Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 152 Dr. Bloch's WoürVNschrist. Nr. 10 Negercolonien in anderen Ländern anzulegen; aber die Ausgewanderten sind wieder zurückgekommen. Es gibt keine Herzls und Max Nordaus unter ihnen. „Habt Ihr unsere Vorväter mit Gewalt hieher gebracht, so bleiben wir nun freiwillig in dem Lande, in dem schon unsere Großväter geboren sind/ Die Neger mögen wohl manche Raceneigenthümlichkeiten, die den Weißen unangenehm sind, besitzen, und die mehrhundertjährige Sklaverei hat gewiß nachtheilig auf ihren Charakter eingewirkt; aber in den vierzig Jahren seit ihrer Befreiung haben sie sich langsam cmporgearbeitet, trotz der Schwierigkeiten, die man chnen in den Weg legte. In den erstell Jahren nach dem Kriege ließen manche Landbesitzer des Südens ihre Plantagen lieber verwildern, als daß sie Theile derselben an Schwarze verpachteten oder verkauften. So sagt auch die galizische Schlachta „wir wollen das Land nicht in fremde Hände gerathen lassen",, wenn ein Jude als Käufer auftritt. Jetzt besitzen die Farbigen in den Südstaaten schon einen ansehnlichen Theil des Bodens, sie haben 1700 Volksschulen, die von beinahe drei Millionen Schülern besucht werden, bei zwanz'gtausend Schwarze besuchen die Mittelschulen; dritthalbtauseud die Hochschulen. Trotzdem werden sie gesellschaftlich boycottirt, und es erregte einen Sturm der Entrüstung, als der jetzige Präsident der Bereinigten Staaten einen hochgebildeten, höchst respektablen Neger zu Tische lud. Man sucht auch das Wahlrecht der Firbigen zu beschränken, verkürzt die staatliche Beisteuer zu ihren Schulen und gestattet ihnen nicht den Zutritt zu den allgemeinen Krankenhäusern. Die Neger mußten sich eigene Spitäler errichten und viele von ihnen sind sitzt als Äerzte und Wundärzte mit Erfolg thätig. Trotzdem sagre vor Kurzem der Director eines Gymnasiums in Nordkarolina: „Es mag hart und grausam erscheinen, doch der Neger muß fort und wenn nicht freiwillig, dann unter Anwendung von Gewalt/*) Ich verrathe die Adresse dieses Bolksbildners nicht, sonst berufen ihn unsere Antisemiten zum Leiter einer hiesigen Schule. Der „Germane" Chamberlain schreibt das häufigere Vorkommen von Ehe» zwischen Jüdinnen und Christen — die zwischen Juden und Christinnen leugnet er keck — der Bosheit und Arglist der Juden zu. Merkwürdiger Weise kamen auch in Anierika eheliche Verbindungen zwischen Negern und weißen Frauen viel seltener vor als zwischen Weißen und Negerinnen. Ein vor mehr als siebzig Jahren an die englische Regierung erstatteter officieller Bericht Deport of Major Thomas Moody on captured Negroes) flifct Furcht, Sinnlichkeit und Habsucht als die Ursache dieses Mißverhältnisses an. Auch die Sprößlinge dieser Verbindungen, die Mulatten, genossen keine Gleichberechtigung in den westindischen Colonien Englands. Sie waren, wie die Juden, seit 1711 von allen öffentlichen Aemtern ausgeschlossen und dursten keine großen Schiffe und keinen Grundbesitz im Werthe von mehr als 2000 Pfund besitzen; im Jahre 1733 wurde ihnen das Wahlrecht entzogen, 1748 ihre Zeugenschaft gegen Weiße für uugiltig erklärt. In der Miliz mußten sic aber dienen, sowie die Jaden. Ein besonderes jüdisches Milizbataillon bestand noch um 1830 in Jamaika. Ein Theil dieser Beschränkungen wurde im zweiten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts aufgehoben, aber noch 1827 besaßen die Farbigen kein Wahlrecht und waren von allen Aemtern und der Jury ausgeschlossen. Irlands haben sich die Engländer angeblich auf Grund einer Schenkung des Papstes bemächtigt und behielten es auch, nachdem sie sich von Rom losgesagt hatten. .Die siebenhundertjährige Unterdrückung der gut christlichen „arischen" Iren, sowie die Unterdrückung und Ausbeutung der ebenfalls „arischen" Hindus durch die englischen Fremdlinge bilden die häßlichsten Blätter in der Geschichte Großbritanniens. Jetzt schimpft man auf dem Continent über die Behandlung der Buren durch die Engländer; aber diese liefern doch den in den sogenannten Concentrationslagern eingeschlossenen Flauen und Kindern Lebensmittel, während die russische Regierung die in dem sogenannten erlaubten Gebiet eingeschlossenen Juden btm Hungertode preisgibt. Und die Juden haben doch mit den .Russen keinen Krieg geführt! Im Haag führten russische Diplomaten eine Friedenscomödie auf, — Autor der getaufte Jude Bloch — und in der Mandschurei wirft man Hunderte friedlicher Chinesen ins Wasser, wie vor einiger Zeit die edlen Rumänen Juden in die Donau warfen. Das kommt jedenfalls billiger zu stehen als das Erschießen, und man kann die Humanitätsmaske anlegen *) Beilage zur „Mg. Ztg.", München, 27. August 1901. und das Verbot des Gebrauchs explodirender Geschosse im Kriege durchsetzen. Ungefähr wie die Angloamerikaner gegen die Indianer, gehen die Russen gegen, die Eingeborenen Sibiriens vor. Die Tungusen werden bald ganz ausgerottet sein, wie selbst der „Sibirski Sbornik“ zugibt, dank den russischen Goldsuchern und dem russischen Branntwein. In China und Japan sind es vorzüglich die Missionäre, welche Unruhe und Unfrieden ins Land tragen, die Europäer verhaßt machen und mit der illoyalen Concurrenz von Katholiken, Protestanten und Russen, wie die sich balgenden Mönche in Jerusalem, dem Christenthume keine Ehre machen. Würden die Europäer sich damit begnügen, dort Handel zu treiben, ihrem Streben nach Gewinn und Gelderwerb friedlich nachzugehen, so hätten sie von den Chinesen nichts zu befürchten. Ader, wie ein so guter Kenner Chinas wie Herr von Brandt, der ehemalige deutsche Gesandte in Peking, sagte: „ein großer, wen», nicht der größte Theil des Fremdenhasses ist auf die Thätigkeit der christlichen Missionen zurückzuführen, und wenn nach der Niederwerfung des Boxeraufstandes und Bestrafung der Urheber keine Aenöerung in der Art und Weise der Missionen eintritt, so werden wir in zehn Jahren wieder vor einer Krisis stehen, die die jetzige noch an Umfang und Schrecken übertreffen dürfte." ... „Zwei Drittel der Arbeit der Gesandtschaften und Consulate sind durch Beschwerden, Ansprüche und Forderungen der Missionäre (und ihrer Schützlinge) veranlaßt worden". Auch der furchtbare Taiping-Aufstand vor fünfzig Jahren hatte theilweise die Thätigkeit der Missionäre zur Ursache. . Aehnlich berichtete ein Kenner Japans im „New-Iork Herald": „Ich kann Hunderte von Fällen von Unfähigkeit, Geiz und Ueberhebung von Missionären anführen, Fälle, die ich mit eigenen Augen gesehen habe." ... Ich habe jahrelang in Japan gelebt und bemerkt, daß gar viele der sogenannten Verkünder des Evangeliums dort sehr wenig zu schaffen haben mit ihrer Prätension, Andere das Evangelium lehren und Heiden bekehren zu wollen. Oft bin ich erröthet, wenn ich Europäer und Amerikaner in Japan als Missionäre thätig sah, die einen Herren oder eine Dame Japans belehren wollten. Leute die ihnen nicht nur an Jntellect sondern auch an Manieren weit überlegen waren". ' Da' könnte man beinahe glauben, der Berichterstätter sei dem edlen humanen Pater Scheicher mit seiner „negativen Bildung" in Japan begegnet. Aber die Japaner haben nicht blos bessere Manieren, sie verstehen auch von den europäischen Waffen und Kriegsmitteln besser Gebrauch zu machen, als die anderen Orientalen. Nun beeilen sich die Engländer, mit ihnen einen Bündniß zu schließen' und die Russen sehen neidisch zu. Die Nemesis schlägt manchmal wunderliche Wege ein, um zu ihrem Ziele zu gelangen. L. Die ftidische Renaissance i« Amerika. (Aus Anlaß des 25jährigen Rabbinerjubiläums des Dr. F. de Sola-Mendes.) Von Dr. Isidor Singer, Herausgeber der „Jüdischen Encyklopädie". H. Die Judenheit des 20. Jahrhunderts bedarf einer neuen Kategorie geistiger, politischer und socialer Führer. Der heutige und künftige Rabbiner soll. Dank seiner tiefen Kenntniß der jüdischen Geschichte und Literatur, der beredte und berufene Ausleger der jüdischen Vergangenheit und der zielbewußte, energische Pionnier der Zukunft unseres Volkes, unserer Race oder — wenn man vor diesen Benennungen feige zurückschreckt — unser Glaubensbruder sein. Als ich kurz nach meiner New-Horker Bankettrede (21. Mai 1901) das ideale Lehrprogramm der „University of Jewish Theology History and Literature“ in den politischen Tagesblättern und als Anhang zu meiner Broschüre „A historic Jewish Banquet in the City of New-York“ veröffentlichte, da schraken manche ängstliche Geister vor dem weitumfassenden Charakter meines Leclionskataloges zurück: „Vergleichende Homiletik, vergleichende Religionsgeschichte, Geschichte der jüdischen Liturgie, die jüdischen Quellen des neuen Testamentes, Einfluß der arabischen Philosophie auf die Geistesentwicklung der Juden im Mittelalter, Talmudische Jurisprudenz, Neuhebräische Literatur, Leben und Schriften der hervorragendsten deutschen Rabbiner des 17. und 18. Jahrhunderts, Geschichte der russischen Juden im 19. Jahrhundert, philologisches, historisches,