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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seile 156 Dr. Bloches Wochenfchrrfk. Nr. 10 Die Frage des Staatsbürgerthums hat mit der Frage der Natwnalität nichts zu thun. Speciell in Oesterreich hätte man längst eine richtige Erkenntniß für die Wahrheit dieses Grundsatzes haben müssen. Die österreichischen Juden haben immer geglaubt, sich für das stramme Deutschthum einsetzen zu müssen, und das hat ihre Lage verschlechtert. Man mag sich für Beethoven, Mozart u. s. w. begeistern, mit dem Deutschthum haben ihre Werke nichts zu schaffen. Die Juden haben es nicht nöthig, alle deutschen Dummheiten zu umschmeicheln, sie sollen das Gute anerkennen und ^iu sich aufnehmeu — mehr nicht, uud übrigens als „getreue Eckarte" vor extremen Ausschreitungen im Interesse des Staates warnen. Wären die Juden nicht im Gefolge einer Nation oder Partei, sondern selbstständig organisirt, so könnten sie unlsomehr eine mäßigende Wirkung ausüben. Durch Assimiliruug können sie es nicht, denn diese verlangt Ausgeben der Individualität, sie ist eine Entäußerung des eigenen Ich und somit gegen den Naturtrieb, der gebietet, die Eigenart zu erhalten. Dr. Mayer Cohn führt dann den Nachweis, daß aus naturhistorischem Gebiete keine Assimilirung vorkommt, und vergleicht mit kaustischem Witz das Chamäleon mit solchen, „die sich nicht zu erkennen geben wollen". Der alte Vorwurf gegen Oesterreich, „es komme immer um eine Idee zu spät", treffe auch die Assimilanten. Die Assimilation ist bereits eine Mode von Gestern. Redner kritisirt die liberale Partei und die liberale Presse in scharfen Zügen. Zwischen Liberalismus uud Nationalität gestellt, mußte diese Partei, um die Concurrenz mit den Radicalen zu bestehen, auf die nationale Seite fallen und den Liberalismus in praxi verleugnen. Wäre die liberale Partei eine wahre Staatspartei gewesen, die sie zu sein vorgab, hätte sie gerade um Oesterreich willen nicht die nationale Frage in solcher Weise fördern dürfen, wie sie es gethau. Taaffe's Sturz, die Zertrümmerung der Wahlreform, waren ihr Verhäugniß, ihre Schuld. Ihre Pflicht war es, die Liberalen aller Nationen auf liberalem Boden zu einigen, uud sie hat nicht einmal den leisesten Versuch dazu gemacht. Als tadeluswerthes Beispiel führt der Redner auch das Benehmen der deutschen Studenten in Innsbruck gegen italienische Doeenten au. Im wohlverstandenen Interesse des Deutschthums hätte mau Alles aufbieteu müssen, die italienischen Studenten durch Entgegenkommen an der deutschen Hochschule zu erhalten, statt sie zu zwingen, sich in Triest eine eigene Anstalt zu schaffen. Nach der Ansicht des Redners hätten sich die Juden nicht genügend Rechenschaft über die Wirkung des Verhältnisses der deutschen Parteien zum österreichischen Vtaatswesen gegeben. Juden hätten sich hervorragend am Linzer Programm betheiligt, die Ausschreitungen der Alldeutschen mitgemacht, ja selbst einem Franko Stein ihre Stimme gegeben. Das lasse sich nur pathologisch erklären, nämlich aus einem gewissen weibischen Zuge in den österreichischen Juden. Es imponire ihnen das Stramme, Radicale, Kraftmeierische, sie verzeihen sogar, daß man das Andenken ihrer Väter schäiidet, wenn es nur dem „deutschen Volke" nützt, und erinnern solcher Art au die „deutsche Frau", die dem Verführer ihrer Tochter aus Interesse für das Deutschthum verziehen habe. (Heiterkeit.) Im Falle Franko Stein habe man zur Rechtfertigung des Verhaltens angeführt, es wäre sonst ein Socialdemokrat gewählt worden. ' Aber der Socialdemokrat, dessen Ziele in nicht absehbarer Ferne etwa erreicht werden könnten, sei vom österreichischen Standpunkte weit weniger gefährlich als der Alldeutsche, dessen Ziele sich in der Gegenwart gegen den österreichischen Grundgedanken richten. Redner befürwortet dann ein selbstständiges Verhalten der Juden, kritisirt sehr scharf die Stellung der Liberalen dem Staat und den Juden gegenüber und erörtert daun die Mittel, welche die Juden zur Abwehr ergreifen müssen. Allerdings sei aus der schweren Dulderrolle, die sie so lauge spielen mußten, wohl zu erklären, daß sie Ls noch nicht versucht haben, sich zur Abwehr zu organisiren. Als ein erfreuliches und lobenswerthes Symptom bezeichnet er die Regungen jüdischen Geistes unter der Jugend und insbesondere unter den Studenten, in deren Kundgebung er einen natürlichen Rückschlag gegen die frühere Selbstentäußeruug und Assimilation erblickt. Wenn von dem an den Juden verübten Unrecht gesprochen wird, könne man den Antisemitismus nicht übergehen. Man habe ihn eine Sumpfflanze genannt. Das sei richtig. Aber wenn solche Pflanzen wachsen, wer ist schuld? Der „Pflanz" oder der Sumpf? Man müßte also den Sumpfboden zu curiren sich bemühen. Daß dies gerade in Oesterreich von Jenen nicht geschehen ist, die hiezu die Macht und die Pflicht haben, das zeigen die Mädchenentführungen. Er wolle den Regierungen nicht alle Schuld beimessen Um politischer Constellationen willen müssen diese Vieles dulden, was ihnen selbst nicht angenehm ist. Aber die Juden sollen auch nicht Alles von der Regierung verlangen. Einerseits wollen sie selbst eine parlamentarische Regierung, anderseits wollen sie ein autoritatives Einschreiten. Das sei unvereinbar. Da die parlamentarische Regierung aber auf parlamentarische Verhältnisse Rücksicht nehmen muß, sollten die Juden beitragen, derartige parlamentarische Verhältnisse zu schaffen, daß sie ihnen günstig seien Dazu gehört aber, daß sie sich selbst wehren und schützen. Der Redner verweist beispielsweise auf die Unthätigkeit im Falle Araten und betont noch viel energischer, daß die Juden einen jüdischen Abgeordneten fallen ließen — weil die Antisemiten dies gewünscht hatten. Es wäre Pflicht aller Juden gewesen, die Wiederwahl dieses Mannes durchzusetzen — dagegen fanden sich jüdische Abgeordnete, die dessen Wahl verhinderten. Dr. Cohn verließ sodann das politische Gebiet, um der Pflichten auf dem Gebiete der Nächstenliebe zu gedenken und an die Pflichten des Besitzes zu erinnern. Mit den österreichischen Juden und mit den reichen Juden ging er scharf ins Gericht. Wenn es sich um internationale Unterstützungen handelt, leisten sie am wenigsten, oft gar nichts, und wenn es sich um locale Unterstützungen handelt, appelliren sie an alle Welt. Offenbar mangle es an dem richtigen Pflichtgefühl. Es gebe hier sehr fromme Leute, die alle Gebote erfüllen, aber das Gebot, den zehnten Theil ihres Einkommens zu wohlthätigen Zwecken zu verwenden, scheinen sie nicht zu beachten. Die reichen Juden haben umso größere Pflichten zu erfüllen, als sie es sind, nm deren willen die Armen leiden. Dr. Cohn unterläßt es nicht, darauf hinzuweisen, daß trotz aller Leiden, welche die Juden jetzt zu erdulden haben, doch gegen früher ein großer Fortschritt zil verzcichuen ist. Umso mehr gelte es, das Erreichte festznhalten. Man dürfe nicht sagen, die Abwehr der Gefahren nütze ja doch nichts. Das sei nur eine Ausrede, ein Vorwand für Trägheit und Geiz. Jedes Gefühl hat nur so viel Werth, wie die That, die es hervorbringt. So lange sich nicht die Juden in Deutschland wie in Oesterreich die Frage beantworten: „Wie viel thut uns der Antisemitismus Leides?" werden sie sich auch nicht Rechnung ablegen, wie viel Kraft sie zur Abwehr aufwenden müssen. Sich wehren heißt sich ehren. Nach diesem Grundsatz muß vorgegangen werden; das ist Pflicht der Inden als Juden ebenso, wie als gute Oesterreicher. * In stürmischem Beifall gab die Versammlung ihrem Danke für den Vortragenden Ausdruck, dem der Vorsitzende Professor Dr. E h r m a n n noch herzliche Worte der besonderen Anerkennung hinzufügte.

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