Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. S Dr. Bwch's Wochvnfchrifi. Sette 136 des Dr. Geßmann — er sieht vielmehr wie ein Jude aus: „Nun siehst Du doch aus wie ein Mensch", sagt ihm sein Schwager Werner, „nur fehlt der Zopf, in den ich Deine Haare einzubinden bitte, sonst hält man Dich dann doch einmal unterwegs als Juden an und fordert Zoll und Geleite von Dir." — Also nur am Zopf erkennt man den echten christlichen Arier. — Auch die Mittel, durch die manche oder vielleicht alle antisemitische Größen zu Macht und Popularität gelangt sind, k-mnt Goethe sehr gut. So sagt er in seiner „Italienischen Reise" (Aus Vicenza 19. September 1786): „Man verdient wenig Dank von den Menschen, wenn man ihr inneres Bedürfniß erhöhen, ihnen eine große Idee von ihnen selbst geben, ihnen das Herrliche eines wahren edlen Daseins zum Gefühl bringen will. Aber wenn man die Vögel belügt, Märchen erzählt, von Tag zu Tag ihnen forthelfend, sie verschlechtert, da ist man ihr Mann und darum gefällt sich die neuere Zeit in so viel Abgeschmacktem." Die christlich-socialen Verleumder und Denuncianten, die jeden Juden, der nicht nach ihrer Pfeife tanzt, des Unglaubens und des Mangels an Patriotismus anklagen, hat ein anderer deutscher Dichter. Johann Heinrich Boß, in seinem Gedicht „Die An schwärzer" treffend gekennzeichnet. „Was Lärmes, was Geschwirres, Bon Aufruhrschnüffelei? Was will der Schnüffler wirres Und heiseres Geschrei? Wer nicht mit vollem Munde Einstimmt in ihren Rath, Der steht im schwarzen Bunde Und heißt Jlluminat." u. s. w. Bor hundert Jahren schimpfte man „Jlluminat", jetzt schimpft man Socialist" oder „Judenliberaler". Man sagt, die Dummen werden nicht alle — auch die Schlechten und Falschen werden nicht alle, nur haben sie in jedem Jahrhundert andere Namen und gebrauchen andere Lügen. M. Eine Erinnerung aus der guten alten Zeit. Anläßlich der am 9. d. M. in Budapest abgehaltenen Generalversammlung der Kisfaludy-Gesellsckaft wurde von Prof. G. Heinrich des vor 54 Jahren von hinnen geschiedenen Professors Ludwig v. Schedius, der mit Kisfaludy rege Beziehung unterhielt, in einem längeren Bortrage gedacht. Schedius, der Aesthetik und griechische Literaturgeschichte an der hiesigen Universität vortrug, übte auf Zacharias Frankel, den ersten Director des Breslauer Rabbiner-Seminars, der bekanntlich die hiesige Universität einige Jahre besuchte, einen wesentlichen Einfluß; dieser bewahrte seinem berühmtenLehrer auch sein ganzesLeben ein liebevolles Gedenken. Schedius war, wie jeder Mann echter Wissenschaft, wie Alexander v. Humboldt, Carl Ritter und viele Andere aus jener Zeit, frei von Borurtheilen und ein Freund der damals freilich noch nicht emancipirten Juden. Als Zeichen der Verehrung sprach Jos. Bach, der damalige Prediger der Pester israelitischen Gemeinde, an der Grabesstätte Schedius' auf dem christlichen Friedhöfe Worte der Anerkennung und Dankbarkeit, wie sich dies aus folgendem Schreiben Bach's an den Redacteur des „Ungar" ergibt. Hochzuverehrender Herr Redacteur! Aus reinem Pflichtgefühle, mehr noch aus ungeheuchelter Pietät gegen den am 12. l. M. verstorbenen, am 14. d. M. beerdigten Herrn königl. Rath Ludwig v Schedius fand sich Unterfertigter bewogen, an dessen Grabesstätte auf dem christlichen Friedhofe, in wenigen Worten die allgemeine Theilnahme auch von Seite seiner Glanbensgenossenschaft an dem schmerzlichen Verlust des Entschlafenen zu bekunden. — In einem kurz gefaßten Resums seines verdienstvollen Lebens hob Unterfertigter blos die vorzüglichsten Glanzpunkte desselben hervor; wie er, mehr denn ein halbes Jahrhundert, für Kunst und Wissenschaft, Cultur und Gesittung, für sociale und moralische Veredlung, so ersprießlich und erfolgreich gelebt und gewirkt; mit aller Kraft des Geistes und Wärme des Herzens, des Vaterlandes wissenschaftliche Stellung und seinen literarischen Ruhm zu heben, zu steigern rastlos sich mühete; wie er, einer der Ersten» die das Licht der Intelligenz, echt philosophische Bildung, den Geist tiefer Wissenschaftlichkeit im Vaterlande verbreitete. Schedius als classischer Schriftsteller auf philosophischem und ästhetischem Gebiete; als öffentlicher Lehrer an unserer Hochschule, an welcher er die Liebe zu den classischen Studien der Alten bei der studirenden Jugend zu wecken, zu nähren, zu pflegen, Geist und Gemüth seiner akademischen Zuhörer mit den gediegenen Weisheitsschätzen der Alten anzubauen und zu befruchten sich mühete; Schedius, als durchgebildeter erleuchteter Schulmann, der nicht nur für den Protestantismus und deffen Schulen sondern auch fiir die öffentlichen Erziehungs- und Bildungsinstrtute der israelitischen Jugend sich stets thätig und wirksam zeigte, unserer Normalfchule insbesondere, durch den Reichthum seiner gereiften pädagogischen Erfahrungen ein neues Leben, einen neuen Geist einzuhauchen wußte, der Zeitrichtung und deren Anforderungen gemäß, den Lehrern an der Schule stets als weiser Berather, mahnend, belehrend, ermunternd, an der Seite ging. — Diese Thatsachen. die den allgemein Gefeierten so hoch stellen, bewogen den Gefertigten, einen israelitischen Geistlichen, am Grabe eines C h r i st e n seine dankbare Anerkennung und Würdigung der hohen Verdienste desselben auszusprechen. Wahrlich, ein solcher Christ gehört nicht blos seiner Confession, seiner Gemeinde an. er ist ein Gemeingut Aller, die ihn mit gerechtem Stolz den Ihren nennen, dessen Verlust auch ein gemeinsamer ist. — Mögen Sie. geehrter Herr Redacteur, in Ihrem geschätzten, vielgelesenen Blatte hievon Notiz zu nehmen die Güte haben; da meine Parentation theilS den Heimgegangenen ehrt, indem selbe ein eclatantes Zeugniß gibt, wie hoch er an schönen, humanen, liebenswürdigen Tugenden gestanden sein müsse, wenn ein israelitischer Geistlicher zu solchem Acte sich aufgefordert fühlte; theils aber auch meine Gemeinde, als deren Organ ich sprach, nicht minder ehrend, indem sie, erhaben über alle beengenden confessionellen Grenzen, ihre würdigende Anerkennung der Verdienste des Verblichenen, durch einen religiösen Act, — indem ich selben im Namen der Religion einsegnete, — so loyal zu manifestiren wußte. Genehmigen Sie, Herr Redacteur, die Versicherung meiner ungetheilten Achtung und Werthschätzung u. s. w. Joseph B a ch, der höhern Mathematik Magister, Prediger und Religionslehrer. — P e st h, den 18. November 1647. Was würden die „national-liberalen" Studenten dazu sagen, wenn heute ein jüdischer Prediger an dem Grabe eines christlichen Profeffors eine Rede halten möchte? Das war noch die gute alte Zeit. Budapest, 11. Februar 1902. Dr. Kayserling. Arische Sittenprediger. Wie bekannt, hatte Stöcker vor einigen Monaten erklärt, er könne sich nicht denken, daß ein christlicher Mann deutscher Abst immung sich ähnlicher Verbrechen schuldig mache, wie Sternberg. — Die Berliner „Mittheilungen" des Abwehrvereins lassen eine kleine Blumenlese ähnlicher Vergehungen folgen, deren sich chcist iche Männer deutscher Abstammung in den letzten Wochen schuldig gemacht haben. 1. Am 13. November 1901 wurde der fürstbischöfliche Consistorialrath Pfarrer Bitta in Ratibor wegen wiederholter Vornahme unzüchtiger Handlungen mit Schulkindern, sogar im Schulzimmer bei Gelegenheit desCommunionunterrichts zu 2 Jahren Zuchthaus verurtheilt. 2. Der Kirchenrath Wocke in Neustadt O/S. wurde wegen unzüchtiger Handlungen mit zwei Schulkindern von 8 und 9 Jahren verhaftet. (Oct. 1901.) 3. Der Schulleiter Stephan Gebert in Niedereill, Ober-Pinzgau (übrigens ein eifriger Antisemit), wurde wegen schwerer Sittlichkeitsverbrechen, begangen au Schulkindern, verhaftet (Nov. 1901). 4. Lieutenant Kissing vom 12. sächsischen Artillerieregiment in Metz wurde zu sechs Monaten Gefängniß und Arrest verurtheilt, weil er ein zwölfjähriges Blumenmädchen in seine Wohnung gelockt und mißbraucht hatte. 5. Am 5. November 1901 wurde der Fähnrich zur See, Osterburg, Sohn eines Pfarrers, verhaftet, weil er ein 9jähriges Mädchen in seine Wohnung gelockt und vergewaltigt hatte. 6. Am 28. December 1901 wurde der Redemptoristenpater Josef Kopf wegen Vergehens gegen die Sittlichkett zu sechs Wochen strengen Arrest vom obersten Gerichtshöfe verurtheilt. Kopf hatte während er in der Sakristei der Kirche vier Mädchen die Beichte abnahm, mit diesen theils unzüchtige Handlungen vorgenommen, theils zu ihnen unsittliche Aeußerungen gethan. 7. Wegen Vergehens an Schulknaben verurtheilte das Züricher Obergericht am 14. November 1901 den Lehrer Rudolf Müller zu 1Jahren Arbeitshaus rc. 8. Wegen Vergehen an Schulmädchen wurde am 23. Oktober der Reichsbankbuchhalter, Lieutnant d. R. Pepermüller in Bromberg, verhaftet. 9. Anfang December wurde in Oberbayern (nach der „Münchener Post") ein Landpfarrer wegen Sittlichkeitsverbrechen an Schulkindern verhaftet, gegen Stellung einer Caution freigelassen. 10. Da- Schwurgericht Halle verurtheilte vor einigen Wochen den Steinsetzer Lange aus Bischofrode, der ein äjähriges Mädchen vergewaltigte und sodann getödtet hatte, zum Tode. Das Dilettantenthum Houston Stewart Charuberlain'r auf das sich 'der Verfasser der „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" in seiner Vorrede selber mit Stolz beruft, wird in dem Jännerheft der Miffionsschrist „Das Reich Christi" von Professor He mann in Basel folgendermaßen geschildert: