Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021451--11603-3036150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 12 Seite 171 Dr. Bloch's WmhVNfchrrfi. scharf genug verurtheilt werden, denn es ist nur geeignet, den rumänischen Staatsbürgern israelitischen Glaubens neuen Schaden zuzufügen. So lange die rumänische Regierung daran festhält, daß diese Staatsbürger, welche keine andere Heimat als Rumänien besitzen, die Militärpflicht ableisten und die Steuern bezahlen, wie alle anderen Rumänen, als „Fremde" zu behandeln — so lange wird auch das Mißtrauen gegen Rumänien im Auslande nicht verschwinden und eine gedeihliche Entwicklung im Innern nicht möglich sein. Der rumänische Gesandte in Berlin, Herr A. Beldiman, ersuchte darauf die „Franks. Zeitung" telegraphisch im Aufträge seiner Regierung „um kategorische Dementirung der in der Correspondenz aus Bukarest erschienenen in Nr. 56 der „Frankf.- Zeitung" aufgestellten unwahren Behauptung, daß auf Kosten des Unterrichtsministeriums und in officiellem Aufträge Bildertafeln an Schulen, Amtslocale rc. vertheilt wurden, geeignet, die rumänische Bevölkerung gegen die jüdische aufzuhetzen." Dem gegenüber sind wir in der Lage, Folgendes zu constatiren: Bekanntlich hat vor einem Jahre die nordamerikanische Regierung einen Speeialcommissär nach Rumänien entsendet, um über die Ursachen der jüdischen Massenemigration authentischen Bericht zu erstatten. In diesem officiellen Bericht an das Ministerium in Washington findet sich u. A. folgende Mittheilung : „Vieles, das ungemein demüthigend und erniedrigend für die Juden ist, steht in den in den Schulen in Gebrauch stehenden Lesebüchern, z. B. „Ein Jude ißt nie, bevor er nicht betrogen hat." — „Ein Jude ist ein Blutegel und lebt von dem Blute, das er den armen Bauern aussaugt." — „Glaube nie einem Juden auf seinen Eid, selbst wenn er im Sterben liegt." „Es ist nicht zu verwundern, daß die Juden unter solchen Verhältnissen die Opfer auf sich genommen haben, eigene Schulen zu errichten und zu erhalten. Und sogar diese selbst aufgenommene Last wird ihnen noch erschwert durch Hindernisse, welche die Behörden ihnen in den Weg legen, ohne deren Zustimmung die Schulen nicht bestehen dürfen." Herr Robert W a t ch o r n, der amerikanische Specialcommiflär, hatte auf seiner Rückreise wiederholte Besprechungen mit dem ehemaligen Abgeordneten Dr. Bloch, und erzählte diesem u. A., daß er dem damaligen rumänischen Ministerpräsidenten, Herrn C arp, mündlich Vorhaltungen gemacht hat wegen der unfläthigen Beschimpfungen der Juden in den officiell rumänischen Schulbüchern. Herr Carp, soll ihm mit einem Achselzucken geantwortet haben: Jeder Versuch einer Aenderung nach dieser Richtung würde die Kammern veranlassen, ihn wegzujagen und damit wäre den Juden doch kaum gedient. Damit ist der Werth und der Wahrheitsgehalt des kategorischen Dementis, welches die rumänische Regierung durch ihren Berliner Gesandten der „Frankfurter Zeitung" zugehen ließ, hinreichend gewürdigt. Die antisemitischen Minister werden regiert von einer eigenen antisemitischen Moral. Vom Jahrmarkt de» Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Von der „Deutschen Zeitung" und anderen Schandblättern. — Die Rede des Dr. Straucher. — Doctor KaiserundMacaulay. — DieJuderrbeidenHandelskämmerwahlen. — Eisenbahnerscherze über die Todesopfer der Elektrischen.) Wir charakterisirten in der vorigen Woche die Antisemiten folgendermaßen: „Sie gehen von dem Standpunkte aus, daß die Beschimpfung und Verfolgung der Juden, ihre politische und wirthschaftliche Bedrückung und Vernichtung erlaubt sei. Sie predigen die Lehre, daß die christliche Bevölkerung mit allen Mitteln darauf bedacht sein müßte, den Juden die politische, bürgerliche und ökonomische Existenz in Oesterreich unmöglich zu machen und sie aus dem Lande zu vertreiben. Sie bestreiten uns die bürgerliche Gleichberechtigung, sie schildern uns, mögen wir und unsere Vorfahren auch seit Jahrhunderten in Oesterreich leben, als Fremde, als Eindringlinge, als Schmarotzervolk." Die „Deutsche Zeitung" citirt diese Sätze wörtlich aus der „Oesterreichischen Wochenschrift" und erklärt ausdrücklich, sie gebe uns damit vollständig recht, und wir hätten auch damit recht, daß sich dagegen nichts machen ließe. Sie hat aber zu unvollständig citirt. Wir haben auch hinzugefügt, daß wir solchen Tendenzen mit Verachtung begegnen und daß wir an das Urtheil aller anständigen und gerechten Menschen appelliren, ob es gerecht, ob es menschlich, ob es christlich ist, Menschen ihrer Nationalität oder ihres Glaubens wegen zu verfolgen. An alle anständigen Menschen, zu denen die Antisemiten im Allgemeinen, und diejenigen, die sich einer so gemeinen Schreibweise bedienen, wie die „Deutsche Zeitung", freilich nicht gehören. Die hämischen Bemerkungen des geistlosen und ordinären Blattes find uns nebensächlich; das Zugeständniß, daß es wirklich die Beschimpfung und Verfolgung der Juden, ihre wirthschaftliche Bedrückung und Vernichtung für erlaubt hält oder zu halten vorgibt, wollen wir deshalb festnageln, weil es als Organ der christlich-socialen Partei anerkannt ist und weil nicht sowohl die Juden, als vielmehr diejenigen, die das Recht und Gesetz zu wahren haben, sich darüber klar sein müssen, was von der antisemitischen Bewegung zu erwarten ist. Damit steht auch eine Bemerkung der „Reichspost" im Einklang, dahin lautend, die Ausräubung der Juden wäre „ein excessiver Wunsch der Antisemiten". Die antisemitische Schandpreffe genirt sich nicht, ein verbrecherisches Programm zu verkünden. Bon der „Zurückdrängung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens", von „wirthschaftlichen Reformen" und wie alle die Schlagworte heißen mögen, die man früher einem in letzter Consequenz verbrecherischen, unmenschlichen und niederträchtigen Programm als täuschende Vignette aufklebte, ist schon längst nicht mehr die Rede. Auf die Existenz, auf die Heimatberechtigung, auf die Sicherheit der Personen und des Eigenthums möchten die Gsschäftsinteressenten des Antisemitismus die Meute loslaffeu, wenn ihre Macht so groß wäre wie ihre Bosheit, und aus diesem Grunde bat das eitirte Zugeständniß einen gewissen historischen Werth. Ueber den bestialischen und gemeingefährlichen Charakter der antisemitischen Bewegung in Wien gibt es keine Täuschung mehr. * * * Wirksamer als es an dieser Stelle möglich, hat im Parlament der Abgeordnete Dr. Straucher die Situation der Juden in Oesterreich und die Haltung der Behörden gegenüber den Ausschreitungen. die man sich gegen sie erlaubt, gekennzeichnet. Die öffentliche Sicherheit versage sehr oft und merkwürdiger Weise gerade dann, wenn es sich um Juden handelt. Dr. Straucher sagte: An sehr vielen Orten schon wurden die Juden von den Czechen, Deutschen und Polen geprügelt, boycottirt, verfolgt und vor den Augen der Sicherheitsorgane und unter ihrer passiven Mitwirkung geplündert, und dadurch werde die Autorität und das Ansehen des Staates untergraben. Die Ursachen für die Ausschreitungen und für die damit verbundene Erschütterung des Rechtsbewußtseins liege darin, daß man allzu lange und allzu geduldig zugesehen hat, wie von gewisser Seite ungestraft die brutalsten Beschimpfungen verübt und die niederträchtigsten Lügen in Wort und Schrift verbreitet werden. Es ist wohl überflüssig, zu sagen, wen Dr. Straucher damit gemeint hat; es find in erster Linie die Wiener Christlich-Socialen und die publieistischen Strauchritter, die sich aus Gründen des Erwerbes auf die Fcuctificirung des Antisemitismus geworfen haben, nachdem sie beim Betriebe von Graphitwerken oder im Assecuranzfach oder in irgend einem anderen Berufe, der zu allem Anderen eher befähigt als zur Journalistik, abgewirthschaftet haben. Dr. Straucher kennzeichnete auch sehr zutreffend die zweideutige Haltung jener sogenannten Freisinnigen, für die vor den Wahlen der Jude ein sehr geehrter Mitbürger ist, während sie ihn nach den Wahlen nicht mehr kennen. Die Ungeduld des Herrn Bicepräfidenten Kaiser, eines jener Herren, bte den Antisemitismus „betonen", war der beste Beweis für den tiefen Eindruck, den die ausgezeichnete Rede Straucher's hervorbrachte. Diese Rede galt nicht der Liebedienerei vor den Wählern; Straucher sprach als Jude, und was er sagte, war ein von sittlichem Ernst durchdrungenener Protest gegen die Rechtsverletzungen, die an den österreichischen Juden begangen werden. Als wäre es dem Herrn Kaiser darum zu thun gewesen, die den Juden gegenüber obwaltende Ungerechtigkeit zu demonstriren, entzog er Herrn Dr. Straucher das Wort, weil dieser ein kurzes Citat aus Macauloy vorlas. Der große englische Historiker ist mit seiner staatsmännischen und weisen Auffassung der Judenfrage einem Antisemiten, insoweit er überhaupt weiß, wer Macaulay war, höchst unbequem. Es soll uns nicht wundern, wenn die „Deutsche Zeitung" auch Macaulay als geistesschwach gewordenen Greis erklärt. Was liegt übrigens daran, ob Dr. Straucher das Citat aus Macaulay im Parlament Vorbringen durfte oder nicht? Die größten Schriftsteller aller Zeiten, die weisesten Staatsmänner und Philosophen, die hervorragendsten Cleriker haben den Judenhaß verurtheilt und