Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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'.'il. 10 Dr Vloch's Wochenschrift. Seite 159 der Lehrplan für Mädchen-Gymnasien gegenüber den für Knaben- Gymnasien reducirt worden sei. — Eine weitere Reduction des Stoffes würde nicht angehen, weshalb er beantrage, den wohlerwogenen Lehrplan vollinhaltlich auzunehmen. Cultus-Vorsteher kais. Rath Wilhelm Pollak: „Ich bin wirklich in der Seele froh, daß wir endlich wieder einmal beisammen sind, um gemeiirsam mit dem von uns frei gewählten Vertreter - Collegium zu berathen, einem Vertreter-Collegium, welches in so hervorragend ausgezeichneter Weise die Gescyäfte der Cultusgemeinde besorgt, mit jenen Männern, welche gewiß auch noch andere Berufspflichten haben und uns dennoch mit großem Zeitaufwand die Bürde des Cultusvorstandes so abnehmen, daß wir kaum mehr wisien, daß wir dieses Amt aus den Händen unserer Wähler übernommen haben. Ich würde nur wünschen, daß jene arbeitsfreudigen Herren in ihren Bestrebungen nicht ermüden und die von mir schon seit 10 Jahren als dringendes Bedürfniß anerkannte, vielfach kritisirte Verbesserung des Religionsunterrichtes einführen mögen. Wir sehen hier im Vorstande zwei Strömungen hervortreten: Die Einen glauben, daß den Schülern nicht genug sprachliches Wissen beigebracht werden könne, und halten das Auswendigbüffeln von Vocabeln, die Kenntniß der grammatikalischen Formeln für wichtig, die Anderen wünschen einen höheren Schwung in den Religionsunterricht gebracht, einen Schwung, wie ich mir es denke, daß die studirende Jugend bekanntgemacht werde mit der culturellen Mission des Judenthums von seinerzeit; der Religionsunterricht soll nicht zum Ballast, zum angefeindeten Gegenstände werden, sondern erhebend, belehrend und erbauend auf die Schüler wirken. Mein sehr geehrter Vorredner, Herr Dr. Spitzer, hat ganz Recht, wenn er sagt, daß der Religionsunterricht, wie er in den letzten 20 Jahren geübt wurde, Gift für das Judenthum sei, und ich kann dies nur bestätigen. Ich gebe ja zu, daß Diejenigen im Rechte sind, die. mehr jüdisches Wissen fordern, aber was soll man den Kindern in einer oder zwei Stunden wöchentlich beibringen? Diese geringe Zeit kann man unmöglich zum Sprachstudium verwenden, so wichtig dieses auch wäre. Da müssen eben die privaten Bibelfchulen bei denen, die darauf Gewicht legen, nachhelfen. Die jetzige Art und Weise des Unterrichtes ist aber nicht der Weg, die Jugend in Liebe für die angestammte Religion zu erziehen! Man wird mir gewiß antworten: Wir haben doch Instructionen gegeben, die in ihrer Wirkung gewiß hervorragend sein werden. Ja, das weiß ich, nicht nur die neuen Instructionen sind vorzüglich, auch die alten waren es schon, aber gehalten werden sie nicht, sie stehen nur auf dem Papier, ohne von den Lehrern befolgt zu werden, die eben nicht alle auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen und nicht immer über das nöthige Maß Don pädagogischer Erfahrung verfügen. Lesen Sie die Jnspectionsberichte durch, meine sehr geehrten Herren, dann werden Sie sehen, woran unsere Religionsschule krankt. Es ist z. B. jetzt einer unserer bedeutendsten Religionsinspectoren, eine hervorragende Leuchte auf diesem Gebiete, Herr Rabbiner Wolf, wegen Krankheit auf längere Zeit beurlaubt. Nun frage ich: Ist schon «in Ersatz geschaffen worden, und wer ist dies, oder läßt man alle Fünfe gerade sein? Also, meine Herren, nicht der Lehrplan, sondern die Lehrer und die mangelhafte Controle sind schuld, wenn die Instructionen nicht befolgt werden. Schaffen Sie die nöthigen Lehrkräfte und die überwachenden Persönlichkeiten, dann wird diese, Eltern und Kinder gleich schwer bedrückende Frage endlich verstummen, und bevor dies geschehen, können wir Vorstände nicht oft genug den Finger auf diesen wunden Punkt drücken. Ich werde mich für die Annahme des Referentenantrages einsetzen/ Vicepräsident Dr. Gustav K o h n erklärt, zu einigen allgemeinen Bemerkungen, die in der heutigen Debatte gefallen sind, Stellung nehmen zu müssen. Dem Einen wird zu viel, dem Anderen wieder zu wenig hebräischer Unterricht an den Wiener Schulen ertheilt; daraus gehe schon hervor, daß vom Vorstande in dieser Frage der Mittelweg eingeschlagen werden mußte. Es habe anläßlich der vor 20 Jahren erfolgten Einführung des hebräischen Unterrichtes als Disciplin eines langen Kampfes bedurft. Die Nothwendigkeit des hebräischen Unterrichtes wurde damals vom Cultusvorstande vollkommen eingesehen, so daß ihm . in den Lehrplänen ein entsprechender Raum zugewiesen wurde. Solange ein Antrag auf Eliminirung desselben nicht gestellt averde, sei es auch unnöthig, darüber eine Debatte zu führen. Es sei allerdings richtig, daß in zwei Stunden der Woche nicht viel Religion gelehrt werden könne, doch sei die Ansicht, welche auch vom Rabbinate getheilt werde, vorherrschend, daß die Kinder, wenn sie auch weniger lernen als wir gelernt haben, heute viel mehr lernen und wissen als vor 20 Jahren, was umsomehr hervorzuheben sei, als sich seither der Kampf zwischen Schule und Haus oft unangenehm gestaltet hat. Bei diesem Anlaffe müffe auch darauf hingewiesen werden, daß die Religionslehrer ihrer Pflicht stets in anerkennenswerther Weise nachgekommen sind. Was das Memoriren anbelange, so müffe betont werden, daß sich dasselbe auf einige wenige Stücke beschränke, wie Schema Jisroel, Keduscha, ßirchas hatauro und andere Benedictionen. Betreffend den Religionsunterricht an Mittelschulen sei zu bemerken, daß die im abgelaufenen Jahre unter Zuziehung von Schulmännern ausgearbeiteten Instructionen für Mittelschul- Religionslehrer dem k. k. n.-ö. Landesschulrathe zur Genehmigung vorliegen; ist diese erfolgt, dann werden die Instructionen wie jedes andere Schulgesetz an. die Directionen der Mittelschulen hinausgegeben, welche sodann ebenso wie der Religionsschul- Jnspector über die vorschriftsmäßige Ertheilung des Religionsunterrichtes zu wachen haben werden. Redner empfiehlt sohin, den vorliegenden Lehrplan, welcher eine Reduction des reducirten Lehrplanes für Knaben-Gymnafien enthalte, zur Gänze anzunehmen. Cultusvorsteher Herr Salo Cohn bemerkt, daß sich die Ansichten der Herren Collegen Dr. Rappaport und Doctor Spitzer vollkommen gegenüberstehen. Was dem Einen zu viel, ist dem Anderen zu wenig. Das eine aber ist sicher, daß bei den Ansprüchen, die die heutige moderne Bildung an Jedermann stellt, es kaum möglich ist. die jüdische Jugend noch weiter zu überlasten. Da nun aber bei uns — nicht etwa wie z. B. in Preußen — auch der jüdische Religionsunterricht zu den obligaten Gegenständen gehört, und die Klagen, die bei der Gemeinde einlaufen, fast regelmäßig eine zu große Belastung in diesem Fache betreffen, so bleibt uns nichts anderes übrig, als die goldene Mittelstraße einzuschlagen und den uns vorliegenden Lehrplan des Referenten anzunehmen. Diejenigen Mitglieder unserer Gemeinde, die darin noch weiter gehen wollen, müssen wir leider auf den Privatunterricht verweisen. Nunmehr ergreift der Referent Director Simon das Wort zu seinen Schlußausführungen. Redner gibt seiner Genugthuung darüber Ausdruck, daß der Cultusvorstand heute Gelegenheit genommen habe, eine eingehende Debatte über Unterrichtsangelegenheiten abzuführen und bemerkt: Wenn irgend eine schwere Arbeit gut verrichtet werden soll, danrk müssen die Arbeiter für diese Arbeit herangebildet werden, und da haben wir in unserer Cultusgemeinde eine ganz furchtbare Lücke. — Aber ich wasche meine Hände in Unschuld, denn ich bin es, der seit Jahren immer auf diese Lücke hingewiesen hat. — Wir,haben keine Lehrerbildungsanstalt. Referent bezeichnet im Verfolge seiner Ausführungen die Schaffung einer solchen Anstalt, welche den Religionslehrern einen Sammelpunkt und eine Fortbildungsstätte bieten könnte, als dringende Nothwendigkeit. Was den Unterricht in der hebräischen Sprache betreffe, so stehe ausdrücklich in den Instructionen, daß eine mangelhafte Kenntniß derselben aus die Classification keinen Einfluß nehmen dürfe. — Was den grammatikalischen llntericht anlange, so sei derselbe auf Grund der Instructionen auf praktischem Wege zu ertheilen, ohne daß der Lehrer etwa die Bildung der Mehrzahl, der Vergangenheit und Zukunft vom Schüler verlangen solle. Was die Geographie des Heiligen Landes betreffe, müffe bemerkt werden, daß ihre Behandlung ohnehin eine ausführliche sei. Daß der Unterricht im Geiste der Lehrpläne und Instructionen ertheilt werde, darüber müffe von einer tüchtigen Jnspection gesorgt werden. Es werde mit dem vorliegenden Lehrplane von den das Gymnasium besuchenden Mädchen nicht zu viel verlangt, es komme nur darauf an, daß man den Mädchen jene Anregung gibt, daß sie sich mit Interesse in das Wesen des Judenthums vertiefen, daß sie Kenntniß von unserer Geschichte, unserer glorreichen Vergangenheit, daß sie eine Ahnung von den Schönheiten der hebräischen Sprache erhalten.