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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10 Dr. Bloch's Wochenschrifl. Seite 153 homiletisches, pädagogisches Seminar; die englische, deutsche, russische und hebräische Sprache als Unterrichtssprachen; Zulassung christlicher Theologen, Juristen und Philologen rc.?!' Man riß hier und in Europa Mund und Augen auf, die wenigsten verstanden gründlich, was ich anstrebte; ich wurde in den Tages- und jüdischen Wochenblättern, von der Karzel und Rednertribüne herab angegriffen. Ich schwieg damals — und — muß zum Theil noch heute schweigen, denn eines der wichtigsten Principien der Strategie ist, den psychologisch richtigen Zeitpunkt zum Losschlagen zu bestimmen. Doch, um auf unsere Seminarien zurückzukommen und nur einige wenige berufene Kritiker derselben aus dem letzten Jahre zu citiren: Haben nicht Bacher, Karpeles und Jacob aus Göttingen, — Männer, die selbst an Seminarien studirt haben, theilweise an solchen lehren und denen man sicherlich keine Antipathien gegen diese Anstalten vorwerfen kann — zugegeben, daß unsere heutigen theologischen Hochschulen nicht die adäquaten Pflegestätten der Wissenschaft des Judenthums seien und nicht sein können? Max Nordau hat in seiner Programmrede auf dem letzten Zionistencongresse nicht mit Unrecht die jüdische Sociologie und Statistik in den Vordergrund seiner Betrachtungen gestellt. Er faßt die gründliche Ausbildung und Pflege dieser beiden Wissenszweige als die unumgängliche Basis für die wissenschaftliche Lösung der Judenfrage auf. Bisher hat aber kein Seminar, keine „Hochschule" oder „Lehranstalt" für die Wissenschaft des Judenthums auch nur daran gedacht, in den Bereich der Letzteren Sociologie und Statistik einzubeziehen. Die „Jewish Encyclopedia“ bat auch hier die Bahn gewies.n, indem sie der politischen Oekonomie des Juden das Bürgerrecht der jüdischen Wissenschaft eingeräumt hat. §§ 11 und 12 unserer ersten Hauptabtheilung, (üistory, Biography and Sociology) lauten in der That: Antropology: Bioslatics, Measnrernents; Morbidity of' Jews with special reference to their liability to, or immunity from particular diseases; questions of purity of race. Sociology: Statistics of Jevvish communities, occupations of Jews, number of artisans and agriculturists, social condition and criminology. Das Studium dieser beiden Sectionen der jüdischen Wissenschaft dürfte besonders für künftige Beamte, Gemeinderäthe und Präsidenten unserer jüdischen Gemeinden von großem Nutzen sein! Ist es nicht geradezu komisch, daß der erste beste Zuckerfabrikant, Schnittwaarenhändler oder Bankdirector — sofern er nur ein sehr vermögender Mann ist — sich für fähig hält und von seinen den Geldsack anbetenden Glaubensbrüdern für fähig gehalten wird, eine jüdische Gemeinde, groß oder klein, unter den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen würdig und nützlich zu verwalten? Wenn sich einige jüdische Professoren der Jurisprudenz die Mühe geben wollten, talmudische Jurisprudens und jüdische Gemeindeverwaltung zu studiren und dann diese Fächer in ihr Borlesungsprogramm auszunehmen, und die jüdischen stndiosi juris den Muth aufraffen könnten, neben dem römischen und germanischen auch das jüdische Recht sich „einzukeilen", dann dürfte die nächste jüdische Generation berechtigt sein, auf ihre Gemeindeverwaltung st o l z zu sein. Mit einem Worte: die Judenheil des 20. Jahrhunderts kann, wenn es sein muß, eventuell auf jüdische Spitäler (als ob es speciell jüdische Krankheiten gäbe, die durch speciell jüdische Methoden zu heilen wären!) und andere jüdische Wohlthätigkeitsanstalten verzichten. Wenn wir wirklich ein volles Aufgehen der Juden in die sie umgebenden „Wirthsvölker" anstrebten, so müßten wir unbarmherzig unsere Armen und Kranken der allgemeinen städtischen Landes- oder Staats-Philanthropie anheimgeben; gemeinsames Elend ist ein vortreffliches Affimilirungscement, und gleichzeitig würden unsere nichtjüdischen Mitbürger so mit einem Schlage von dein ungeheuren Reichthume der Juden eine in ihre Säcke tief eingreifende Vorstellung erhalten. Wessen wir aber dringend bedürfen, um das jüdische Problem endgiltig zur allgemeinen Befriedigung zu lösen, das wären Anstalten, wo die Wissenschaft vom Judenthum systematisch vorgetragen würde, um von dort aus durch die verschiedenen Canäle in das christliche und jüdische Bewußtsein befördert zu werden. Die Begründer der hundert „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" haben mehr für die Judenheit und die Lösung der Judenfrage gethan, als hundert Philanthropen durch die Erbauung von hundert jüdischen Spitälern, jüdischen Waisen- und Altersversorgungsanstalten. Ich gehe nicht so weit als Nordau und Zangwill nn Angriffe gegen unsere Plutokraten. Was jedoch ich und wir alle, denen die Jntereffen des jüdischen Volkes auf dem Herzen liegen, von jenen Herren zu verlangen das Recht haben, ist, daß fie Einen Tag in der Woche der Lösung des jüdischen Problems in allen seinen zahlreichen Verzweigungen wiomen, und das im Interesse ihrer Stammesbrüder, im Interesse der Menschheit und Menschlichkeit, endlich in ihrem eigenen und im Interesse ihrer Kinder und Kindeskinder. Es sind gerade 20 Jahre her, seitdem ich in meinem Buche „Presse und Judenthum" (2. Auflage, 1882) Mittel und Ziele einer idealen jüdischen Presse zu schildern unternommen hatte. Ich habe inzwischen vieler Herren Länder gesehen; englische und amerikanische, franzöfische, holländische und italienische Blätter gelesen und studirt: heute wie damals existirt blos ein einziges jüdisches Blatt, das annähernd meinem Ideale von einer jüdischen Zeitung entspräche: und dieser weiße Rabe übt wirklich auf die Juden des betreffenden Landes einen großen, ernsten Einfluß aus. Nicht jedoch an den Redacteuren und Herausgebern der übrigen Blätter liegt die Schuld, wenn die letzteren in den meisten Fällen gezwungen find, einen harten Existenzkampf zu führen. Das allgemeine jüdische Publicum abonnirt nicht die jüdischen Blätter, weil fie ihm nicht genug lehrreich und intereffant erscheinen; das jüdische Wochen- und Monatsblatt andererseits kann nichts Außerordentliches liefern, weil die Zahl seiner zahlenden Abonnenten oft nicht das erste Tausend erreicht. Dieser circulus vitiosus kann wiederum nur durch die Intervention unserer jüdischen Philanthropen durchbrochen werden. Jede politische, religiöse oder wirthschaftliche Partei, jede wissenschaftliche oder künstlerische Körperschaft, jeder Geschäftsberuf verfügt über specielle Organe; wir Juden des 20. Jahrhunderts, als das Erzeugniß eines wunderbaren, mannigfaltigen Durchnnd Jneinandergreifens, von politischen ethischen, i ligiösen, ökonomischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Einflüssen der v!rschiedensten Art. repräsentiren eine ganz eigenthümliche Conalomeration aller jener diversen Elemente; eine tüchtige specielle P esse ist daher vorläufig für uns eineLebensnothwendigkeit. Hier, in New - Jork, gibt es vier große täglich erscheinende Jargonblätter mit einer Auflage von je 10.000—30.000 Exemplaren. Deren Herausgeber, kluge Geschäftsleute, aber dabei gute Jehudim, wissen sehr wohl, daß die Kinder ihrer Leser nicht mehr ihre „yiddischen" Zeitungen, sondern den „American Hebrew", den „Hebrew Standard" und den „Jewish Messenger* — um hier blos die drei New-Aorker Blätter zu nennen — lesen werden; sie bereiten selbst die Zeit vor, wo die russischen, rumänischen und galizischen Juden ihren Jargon gegen die Sprache Shakespeare's vertauschen und aus Parias amerikanische Bollbürgec werden. So mag es ja auch dahin kommen, daß in 1925 oder 1930 das Bedürfniß für eine speciell jüdische Presse weder in Deutschland noch in Oesterreich, weder in Frankreich noch in Italien oder Holland länger bestehen werde; ebenso wie unsere jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten in den allgemeinen philanthropischen Instituten, so wird dann hoffentlich auch die jüdische in der allgemeinen politischen oder allgemeinen Fachpresse „ohne Bruchtheil" aufgegangen sein. Heute zählen wir aber 1902 und deshalb darf ich wohl den Herren von Rothschild, Gutmann, Bleichröder und ihren minderwerthigen Finanzbrüdern in den verschiedenen europäischen Hauptstädten über den atlantischen Ocean hinweg folgende Anregung unterbreiten: füget in Eurem jüdischen Budget eine hübsche runde Summe für die Subventionirung der in Eurer Stadt existirenden jüdischen Blälter hinzu — wofern Ihr überzeugt seid, daß deren Redacteure und Herausgeber gleich ihren amerikanischen College» „kluge Geschäftsleute und gute Jehudim" sind; in diesem Falle könnt Ihr sicher sein, daß Ihr durch Euere 30.000 —40.000 Gulden mehr für die jüdischen Jntereffen gethan haben werdet, als wenn Ihr das Doppelte oder Dreifache für eine jüdische Blinden- oder Taubstummenanstalt geopfert hättet. Und noch eine zweite Empfehlung für unsere jüdischen Millionäre: füget in Eurem Judenbudget noch ein Paar tausend Mark, Francs oder Gulden für die Wanderprediger der Wissenschaft des Judenthums hinzu. Ihr habt alle höchstwahrscheinlich Geschichte auf dem Gymnasium, der Real¬ oder Handelsschule gelernt, und da wißt ihr also, daß in der Entwicklung der Menschheit das Nomadenthum dem Seßhaftwerden vorausgeht. Auf alle Fälle kennt ihr die Geschichte Eurer eigenen Familie: Euer Großvater, in vielen Fällen Euer eigener Vater, hatte mit seinem Wagen von Markt zu Markt zu wandern, um Eurer Großmutter respective eigenen Mutter am Freitag die Paar Groschen heimzubringen, um Euch, respective Eure Eltern zu ernähren, zu erziehen und in den Stand zu setzen,

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