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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-14 · 11 (14.3.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
11 (14.3.1902)
Date
1902-03-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 174 Nr. 11 Dr. Bloch's Wochsnschrifl. Die Berichte über diese alten Bibliotheken lassen uns manche Notizen des Talmud und Midrasch, die bisher als „Agada" betrachtet wurden, ganz anders ansehen; sie bekommen den Werth historischer Mittheilungen. So ist z. B. im Midrasch Rabbah zu Gen. 25,22 (siehe auch Raschi z. St.) davon die Rede, daß Sem, der Sohn Noahs, (2391 v. Chr. geb.) und Eber (2226 v. Chr. geboren) ein Lehrhaus (Letü hamidrasch) gehabt hätten. Diese haben die Gottesidee, die von Chanoch (Henoch) bis Noah und von Noah ihnen tradirt wurde, und die Sabbathidee, die von Erschaffung der Welt datirt, gelehrt und verbreitet. Man sieht, wie auch solchen unscheinbaren, gelegentlichen Talmud- und Midraschnotizen eine historische Tradition zu Grunde liegt. Fleischer gelangte im Verlaufe des Vortrages zur Schilderung der Alexandrinischen Zeit, zur Zeit der Ptolemäer, unter denen die Bibliothek von Alexandrien auf 400.000 Rollen (später 900 000 Rollen) gebracht wurde. Hierauf nimmt er die Geschichte des Wissens in Assyrien auf und schildert die auf Thoutäfelchen eingegrabenen Wissensschätze, die im Palaste Sancheribs aufgefunden wurden. Ein Por^ät des Königs, des Palastes und eines dieser Täfelchen veranschaulicht die Mittheilung. Fleischer gibt auch über den Inhalt dieser merkwürdigen Bibliothek, die so viele tausend Jahre alt ist, fesselnde Aufschlüsse. Hierauf ging Flei'cher zu den Büchersammlungen der Griechen und Römer und im weiteren Verlaufe zu denen der Hebräer über. Die lange Leidcnskette der Verfolgungen der Juden hat auch den Bücherschätzen der Juden Untergang gebracht und der Vortragende erfüllte die Hörer mit Entsetzen, als er einige Proben aufzählte. Anderseits wußte er trostreiche Beispiele von der Liebe der Juden zu Büchern und Gelehrsamkeit, von ihren Büchersammlungen, von ihrer Betheiligung an Buchdruck und graphischen.Künsten zu erzählen. In seinen Vortrag verflocht Fleischer auch eine Bemerkung, die wir nicht übergehen wollen. Er sprach den Wunsch aus, daß die Forschungen im heiligen Lande nachhaltig betrieben werden sollen, und betonte, daß das Museum in seinen Wirkungskreis die Erforschung des heiligen Landes ausgenommen habe, daß es aber diesen Wirkungskreis nicht erfüllen könne, weil die Mittel, welche 300 Mitglieder zur Verfügung stellen, knapp hinreichen, um die Institution fortzufristen. Diese Bemerkung Fleischer's stimmt vollkommen mit den von uns in dieser Zeitschrift wiederholt kundgegebenen Anschauungen überein. Was aber von ihm in zarter Weise nur angedeutet wird, das wollen und müssen wir energisch aussprechen! Es ist eine Ehrensache der 30.000 jüdischen 6'emeindebürger, dieser Institution, die einen so hohen Rang in der Culturgeschichte der Juden in Wien einnimmt, sich kräftigst anzunehmen und sie in jeder Weise zu fördern. Nächstens wird das Museum in seinem neuen Heim „Krugerstraße 8" zugänglich gemacht werden. Möge dies ein Anlaß sein, ihm zahlreiche neue Freunde zu gewinnen. Vorträge, wie derjenige Fleischer's, bieten wohl eine kräftige Anregung zur Bethätiguug solchen Gemeinsinues. Das Auditorium und der Präsident des Museum-Vereines Baurath Wilhelm Stiaßny drückten in beredter Weise dem Vortragenden den wohlverdienten Dank aus. Die jüdische in Amerika. (Aus Anlaß des 25jährigen Rabbinerjubiläums des Dr. F. de Sola-Mendes.) Von Dr. Isidor Singer, Herausgeber der „Jüdischen Encyklopädie". HI. Wie ich bereits im Vorhergehenden an verschiedenen Stellen berührt habe, verfolgt meine jüdische Encyklopädie u. A. den Zweck, ein großangelegter, getreuer „Judenspiegel" zu sein. Meine College» und ich wollen das ganze ungeheure historische, statistische, literarische und bibliographische Material sammeln, um einerseits den Aufbau einer pragmatischen Geschichte der Juden und des Judenthums zu ermöglichen, andererseits den christlichen und jüdischen Staatsmännern die literarische Basis zu einer wissenschaftlichen Lösung der Judenfrage zu bieten. Ich habe zur Stunde noch nicht Sokolvw's und Buber's auf dem letzten zionistischen Congresse gehaltene Vorträge über die von der Zionisterpartei officiell anzuregende und zu subventionirende „Hebräische Encyklopädie" und „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" gelesen. Aber ich las Achadhaam's iU. Ginzberg) und R. Brainin's Aufsätze über beide Themata im Lasettiloaeü und Hador. Nun, ich kann die Herren versichern, daß, obwohl ich kein Zionist in Uniform bin (ich stelle so eine Art unwillkürlichen Civilingenieurs des Zionismus dar), ich das Meinige dazu beitrage, um für die Erkenntniß des Judenthums den Boden vorzubereiten. Ich schwärme mit derselben Begeisterung für die hebräische Sprache, als die waschechten Baseler Culturzionisten; von allem Anfänge dachte ich an eine Uebersrtzung meiner Encyklopädie ins Hebräische: feit dem 10. November 1899 sammle ich in meinen Mußestunden Material für ein großes englisch-hebräisches Wörterbuch, womit ich einen praktischen und einen idealen Zweck verfolge: jene Uebersitzung zu ermöglichen und gleichzeitig den Christen und Juden zu beweisen, daß die hebräische Sprache keine todte, sondern eine lebendige Sprache ist, da Holländerski seinem leider nur bis zum Buchstaben 6 (inclusive) gediehenen französisch-hebräischen Wörterbuche das „Dictionnaire de l’Academie frangaise“, und ich dem meinigen das riesige, von Funk und Wagnall's herausgegebene „Standard Dictionnary of the English Language“ zu Grunde legen konnte. Die ersten Unterhandlungen sind eingeleitet, und die nicht Englisch verstehenden Juden werden, wie ich hoffe, in einigen Jahren ihren vollständigen hebräischen Thesaurus der jüdischen Geschichte und Literatur in ihre Arme schließen können. Vorläufig jedoch ist eine Massenverbreitung der englischen Ausgabe (da diese existirt und die hebräische sowie die eventuellen Uebersetzungen in andere moderne Sprachen nur „Zukunftsmusik" sind) mit allen Mitteln anzustreben. Kein Vernünftiger würde mir einen Vorwurf daraus machen, wenn ich mich bemühte, meine christlichen Verleger in den Stand zu setzen, ihre Riesenkosten zu decken und eventuell aus dem Unternehmen einige Tausend Dollars Nutzen zu ziehen; das würde weniger ihnen als der jüdischen Literatur zu Gute kommen, denn deren Lebensfähigkeit würde so in diesem großen Maßstabe zum ersten Male vom finanziellen Standpunkte erwiesen worden sein. Aber ich gestehe offen, daß ich die geschäftliche Seite des Unternehmeys vertrauensvoll meinen Verlegern überlasse; ich verfolge hier höhere als arithmetische Ziele. Wie ich es in meinen verschiedenen Programmen, Circularen und „Interviews" nicht müde wurde, hervorzuheben, war es von allem Anfänge mein Traum, mittelst der „jüdischen Encyklopädie" die Wissenschaft des Judenthums „universitäts- und akademiefähig" zu machen. Theilweise ist der Traum in Erfüllung gegangen; der erste Band wurde im Institut de France, in den Akademien der Wissenschaften von Amsterdam, Budapest. Krakau rc. in öffentlicher Sitzung mit standesgemäßen Ehren präsentirt. Dr. Ziegler („Allgemeine Zeitung des Judenthums" 1801, Nr. 35) hatte in seinem vortrefflichen Aufsatze: „Eine jüdische Universität"*) den Juden Deutschlands und Oesterreichs gerathen, bereits jetzt, etwa in Potsdam und „Am Hofe", neben den deutschen und österreichischen Kriegsreservefonds einen Fonds für jüdische Wissenschaft anzulegen, um denselben in naher oder ferner Zukunft den diversen Unterrichtsministerien und akademischen Behörden behufs Errichtung von Lehrkanzeln für jüdische Geschichte und Literatur zur Verfügung zu stellen. Ich weiß nicht, wie viele Millionen oder Hunderttausende von Gulden resp. Reichsmark für jenen löblichen Zweck in die eisernen Thürme der respcctiven Regierungen bereits geflossen sind, doch ich erlaube uiir, immerhin meinen unbekannten Freund in der österreichischen Heimat auf mein in der Wiener „Neuzeit" erschienenes Schreiben vom 22. Oetober v. I. hinzuweisen, und zwei Stellen aus demselben zu citiren: „ . . . . Unsere, wenigstens officielle, sociale Emancipation gipfelt in der „Hoffähigkeit" eines oder zweier Dutzende unserer reichen Glaubensgeuoffen. Die „Höfe" der Wissenschaft sind die Universitäten und Akademien, sie zählen zwar Hunderte von Juden zu Mitgliedern, aber nur in deren Eigenschaft — als Philologen, Orientalisten, Chemiker rc. Die Wissenschaft des Judenthums wird noch immer in den diversen europäischen Unterrichtsministerien und akademischen Senaten als eine Art *) Vergl. Prof. Julius Pagel's Vortrag in der „Allg. Ztg. des Judenthums" 1902, 31. Jänner.

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