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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Rr. 9 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 147 Krämer ihr mit aller Unterwürfigkeit Alles entgegentragen, war sie doch die Köchin des Parnes-Chodesch. Unwirsch packte sie daher den sonderbaren Metzger am Arme und schrie ihm gar derb ins Ohr: „Sind Sie verrückt oder halten Sie mich für verrücke? So geben Sie mir doch endlich einmal das Fleisch her!" In so schonungsloser Weise aus seinem Gedankenkreise herausgerissen zu werden, das empörte sogar diesen demuthvollen Büßer. Dies s abscheuliche Weib sollte es doch wissen, daß der Gedanke, der ihn jetzt beschäftigte, viel wichtiger sei, als das dumme Pfund Fleisch, das er ihr zu geben hat. Ec schrie sie daher zurechtweisend an: „Dereefi Erez, Du Chzife!“ („Respect, Du Freche!") Die Köchin des allgewaltigen Parnes-Chodesch soll Chzife geschimpft werden, das war unerhört, das verdient eine gebührnde Züchtigung! Dieser Meinung war auch der Parnes-Chodesch, dem die Köchin den Schimpf erzählte, der ihr vom Metzger ge-- worden ist. Mit Einverständniß des Rabbiners schloß man daher noch am selben Tage den armen Metzger in die „Kiene" ein, damit es als warnendes Beispiel diene, daß man die Köchin eines Parnes-Chodesch respectvoll zu behandeln hat. Die Lage des armen Metzgers war eine höchst kritische, denn so in hockender Stellung krumm geschlossen in der „Kiene" zu stehen, gehörte auch in jener Zeit nicht zu den Bequemlichkeiten des Lebens. Er vertröstete sich jedoch mit dem Gedanken: Gut, daß auch diese Demüthigung über mich gekommen ist, das fördert den Läute« rungsproceß!" Wie er tunt aber so baftanb mb übet seine Lage uachdachte, ging ein kleiner Junge an ihm vorüber mit einer geschlachteten Henne in der Hand, um den Rabbiner über einen rituellen Zweifel zu befragen, der eben in dieser Henne vorgefaüen ist. Beim Anblicke dieser fraglichen Henne, regte sich sofort in diesem sonderbaren Metzger der große Talmudist und er ließ sich daher von dem Jungen die Henne zeigen, worauf er ihn ersuchte, ihm beim Rückwege die Entscheidung des Rabbiners mitzutheilen. Richtig kehrte bald darauf der Junge zurück und thetlte ihm mit, daß der Rabbiner die Henne für „trefe" befunden hat. Jetzt zog der Delinquent mit der e.nen freien Hand Bleifeder und Papier aus der Tasche und warf einige Worte auf's Papier hin, das er dem Jungen mit der Bitte übergab, dieses dem Rabbiner einzuhändigen, ihm aber gar nicht zu sagen, wer ihm dieses geschickt hat. Jener Zettel enthielt nur blos die Seitenzahl eines rabbinischen Buches, auf die er ihn aufmerksam machte. Als nun der Rabbiner jenen Zettel übernommen und in dem dort bezeichneten Buche nachgeschlagen hatte, schrie er ganz bestürzt aus: „das war ja auch wirklich ein gröblicher Fehler von mir, die Henne ist koscher!" Natürlich theilte der Junge dem Delinquenten die frohe Botschaft mit, daß er ihm mit seinem Zettel die Henne gerettet hat; aber noch war er nicht fertig, denn der Gefesselte warf abermals auf ein Stückchen Papier einige Worte hin und übergab es dem Jungen mit der Bitte, noch das einzigemal dem Rabbiner diesen Zettel zu überreichen. Diesmal aber war es dem armen Rabbiner ganz schwindlig, so daß er sich mit beiden Händen den Bart zerzauste und dabei einüber das andermal ausrief: Der muß ja ein Licht Israels sein! „Welche stupende Gelehrsamkeit, er hat wiederum Recht, die Henne ist doch trefe!" Nicht aber so leicht wie das erstemal entkam ihm auch diesmal der kleine Parlamentär, denn jetzt hielt ihn der Rabbiner fest und nöthigte ihn, ihm den Namen desjenigen zu nennen, der ihm die Epistel zugeschickt hatte. Wie es dem Rabbiner zu Muthe war, als er erfuhr, daß es kein anderer war, als der Metzger, der in der „Kiene" steht, mag sich jeder leicht vorstellen. In Gemeinschaft mit dem Parnes-Chodesch begab er sich zu dem gefesselten Metzger hin und mit allen Ehrenzeichen, die man einem so großeu „Talmud-Chochim" schuldig ist, entließen sie ihn seiner Haft. Damit aber allein begnügte sich der Rabbiner nicht, sondern beschwor ihn, ihm seinen Namen zu verrathen, der gewiß zu den berühmtesten Israels gehört. So erfuhren sie beide zu ihrer größten Bestürzung, daß sie vor dem Autor des Tire-Suchow sich befanden. In seiner Gewissenhaftigkeit, wie man sie nur bei den alten jüdischen Gelehrten zu finden pflegte, bestand jetzt der Rabbiner darauf, daß der abgestrafte Metzger seine Stelle als Rabbiner einnehme, denn nur er sei würdig, das Lemberger Rabbineramt zu bekleiden, Auf sein stürmisches Berlangen, vereint mit der ganzen Gemeinde, mußte der Tire-Suchow auch nachgeben. So kam es. daß jener Metzger den Karzer verließ, um noch am selben Tage in Lemberg Rabbiner zu werden. In diesem Metzger aber sah auch der Karzer seinen letzten Delinquenten, denn mit seinem Antritte als Rabbiner hörte die Function der „Kiene" für alle Zeiten auf. Literatur. „Krank Dr. Kr., Nachträge zu „Der Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit". 8. (6y, Bogen.) Preis broschirt M. 1.— . Regensburg. 1902. Verlagsanstalt vorm. G. I. Manz. In deutschen und außerhalb Deutschlands erscheinenden, besonders englischen Zeitungen ist das Buch „Ter Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit von Dr. Frank" sehr günstig beurtheilt worden. Auch in vertraulicher Weise haben hoh' Würdenträger des Staates und der Kirche, hochgestellte Beamte und Männer der Wissenschaft ihre Zustimmung dem Verfasser mündlich oder schriftlich ausgesprochen. Cs gibt aber auch Leute, denen diese elende Beschuldigung so ins Herz gewachsen ist, öaß sie, trotzdem sie das Buch gelesen hatten, von der Wayrheit, daß es einen jüdischen Ritualmord nicht gibt, sich noch nicht vollständig überzeugt erklärten. Diese haben ihren Vertreter in dem Verfasser einer Recension gefunden, welche in den H i st.-p o l. Blättern zu München 1^01. Bd. 127. Heft 11 — erschienen ist. Derselbe trägt in ihr die letzten Bedenken "vor, die ihn noch hindern, den Glauben an den jüdischen Ritualmord vollständig auszugebcn. Um diese Bedenken zu beseitigen, hat Dr. Frank „Nachträge zum Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit" geschrieben, von welchen die zwei ersten — „I, Die letzten Schlupfwinkel des Ritual mord-Aberglaubens", und „II. Der Ritualmord-Aberglaube in den letzten Zügen" — sich mit der genannten Recension beschäftigen. Noch weniger konnte man es auffallend finden, daß der Antisemitismus, insbesondere die Führer desselben auch nach dem Erscheinen des Buches von Dr. Frank an dem Aberglauben des jüdischen Ritualmordes festzuhalten vorgeben und ihre Anhänger in demselben noch zu bestärke» suchen. Diese brauchen Agitationsstoff. Gegen solche Leute helfen weder Gründe noch pathetische Erklärungen. Die „Staatsbürger-Zeitung" in Berlin hat in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahres eine „Un>- frage über den Blutmord" ungestillt, und die Gutachten von vierunddreißig „hervorragenden Männern der Wissenschaft und les praktischen Levens" veröffentlicht. In seinen „Nachträgen zum Ritualmord" III bezeichnet Dr. Frank diese Umfrage als das „Leiche nbegängniß des Ritualmord -Aberglaube ns" und die veröffentlichten Gutachten als die Leichenreden, die dabei gehalten wurden. Das Leben und Wirken der hervorragendsten rabbinischen Autoritäten Prags. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Böhmen, von Rabbiner Dr. M. H. Friedländer. (Wien 1902. Verlag von Moriz Waizner.) Man erzählt sich eine Anekdote, daß ein Vater einmal bekümmertetl Gemüthes zum Rabbi gekommen sei und ihm geklagt habe, daß sein Sohn Tag und Nacht lerne - und doch nichts wisse. Natürlich, erwiderte der Rabbi: Woher sollte er Zelt nehmen, zu wissen, wenn er Tag und Nacht lernt? In Bezug auf unseren Verfasser müßte die Fragestellung lauten: Woher nahm dieser Mann die Zeit zum lernen, da er so immens viel weiß? Er ist in der That ein Polyhistor auf jüdisch-wissenschaftlichem Gebiet. Was hat er uns nicht Alles schon geboten auf dent allerdings langen Wege — er ist bereits seit mehr denn vierzig Jahre schriftstellerisch thätig — seiner wissenschaftlichen Bestrebungen! Als Interpret eines der letzten spanischen Poetanim (Israel Nagara) begann er seine literarische Laufbahn. Bald folgte die Edition der Rechtsgutachten (Schaalot uteschubot) des R. Jsak den Jmanuel de Latos; nicht lange darauf jene des „.loredea-Lexicou“ des R. Israel Samuel Rofe, welches Friedländer mit einem sehr gelehrten Commentar versah. Wenige Jahre darauf erschien unser Verfasser mit seinen „Beiträgen zur Geschichte der synagogalrn Gebete", welchen unmittelbar die Schrift „Materialien zur Geschichte der wichtigsten Ritualien" folgte, auf dem Plane. Hiemit war der Uebergang des Verfassers zur Geschichtsforschung eingeleitet. Fünf Jahre nach Erscheinen der letzten Schrift, im Jahre 1876 überrascht uns der Verfasser mit seinen „Beiträgen zur Geschichte der Juden in Mähren" und im Jahre 1878 mit seiner Schrift „Tiferet Israel, Sckilderungen aus dem innern Leben der Juden in Mähren in vormärzlichen Zeiten". Im Jahre 1879 erschien der erste, im Jahre 1880 der zweite Theil, im Jahre 1885 der dritte und im Jahre 1887 der vierte Theil seiner „Geschichtsbilder", welche sämmtlich der größten Popularität und Beliebtheit in den weitesten Kreisen sich erfreuten und noch sich erfreuen und von der Kritik mit großen Sympathien ausgenommen wurden. — Im Jahre 1882 erscheint des Verfassers actüelle Schrift „Geschichte der Blutbefchuldigung" von welcher rasch hintereinander drei Auflagen nöthig wurden. Seither erschienen in erstaunlich rascher Reihenfolge die von seltener Belesenheit und Darstellungsgabe Zeugniß gebenden Schriften: „Die wichtigsten Institutionen des Judenthums" (1892), „Homiletische Betrachtungen" (1895), „Judäa vom Beginn des zweiten Staatslebens bis zum Abschluß des Talmuds" (1896), „Ter synagogale Gottesdienst und die Juden in Böhmen" (1900), „Das Talmudstudium in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in den Jeschibot zu Nikolsburg, Posen und Preßburg" (1901). — Fürwahr ein über die Maßen reiches wissenschaftliches Leben, auch wenn der zahllosen Artikel des Verfassers in den verschiedenen jüdisch-wissenschaftlichen Journalen nicht gedacht wird.

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