Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 154 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 10 auf der Ringstraße, unter den Linden oder auf den Pariser Boulevards ein En gros-Geschäft oder glänzendes Bankhaus zu errichten. Bevor König David dem Stiftszelte in seiner Hauptstadt Jerusalem eine bleibende Stelle anwies, hatte sie durch die Wüste zu wandern und mußte in Schiloh und anderen Orten zeitweilige Unterkunft finden. So wird auch unsere Wissenschaft, die Wiffenschaft vom Juden, bevor Akademien, Universitäten und Unterrichtsministerien sie in den Bereich der allgemeinen Wissenschaft officiell aufzunehmen geruhen werden, ein Wanderleben führen müssen. Unsere Finanzmänner in den verschiedenen genealogischen Verzweigungen, könnten, ohne sich ganz besonders wehe zu thun, eine 4-percentige Stiftung von einer Million Mark gründen, um berühmte christliche Gelehrte und Conferenciers für die Abhaltung von Bortragen aus dem Gebiete jüdischer Geschichte und Literatur zu gewinnen. Ich kann die Herren versichern, daß weder Paul Heyse, noch Eduard v. Hartmann, noch Anatole Leroy-Beaulieu, weder P. K. Rosegger noch Professor W'ldeboer, noch Graf Adalbert Dzieduszycki Tausend Francs, Mark oder Gulden zurückweisen werden, besonders da es sich um einen so idealen Zweck handelt, einem neuen Zweige der Wissenschaft in der Gelehrtenrepublik volles Bürgerrecht zu verschaffen. Während die Namen des „Herrn Rabbiner Samuel Oppenheim" oder des „bekannten Schriftstellers Dr. Abraham Pasewalker" eine verhältnißmäßig nur geringe Anziehungskraft auf unsere eigenen Glaubensgenossen ausüben, würden die Namen jener berühmten Schriftsteller und Gelehrten die christlichen und jüdischen Honoratioren der Gemeinde in den Vortragssaal locken, die großen Blätter der Hauptstädte würden telegraphische Berichte bringen, und wenn ein großer Goi wie Eduard v. Hartmann sagt, daß Jehuda Halevi in vielen Stücken seiner Poesie Schiller und der Rambam an manchen Stellen seines Moreh dem Königsberger Kant überlegen sei, dann müssen der Parneß, seine Frau und Tochter es glauben, ob sie wollen oder nicht. John Bampton (1689—1751), ein englischer Geistlicher, hinterließ sein ganzes Vermögen mit der Bestimmung, durch die Zinsen desselben jährlich einen hervorragenden Gelehrten in den Stand zu setzen, einen Vortrag aus dem Gebiete der christlichen Glaubenslehre zu Hallen und in Druck zu legen. Man lese in Hart's „Bibliotheca Theologica“ die Liste der seit 1780 jährlich gehaltenen Vorträge nach, um sich einen Begriff von deren nachhaltigen Wirkung auf das Geistesleben in England zu bilden. Ist keiner unserer reichen Glaubensgenossen ehrgeizig genug, um die Rolle des jüdischen Bampton zu spielen? (Fortsetzung folgt.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Die „Deutsche Zeitung" über den Erzh erzog Rainer. — Antisemitisches Taktgefühl. — Vom Buttermarkt und vom Gesinnungsmarkt. — Haman und Vergani) „Wenn die Bevölkerung Oesterreichs und insbesondere die Bewohner Wiens noch irgend einer weisen Belehrung, einer wahrhaft väterlichen Mahnung zugänglich ist, dann kann die Kundgebung des Erzherzogs Rainer unmöglich ohne tiefen und nachhaltigen Eindruck auf den Verstand und auf die Herzen der Wiener bleiben." Diesen Satz aus unserer vorwöchentlichen Betrachtung über die bekannten Worte, die der erlauchte Prinz an die Glückwunschdeputation der jüdischen Cultusgemei.rde gerichtet hat, ciiirt die „Deutsche Zeitung" in einem Leitartikel, der mit dem Satze beginnt: „Mit berühmten Greisen, deren anerkannter Geist mit dem Körper schwach wurde, haben die Organe der „Alliance Jsraslite" 'von jeher zarte Beziehungen gepflogen". Das Blatt beeilt sich, zu erklären, daß es damit den „überalten" Geschichtsschreiber M o m m s e n und den „alten Kn blich" meint, denen man philosemitische Aeußerungen „suggerirt" habe. Nach dieser Einleitung, in welcher sich die grenzenlose Frechheit der antisemitischen Schandpreise abspiegelt, macht sich das Blatt an den Versuch, die Bedeutung dessen, was Herr Erzherzog Rainer gesagt, zu entstellen und zu verdrehen. „Kühle Worte der Höflichkeit", meint die„Deutsche Zeitung", werden da „tendenziös ausgeschrotet". Ebenso frech, nur noch ordinärer, behandelt dos „Deutsche Bolksblatt" den für den Antisemitismus freilich höchst peinlichen Zwischenfall. Mit ehrlichen Gegnern kann man polemisiren; man kann Behauptungen, Anschauungen, die sie in redlicher Absicht Vorbringen, ruhig und mit Bernunftgründen zu begegnen und sie zu widerlegen suchen. Unseren „bodenständigen" Geschäftsantisemiten gegenüber ist jede sachliche Auseinandersetzung unmöglich. Diese Leute gehen von dem Standpunkte aus, daß die Beschimpfung und Verfolgung der Juden, ihre politische und wirthschastliche Bedrückung und Vernichtung erlaubt sei. Sie predigen die Lehre, daß die christliche Bevölkerung mit allen Mitteln darauf bedacht sein müßte, den Juden die politische, bürgerliche und ökonomische Existenz in Oesterreich unmöglich zu machen und sie aus dem Lande zu vertreiben. Sie bestreiten uns die bürgerliche Gleichberechtigung, sie schildern uns, wögen wir und unsere Vorfahren auch seit Jahrhunderten in Oesterreich leben, als Fremde, als Eindringlinge, als Schmarotzervolk. Von diesen Leuten sollen wir eine gerechte Beurtheilung verlangen? Es wäre dasselbe, als wollte man einem bengalischen Tiger die Ueberzeugung beibringen, es sei nicht anständig, die Hindus zu zerreißen. Gegenüber dieser Sippe, welche eine nichtswürdige Hetze und die Speculation auf die rohesten Jnstincte zum Gegenstände eines schmutzigen Erwerbes macht, gibt es keine Erwiderung, sondern nur, indem man ihr mit Verachtung den Rücken kehrt, den Appell an das Urtheil aller anständigen und gerechten Menschen. Wir stellen fest, daß Se. kaiserliche Hoheit Herr Erzherzog Rainer bei dem Empfange der jüdischen Glückwunschdeputation Anschauungen geäußert hat, welche nicht etwa blos als „kühle Worte der Höflichkcit" gedeutet werden können, sondern der entschiedene Ausdruck . des Bedauerns darüber sind, daß die Juden seit Jahren ungerechtfertigten Verfolgungen ausgesetzt sind. Die Worte des Erzherzogs enthalten ungeachtet ihrer maßvollen und vornehmen Fassung die allerschärfste unzweideutigste Verurtheilung des antisemitischen Treibens. Die Vergani und Consorten finden es „tactlos", daß die jüdische Glückwunschdeputation dem Herrn Erzherzog ihr Leid klagte. Welche feine Empfindung für Takt doch plötzlich im „Deutschen Volksblatt" erwacht ist! Als ob die Juden nicht geradezu verpflichtet gewesen wären, dem Herrn Erzherzog in seiner Eigenschaft als jener Ministerpräsident zu danken, unter dessen Äegide die bürgerliche Gleichstellung der Juden erst angebahnt wurde. Unter seiner Ministerpräsidentschaft wurde Oesterreich die Verfassung gegeben, die freilich, insoweit sie die Gleichberechtigung der Juden betrifft, tagtäglich vor den Augen der Behörden mit Füßen getreten wird. Und diese widerrechtlichen Zurücksetzungen, Kränkungen und Bedrückungen sollen wir uns wehrlos gefallen lassen? Dem Verfolgten, Unterdrückten und Beschimpften soll auch das Wort der Beschwerde verboten sein? „Die Grenze, die das Herrscherhaus vom Getriebe des Parteikampfes trennt, dürfen auch die Juden nicht überschreiten", meint die „Deutsche Zeitung". Als aber Herr Erzherzog Franz Ferdinand das Protektorat des Katholischen Schulvereines übernahm, da bestand diese Grenze nicht, da reclamirten die clericalen Antisemiten Wiens Se. kaiserliche Hoheit als Freund der confessionellen Schule, da gab es keine Grenze für den Parteikampf. Und wenn von Tact gesprochen wird, so verweisen wir, was wir schon hervorheben mußten, auf die Thatsache, daß Herr Dr. Lueger dem Herrn Erzherzog Rainer, wie das „Deutsche Volksblatt" selbst berichtete, die Glückwünsche einer antisemitischen Körperschaft überbrachte. Das war eine Tactlosigkeit, weil schon aus früheren öffentlichen Kundgebungen des Herrn Erzherzogs dessen Gesinnung bekannt war. Bei diesem Anlasse muß denn doch wieder den Geschäftsträgern des Antisemitismus ins Gedächtniß gerufen werden, daß ihre Existenz überhaupt der Gesittung und dem Rechte widerspricht. Mitbürger ihrer Abstammung oder ihres Glaubens willen zu verfolgen, das ist unerlaubt und unmoralisch. Mit der „Abneigung" der christlich-socialen Streber und der wurzelhaften Alldeutschen finden wir uns leichten Herzens ab. Auch die Czechen, die Polen u. A. müssen mit der „Abneigung" dieser und jener rechnen. Die Franzosen hegen „Abneigung" gegen die Engländer rc. Was also die „Neigung" oder „Abneigung" der Vergani und Gregorig betrifft, so sind uns die Gefühle dieser Herren Pomade. Die active Verfolgung der Juden, das widerrechtliche Vorgehen gegen sie, die Verletzung der Gesetze, die tagtäglich und stündlich gegen sie begangen wird, die wollen und werden die Juden nicht dulden. An Alle, die verpflichtet sind, Recht und Gesetz zu wahren, müßte die jüdische Cultusgemeinde, insoweit es ihr Wirkungskreis zuläßt, bei jedem einzelnen Anlässe der täglich stattfindenden Rechtsverletzungen herantreten und nicht erst auf feierliche' Empfänge warten, utn unser gutes Recht als Bürger des Landes zu verlangen, in welchem wir gleich jedem Anderen unsere Steuer an Geld und an Blut entrichten. Der Butterhändler