „Jewish „Quarterly Review“ werden auf dem Minoritenplatze***) nicht gelesen. „Durch eine Massenverbreitung der „Jewish Encyklopädie", zunächst unter Tausenden von Englisch verstehenden, deutschen, ungarischen und böhmischen Professoren, Geistlichen, Schriftstellern, Lehrern, Journalisten, Advocaten, Aerzten, Richtern und sonstigen Staatsbeamten von Einfluß würde eine bessere Erkenntniß des Wesens des Judenthums und des Juden in die Köpfe und Herzen der geistigen, moralischen und politischen Führer der Massen dringen. Seid froh, daß ein christliches Verlagshaus in dem von Euch so ferne liegenden Amerika eine Riesensumme opfern will, damit einer Eurer Landsleute und Glaubensgenossen der Welt in 12 illustrirten Prachtbänden die Lebens- und Leidensgeschichte Israels erzähle. Es liegt an Euch, das Interesse des großen Publicums für dieses großartige Martyrologium und Gedankenpanorama zu erwecken." Steinschneider, Bacher, Karpeles, Jacob und Sie, mein lieber Dr. Ziegler, haben ja vollkommen Recht, die Rabbinerseminarien als eine Art Ghettos der jüdischen Wissenschaft zu betrachten, aber geradeso wie wir Juden trotz aller, oft viele Jahrzehnte alter, k. k. Emancipationsdecrete, selbst in den vorgeschrittensten Ländern — England, Vereinigte Staaten, Holland, Frankreich — noch nicht injeder Hinsicht als völlig gleichberechtigt angesehen werden, ebensowenig kann durch noch so herrliche Stlftungsurkuttden die jüdische Wissenschaft mit einem Schlage zu einem organischen Theile des Gesammtwissens der Universitas literarurn werden. Gesetzt den Fall, daß Baron Albert von Rothschild oder ein Erbe des leider zu früh dahingeganger.en Moritz Freiherr» von Königswarter dem österreichischen Ministerium die zur Begründung einer Lehrkanzel für jüdische Geschichte und Literatur nothwendige Summe anböte und dieselbe ad hoc angenommen würde, das Resultat würde etwa folgendes sein: da vorläufig nur von einem jüdischen Profi sstr die Rede sein kann, so dürfte seine Zuhörerschaft aus den Schülern des Wiener Rabbinerseminars. einigen jüdischen Universitätsstudenten und einer Hand voll Wiener „Maskilim“ bestehen; von Zeit zu Zeit dürfte ja ein christlicher Zuhörer aus Neugierde das eine oder das andere Collegium Judaicum „belegen". Schon das wäre ein ersehnenswerther Fortschritt, obwohl ich an dessen Verwirklichung innerhalb der nächsten 5—6 Jahre zweifle. Was ich durch meine Encyk.'opädie anstrebe und was die mir als Ideal vorschwebende New Iorker Hochschule (auf den Namen kommt es hier nicht an, das englische Highschool-Mittelschule; dem deutschen Begriffe „Hochschule" entspricht im Englischen am besten: „University“) erreichen soll, ist die allmälige Vorbereitung des Terrains und die -Ausbildung akademischer Lehrer der jüdischen Wiffenschaft. Hermann L. Strack und August Wünsche dürften heute in ganz Deutschland die einzigen christlichen Gelehrten sein, welche staute pede eine der Ziegler'schen Professuren bekleiden könnten; in Frankreich resp. England, vielleicht Maurice Vernes und Charles Tylor." Ich erlaube mir daher, unseren jüdischen Millionären einen dritten, additionellen Posten für ihr jüdisches Budget zu empfehlen: präsentirt je ein Gratisexemplar der „Jewish Eneyclopedia“ zunächst allen Universitäts-, Stadt- und Gymnasialbibliotheken. allen Professoren und. Privatdocenten der Geschichte, Theologie und der orientalischen Sprachen. Innerhalb von 3 bis 4 Jahren werdet Ihr kein von diesen gelehrten Herren geschriebenes Buch oder Abhandlung in die Hand nehmen können, ohne die Spuren ihrer Beschäftigung mit jüdischer Literatur zu entdecken. Zwanzig christliche Privatdocenten der Geschichte der orientalischen Sprache werden, wenn die Saat reif ist, gleichzeitig auf den Gedanken kommen, in ihrer „überhäuften" Carriere durch die Schöpfung eines Judaica-Collegiums eine neue **) Die Namen dreier hervorragender österreichischer Unterrichtsminister. ***) Sitz des österreichischen Unterrichts-Ministeriums. Section zu schaffen, sie werden schon an die Thore der akademischen Senate, Akademien der Wiffenschaft und Unterrichtsministerien klopfen, um in ihrem eigenen, persönlichen Jntereffe der jüdischen Wiffenschaft Eingang zu verschaffen. Und wenn daun der jüdischen Geschichte ein Ranke oder Mommsen, der jüdischen Literatur ein Wilhelm Scherer oder Erich Schmidt ersteht, dann wird das arme Aschenbrödel Thora auf den ihr gebührenden Thron erhoben werden und die armen Juden, welche kaum ihr Alphabeth stottern können, werden zu ihrer Schande von dem Krönungsfeste fernbleiben müssen. Ich glaube, ich habe das Recht und die Pflicht, um meinem literar - wissenschaftlichen Ideale näher zu kommen, gelegentlich von Dollars, Francs, Mark und Gulden zu sprechen. Aber Ihr Rabbiner müßt uns helfen. Während wir jüdischen Realpolitiker, wenn's sein muß. das Losungswort Montecuccoli's: „Geld, Geld, Geld!" adoptiren dürfen, muß Euer Schlachtruf sein: „Jüdische Wiffenschaft". Zeiget den Mitgliedern Eurer Gemeinde Eure homiletische Meisterschaft an den hohen Festtagen rc., aber an jedem „gewöhnlichen" Sabbath hält eine Vorlesung aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur. Macht aus Euren Synagogen akademische Lehrhallen des Judenthums, und derjenige Rabbiner, der sich seine Gemeindejugend dermaßen wird herangezogen haben, um ihnen als Männern jüdische Geschichte und Literatur in hebräischer Sprache vortragen zu können, wird sich ein bleibendes Denkmal in der Geschichte der jüdischen Renaissance errichtet haben. Diese kleine Gemeinde von Hebräisch verstehenden Wienern oder Berlinern wird für die Wiederbelebung des jüdischen Weltideals im 20. Jahrhundert das werden, was die kleine Schaar griechischer Schwärmer unter der Leitung des Adamantios Koray (1748—1833) für die hellenische Renaissance des 19. Säculums war. Das Schicksal der modernen Griechen und die Geschichte ihrer politischen und literarischen Wiedergeburt gleichen in vielen Stücken der Leidensgeschichte Israels und dem Wiedererwachen Judas. 216 Jahre vor der Eroberung Jerusalems durch Titus verlor Griechenland seine politische Unabhängigkeit und lebte unter verschiedenen Herrschern bis Alexander Ppsilanti in 1821 seine Stammesgenoffen zum Kampfe für die Freiheit aufrief. Seine Hetairia glich in gewissem Sinne der Zionistengruppe, die Herzl um sich zu bilden verstand. Und hätte Thomas Henry Hall C a i n e, der große englijche Dichter, den Muth und fühlte er den Beruf in sich, der Lord Byron des Zionismus zu werden? Immerhin wäre es merkwürdig, wenn derselbe Ottomane, der die Griechen durch nahezu 4 Jahrhunderte unterdrückt hatte, dem Juden helfe, den Traum Jeremia's und Bar Kochba's zu erfüllen. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber es scheint mir, daß auch in dieser vitalen, jüdischen Frage die amerikanische Judenheit eine leitende Rolle zu spielen berufen sei. Ihr europäischen Juden habt Euch einmal durch Eure Indifferenz und Mangel an Muth die Suprematie entreißen lassen: erkennet Euere jüngere, energische Schwester jenseits des Oceans als Königin der Judenheit ohne Vorbehalt an. Europa ist altersschwach geworden und auch die europäische Judenschaft konnte sich diesem Senilismus nicht entziehen. Kommt nur herüber. Ihr edlen und muthigen Vorkämpfer einer großen Idee: Hier, in Amerika, ist der Boden reif für eine jüdische Renaissance. Die 75 Millionen Amerikaner haben noch ein tief religiöses Gefühl in ihrem Herzen; keine politische Versammlung beginnt, ohne durch ein Gebet eingeleitet zu werden; Präsident und Minister gehen regelmäßig zur Kirche; man achtet und liebt hier Denjenigen, der offen und frei seiner religiösen und politischen Ueberzeugung Ausdruck gibt. Nicht blos New-Aork, sondern unsere Brüder in Philadelphia, Chicago und San Francisco, in Canada und in New-Orleans werden Euch mit offenen Armen empfangen. Niemand von uns weiß, noch kann er's wissen, wie und wann die Judenfrage wird gelöst werden. Aber die Ueberzeugung sollte in jedes wahren Juden Gewissen sich festsetzen, daß sie gelöst werden müsse und je früher desto besser. Wir besitzen innerhalb der Zelte Jacobs das genügende geistige, physische und finanzielle Capital, um das zwei Jahrtausende alte Problem: „Was ist der Jude? Was will er? Was ist seine Zukunft?" einer endgiltigen, allgemein befriedigenden Entscheidung zuzuführen. Ihr Rabbiner Europas thätet gut daran, en masse im Frühlinge des Jahres 1904 Herzl und Nordau auf ihrer transatlantischen Seefahrt zu begleiten, um das jüdische Leben in Amerika zu studiren und Euch eventuell in einer großen General- Synode mit Euren hiesigen College« zu begegnen. In den hiesigen Synagogen, dessen werdet Ihr Euch bald überzeugen, weht