Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 10 Dr■ Bloch’s Jahrgang XIX Centralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums. Wir«. 7. MSr; 1908. -—<•-- Erscheint jeden Freitag. -- .n~—$- Brief-Adreste: Wien, IX/1» Berggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. »rrRüsxrri» fltr Srstrrrrich Halbjährig 8 Aron«. Einzelexemplare SV Hellem Für'» M»l«udr Halbjährig 1V Krone» Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die4malgespaltene! Petitzeile 24 Heller.! =m S. ft. Postsparraffen-Nrnt Clearing-Verkehr Nr. 610.976. LrLarlion und Adminipratw» Vir» IX/1, Verggaffe Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. Jnhattrtz Leitartikel: Zur Geschichte der Juden. — Die Europäer und die anderen Völker. — Die jüdische Renaissance in Amerika. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Rechte und Pflichten der Juden. Hofrath Büdinger's Vater. — Correspondenzen: Oeffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde. Der „Ritualmord" des Herrn Eisenkolb. Die Versicherungs-Gesellschaft „Victoria" und der ermordete Keßler. Prag, Pilsen, Marienbad, Berlin. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Budapest, Floridsdorf, Proßnitz, Bisenz, Teltsch, Neweklau. Ung.-Brod. — Feuilleton: „Kiddusch Haschem." — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Zur Geschichte der Jude«. Der Mangel einer ausführlichen Geschichte der Inden in Böhmen, Mähren und Schlesien, welche nur auf Grundlage von Urkunden historisch wahr und mit bleibendem Werthe verfaßt werden kann, soll nunmehr behoben werden. Der ehemalige Präsident der Prager Handels- und Gewerbekammer Herr Gottlieb Bondy hat in uneigennütziger, opferwilliger Weise bereits über 500 dieser Urkunden gesammelt, und so ist z. B. das Material der Geschichte der Inden in Eger, Kolin und Kremsier zur Genüge vorhanden. Das Werk soll nach der im Zuge befindlichen theilweise nöthigen Transkription und Redaction im Drucke erscheinen und soll inzwischen noch vervollständigt werden. Ohne Zweifel befinden sich noch so manche wichtige Urkunden in den Archiven und Registraturen, sowohl der jüdischen, als. christlichen Gemeinden und ehemaligen Schutzherrn, und wäre es sehr erwünscht und im allgemeinen jüdischen Interesse liegend, wenn die Vertretungen der israelitischen. Gemeinden, die P. T. Herren Rabbiner und Lehrer u. s. w. sich dieser Angelegenheit annehmen und das gute Werk durch Aufsuchung und Abschriften von derlei Urkunden fördern würden. Nähere Aufschlüsse werden von Herrn Gottlieb Bondy, Prag, Florenzgasse bereitwilligst ertheilt, und werden, da wo es uöthig ist und verlangt wird, selbst die Auslagen für die Abschriften von demselben vergütet. Die Europäer rrrrd die anderen Doider. Die Verfolgung und Unterdrückung der Juden wird von den Antisemiten hauptsächlich damit begründet, daß die Juden ein fremdes, aus Asien eingewandertes, die einheimischen Ureinwohner und berechtigten Herren des Bodens ausbeutendes und nach deren Unterjochung strebendes Wandervolk find. Anstatt Gleichberechtigung zu beanspruchen, sollten sie ihre Dankbarkeit für das bischen Toleranz, das die „Wirthsvölker" ihnen gnädigst gewähren, durch Demuth, Unterwürfigkeit und Frohnden oder wenigstens höhere Steuerleistung bezeugen. Kurios ist es dabei, daß selbst die Ziganorumänen die Juden als Fremde behandeln, während sie sich selbst für Nachkommen der Römer, also als in die Länder an der untern Donau Eingewanderte ausgeben. Und dazu werden sie noch von einem vor 36 Jahren eingewanderten deutschen Prinzen regiert, obwohl ein „Fremder" in Rumänen kein öffentliches Amt bekleiden darf. Freilich, auch die sich so echtruffisch geberdenden Beherrscher aller Neusten find zu neun Zehnteln deutsch. Zum größten Theile deutsch find auch die Dynastien in England und Portugal, französisch in Spanien und Schweden u. s. w.' Und alle diese Monarchen üben doch eine realere Herrschaft aus, als die Juden. Aber, wird man uns einwenden, sie find doch alle Europäer, gehören einer Race an, sind Arier, keine Semiten. Daß die fast nur auf Verwandtschaft der Sprachen gegründete Racentheorie auf sehr schwachen Füßen steht, ist schon wiederholt nachgewiesen worden. Und was das Europäerthum betrifft,, so galt es doch stets als nicht anzuzweifelnde Thatsache, daß die stellen, Germanen. Slaven u. s. w. aus Asien nach Europa eingewandert seien. Erst in neuester Zeit, als die Unterscheidung von Gast- und Wirthsvölkern auskam, hat man mit sichtbarer Tendenz sich bemüht, nachzuweisen, daß Europa die Urheimat der Arier sei. Ist dem aber so, dann find sie in Asien, Afrika und Amerika eingewanderte Gastvölker. Sollen die Juden nach Palästina zurückkehren, dann müßten auch die Engländer Indien und Egypten, die Franzosen Algier und Tunis, die Deutschen Samoa, Kamerun u. s. w., die Jankers nicht blos die Philippinen, sondern auch Nordamerika räumen und es dem rothhäutigen „Wirthsvolke" zurückgeben. Doch anstatt aus schwankenden, auf unsicheren prähistorischen Forschungen beruhenden Raeentheorien Schlüffe zu ziehen, wollen wir die seit anderthalb oder zwei Jahrtausenden Europa bewohnenden Völker einfach Europäer nennen unh ihr Verhalten den Bewohnern der anderen Welttheile gegenüber betrachten.