Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ar. 10 Seite 157 Dr. Bloch's Wochenfchrifl. Hofrath KLdingrr s tynttv. Der große Geschichtslehrer und Geschichtsschreiber Professor Dr. Max B ü dinger, der in der Nacht von Samstag auf Sonntag. 74 Jahre alt, verschied, am Dienstag in der evangelischen Kirche H. C. in der Dorotheergasse eingesegnet und auf dem Matzlrinsdorfer Friedhofe beerdigt wurde, war ein Sohn des Moses Mardochai Büdinger, dessen Lebensbeschreibung Steinheim verfaßte. ( Lebensbeschreibung eines israelitischen Schulmanns", Altona 1844.*) Der große Historiker hat, vielleicht in der Erinnerung an seine jüdische Abstammung, in seinen „Vorlesungen über allgemeine Geschichte" der orientalischen Geschichtswissenschaft mit besonderer Vorliebe sich zugewendet, mit Aegyptologie sich in hervorragender Weise beschäftigt und einige Schriften veröffentlicht, die sich mit Jndenthum, jüdischer Geschichte und Orientalistik befassen. Wir führen hier folgende Arbeiten des Gelehrten an, die sich auf diesem Gebiete bewegen: „Herodots, ägyptische Forschung", Sitzungsbericht der königl. Akademie, B. LXXII, „Aegyptische Einwirkungen auf h e b r ä i s ch e E u l t e", Sitzungsbericht B. LXXII, S. 451—480; Sitzungsbericht LXXV, S. 7—59, ferner: rDe coloniarum quarundam Phoemeiaruiu primordiis cum Hebr aeorum e x o d o conjuuctis“, Sitzungsbericht CXXV. Wir behalten uns vor, auf diese gelehrten Arbeiten noch zurückzukommen. Heute wollen wir uns dem Vater Büdinger's zuwendem Dieser wurde in Mardorf, einem Dorfe in der Nähe von Marburg (Hessen) am 20. Tebet 5544 (Jänncr 1734) geboren. Wie so oft die Mütter es sind, die auf die künftige Stellung ihrer Kinder Einfluß nehmen, so war es auch bei Mardochai Büdinger. Sie unterrichtete ihn im Hebräischen, während eine Nonne ihm den Unterricht in deutschen Gegenständen ertheilie. Der Vater wollte ihn zum — Viehhändler bestimmen, aber er fühlte zu diesem vielleicht ertragreicheren Geschäfte keine Neigung. Ein Oheim, der für ihn einen Privatlehrer bezahlte, ließ ihm Unterricht in Bibel und Talmud ertheilen. Da verlor er im 12. Jahre seine Mutter und nun fing für ihn die Zeit des Leidens und der Armuth an. Er flüchtete im 19. Lebensjahre ans dem Elternhause, wunderte unstät umher und verdiente sich als Elementarlehrer kümmerlich sein Brot. 12 Jahre lehrte und lernte er also und erwarb sich durch seltenen Fleiß mannigfache Kenntnisse. 1815 bezog er die Universität Marburg. Während er selbst unterrichtete, lernte er Latein und hörte theologische und philosophische Fächer. In Marburg hielt er sich 1'/- Jahre auf. Von hier ging er nach Eassel und dann 1820 nach Stuttgart, wo er Erzieher im Hause des Hofbanauiers K a u l l a wurde. 1824 kehrte er nach Cassel zurück und verheiratete sich hier mit Amalie Weil, einer Schwester von Jakob Weil, welcher mehrere Jahre als Lehrer am Philantropin zu Frankfurt a. M. wirkte, ein Freund Riesser's war und für die Emancipation der Juden tapfer eintrat. Er starb am 19. November 1^64 in Frankfurt. Seine Frau gebar ihm im Jahre 1828 seinen Sohn Max, den späteren berühmt gewordenen Wiener Umversitätsprofessor, den Verfasser der „Oesterreichischen Geschichte bis zum Ausgange des i3. Jahrhunderts." Im Jahre 1825 wurde in Cassel das Schullehrer-Seminar begründet und Mardochai Büdinger zum I n s P e c t o r und Oberlehrer an diesem ernannt. Schon während seines ersten Aufenthalts in Cassel 1819 hielt er hier Erbauungsreden. Dann predigte er in der „Gesellschaft der Humanität" als Oberlehrer des Seminars, ebenso auch bei dem Gottesdienste, welchen seine Anstalt abhielt. Fast jeden Sabbath hielt er eine deutsche Predigt, welche die gebildeten Juden Cassels fleißig besuchten. Die genannte „Gesellschaft der Humanität", die einen besonderen Gottesdienst mit deutscher Predigt veranstaltete, wurde 1810 begründet und besteht noch heute. Die Predigten Büdinger's über moralische, religiöse und zeitgemäße Themata zeichnen sich durch gefällige Form und überzeugende Wärme aus. (Siehe: „Die jüdische Literatur von Moses Mendelssohn bis auf die Gegenwart" von Dr. M. Kayserling, bei Wünsche und Winter, 3. B., S. 790.) Büdinger führte auch die Confirmation ein und versah bis zur Besetzung des Rabbinats in Cassel 1836 rabbinische Functionen. 1830 erhielt er von der philosophischen Facultät in Marburg das Diplom eines Ehrendoctors. 1840 veröffentlichte er das Werk: „Eben bochen über die israelitische öffentliche Religionsprüfung", in dem er die Confirmation praktisch und wissenschaftlich behandelte. Am weitesten verbreitet ist sein „Weg des Glaubens oder die kleine Bibel" (Stuttgart 1820), 1869 bereits in 10. Auflage erschienen. Mardochai Büdinger starb am 31. Jänner 1841; Dr. Pinhas, der sein langjähgiger Freund gewesen, hielt ihm die Grabrede. Ob sich von seinen Predigten nicht viele handschriftlich im Nachlaffe seines berühmten Sohnes, der nun auch der Erde zurückgegeben wurde, vorfinden? Im Jahre 1870, als er Professor in Zür ch war, befanden sie sich noch in seinem Besitze, was wir, wie die obigen Notizen, dem Buche von Dr. Kayserling: „Bibliothek jüdischer K a n z e l r e d.n e r", 1. Jahrgang (Berlin 1870) entnehmen. In diesem vorzüglichen Sammelwerke ist eine Predigt Mardochai Büdinger's abgedruckt, gehalten „zurFeier der Ertheilung der Verfassungsurkunde in Hessen" am 8. Jänner 1831 (Cassel 1831). Der Text der Predigt ist entnommen Pf. fc5, Y. 9. und 10. Büdinger übersetzt die Stelle folgendermaßen: *) Siehe K a y s e r l i n g „Bibliothek jüdischer Kanzelredner", 1. B. (Berlin 1870). »Ich horch — was er sprechen wird, Gott der Ewige: Seligkeit verheißt er seinem Volke feinem ftommen, Nur daß auf Thorheit sie wieder nie gerathen. Ja, denen die ihn verehren, ist seine Hilfe nah, Herrlichkeit soll wieder in unserem Lande wohnen." — Mit den Versen Psalm 85, 11—14 „Lieb' und Treue werden sich begegnen, Gerechtigkeit und Heil sich küssen", schließt der tiefsinnige, im vollkommenen Deutsch gehaltene Vortrag. Gedruckt erschienen folgende seiner Predigten: Hebräische Rede am Grabe Rosenbach's, Rödelheim 1828; hebräische Rede am Grabe des M Wallach, Rödelheim 1830; Erbauungsrede, gehalten zu Seder Korach, 10. Tamus 5579 (Juli 1819), im Locale der „Gesellschaft der Humanität" zu Cassel (1819, Cassel), Erbauungsrede, gehalten zu S. Wajakhel und Pekude 21. Adar 5580 (Februar 1820), im Locale der „Gesellschaft der Humanität". Erbauungsrede, gehalten am Sabbath, 2. September 182«», im Locale der „Gesellschaft der Humanftät" zu Cassel, in einem Kreise von Zöglingen und Erwachsenen. (Sulamith VI, 1, 259—276); Worte der Sittenlehre und des Glaubens. 10 geistliche Reden, gehalten im Locale der „Gesellschaft der Humanität" zu Cassel 1. Sammlung, Stuttgart. Löfflund 1823. Predigt bei der Geburtsfeier Sr. königl. Hoheit des Kronprinzen von Württemberg, bei der von der israelitischen 'Gemeinde daselbst am 16. März begangenen öffentlichen Gottesverehrung. (Stuttgart.) Religionsprüfung am Sabbath Nosso 5596 (Juni 1836), Philippson's Predigt- und Schul-Magazin III, 324—332, 352—356). — (Kayserling a. a. O., S. 407.) Prof. Dr. Max Büdinger, dessen Schüler zu sein wir das Glück hatten, mag wohl oft seines gelehrten Vaters gedacht haben. Er ist nicht in seinem Glauben verschieden, er wird auf einem evangelischen Friedhofe die letzte Ruhe finden. Wenn er sich aber für ein Thema erwärmte, so war es, als hörte man den begeisterten Prediger sprechen. Sein durchdringender Geist sein kritischer Verstand, sein staunenerregender Jleiß, seine bewunderungswürdige Gelehrsamkeit, dies alles war wohl ein „Nachlath Owoth“, ein Erbe seines Vaters. Die Vielseitigkeit Büdinger's, mit welcher er in gleicher Weise die entferntesten historischen Gebiete, betreffen sie nun Orientalistik oder englische Verfassungsgeschichte, vaterländische Historik oder römische Kaisergeschichte, behandelte, sie erinnern an unsere großen Polyhistoren des Mittelalters. Man wird wenige seinesgleichen sehen. Aber auch von ihm gilt das schöne Wort: „Eine herrliche Krone sind Kindeskinder und der Ruhm der Kinder ihre Väter". Brün n, Dr. Max G r ü u f e l d. Correspondenzen. Oeffenlliche Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde vom 2. März 1902, unter dem Vorsitze des ersten Bieesiräsidenten Dr. Alsred Stern. Bor Eingehen in die Tagesordnung ergreift der Vorsitzende Dr. Alfred Stern das Wort zu folgender Mittheilung: „M eine Herren! Es gereicht mir zur angenehmen Pflicht, Ihnen über die Audienz des Präsidiums der Wiener israelitischen Cultusgemeinde bei Sr. kaiserl. und königl. Hoheit Herrn Erzherzog Rainer zu berichten. Die Ansprache, welche ich bei diesem Anlässe an Se. kaiserl. und königl. Hoheit zu richten di? Ehre hatte, ebenso der weitere Vorgang, daß unser hochverehrter Oberrabbiner den Segen sprach, dürfte Ihnen aus den Tagesblättern bekannt sein, ebenso auch die hieraus ertheilte huldvolle Erwiderung. — Ich halte es jedoch für meine Pflicht, Ihnen die Letztere von dieser Stelle aus officiell zur Kmntniß zu bringen — sie lautete: „Ja. Sie haben in den letzten Jahren manche schwere Stunde gehabt, wirklich ungerechtfertigt. Wir beten Alle zu Einem Gotte, wir in unseren Gotteshäusern. Sie in Ihren Synagogen. Wir Alle sind Oesterreicher, ohne Unterschied der Confession und Nation. Einigkeit macht stark, und wir Oesterreicher brauchen die Einigkeit." Ich glaube, daß nur alle Ursache haben, mit dieser Huld« vollst ertheilten Antwort, die wohl ein historisch denkwürdiges Blatt in unserer Geschichte ausfüllen wird, uns zufrieden zu erklären. (Bravo!) Ich will noch mittheilen, daß zum Schluffe der sehr huldvollen Verabschiedung Se. kaiserl. und königl. Hoheit Folgendes bemerkte: „Ich und Meine Frau danken Ihnen nochmals für. die sehr schöne Adresse, welche Wir bekommen haben". Anschließend daran gebe ich den Herren bekannt, daß diese Adreffe von unserem Secretariats-Adiuncten Dr. FranÜ concipirt, von Herrn Markus in kunstvoller Weise ausgestattet, daß die Enveloppe von Herrn Buchwald in künstlerischer Vollendung hergestellt wurde, und daß namentlich um die künst-