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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 150 Nr. 10 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Der Leser wird dann, vielleicht zu seiner Ueberraichung, erfahren, daß dieses Verhalten sich stets ziemlich gleich geblieben ist, daß es von Sulla, Lucullus und Crassus bis Cortes, Vasco de Gama, Jermak, Warren, Hastings, Pelissier, Mac Kinley und den nach Afrika europäische Civilisation tragenden deutschen Lieutenants stets ein System der Ausbeutung, Unterdrückung und Grausamkeit war und noch ist, und daß das Cyristenthum nur sehr wenig, ja vielleicht gar nichts zu dessen Milderung beigetragen hat. Protestanten, Katholiken und Russen haben sich nicht minder habgierig und grausam gezeigt als die heidnischen Römer, und mehr als einmal hat das Christenthum den Europäern nur als Borwand zur Unterjochung anderer Völker gedient. In welch perfider Weises unter welch nichtigen Vorwänden die Römer Spanien, Afrika, Syrien, Kleinasien, Palästina und Griechenland ihrer Herrschaft unterworfen haben, ist dem Geschichtsürndigen bekannt. Es war nur die Gier nach den Schätzen des Orients, nach dessen Naturreichthümern und den von den Völkern mit hochentwickelter Industrie in fleißiger Arbeit geschaffenen Werken, welche die sich nur auf Ackerbau und Krieg verstehenden Römer zur Eroberung dieser Länder trieb. Sie schleppten das baare Geld, die edlen Metalle und die Kunstwerke, aber auch einen großen Theil der Bevölkerung, die sie zu Sklaven machten, weg. Sulla hinterlegte nach seinem Raubzug in Griechenland und Asien 15.000 Pfund Gold und 115,000 Pfund Silber in den Staatsschatz. Und das war nur ein Theil der Beute, denn einen großen Theil behielt er für sich und vieles vertheilte er an die Officrere und Soldaten. Lucullus und seine Armee schleppten, nachdem sie Kleinasien ausgeplündert .hatten, so viele von den Einwohnern weg, daß der Preis eines Sclaven auf vier Drachmen — weniger als 4 Kronen — sank. Währenddem plünderte sein Bruder Marcus als Proconsul Griechenland und die Donauländer und ließ Hunderten von Kriegsgefangenen, wahrscheinlich nicht marktgängigen, die Hände abhauen. Pompejus brachte nach seinen Kriegs zögen in Asien Line ungeheure Menge der kostbarsten Beutestücke nach Rom, lieferte sechzig Millionen (nach Appian XII. 116, fünfundsiebzig Millionen) Drachmen in den Staatsschatz. Wie oft die Römer Judäa ausgeraubt und wieviel Sclaven sie dort gemacht haben, wissen wir zu gut. Die eroberten Länder mußten dann . noch drückende Steuern bezahlen, Getreide nach Rom liefern und sich von römischen Steuerpächtern und Wucherern ausbeuten lassen. Selbst Cicero (Oratio pro?. Lextio 43) gestand ein, daß Römer aus dem reichen und friedliebenden Syrien ungeheure Mengen Goldes wegschleppten, daß sie ruhige friedliche Völker überfielen, ohne mit deren Reichthümern ihre unstillbare Geldgier ganz befriedigen zu können. Bon derselben Raub- und Habgier getrieben, vom milden schönen Klima gelockt, fielen dann die germanischen Barbaren über das römische, die russischen und andere slavische Barbaren über das byzantinische, Reich her und nahmen den reich und altersschwach gewordenen Weltherrschern die Beute ab. Im Anfänge des dreizehnten Jahrhunderts haben dann west- und nordeuropäische Kreuzfahrer das christliche Byzanz ausgeplündert. Innerhalb der mittelalterlichen, noch halbbarbarischen Staaten war es wieder die nur vom Krieg lebende, die Arbeit verschmähende Adelskaste, welche den Bürger und Bauer ausbeutete und verachtete, letzteren zum Leibeigenen machte. Als endlich die untern Claffen erstarkten und wenigstens in der Theorie die Gleichberechtigung mit dem Adel erlangten, — in der Praxis hat dieser noch immer viele Vortheile und Vorrechte, — da begannen sich die vereinten Europäer nach Ausbeutungsobjecten in den andern Welttheilen umzusehen. Deshalb wurden schon im sechzehnten Jahrhundert die Negersclaverei und der Sclavenhandel in großem Maßstabe von den Spaniern und Portugiesen, deren Bauern nicht leibeigen waren, eingeführt, oder vielmehr erneuert. In andern Ländern ist die Erwerbung von Colonien und Unterjochung nichteuropäischer Völker fast parallel mit der Erstarkung und Emancipation der untern Classen gegangen. Gegen die „Nichtarier" fanden sich stets alle Classen der Europäer vereint, nach dem schönen Grundsatz right or wrong — my country. „Wenn es sich um mein Vaterland handelt, frage ich nicht nach Recht oder Unrecht." Als neulich in einer socialdemokratischen Versammlung eine jüdische Frau ihren Tadel darüber aussprach, daß den polnischen Kindern in Posen der Religionsunterricht in deutscher Sprache ertheilt wird, konnte sich der Correspondent eines deutschen Blattes nicht genug darüber wundern: „Was kümmert sich die Jüdin um den katholischen Religionsunterricht?" — Daß sich Jemand über das einem fremden Volke zugefügte Unrecht ärgern kann, das übersteigt das Begriffsvermögen dieses arijchen Schmocks. Freilich gab und gibt es ja unter den Europäern viele edle Ausnahmen. Männer, welche gegen Unrecht und Bedrückung kämpfen, auch wenn sie selbst nicht darunter leiden, oder die wenigstens mit ihrem Tadel des Unrechts nicht zurückhalten. Ich habe hier nur an Wilberforce, Zacharias Macaulay und die andern Kämpen für Abschaffung des Sclavenhandels zu erinnern. Und vor siebzig Jahren hat der edle und geistreiche Fallmerayer die Politik der europäischen Staaten in folgender Weife charakterisirt: „Wir wüßten von den ältesten Zeilen bis auf unsere Tage kein einziges Beispiel anzugeben, daß Könige oder Machthaber in was immer sür einer Gestalt Böses zu thun länger verschoben hätten, als bis sie es nach Maßgabe ihrer Einsicht mit Sicherheit und Gewinn thun zu können glaubten. Deswegen zweifelt zu unserer Zeit auch beinahe Niemand, daß die Gewaltthätigkeit, das Unrecht, das Laster, mit einem Worte, das Schlechtere allenthalben auf dem Erdboden die Herrschaft so lange behaupten werde, als Klugheit in Beurtheilung der Umstände und Kenntniß des menschlichen Herzens, seiner Schwächen und seiner Neigungen der physischen Macht zur Seite stehen." Ungefähr um dieselbe Zeit war in einer sür die Befreiung der Neger kämpfenden englischen Zeitschrift zu lesen: „Die Geschichte des europäischen Handels im Osten ist in der That nichts anderes, als eine ununterbrochene Reihe von Usurpationen, und wer die Verhältnisse kennt, wundert sich nicht darüber, daß die eingeborenen Herrscher, wo es ihnen nur möglich war, Leute aus ihren Ländern ausschloffen, deren Zweck nicht ehrlicher und friedlicher Handel, sondern Ausbeutung oder Unterjochung war." Den Chinesen ist der Versuch, die Europäer oder wenigstens das von ihnen importirte vergiftende Opium auszuschließen, wiederholt mißlungen. Die Fortschritte der Europäer in der Kriegskunst waren eben größer als die in der Moral. „Die Erinnerungstage siegreicher Schlachten werden als öffentliche Festtage gefeiert", sagt Paulsen in seiner Ethik, „die Straßen und Plätze unserer Städte benennen wir nach den Orten des großen Blutvergießens. In der Schule lernt unsere Jugend die Kriegsgeschichte als das Hauptstück der Menschheitsgeschichte, die Siege, unseres Volkes über die Nachbarvölker als seine wichtigsten und größten Thaten ansehen; in den Kirchen wird allsonntägig für das königliche Kriegsheer zu Wasser und zu Lande gebetet. An alldem nimmt unser Christenthum keinen Anstoß." Nur wenn ein Jude einen Ochsen schlachtet, nehmen diese ftommen Leute Anstoß, da wird ihr brüderliches Gefühl verletzt und an das Christenthum und die christliche Obrigkeit gegen die grausamen Juden appellirt. Die Wahrheit ist, daß der „Uebermensch" Nietzsche's kein Product der neuesten Zeit ist, sondern mit seiner Herrschsucht, seinem Egoismus und seiner Ausbeutungssucht seit Jahrhunderten auf europäischem Boden prächtig gedeiht und wahrscheinlich noch gedeihen wird, wenn Nietzsche und seine Werke vergessen sein werden. Wollte Jemand alle diese europäischen Uebermenschlichkeiten in den andern Welttheilen schildern, so würde er ein sehr umfang- und inhaltreiches Buch zu Stande bringen. Hier müssen wir uns begnügen, nur Stichproben zu geben, wobei wir möglichst jede europäische Nation berücksichtigen wollen. Der Vorrang gebührt natürlich den so frommen, eifrig christlichen Spaniern und Portugiesen. Die Gräuel und Grausamkeiten der Erster» gegen die eingeborene Bevölkerung von Mittel- und Südamerika sind zu bekannt, um hier noch einer Erwähnung zu bedürfen. In Calicut in Ostindien herrschte vor Ankunft der Portugiesin ein glücklicher und friedlicher Zustand, nur waren den Eingeborenen die „Segnungen des Christenthums" unbekannt. Dagegen trieben sie mit den Arabern einen lebhaften, beiderseits vortheilhaften Handel. Als Vasco de Gama das erste Mal im Jahre 1498 mit nur vier kleinen Schiffen dahin kam, benahm er sich noch sehr friedlich und anständig, als er aber das zweite Mal mit einer großen Flotte dort eintraf, machte er schon ungescheut von seiner Macht Gebrauch und benutzte die Ermordung einiger Portugiesen, um den König anzugreifen. Ohne auf dessen Friedensvorschläge und Genugthuungsanerbieten zu achten, bombardirte er die Hauptstadt und bemächtigte sich der königlichen Flotte. Der aus 800 Mann bestehenden Schiffsmannschaft ließ er Hände, Ohren und Nasen abschneiden und schickte sie dann in trockene Blätter gewickelt dem Könige mit dem Bedeuten, er möge sich Gemüse und Beilage schmecken lassen. Den Gefangenen ließ er auch noch die Zähne ausbrechen und mit Stäben in die Kehle hineinstoßen.

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