Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 141 weit draußen auf bergiger Höhe befindlichen Begräbnißstätte, welche nur strenggläubigen Brüdern und Schwestern in Israel den letzten Ruheplatz gewährt und durch das Andenken an viele hervorragende Leuchten des Judenthums, die hier zum ewigen Frieden eingegangen sind, besonders geweiht ist. Strömender Regen in anbrechender Abenddämmerung bildete „zum Abschiednehmen so das rechte Wetter", welches das Bild der ernst-kahlen, von Menschen überfüllten Ceremonienhalle womöglich noch verdüsterte. An der Bahre widmete zunächst Herr Rabbiner Fürst aus Wien, (Schiffschule) dem Walten und Wirken der Verblichenen eindrucksvolle Worte, welche, dem bekannten Stamme Brodsky aus Rußland entsproßen, mit dem Sohne des berühmten Rabbiners und Gelehrten Israel Hildesheimer ehelich verbunden, die Traditionen beider Geschlechter hochhielt und in ihrer Lebensführung mit neuem Glanze umgab. Diesem Redner folgte der Rabbinats-Affeffor der Preßburger orthodoxen Gemeinde Herr Friedmann, welcher namens dieser Gemeinde den theuren Leichnam zu übernehmen und in der geheiligten Erde zur ewigen Ruhe zu bewahren versprach. Und nun richtete noch Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang aus Nikolsburg rührende Worte der Mahnung und Aufrichtung an den trauernden Sohn Dr. Arnold Hildesheimer, als seinen früheren Schüler, — worauf der einfache Brettersarg, der so viel Leben und Reichthum, so viel Hoffnung und Schmerz für immer verschließt, in das enge, schmale Grab gesenkt wurde, an deffen Verschüttung wehmuthsvoll alle Anwesenden sich betheiligten. Ehre dem Andenken, Friede der Asche, Trost und Erhebung dem Gatten und Sohne der Verewigten! Dr. H. F. Wien. (Professor Dr. Leopold Oser.) Wir lesen im „Neuen Wiener Tagblatt": Hat sich da Einer in den jüngsten Tagen des Vergehens schuldig gemacht, feinen zahlreichen Freunden und Verehrern die Gelegenheit zu benehmen, ihn als Jubilar zu feiern und sich an der-Jubelserie zu ergötzen, die für ihn mit dem heurigen Jahre angebrochen. Es ist dies der Med.-Dr. Leopold O s e r, k. k. Regierungsrath, außerordentlicher Profeffor der Medicin, Mitglied des niederösterreichifchen Landes- Sanitätsrathes, Abtheilungsvorstand der Poliklinik und Director des Rothschild-Spitales. Welche Fülle von Ehrenstellen! Aber gottlob sind sie nicht rein decorativer Natur, sondern Aemter mit schwerer Bürde, errungen im unverdrossenen Ringen und Vorwärtsschreiten, bezahlt mit einem Leben voll Arbeit, das nur der ehrliche Erfolg verschönen durfte. Das selbstlos stille Wirken Oser's und seine Begabung haben es mit sich gebracht, daß die Zeitgenossen seine Leistungen als etwas Selbstverständliches Hinnahmen und — so wie man gemeiniglich für das langsame Emporwachsen der Eiche kein Auge hat und dann plötzlich den kräftigen Stamm und die volle Laubkrone anstaunt — förmlich das Zeitmaß für seine lange, lange Thätigkeit verloren. Es mag denn kurz der wissenschaftliche Lebensgang Oser's skizzirt sein. Im Jahre 1839 geboren, wurde er im Februar des Jahres 1862 hier in Wien zum Doctor der Medicin und Chirurgie promovirt. Es war das ein Jahrgang mit keiner schlechten Ausmusterung. Es rigorosirten gleichzeitig noch zwei Koryphäen der Wissenschaft, mit welchen Oser innig befreundet war: Alfred v. Biesiadecky, der spätere Protomedius von Galizien, und Ludwig Mauthner, der spätere Professor der Augenheilkunde an der hiesigen Universität, welche sich schon als Studenten einen Namen in ver Wissenschaft gemacht und welche beide leider zu früh dem Leben entrissen wurden. Kurz nach dem Rigorosum trat Oser als Secundararzt ins Allgemeine Krankenhaus ein, wo er alsbald auf der Abtheilung des Primarius von Biszanik in scharfes Feuer kam; es war eine Cholera-Epidemie ausgebrochen, und der alte Herr Primarius pries es als ein Glück, daß der junge Meister ihm als Secundarius zur Seite stand. Nun sind es vierzig Jahre, daß Oser Doctor ist, und dreißig Jahre, daß er das Lehramt bekleidet, da er sich schon 1872 als Privatdocent habilitirte. Im Jahre 1872 wurde er zum Primararzt des Rothschild-Spitals, sowie zum Abtheilungsvorstande der Allgemeinen Poliklinik ernannt, und seit 1873 ist er ordentliches Mitglied des niederösterreichischen Landes-Sanitätsrathes, wieder eine Wirksamkeit, die mehr als ein Menschenalter umspannt. Zum Profeffor für interne Medicin wurde Oser im Jahre 1885 ernannt. Es ist wohl hier nicht der Ort — und es müßte dies auch eine berufenere Feder unternehmen — die wissenschaftliche Bedeutung dieses Mannes zu beleuchten. Dem Laien mag nur gesagt sein, daß Oser ein ebenso eminenter Kliniker wie ausgezeichneter Therapeut — will sagen Heilarzt ist, und schließlich ist das Heilen doch der erste und letzte Beruf des Arztes. Als Specialist hat er sich in der Behandlung von Magenkrankheiten einen großen Ruf erworben. Nun noch einige Worre über den Menschen Oser. Sein ganzes Wesen ist Güte, vereint mit einem glücklichen Gleichmuth, so daß seinem Walten am Krankenbette jedes Herbe und Bedrückende benommen ist und der Patient die allein schon heilende Zuversicht gewinnt, daß im Arzt auch der Freund vor ihm steht. Und daß ihm all das von seinen Freunden und Verehrern gesagt werde, das hat der Jubilar — er ist es einmal und muß es sein — verhindert. In feiner Bescheidenheit hat er es nur einem engen Kreise seiner Intimsten gegönnt, mit ihm privatim den Jahrestag feines vierzigjährigen Doctor-Jubiläums zu begehen. Török-Beese, am 21. Februar 1902. Lolamen est vaiseris, 506io§ habuisse malorum. Das alte römische Sprichwort drängte sich mir unwillkürlich auf, als ich in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes die Berichte des „Berliner Tageblatt" über die Lage in Ungarn gelesen. In der jetzigen Zeit, wo die reactionäre Richtung in ganz Europa sich breit macht und lustig in die Höhe schießt, ist Ungarn noch immer das alte Bollwerk des Liberalismus, und kann ich es nicht genug verdammen, wenn von andersher unsere Verhältniffe schwarz angestrichen werden. Der geehrte Correspondent des „Berliner Tageblatt" scheint die Verhältnisse in Ungarn nur aus Zeitungsberichten oder vom Hörensagen zu kennen, sonst würde er wohl kaum die Behauptung wagen, das gesellschaftliche Leben in Ungarn sei in ein Stadium der Zersetzung gerathen; eine Behauptung, an der kein Titelchen Wahrheit hängt. Ich weiß nicht, was der Correspondent unter der Bezeichnung „Nationalisten" versteht, wenn aber darunter gemeint ist, daß man in Ungarn das Bestreben hat, alle Bewohner des Landes der herrschenden ungarischen Nationalität anzugliedern, die Kenntniß und den Gebrauch der Landessprache in allen Schichten der Bevölkerung einzuführen, dann sind wir ungarische Juden auch Nationalisten, in uns allen glüht die Begeisterung für ein einiges, von jedwedem Nativnalitätenhader immunes Vaterland. Ich habe in meiner letzten Correspondenz auf das Treiben der Volkspartei hingewiesen. Diese clerical angehauchte Rotte versucht den Mangel an Ideen und politischer Bedeutung durch lärmendes Tam-Tam-Schlagen wettzumachen; sie sucht und findet auch Anhänger in den Reihen der unreifen studirenden Jugend, die ja gerne mitthut, wo man sie mit der Schmeichelei „politischer Bedeutung" kitzelt. Es gehört aber ein ungeheures Maß von Uebertreibung dazu, den Lärm der Volks- Partei als symptomatisch für die Gesinnung der ungarischen Bevölkerung hinzustellen. Daß diese Bevölkerung dem Trubel kühl gegenübersteht, findet elastischeste Zeichen darin, daß die Bolkspartei, trotzdem sie schon ein Jahr vor den allgemeinen Wahlen ihre Emissäre das ganze Land durchziehen ließ, trotzdem ein Theil der hohen Aristokratie und ein großer Theil des niederen Clerus für sie die Werbetrommel gerührt und trotzdem die Regierung in den Verlauf der Wahlen nirgends eingegriffen hat, von 413 Mandaten blos 25 erringen konnte. Das „Berliner Tageblatt" möge ruhig sein und sich nicht wegen der ungarischen Verhältnisse echauffiren; Ungarn — das als barbarisch und asiatisch verschrieene Ungarn — ist heutzutage der zuverlässige Hort des Liberalismus, wo von allgemeinen Judenh'tzen, von oben protegirtem Antisemitismus noch lange keine Rede sein kann. Wir ungarischen Juden fühlen uns wohl uuv heimisch, und rufen es Jedem froh und stolz entgegen: „civis hungaricus sum“. A. Prag (Bolks-Borschußcassa in Prag, reg' G. m. b. H.) Am 16. Februar fand die diesjährige Generalversammlung der Volks-Vorschußcassa in Prag statt. Dieses im April 1900 gegründete Unternehmen erzielte schon im zweiten Jahre seines Bestandes einen bedeutenden Erfolg. Die Zahl der Mitglieder wuchs im Jahre 1901 von 378 auf 506. Am 31. December 1901 waren für Antheile K 49.960'— eingezahlt. Nach 4'/,°/»iger Verzinsung der Antheile verblieb ein Reingewinn von L 3174'59, von welchen K 174'59 auf neue Rechnung vorgetragen werden, während K 3000'— zur statutenmäßigen Verkeilung gelangen. Der Umsatz für escomptirte Wechsel beträgt vom 1. Jänner bis 31. December 1901 K 809.941*24. Spareinlagen (incl. Zinsspar-Einlagen) wurden eingelegt K 667.969 70, behoben wurden K 547.867 55. Der Stand der Darlehen am 31. December beträgt K 248.025*76, jener der Spareinlagen L 120.102'15. Cafsa-Revirement L 2,780.750'05. Die Ausschußmitglieder und die Revisoren haben den ihnen zukommenden Gewinnantheil zur Gründung eines Fondes für verarmte Mitglieder gewidmet. Die Reservefonds betragen nach Durchführung der Beschlüsse der General-Versammlung K 5048. In den Aus-