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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 166 Kr. BLoch's Wochenschrift Str. 10 um sich darin zu vertiefen. Es war „More Nebuchim" — „Der Führer der Irrenden" von Maimonidcs, von welchem Werke einst Mendelssohn behauptet hatte, ihm habe er feinen Buckel zu verdanken und doch sei er ihm dankbar verpflichtet, denn er habe manche bittere Stunde seines Lebens versüßt. Schon war Josef seiner Umgebung und jeder Mißstimmung entrückt, schon verklärte seine Züge jenes durchgeistigte Lächeln, das nur an denkenden Lesern genialer Werke wahrzunehmen ist, als Plötzlich folgende Worte wie ein Ruf aus einer anderen, untergeordneten Welt an sein Ohr drangen: „Aha, More Nebuchim — alle Achtung!" Entsetzt über die Störung, blickte Josef aus dem Buche. Bor ihm stand ein Mann in den Vierziger-Jahren, eine herkulische Erscheinung. Ein langer schwarzer Bart, ein kaftanähnlicher Rock und ein noch ziemlich gut erhaltener Cylinderhut verliehen dem Manne ein fast würdevolles Aussehen, wenn nicht ein verschmitztes Grinsen verrathen hätte, daß der Gute weniger zu imponiren, denn für sich einzunehmen beabsichtige. „Das ist wirklich sehr schön", bemühte er sich hochdeutsch zu sprechen, „daß ein so feiner junger Herr in der Lectüre solcher Bücher Zerstreuung findet. Erlauben Sie?" Ohne die Erlaubniß abzuwarten ergreift er das Buch, blätterte, es flüchtig durch und verfiel bald in den ihm viel geläufigeren Jargon: „Ich bin borech Haschem') auch ein Jodea Sefer *), ich weiß, wer Rambqm ist, ich bin ein Taldmid von Koppele Chores!") „Sind Sie ein Rabbiner?" fragte Josef schüchtern. „Ein Rabbiner?!" erwiderte der Fremde geringschätzend. „Glauben Sie ein Rabbiner ist alles? Die heutigen Rabbiner! Ich kenne Rabbiner, die im Tosaloth^) nicht einmal iwre^) können! — Ich hätte zehnmal Rabbiner sein können, wenn ich hätte wollen, aber ich bin lieber Chasen!" „Cantor sind Sie?" „Ja, ich bin lieber Cantor. Wiffen Sie warum? Als Rabbiner muß ich den Leuten ins Gesicht schauen, muß sehen, wie der Eine bei meiner Predigt einschlummert, der Andere ein saueres Gesicht macht, aber als Cantor zeige ich ihnen den Rücken..." „Wo find Sie-Cantor?" „Wo?Ueberall und nirgends! Ich habe schon vvrgebetet in Pest und in Großwardein, in Neuhäusel und in Temesvar, in Wien, Berlin, Paris, London — wo Sie nur wollen! Ich bin nicht so verrückt, mich an einen Ort zu binden und mich den Launen von einigen Balbotim^) zu unterwerfen. Ich liebe die -Freiheit — heute dort und morgen da!" „Wo reisen Sie jetzt hin?" „Nach D." Er nannte eine kleine Gemeinde am linken Ufer der Donau. „Dort sind sie schon ein halbes Jahr ohne Cantor, und wenn so einer wie ich, hinkommt, der wird mit Geld beworfen". Trotz seiner Jugend hatte es Josef bald heraus, daß der ehrenwerthe Mann ein gewaltiger Aufschneider, vor dem Herrn sein müsie, aber dessen Prahlereien belustigten ihn und er ließ sich darauf ein, ihn von der empsindlichsteu Seite zu packen. „Es wäre mir gewiß ein unendliches Vergnügen" Hub er schlau an, „Sie singen zu hören, aber dazu ist vorderhand keine Aussicht. Allein, Sie sagen ja, und ich habe auch keinen Grund daran zu zweifeln, daß Sie ein Lamden (Gelehrter) sind. Möchten Sie nicht die Güte haben, mir etwas „Thora" zu sagen?" Dieses „Thorasagen" bildet eine Art geistiger Spielerei jüdischer Lamdonim. Sie besteht zumeist darin, daß irgend einem Bibelverse eine originelle Deutung beigelegt wird, deren Richtigkeit wieder durch andere Bibelstellen oder durch Regeln der Logik, oft auch der Grammatik bewiesen wird. In der Regel wird auch ein „Mosche!" (eine Parabel) eingeflochten, die den Gedankengang mehr oder weniger geistreich illustrirt. Zuweilen artet das Thorasagen auch zu Haarspaltereien oder zu einem eitlen Wortspiel aus und wird dann ein Lozele (Witzelei) oder — ein Stuß (Narrethei). Der Cantor wollte sich sachte aus der Schlinge ziehen. „Im en Kemach, en Thora, wo kein Brot ist, da gibts ') Gott sei Dank. 2) Schriftkenner, Gelehrter. 3) Schüler von R. CH. (ein berühmter Rabbi in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts). 4) Commentar zum Talmud. 5) Text lesen. *) Parteien. auch keine Thora„ sagen unsere Weisen, bas heißt auf deutsch: Mit hu'.igrigem Magen kann man keine Thora sagen! Und an anderer Stesse heißt es: Wenn zwei essen an einem Tische, und nicht von der Thora sprechen, so ist cs, als hätten sie gegessen von dem Opfermahle der Tobten! — Essen wir?! Ganz im Gegentheil. Ich habe seit gestern keinen Bissen gegessen. Frühstücken thu ich nie, höchstens daß ich Schehakel (Segensspruch über Getränke) mache und bei der Abfahrt habe ich vergessen, mir Proviant einzukaufen. Hier aber ist alles trefe!" Josef verstand der Worte Sinn, öffnete lächelnd seine Reisetasche und entnahm derselben geräucherte Gänsekeulen und „Grammel-Pogatschen", die ihm seine fürsorgliche Mutter zur Reisezehrung eingepackt hatte, ließ vorläufig zwei Glas Bier und Brote herbeibringen und lud den Cantor freundlichst ein — mitzuhalten Der Gute schien darauf nur gewartet zu haben. Er entschuldigte sich quasi pro torma, daß man sich hier nicht „waschen" könne, murmelte ein „Mozi" (Segensspruch über Brot),- dann ein „Schehakel" (über das Bier), nahm einen Bissen von dem ersteren und leerte das Glas auf einen Zug, so daß Josef für ihn rasch ein zweites füllen ließ. Der Cantor machte sich dann daran, die Keulen mit seinem Taschenmesser kunstgerecht zu seciren. Es bedurfte keiner weiteren Aufforderung Josef's, zuzugreifen, er ergötzte sich vielmehr an dem Riesenappetite seines Gastes, der in unglaublich kurzer Zeit den ganzen Fleischvorrath und ein ansehnliches Bierquantum vertilgte, ohne ein unnützes Wort dabei zu verlieren. Als auch schon die Pogatschen den Weg alles Fleisches gegangen waren, eröffnten sich wieder die Schleusen seiner Beredtsamkeit. Als wäre jedes seiner Worte reines Gold, so schaute er immer triumphirend um sich, wenn er einen besonders blühenden Unsinn zum Ausdruck brachte, und Josef gewann immer mehr die Ueberzeugung, daß er einen Amhoorez (Ignoranten) schlimmster Sorte vor sich habe. Aus jugendlicher Malice jedoch ließ er nicht locker und verwickelte seinen Partner immer wieder in theologische Dispute, aus denen sich dieser stets mit einem gewissen Galgenhumor loswand. Es war wieder die Rede von Maimonidcs. „Ei, Rambam! Hauescher hagodol! (Der große Adler)" rief der Cantor mit strahlendem Blicke. — „Wissen Sie, wer Rambam ist? Wissen Sie, was Rambam ist? was er eigentlich war? Ich will es Ihnen erzählen und Sie werden Ohren und Augen offen halten . . ." Und da gab er mit wichtigthuender Miene und großer Breitspurigkeit jenes weit und breit bekannte Märchen zum Besten, wonach dieser Gelehrte, im Vereine mit einem ebenbürtigen Christen eine todtenbelebende Pflanzenmixtur entdeckt habe, welche Entdeckung aber von den traurigsten Folgen für . die Entdecker gewesen wäre. — Allein selbst dieses allbekannte Märchen, das allerdings jeder historischen Grundlage entbehrt, erzählte er so verworren und unlogisch, daß Josef ihn oft be-- richtigen mußte, und zum Schluffe konnte er nicht, umhin, seiner Ueberzeugung Ausdruck zu geben, daß, wenn sich die „Thora" des Herrn Cantors in solchen „Maißes" (Märchenerzählungen) concentrire, er allerdings Recht habe, lieber Cantor als Rabbiner zu sein. „Ei, was!" meinte der Cantor. „Auf einem Dampfschiffe schickt es sich gar nicht, Thora zu sagen. Und dann, Sie wissen ja, was Schlome hameloch olem hascholem 7) gesagt hat: Lo hamidrasch ickor, elu hamaiße^). Nicht das Darschvnen und Thorasagen ist die Hauptsache, sondern die Maiße, die Erzählung! ..." Josef lachte aus vollem Halse. Eine so ungeheuerlich falsche, dem momentanen Zwecke dienstbar gemachte Deutung eines einer falschen Quelle zugeschobenen Citates erregte seine Lachlust im höchsten Grade und er wäre gerne bereit gewesen, die Unterhaltung fortzusetzen, allein der Cantor schien bemerkt zu haben, daß er sich gründlich blamirt haben müsse, und da von dem jungen Herrn wenigstens vorläufig nichts Gutes mehr zu erwarten war, begann er entsetzlich zu gähnen und sagte: „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugethan, der Teufel hat mich kibitzen geheißen. Ich muß mich ein wenig niederlegen —" 7) König Salomo, Friede sei mit ihm! «) Nicht das Studium (der Thora) ist die Hauptsache, sondern die Ausübung (ihrer Gebote) oder auch: Nicht die Theorie ist die -Hauptsache, sondern die Praxis! Dieser Spruch ist allerdings nicht unter den Weisheitssprüchen Salomo's sondern in den „Pirke Aboth^ (Sprüche der Väter) zu finden. .

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