Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Bloch's Wvchenfchrifl. Sette 133 Eindringlinge, als Parasiten beschimpft, von einem erlauchten Mitgliede des Kaiserhauses hingegen als Oesterreicher anerkannt werden. Aber wie gesagt, wir glauben, daß da wieder eine jener Confundirungen und Einschmuggelungen vorliegt, vielleicht sogar eine verwegene Erdichtung. Hatte doch Dr. Lueger die Kühnheit, von einem Gespräch öffentlich zu berichten, das er angeblich mit dem Papst geführt, während Se. Heiligkeit durch den Cardinal Rampolla ausdrücklich erklären ließ, daß er an ein solches Gespräch mit dem Bürgermeister von Wien sich nicht erinnere. Die Lüge ist längst ein Mittel geworden, dessen Dr. Lueger sich mit beispielloser Unverfrorenheit bedient, und er, der fromme Katholik, ist nicht davor zurückgeschreckt, auch eine Unterredung mit dem Papste zu erfinden. * * * Wie kläglich und verächtlich erscheint nach den Aeußerungen des Erzherzogs Rainer das Betragen jenes unwürdigen Priesters, der, anstatt dem Heranwachsenden Clerus ein Muster der Nächstenliebe und Duldung zu sein, im Parlament eine Rede hielt, die sich viel kürzer, als er es gethan, in dem Ausdrucke „Hepp, Hepp!" zusammensassen ließe. Wenn man an die Budgetdebatten zurückdenkt, die einst von einem Berger, Herbst, Mühlfeld, Kuranda rc. bestritten wurden, und diesen Monsignore Scheicher in seiner ganzen Erbärmlichkeit und Albernheit betrachtet, so kann man den Niedergang des öffentlichen Geistes nicht tief genug beklagen. Herr Scheicher höhnt uns Juden als eine »wohlriechende" Nation, er spricht von Knoblauch und »Verlausung", er bringt die blöde und nicht mehr auf die Dummheit, sondern schon auf den Cretinismus berechnete Verleumdung vor, die Juden hätten auch die Triester Krawalle angestiftet, und es hat uns sehr belustigt, daß das »Deutsche Volksblatt" diese Rede als „in der Form maßvoll" bezeichnet?. Festgenagelt muß aber werden, daß diese Rede nicht etwa blos eine private Leistung des Scheicher war, sondern eine Kundgebung der christlich-socialen Partei, die der Abgeordnete L ö ck e r freilich unmittelbar nach der Rede Scheicher's als die ordinärste politische Partei erklärte, eine durchaus zutreffende Charakteristik, die vom „Deutschen Volksblatt" ungeachtet der ausführlichen Wiedergabe aller anderen Reden wohlweislich verschwiegen wurde. - , * * * Neun Zehntel der Bevölkerung, sagt das Berganiblatt, sind antisemitisch und dennoch klagt die christlich-sociale Partei darüber, daß sie im Parlamente vollständig isolirt ist und von allen anderen Parteien theils bekämpft, theils ignorirt wird. Wo bleiben da die neun Zehntel der Bevölkerung? Die Wahrheit ist, daß das Treiben der ordinärsten Partei alle intelligenten und rechtliebenden Classen der Bevölkerung, also auch die Abgeordneten, mit Verachtung erfüllt und daß die Berleumdungscampagne des Dr. Lueger gegen eine Anzahl hervorragender und hochgeachteter Wiener Bürger diese Verachtung zum Ekel gesteigert hat. Prinz Alois Liechtenstein hat sich selbst genöthigt gesehen, den Dr. Lueger hinsichtlich der gegen Lobmeyer vorgebrachten Verleumdung zu desavouiren. Der fürstliche Jesuitenzögling that das natürlich in der ihm eigenen jesuitischen Manier. Er hatte die Gewogenheit, Herrn Lobmeyer zuzugestehen, daß er ein anständiger Mensch und ein Wohlthäter sei, aber, sagt; er, Lobmeyer habe die Bedingung, unter welcher er Ehrenbürger geworden sei, nicht erfüllt, sondern habe die bekannte Spende einem anderen wohlthätigen Zwecke zugewendet als demjenigen, den er seinerzeit angegeben. Ja, hat denn Dr. Lueger das gesagt? Man erinnere sich doch daran, was Dr. Lueger in seiner Interpellation behauptet hat: Herr Lobmeyer habe sich das Ehrenbürgerrecht von Wien »in unqualificirbarer Weise erschwindelt". Das ist auch nach der jesuitischen Darstellung, die Herr Alois von dem Sachverhalt gibt, eine Verleumdung, die Dr. Lueger vor keinem rechtlichen Menschen jemals verantworten kann. * * * Eine curiose Schilderung hat Herr Dr. Lueger von seinem Freunde S t r o b a ch zum Besten gegeben. »Wenn er, Lueger, sich manches Mal nicht Luft machen könne, weil man dann sagen würde: » Schaut's, so spricht ein gebildeter Mann, ein voetor juris", dann finde »Freund Strobach" das richtige Wort, und er genießt dafür »den Ruhm, daß er etwas grob ist". Fürwahr, die Wiener können eine Freude haben an einem so charakterisirten Bicebürgermeister, und der dicke Strobach mag sich bei Herrn Dr. Lueger für die zweifelhafte Anempfehlung bedanken. Nach der Darstellung Lueger's ist Herr Strobach eine Art communaler Hausknecht. Ausdrücke, die ein akademisch gebildeter Mann, ein voetor juris zu gebrauchen sich schämen müßte, liefert im richtigen Augenblick Herr Josef Strobach. Da finden wir es denn sehr begreiflich, wenn Lueger von ihm sagt: „Er ist ein u n b e z a h l b a r e r Kämpfer in unserer Partei." Darin unterscheidet sich Strobach von vielen anderen Mitgliedern seiner Partei; die sind nämlich bezahlbar. Ein Mitarbeiter der »Reichspost", ein Herr Robert Braun» wird sich Verdrießlichkeiten einwirthschasten. Er schließt nämlich ein Feuilleton folgendermaßen: „Wie sie heute auf meinem Schoß saß, kamen mir diese Gedanken, da ihr Lockenkopf an meiner Brust ruhte und ich sinnend mit der Hand immer wieder über ihr blondes Haar strich; da habe ich kein Wort gesprochen, ruhig glitt nur meine Hand über ihre Locken, durch den Sinn aber gingen mir die wundersamen Verse: Du bist wie eine Blume, So hold und schön und rein. Ich schau' Dich an und Wehmuth Schleicht mir in's Herz hinein. Mir ist's, als ob ich die Hände Auf's Haupt Dir legen sollt'. Betend, daß Gott Dich erhalte So rein und schön und hold. Ja, „betend, daß Gott Dich erhalte, so rein und schön und hold!" Um Gotteswillen, Herr Braun, wie können Sie denn der „Reichspost" einen solchen Sckabernak spielen, diese Verse nicht blos zu citiren, sondern auch sie »wundersam" zu finden! Wissen Sie denn nicht, daß der Heinrich Heine (!) ein Jude ist? Was wird der Abonnent der »Reichspost" dazu sagen? lse g ri m. Znr Hilsner-Affaire. Daß Hilsner das Opfer, ein unschuldiges Opfer, eines unglücklichen Justizirrthums ist, bildet bereits eine feststehende Ueberzeugung in vielen höheren richterlichen Kreisen. Er fiel als Opfer der brutalen Agitation der Herren Dr. Baxa in Prag und Ernst Schneider in Wien, beziehungsweise der blutigen Hetze des Wiener »Deutschen Volksblattes" und der Prager »Radikalni Listy". Die Untersuchung gegen Hilsner hatte von vornherein so schwache Anhaltspunkte, daß eine Einstellung dieser Untersuchung und eine Haftentlassung Hilsner's unmittelbar bevorstand. Die Wendung trat ein, wie es heißt, über besondere Anordnung des damaligen Justizministers Ruber, gegen welchen Ernst Schneider eine infame Interpellation voll versteckter Anklagen und Drohungen wegen eines mysteriösen Falles in der Familie Leon im niederösterreichischen Landtag losgelaffen hatte. Da der junge Leon nicht eingesperrt worden, so wurde der blutlechzenden Meute Leopold Hilsner als Opfer ausgeliefert und der Minister Herr von Ruber war gerettet. Leopold Hilsner wurde zweimal von den Geschwornen einstimmig wegen angeblicher Theilnahme an der Ermordung der Agnes Hruza zum Tode verurtheilt. Die Geschwornen mußten beim Anblick des Angeklagten sich sofort sagen, daß dieser nach seiner körperlichen Constitution unmöglich eine starke Frauensperson, wie Agnes Hruza es war, allein umbringen konnte. Bei einem derartigen Conflict war er der ungleich Schwächere und hätte den Kürzeren ziehen müssen. Die Geschwornen sowohl von Kuttenberg als auch von Pisek haben, um ein verurtheilendes Votum zu schöpfen, zu der Supposition Zuflucht nehmen müssen, Leopold Hilsner als Helfershelfer und Theilnehmer des Mordes anzusehen, während die Hauptarbeit bei dem Verbrechen andere, unbekannt gebliebene Personen geleistet hätten. Nun aber steht dem entgegen das autoritäre wissenschaftliche Gutachten der medicinischen Facultät an der czechischen Universität in Prag, welches unwiderleglich darthut, daß die Agnes Hruza einem sexuellen Verbrechen zum Opfer gefallen, somit nicht von mehreren Personen gemeinsam ermordet worden. Diese Thatsache allein beweist unwiderleglich, daß Leopold Hilsner das Opfer eines Justizirrthums war. Abgesehen davon, daß gegen ihn keinerlei beweiskräftige Verdachtsmomente vorgebracht wurden als die Aussage des Kronzeugen Peöek, welcher viele Monate hindurch, angeblich aus Angst vor den Juden, schwieg, um sich nachher zu erinnern, daß er den Angeklagten