Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 10 Seite 155 Dr. Bloch's Wochonschrift. Oppenberger spricht den Juden den Patriotismus ab, eine Kundschaft seines Butterstandes am Karmeliterplatz hat es ihm gesagt, daß die Juden immer international sind. Die scurrile Figur des über die Qualität und staatsbürgerliche Stellung der Juden aburtheilenden Buttermannes charakterisirt die ganze Vorstellungsweise des kleinen Mannes von Wien, dem eine jahrelang betriebene gewissenlose Hetze den Judenhaß eingeprägt hat. Die Oppenbergers laufen in Wien zu Hunderten herum und candidiren für den Gemeinderath und für die Handelskammer. Eine jüdische Kundschaft auf dem Karmeliterplatz hat Herrn Oppenberger gesagt, die Juden seien keine Patrioten — quod erat demonstrandum. Nein, lieber Herr Oppenberger, Sie unterscheiden sich von den Berganis uno Consorten dadurch, daß Sie die Butter auf dem Standplatz haben und nicht auf dem Kopfe. Lassen Sie sich eines Besseren belehren und seien Sie überzeugt, daß wir Wiener .bodenständigen" Juden diese Stadt und dieses Land mit dem gleichen Patriotismus lieben, wie irgend einer unserer christlichen Mitbürger, daß uns das Gedeihen und Blühen dieser Stadt und dieses Landes ebenso am Herzen liegt, wie Ihnen. Aber wir sind nicht gesonnen, uns das Recht dieser Liebe und dieser Zugehörigkeit von irgend Jemandem abstreiten zu lassen, weder von den Butterhändlern, noch von den Gesinnungshändlern. Sagen Sie das, Herr Oppenberger, allen Ihren Leuten auf demVictualienmarkt und auf dem Mandatsmarkt, und lesen Sie recht eindringlich, aufmerksam und ruhig die erhabenen Worte des Herrn Erzherzogs. Ja wohl, wir wenden uns nicht an den Haß und an den Eigennutz, nicht an das schmutzige Streberthum, das sich in Bertretungskörpern und in der Antisemitenpreste breit macht, wir appelliren an den Verstand und an die Herzen der Wiener. Sie mögen sich die Erscheinung des kaiserlichen Prinzen vergegenwärtigen, seine erhabene Stellung in der Politik und in der Wissenschaft, seine Weisheit und seine Herzensgüte, und dann mögen sie sich fragen, ob es eine kühle Höflichkeitsphrase oder nicht vielmehr eine ernste und väterliche Mahnung war, als der Erzherzog sagte: „Wir beten Alle zu Einem Gott!" * * * Der nachhaltige Eindruck, den die Kundgebung des kaiserlichen Prinzen in der Bevölkerung machte, soll durch eine wüste Agitation, wenn möglich, verwischt werden, und so fällt denn seit dem Tage jener denkwürdigen Audienz die antisemitische Presse mit einer wahren Berserkerwuth über die Juden her, nicht blos über die derzeitigen, sondern auch über jene, welche die Zeitgenossen Haman's waren. H a m a n war nach den neuesten Forschungen der antisemitischen Gelehrten ein „Patriot", der seinen König rechtzeitig „auf die dräuenden Gefahrendes Judenthums aufmerksam machte", also ein Antisemit, und zwar einer nach dem Herzen des „Deutschen Volks blattes", denn er wollte die Judenfrage, die schon damals bestand, auf die einfachste Weise durch ein kleines Maffacre lösen. Vergani ist empört darüber, daß man an die Galgen vor den Fenstern des Palastes nicht die Juden hängte, sondern die .persischen Patrioten". Haman war also eigentlich der erste Antisemit, der an den Galgen gekommen ist, und da es kein „persisches Volksblatt" gab, so blieb es nach Jahrtausenden dem Patrioten Vergani Vorbehalten, den Manen des gehenkten Haman eine Thräne nachzuweinen. An dem edlen Beispiel Haman's, nicht dem Gehenktwerden, sondern dem Warnen vor den dräuenden Gefahren des Judenthums, entzündet sich aufs Neue Vergani's Begeisterung. Er erzählt, daß Confiscationen und Verhaftungen auf Einschreiten der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" erfolgt seien, um daraus zu folgern, die Gewalt Israels sei erschreckend groß geworden in Oesterreich. Wir wußten bisher gar nicht, daß alle Gerichte und Staatsanwälte nicht im Dienste des Staates, sondern der Juden stehen, sondern meinten: Wenn die Gerichte und die Staatsanwälte in Folge der von der „Union" eingebrachten Besstwerden sich veranlaßt sahen, einzuschreiten, so müssen sehr crasse Gesetzesverletzungen stattgefunden haben. Der Ehrenmann aus der Josefs gaffe nennt es eine Denunciation, . wenn die Juden gegenüber der schamlosen Hetze, die von ihm und seinen Spießgesellen betrieben wird, der Schutz der Behörden -angerufen wird! Dann ist es ja auch eine Denunciation, wenn die Unterschlagung von Gemeindeobligationeu und Steuergeldern zur Kenntniß gebracht wird. Herr W a st l in Baden war also auch das Opfer einer „Denunciation", und sein Schicksal hat ihn ereilt, obgleich er. wie die Leumundsnote der Stadt Baden constatirt, ein christlich-socialer-Agitator war. Warum hat er nicht, gleich seinem auf freien Fuß befindlichen Gesinnungsgenossen, für die Verjährung gesorgt? Da war Vergani in Mühldorf viel vorsichtiger, sonst wäre auch er in die Lage gekommen, gleich Herrn Wastl die deutsche Lyrik zu bereichern und beiläufig zu dichten: „In der Zelle ganz allani, Sitzt Vergani . . . ." Isegrim. „Rechte und Wichten der Inden." Die Einladung zu dem Vortrage des Herrn Dr. Mayer Cohn aus Berlin, die für die jüngste Versammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" angekündigt war, hat ein vornehmes, zahlreiches Publicum im Gewerbevereinssaal vereinigt und man kann dem Vorstande der „Oesterreichisch- Jsraelitischen Union" nicht genug dafiir danken, daß. er diesen hochbegabten, gelehrten und geistvollen, für sein Volk mit glühender Liebe erfüllten Mann, der die Rechte und Pflichten seines Volkes auch so genau abzuwägen versteht, veranlaßt hat, nach Wien zu kommen, um — den Wiener Juden einmal so recht vom Herzen die Wahrheit zu sagen. Denn der treue Freund, der von der Ferne mit aufmerksamen Blick und wohlwollenden Herzen die Ereignisse jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle verfolgt, ist unbefangener, vornrtheilsfreier, und, sagen wir es auch offen, freimüthiger als ein mitten im Kampfe stehender, und wenngleich er einzelne Ereignisse aus der Vogelperspective vielleicht unter einem allzuschiefen Gesichtswinkel ansieht, so hat er doch eine größere Uebersicht und angesichts seiner hohen Begabung sowie seines aufrichtigen Mitgefühls ein treffenderes Urtheil. So hat sich der Vortrag mit seiner Fülle feinsinniger Bemerkungen und geistsprühender Apercus zu einer Strafpredigt gestaltet, die so recht den Kernpunkt traf, daß wir gewünscht hätten, nicht blos die zahlreiche Versammlung, die das Auditorium bildete, nicht blos alle Mitglieder der „Union", nein, alle Juden in Oesterreich und Ungarn hätten diese Worte hören können. So scharf die Strafpredigt ihrem Inhalte nach war, in so liebenswürdig bescheidener Form wurde sie vorgebracht. Es war der aufrichtige, liebevolle, theilnehmende Freund und Berather, der den Juden in Oesterreich zurief: „Organisirt Euch, wehrt Euch! Wehr' bringt Ehr'!" Nicht blos zu eigenem Nutz und Frommen, sondern im Interesse Oesterreichs selbst fordert er mit Recht die Juden aus, ihre Pflicht zu erfüllen. Der Redner führte sich selbst als „aufmerksamen Kiebitz" ein, der die Ereignisse in Oesterreich verfolgt und, weit weniger von der Leidenschaft des Spieles erregt, leichter zu einem sicheren Urtheile gelangt, als der Spieler. Bescheidener Weise fügte er das „8aIvo errore“ hinzu und begnügte sich mit dem Willen, gute Anregungen zu geben. Die Pflichten als Staatsbürger erfüllen wir selbstverständlich im vollsten Ausmaße — aber auch die Pflichten als Juden? Dr. Mayer Cohn erörtert die Frage der Assimilation vom religiös-kirchlichen und nationalen Standpunkte. Mit beißender Satyre bringt er das Wort „Assimilirung" (Verähnlichung) mit „Simlia“ (Affe, Nachäffung) in Zusammenhang. Er hebt hervor, daß eigentlich eine kirchlich-religiöse Assimilirung, von einigen Entgleisungen abgesehen, der.Tendenz des Jahrhunderts entsprechend, welche religiösen Fragen ziemlich unparteiisch begegnete, nicht begehrt wurde. Ja selbst bei christlichen Mitbürgern fanden die Juden Unterstützung gegen solche Zumuthung, wie zum Beispiel bei den Katholiken in Deutschland, die im Schutz der jüdischen Minoritäten den Schutz der eigenen Minderheit erkannten. So genossen die Juden religiöse Freiheit, allerdings nur insoweit, als es sich nicht um Aemter und Stellungen handelte. Anders stand und steht es aber mit der nationalen Assimilirung. Das Gebühren jener Capläne, die getaufte und ungetaufte Juden in einen Topf werfen, hat wohl Manchem die Augen geöffnet und nicht nur die verwerfliche, sondern auch die lächerliche Seite der Assimilirungsidee bloßgelegt.