Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 146 Dr. Vloch's Wochsnschrift. Nr. 9 den Umstand aufmerksam, daß der Talmud in sehr vielen Beziehungen einem Meere gleiche und deshalb Jam Hatalmud“ genannt wird. Vor der Mahlzeit langten Begrüßungstelegramme an von Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Pollak, Dr. Theodor Löw und Herrn Jacob Boschan, welche ihr Bedauern hierüber ausgedrückt haben, daß sie bei diesem schönen Feste nicht anwesend sein konnten Vor dem Tischgebet ergriff Herr Rabbiner Feldmann abermals das Wort, um für die vielen Ovationen zu danken, welche ihm, als Ehrenmitglied des „Chinuch Nearim“ seitens aller Toastirenden bereitet wurden. Berlin. Rabbiner Dr. Zsaac Auerbach in Leipzig ist von der jüdischen Gemeinde in Halberstadt als Nachfolger seines verstorbenen Vaters einstimmig zum Rabbiner gewählt worden. Wie in Königsberg und Danzig, hat sich auch in Köln ein Localverein des Hilfsvereins der deutschen Juden gegründet. Die Gründung eines Provinzial-Comites für Rheinland und Westfalen ist in Aussicht genommen. Kattowitz. Unser Obercantor Herr Simon Singer, Sohn des Wiener Obercantors Singer, hat sich mit Fräulein Else Gräupner aus Beuthen (Ober-Schlesien) verlobt. Feuilleton. All-Kemberg. Von Nathan Samuely. (Fortsetzung und Schluß.) Leider waren es nicht immer Schuldige, die von jenem schrecklichen Bannstrahl getroffen wurden. Jene wachenden Löwen eben, deren Obhut der Glaubensschatz anvertraut wurde, zerfleischten Jeden, der sich ihm näherte, sei es in der Absicht, ihn zu schädigen oder ihn vom verjährten Staube reinzuwaschen, von den Schlacken zu reinigen, die im Verlause der Jahrtausende sich ihm aagesetzt haben. Staub und Schlacken gehörten in ihren Augen mit zu jenem Schatze, sie dürfen nicht berührt werden, denn das Alter hat sie geheiligt. Als ein höchst charakteristisches Merkmal jener Zeit muß es hier hervorgehoben werden, daß trotz der grausamen Verfolgungen, der Drangsale und der rohesten Willkür, denen unsere Brüder damals in beispielloser Weise ausgesetzt waren, sie in ihr-r Eigenschaft als Gemeindeverband einer Autonomie genossen, wie sie ausgedehnter gar nicht gedacht werden könnte. D^e jeweiligen Vorsteher waren von der Negierung mit einer Art souveränen Gewalt ausgerüstet, die sie unbeschränkt über die Gemeind'Mitglieder in Ausübung bringen durften. Dem sogenannten Parnes war es überlaffen, nach Einsicht Geldpönalen über die Gemeindemitglieder zu verhängen. Hast und andere Strafen, das Ausmaß von Steuern zu bestimmen, ja es gab eine Zeit, in derber Parnes Rechtssprüche über Tod und Leben zu fällen hatte, ohne daß dem Berurtheilten der Weg des Appells an die Regierung offen blieb. Auf den ersten Blick wäre man geneigt, diese so sonderbare Erscheinung als einen jener curiosen Gegensatz: anzusehen, denen man allzu oft in jener Zeit begegnet, in jener Zeit der Willkür und Systemlosiqkeit. In Wirklichkeit aber waren jene Erscheinungen keineswegs Widersprüche, sondern ergaben sich vielmehr in logischer Consequenz auseinander, flössen aus einer und derselben Quelle, aus der Quelle der Geringschätzung und Verachtung, mit welchen unsere Glaubensgenossen damals angesehen waren. Die herrschende Regierung fand sie nämlich viel zu verächtlich und viel zu gering, als daß sie sich mit ihnen beschäftigen soll. Ob ihnen Recht oder Unrecht geschieht, das bleibt sich ja gleich, sie lieferte sie mit Haut und Haaren der Willkür des ersten Besten in ihrer Mitte aus, gleichsam sagend: Hängt Euch einander auf, uns berührt es wenig!" — So ein Vorsteher hatte aber auch nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Er war der Regierung gegenüber verantwortlich für die Gemeinde, er mußte die Steuer eintreiben und rechtzeitig abliefern, auch die Ordnung erhalten. Wehe dem Parnes, der nicht die entsprechende Steinkruste vor dem Herzen hatte, der menschliches Erbarmen und Mitleid mit seinen armen, gequälten Brüdern empfand und der nicht die Kraft besaß, die Steuerschraube an seine Gemeindemitzlieder mit der wirksamen Force anzulegen. Mit einem solchen machte man damals nicht langes Federlesen. Man warf ihn einfach, wenn er die Steuern nicht rechtzeitig ablieferte, in einen finsteren Kerker und traktirte ihn zum Ueberfluß mit blutigen Knutenhieben. Fügte es sich zufällig, daß der Arme im Kerker oder unter der mörderischen Knute starb, dann folgte man die Leicke der Familie nicht aus, sondern verscharrte sie in Gemeinschaft mit den tobten Körpern der Verbrecher in eine gemeinsame Grube. Auf dem Grabsteine eines solchen Parnes ist auf dem hiesigen Friedhofe zu lesen: „Er starb für seine Brüder im Kerker unter blutigen Stockstreichen, erhielt aber trotzdem durch die Gnade der Regierung ein jüdisches Begräbniß." Also es galt als eine ganz besondere Gnade, daß man der Familie die Leiche des Unglücklichen auslieferte In der letzten Zeit bereitete die Wahl eines Parnes große Verlegenheit, denn die Bessern und Edlern weigerten sich mit aller Entschiedenheit, eine solche Wahl anzunehmen. Den Rohen und Hartherzigen hingegen wollte wieder die Gemeinde ein solches Amt, das mit einer solchen Macht verbunden war, nicht anvertrauen. Dadurch sah sich die Regierung gezwungen, diesbezüglich die Autonomie der Juden etwas einzuschränken, indem sie aus eigener Machtvollkommenheit über die Gemeinde einen Parnes ernannte. Natürlich wählte sie einen Mann, der ihren Intentionen entsprach, nämlich Einen, der schon früher durch seine Grausamkeit und Herzlosigkeit ausgezeichnet war. Unter der Gewalt eines solchen Parnes, oder wie er sich damals nannte „Regi-rer", hatten die armen Juden beinahe noch mehr zu leiden, als wie von dem Drangsal von Außen. Dieser legte an seine Gemeinde mit einem solchen Nachdruck die Schrauben an, daß er ihr alles Mark auspreßte und bei dieser Gelegenheit nicht allein den Hunger der Regierung befriedigte, sondern auch selber viel an Fett gewann. In der Regel wurden über die Gemeinde zwölf solche Parneissen eingesetzt, so daß jeden Monat ein anderer das Regime führte. Solche zwölf Parneissen bildeten gleichsam die zwölf Blutegel der Gemeinde, von denen je einer einen ganzen Monat sich mit dem Blut der Gemeinde vollsog. um dann wohlgenährt herunterzufallen und einem anderen Platz zu machen. Diese hatten von der Regierung wahre Jnquisitionsmittel zur Verfügung, um in ihrer Weise unbeschränkte Justiz üben zu können. Ein Ueberbleibsel jener Justiz ist noch bis zum heutigen Tage hier in Lemberg in der sogenannten instädtischen Synagoge zu sehen, in der Gestalt eines Karzer, oder, wie man es damals nannte, einer „Kiene". Diese besteht aus einer in der Mauer mit Eisengittern eingefriedeten Ecke, wo von zwei an den Wänden befestigten Eisenketten zwei Eisenmanchetten herunterhängen, die bestimmt waren, den Delinquenten an der rechten Hand und dem linken Fuß einzuschließen, so daß er in eine hockende, höchst unbequeme, ja gliederverrenkende Lage zu stehen kam. Der Letzte, der dort seine Strafe abgebüßt, war kein Geringerer als der Tire-Suchow. Die Geschichte seiner Büßerschaft ist zu komisch, als daß wir sie hier am Schluffe unserer Abhandlung dem Leser vorenthalten sollen. Das trug sich in folgender Weise zu: Wie es die gottgeweihten Männer der früheren Zeit oft über sich zu beschließen pflegten, beschloß auch eines Tages der Tire-Suchow, sich einer harten Buße zu unterziehen, nämlich ein Jahr lang in der Verbannung zu leben. Dazumal war er Rabbiner in Ostrau und erlangte durch den ersten Theil des Tire-Suchow, der damals bereits weite Verbreitung gefunden, einen berühmten Namen in ganz Israel. Er griff also zum Wanderstabe und pilgerte durch ganz Polen, bis er endlich nach Lemberg kam, wo er sich vornahm, seine Bußezeit nach Ablauf eines Jahres zu beschließen. Um so ein wahres Büßerleben zu führen, wählte er hier einen Beruf, der ihn so recht demüthigen und in ihm jeden Stolz und Eigendünkel abtödten sollte, er wurde nämlich Metzger. Umgürtet mit der verbluteten Schürze und die scharfe Axt in der zartgeformten Hand, stand er da ganze Tage vor dem Klotze und bediente seine Kunden, eine Schaar von keifenden, feilschenden und schreienden Weibern. Natürlich ist es, daß ein Mann von der Bedeutung eines Tire-Suchow sich nicht gut für den Beruf eines Metzgers qualificirte. Am besten, wenn er die Kunden zu bedienen hatte, überraschte ihn irgend ein glücklicher Einfall in der Auslegung einer Talmudstelle und machte ihn ganz seinen Beruf vergessen, namentlich seine Kunden, die mit offenen Mäulern vor ihm dastanden, wie die Ochsen vor dem Berge Sinai. Da fügte es sich eines Tages, daß die Köchin des allgefürchtetsten Parnes-Codesch zu ihm in den Laden trat, just in dem Augenblicke, da ihn ein sehr wichtiger Gedanke beschäftigte; es galt nämlich einen „herben Rambam" zu verantworten. Bereits zweimal hatte sie ihn auf^efordert, ihr Fleisch zu geben, doch statt aller Antwort stand er da, in einen Gedanken versunken und beschrieb mit dem Finger allerhand Figuren in der Luft. Das schien ihr zu bunt, denn sie war gewöhnt, daß die