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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 134 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 9 zur kritischen Zeit in einer Entfernung, welche die Sehkraft des normalen menschlichen Auges notorisch unwirksam macht, in der Nähe des Thatortes genau gesehen haben wollte. Der Präsident des Piseker Schwurgerichtes hat denn auch nach dem verurtheilenden Verdict mit seiner Ueberzeugung von der völligen Unschuld des Angeklagten nicht zurückgehalten, sondern dieser Ueberzeugung im intimen Kreise unbefangen und freimüthig Ausdruck gegeben. Die Geschwornen standen unter dem Einfluß einer beispiellosen terroristischen Hetzpresse, welche nicht müde ward, anzukündigen, Hilsner werde nach der Ver urlheilung. wenn er sein unabänderliches Geschick vernehme, ein Gestäudniß ablegen und seinen Mitschuldigen nennen. Es ist darum begreiflich, daß die geistigen und moralischen Urheber dieses Justizmordes von Zeit zu Zeit die Oeffentluhkeit mit der Nachricht alarmiren. Hilsner habe endlich das von ihnen versprochene Geständniß abgelegt. Das Organ des Dr. Baxa „Radikalni Listy" veröffentlichte am 19. Februar d. I. folgende Notiz: „Wie wir erfahren, hat sich Leopold Hilsner in der Strafanstalt Pankratz zu einem Verhör gemeldet und um Wiederaufnahme des Verfahrens gebeten. Er sei bereit, seine Mitschuldigen zu nennen. Der Vorgang erregt in der Pankratzer Strafanstalt großes Aufsehen, und es sind den Justizwachleuten sogar Einzelheiten des Geständnifles bekannt. Von der Verwaltung ist den Leuten strengste Geheimhaltung aufgetragen. Hilsner soll gehofft haben, daß ihm seine Glaubensgenoffen Hilfe bringen werden, und da er sich enttäuscht sah. schritt er zum Geständniß." So weit Baxa's Organ. Das Wiener „Deutsche Volksblatt" brachte über diese Mittheilung einen spaltenlangen fettgedruckten Artikel, in welchem es die Wahrheit der Nachricht verbürgt, ja cs flunkerte bereits damit, es wäre „in Kenntniß jener Angaben, die Hilsner in seinen vor Zeugen abgelegten Geständnissen anführte". Der „Bluthund von Polna" log den Les-rn vor. daß „wieder der ganze jüdische Heerbann aufgeboten werden soll, um die Angaben Hilsner's als das Product der Geistesthätigkeit eines „Gbetto-Cretins" erscheinen zu lassen, aber er, der getreue „Bluthund" werde auf „der Wacht sein und jeden Versuch der Judenblätter, die neueste Wendung, die die Hilsner-Affaire genommm, zu vertuschen, mit aller Energie abschlagen". Selbstverständlich hat sich das Ganze wiederum als ein großer antisemitischer Humbug herausgestkllt. Selbst die Prager „Narodni Listy" mußten melden: Wir erfahren aus vollständig verläßlicher Quelle, daß an der Nachricht von einem angeblichen Geftänduisie Hilsner's kein wahres Wort ist. Auch die Staatsanwaltschaft hat keine Schritte in dieser Beziehung unternommen. Aus Brünn kam die Mittheilung: „Bekanntlich hat die Mutter Hilsner's Polna verlassen und ist nach Mähren ausgewandert. Von ihrem jetzigen Aufenthaltsorte aus suchte sie bei der Statthalterei in motivirter Weise uni Aenderung des Familiennamens an. was ihr kürzlich wegen vorliegender berücksichtigungswürdlger Gründe auch bewilligt wurde. Sie setzte Leopold Hilsner hievon brieflich in Kenntniß und erhielt hierauf von diesem erst vor einigen Tagen ein Antwortschreiben, in welchem er der Mutter die Namensänderung ubelnimmt, seine Schuldlosigkeit neuerdings bctheuert und die .Hoffnung ausspricht, „seine Unschuld werde bald an den Tag kommen". Das „Deutsche Volksblatt" hat selbstverständlich von all diesen Dementirungen keinerlei Notiz genommen und sie einfach ibven Lesern unterschlagen. Damit ist aber selbstverständlich die Affaire Hilsner nicht zu Ende. Die Urheber dieses Justizmo:des haben ein böses Gewissen und si? v'rrathen durch ihre Unruhe die Angst vor einer ernsten Wendung im Laufe der Begebenheiten. Wir glauben, daß diese Wendung früher eintreten dürfte, als die Herren träumen. Ein Brief an den Prager Erzbischof. Prag. 18. Februar. Am Aschermittwoch saud in Brandeis an der Elbe das Leichenbegängniß der Frau M a ch a r, der Mutter des hervorragendsten czechischen Dichters der Moderne, I. S. M a ch a r, statt, zu welchem auch Proseffor Doctor M a s a r y k aus Prag mit seiner Frau eintraf. Er stieg in Brandeis in einem Hotel ab, in welchem der „Katholische Gesellenverein des heiligen Josef" sein Vereinslocal hat. Als die Mitglieder dieses Vereines von der Anwesenheit Mascuyk's Kenntniß erlangten, kamen sie Abends zur Abreise desselben auf den Bahnhof. Als Professor Masaryk auf dem Bahnhofe erschien, wurde er mit Johlen und Rufen „Judenknecht! Hilsner! Hängt ihn auf!" empfangen. Die Demonstration wurde von dem Brandeiser Kaplan geleitet. I. S. Machar veröffentlicht nun heute ein offenes Schreiben an den Prager Fürsterzbischof Baron Skrbensky, in welchem es unter Anderem heißt: „Professor Masaryk hat ähnliche Demonstrationen schon mitgemacht, wiederholt in politischen Versammlungen. Daß er aber beschimpft und mit Schmähungen bei einem Begräbuiß überhäuft wurde, als er kam, um einen Act christlicher Liebe zu vollbringen, das blieb den Christlich- Socialen Vorbehalten, die in einem Vereine concentrirt sind, der den Namen des Erziehers des Heilands führt. Ich weiß nicht, ob Eure Eminenz die Affaire Hilsner kennen. In Kürze: Ein Angehöriger des Volkes, aus dem unser Heiland, die Apostel und Jünger heroorgegangen, wurde wegen eines Mordes an einem christlichen Mädchen vor Gericht gestellt. In Wort und Schrift wurde ihm uub seinem Volke eine fürchterliche Anklage an den Kopf geworfen, die des Ritualmordes. Es war in erster Reihe der Mund des Clerus und die Presse der Christlich-Socialen, welche diese Drachensaat streuten und gegen sie trat Professor Masaryk auf. Nicht um Hilsner zu vertheidigen, sondern um die gräßliche und in ihren Folgen nnabsehbare Anklage des Ritualmordes abzuwehren. Dort, Herr Erzbischof, wo nach dem Gei st e der Gesetze desHerrn ein kalholischerPriester hätte stehen sollen, st and der Protestant Professor Masaryk. So wie um ihre Vorgänger, ist um Ihre Person eine Reihe von Canonici, Prälaten, Vicare, Dechante und Pfarrer gestellt, deren erste Pflicht es ist, ihren Oberhirten darüber zu informiren, in welcher Weise das Christenthum in unserem Lande geübt wird, wie die Kirche ihre Mission bei uns erfüllt. Und die, Herr Erzbischof, Diejenigen, welche sich um den Nachwuchs -der katholischen Seelsorge in unserem Vaterlande zu bekümmern haben, klage ich an, die bezeichne ich als die Schuldtragenden an der uuchristlichen Thal vom Aschermittwoch in Brandcis, sie sind es, die den K a t h o l icismus erschlagen und den Glauben ersticken nicht nur an Rom, sondern an die Lehre Christi, als deren einzig berechtigte Ausleger sich Jene hinstellen. Aus ihren Seminarien kommen Wölfe, unverträgliche, unverständige Hirten. Der. welcher für die Menschheit am Kreuze stard, hat in Wahrheit keine ärgeren Feinde!" Ob wohl die flammende Anklage des Dichters auf den Oberhirten der Prager Erzdiöcese Eindruck machen wird? Man darf begierig sein aus die Antwort, welche Fürsterzbischof Skrbensky dem nationalen Dichter hoffentlich nicht schuldig bleiben dürfte. Juden und Antisemiten bei Goethe. In dem ermüdend weitschweifigen Buche Houston Chambertain's „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" wird Goethe sehr häufig citirt und auch andere Judenfeinde möchten gern den großen Dichter als einen der Ihrigen darstellen. Ich habe daher, um zu sehen, was Wahres daran ist, in dessen Werken nochmals Nachschau gehalten. Und was war das Resultat? Ich habe darin viel mehr Verspottung und Tadel des Antisemitismus — obwohl man das Wort zu Goethe's Zeit noch nicht kannte — als der Juden gefunden. Da werden z. B. in „Wilhelm Meisters Lehrjahren" (Buch II Cap. 10) die stets durstigen Nurdeutschen geschildert: Nach Vorlesung eines urdeutschen Ritterstückes werden die Zuhörer so begeistert, daß sie ihr patriotisches Feuer nur durch das Leeren mehrerer großer Punschnäpfe löschen können. Dann werden die Näpfe, die „nach einem solchen Feste durch unheiliges Getränk nicht wieder entweiht werden sollten, in tausend Stücke geschlagen." Hierauf gerathen die Männer in Streit und bewerfen einander mit den Scherben. Währenddem liegen zwei der anwesenden Mädchen „nicht in den anständigsten Stellungen auf dem Canape" und Philine „reizt die anderen mit Schadenfreude zum Lärm." Dieser wird endlich so stark, daß die Schaarwache herbeikommt und ins . Haus eingelaffen zu werden verlangt. Es gelingt den noch nicht ganz Betrunkenen unter den wackern Deutschen, die christliche Polizei „durch Geld und gute Worte zu befriedigen und die Glieder der Gesellschaft in ihren mißlichen Umständen nach Hause zu schaffen." Der schöne Wilhelm Meister selbst, in den sich fast alle Frauen des Romans verlieben, hat weder das vornehme, geistverrathende Aussehen Slrobach's noch die imposante Reckengestalt

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